Von Worienen nach Kapsitten und zurück

Manchmal hilft mir das Aufschreiben bisher recherchierter Fakten, um Ansatzpunkte für eine erneute Suche nach meinen Vorfahren zu finden. Christian Schmidt(ke) – der Name wird unterschiedlich geschrieben – und Dorothea Quednau sind meine Urgroßeltern 5. Grades.  Als 1764 in Worienen ihre Tochter Anna Regina zur Welt kommt, ist der Vater Schmied in Worienen, Pr. Eylau. Anna Regina wird nur etwa eine Woche alt. Nach ihrem Tod verschwindet die Familie aus Worienen. Schmied in Worienen ist nun Georg Simon Ammon.

Wann die Familie ins Kirchspiel Eichhorn zurückkehrt, weiß ich nicht genau. Die im Zeitraum von 1765 bis 1773 geborenen Kinder werden jedenfalls nicht in Eichhorn getauft. Erst aus späteren Einträgen zu den Familienmitgliedern ist Näheres zu erfahren:

  • 1793 heiratet in Eichhorn die um 1773 geborene Tochter Anna Regina Schmidt (benannt nach der verstorbenen jüngeren Schwester) den Knecht Christian Gottlieb Gnoss aus Glomsienen. Der Heiratseintrag ist schlecht zu entziffern – zu lesen sind lediglich einige Fragmente wie ‘jüngste Tochter’, ‘Meister Christian Schmidten, Huf und (Waffen) schmidt’ (=Schmied), … und ‘Schmidtgewerk in der Stadt Domnau.’ …
  • Aus dem Sterbeeintrag des Sohnes Friedrich, der nur 36 Jahre alt wird und 1801 in Polassen stirbt, geht dann hervor, dass die Familie nach ihrem Wegzug aus Worienen in Kapsitten bei Domnau gelebt haben muss. Der Eintrag im KB von Eichhorn lautet: ‘Den 3. December starb in Polassen an der Lungensucht der Huf und Waffen Schmiedegesell Friedrich Schmidke, 36 Jahre, Sohn des verstorbenen Christian Schmidtke, Huf und Waffen Schmiedemeisters in Kaps(ch)itten, Domnauschen Kirchspiels und der noch lebenden Witwe Dorothea geb. Quednauin aus Stockheim u. wurde den 6.12. nach einer ihm zuvor gehaltenen Leichenpredigt bestattet’.

Kapsitten_Karte-horz

Am 31.7.1797 stirbt Christian Schmidt selbst in Polassen im Alter von 76 Jahren und wird am 31.7. mit einer Leichenpredigt begraben. Seine Ehefrau Dorothea geb. Quednau wird 72 Jahre alt und verstirbt 1807 in Polassen an Entkräftung.

Mein direkter Vorfahre ist der um 1771 – vermutlich in Kapsitten – geborene Sohn Carl Wilhelm Schmidt. Er arbeitet als Kunstgärtner in Worienen und heiratet Anna Louise Tugendreich Reissmann die Tochter des ‘Oberwarths im Jägerhof”, der Privatförsterei der Begüterung Worienen.

Worienen_Kapsitten

Nun habe ich mir per ‘Google Streeview‘ Kapsitten und die Umgebung einmal angesehen. Heute heißt der Ort Jagodnoje (russisch Ягодное). Läuft man von Worienen aus ‘querfeldein’, beträgt die Entfernung etwa 23 km.

Das Gut Kapsitten scheint nicht mehr zu existieren – allerdings sind wohl noch einige alte Nebengebäude des Guts erhalten. Laut Plan (s.o.) gehörte zum Beispiel dieses Gebäude zum Gutshof.

Kapsitten_5

Und auch durch Domnau bin ich ‘gelaufen’, denn dort wird sich die Familie sicherlich oft aufgehalten haben. Man erkennt an den Häusern, dass die Stadt einmal sehr schön gewesen sein muss.

Um weitere Informationen zu dieser Vorfahren-Familie zu erhalten, werde ich wohl die Kirchenbücher von Domnau durchsehen müssen – möglicherweise haben Christian Schmidt und Dorothea Quednau in Domnau geheiratet und vermutlich wurden dort einige ihrer Kinder getauft.

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Große Hungersnot in Ostpreußen (1867)

Aufgrund extrem schlechter Witterungsverhältnisse und nachfolgender Missernte bricht im Jahr 1867 in Ostpreußen eine furchtbare Hungersnot aus, die viele Opfer fordert. Auch im Kreis Pr. Eylau, in dem meine Vorfahren leben, ist die Not groß.

‘Die Kirchenchronik von Borken bei Bartenstein, Kreis Pr.-Eylau, die in einer Abschrift aus dem Jahre 1927 zufällig gerettet worden ist, berichtet über das Notjahr 1867:

Dieses Jahr wurde ein sehr trauriges. Fast ununterbrochen vom März bis November währende Regengüsse bewirkten in Ostpreußen und Westpreußen bis zur Weichsel einen vollständigen Misswuchs aller Feld- und Gartenfrüchte. Die Not war furchtbar. Ganz Deutschland sammelte für die hungernden Altpreußen. In Masuren brach Hungertyphus aus, der viele Opfer kostete. Ein Denkmal jener traurigen Zeit ist das masurische Waisenhaus in Lötzen. Es ist ein Knabenwaisenhaus, während die Mädchen in dem Graf Lehndorffschen Waisenhaus zu Rosengarten – zu den Steinortschen Gütern gehörig – untergebracht wurden. Mehrere masurische Waisenkinder nahm der hierher geeilte Pastor Engelbert in sein Diakonen- und Waisenhaus zu Duisburg (Rheinprovinz) mit.

