Vom ostpreußischen Schneidermeister zum niedersächsichen Fabrikarbeiter

Ich stelle oft fest, dass ich seltsamerweise wesentlich mehr weiß über meine Vorfahren, die während des 17. und 18. Jahrhunderts in unterschiedlichen Regionen lebten als über Personen, mit denen ich aufgewachsen bin oder die ich fast noch kennengerlent hätte, weil sie erst wenige Jahre vor meiner Geburt verstarben.

Ich wüsste so gern, weshalb meine ostpreußischen Urgroßeltern, der Schneidermeister Rudolf Leopold Gegner aus Landsberg, Pr. Eylau, und seine Ehefrau Therese Amalie Westphal mit ihren fünf in Landsberg geborenen Söhnen zwischen 1891 und 1895 ihre ostpreußische Heimat verließen und für einige Jahre in Wolsdorf bei Helmstedt lebten.

Von 1895 bis 1903 werden in Wolsdorf drei weitere Geschwister meines Großvaters Carl Ludwig Gegner geboren. In den Geburtsurkunden der Kinder ist eingetragen, dass Leopold Gegner die Familie als Fabrikarbeiter ernährte und dass die Familie in Wolsdorf, Am Tekenberge, lebte. Wie auf dem Kartenausschnitt zu sehen ist, wohnten sie unmittelbar am Waldesrand – das wird dann hoffentlich zumindest für die Kinder keine so schlechte Zeit gewesen sein ….

Bis zum Jahr 1821 zeigte Wolsdorf damals mit 280 Einwohnern noch einen ländlichen Charakter. Dies änderte sich mit dem Aufschluss des staatlich-herzoglichen Braunkohlen-Schachtes „Grube Prinz Wilhelm” (später Nord- und Südschacht genannt), was einen erheblichen wirtschaftlichen und sozialen Wandel im Dorf nach sich zog. Wolsdorf entwickelte sich zu einer Industrie- und Bergarbeiter-Gemeinde, so dass um 1905 schon 1000 Bürger in Wolsdorf ihre Heimat fanden.‚ (Quelle: www.samtgemeinde-nord-elm.de)

Wurden – sowohl in der Heimat Landsberg als auch woanders – keine Schneidermeister mehr benötigt? Musste mein Urggroßvater seine Familie deshalb als Bergarbeiter ernähren? Oder musste Leopold Gegner von seiner Wohnung am Waldesrand zur Arbeit nach Helmstedt fahren, wo er Arbeit in einer Fabrik gefunden hatte? Waren die für den Bergbau benötigten Arbeiter in Ostpreußen angeworben worden? Leider kann mich bei niemandem mehr erkundigen – viele meiner Fragen werden wohl unbeantwortet bleiben.

Vor 1910 muss die Familie von Wolsdorf aus nach Bremen-Nord weitergezogen sein, denn am 7. Mai 1910 heiraten mein Großvater Carl Ludwig Gegner in Blumenthal meine Großmutter Caroline Auguste Müller. Bis zum Lebensende lebten meine Urgroßeltern in Bremen-Aumund, in der Wiesenstraße 1.

Die Adresse ‚Wiesenstraße 1‘ gibt es noch – aber gab es dieses Haus schon damals, als meine Urgroßeltern unter dieser Adresse gemeldet waren?

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Ein Kommentar zu Vom ostpreußischen Schneidermeister zum niedersächsichen Fabrikarbeiter

  1. Ich habe auch diverse Schneider in meiner Familie, und auch bei „meinen“ Schneidern Sickendiek hier in Ostwestfalen ist dieses Phänomen zu beobachten. Der Vater hat das Handwerk über Generationen an einen oder sogar mehrere Söhne weitergegeben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden die Übergänge dann fließender, ich finde oft „Schneider und Heuerling“ als Berufsbezeichnung. Daraus schließe ich, dass meine Vorfahren allein durch die Schneiderei nicht in der Lage waren, die Familie zu ernähren, bis es sich überhaupt nicht mehr lohnte, den Sohn als Schneider auszubilden bzw. ausbilden zu lassen. Der Bedarf an maßgeschneiderter Kleidung dürfte wegen des Aufkommens der maschinell gefertigten Kleidung auch auf dem Land stark zurückgegangen sein. Damit hatte eine lange Familientradition dann ein Ende.
    Ich habe zwar (zumindest nach dem bisherigen Stand) keine ostpreußischen Vorfahren, aber ich lese Ihren Blog immer wieder gerne. Ich mag Ihre Herangehensweise an die Themen, vor allem dann, wenn Sie „über den Tellerrand“ gucken und auch über Personen und Begebenheiten schreiben, die nicht im ganz engen Zusammenhang mit der eigenen Familie stehen. Machen Sie doch bitte weiter so!

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