Auch im Kirchspiel Borken musste für die Armen in den Dörfern Spittehnen und Ardappen gesorgt werden. In der Schule zu Spittehnen wurde eine Suppenanstalt eingerichtet. Die Kinder wurden teils in dem Schullokale zu Mittag gespeist, teils nahmen die aus gänzlich armen Familien kommenden Kinder das Essen mit nach Hause. Die Suppenanstalt in Spittehnen trat ins Leben Anfang des Jahres 1868, als die armen Leute nichts mehr an Viktualien hatten und wurde bis Mai desselben Jahres fortgesetzt. – Im folgenden Jahr (1868) war eine große Dürre während des ganzen Sommers, so dass die Futterkräuter missrieten. … Soweit die Borker Kirchenchronik’. 

(Quelle: Ostpreußenblatt, März 1955)

In Spittehnen wohnen um diese Zeit Rudolph Westphal und Auguste Wilhelmina Friederica Ankermann. Rudolph Westphal ist Besitzer der Mühle in Spittehnen – ihr Sohn Hugo Westphal kommt im April des Jahres 1867 in Spittehnen zur Welt. Aus dieser Familie haben alle überlebt – als Mühlenbesitzer hatte Rudolph Westphal vermutlich einige Vorräte, von denen die Familie zehren konnte.

Zu Beginn des Jahre 1868 teilt der Landrat im Kreisblatt mit, dass der Kreis den Bewohnern Darlehen zur Beschaffung neuer Saat für die Bestellung der Felder gewährt.

Kreisblatt_1868_Darlehen

Der Hunger führt dazu, dass viele Menschen bettelnd durch die Lande ziehen. Die Ortsvorstände werden aufgefordert, die Bettelei zu unterbinden und umherziehende Bettler an ihren Wohnort zurück zu schicken. Hilfsbedürftige Familien werden von wohltätigen Organisationen und vom Kreis unterstützt. Allein das Rote Kreuz verteilt im Winter 1867 in Ostpreußen etwa 3 Millionen Essensportionen sowie Kleidung und Brennmaterialien.

Betteln_1868

Kreisblatt_Januar_1868

Bei der Witwe Friederike Neumann in Landsberg wird ein Sack mit Speisekartoffeln beschlagnahmt. Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass die Kartoffeln gestohlen wurden – falls dies wirklich so gewesen sein sollte, wird auch hier der Hunger wohl ursächlich gewesen sein.

Neumaann_Landsberg_1868

Hunger und mangelnde hygienische Verhältnisse führen zudem zum Ausbruch der Typhus-Krankheit. Größere Versammlungen von Menschen werden vermieden. Im Februar 1868 wird deshalb zum Beispiel der Viehmarkt in Bartenstein abgesagt.

Typhus_1868_2

Im Kirchspiel Eichhorn, Pr. Eylau sterben in den Jahren 1868 und 1869 insgesamt sieben Personen an Typhus. Bei ungewöhnlich vielen Kleinkindern wird im Kirchenbuch als Todesursache ‘Schwäche‘ angegeben – auch das hängt vermutlich mit der auch in diesem Kirchspiel herrschenden Hungersnot zusammen.

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‘Hier ist die Welt zu Ende’

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In der Ausgabe des Ostpreußenblatts vom 17. August 1957 erscheint die erste Folge eines ausführlichen Berichts des Lehrers Adolf Hubert Osthaus, der 12 Jahre lang (von 1945 bis 1957) als Lehrer im Kreis Pr. Eylau – von 1945 bis 1951 als ‘polnischer Hauptlehrer’ in Topprienen und anschließend in Landsberg – unterrichtete. In insgesamt 11 Folgen schildert er seine Erlebnisse und die Zustände an der neu errichteten Grenze.

‘Tutaj swiat przepadl’ – Hier ist die Welt zu Ende’. Das war ein geflügeltes Wort unter den zwangsverschleppten ukrainischen Bauern, mit denen ich zwölf Jahre lang Freud und Leid in der Nähe des russischen Stacheldrahtes teilte’ beginnt er seine Schilderung …

Ostpreußenblatt_August1957

Einige Auszüge aus den Berichten von Adolf Hubert Osthaus:

‘In vielen kleinen Orten längs der Demarkationslinie leben die Menschen wie auf einsamen Inseln, abgeschnitten von allem Verkehr. Am stärksten war dieser Eindruck in Molwitten, das in der Nähe der sowjetischen Eisenbahnlinie zwischen Pr. Eylau und Bartenstein liegt … Dieses Dorf ist der trostloseste Ort, den ich in den letzten zwölf Jahren in Ostpreußen kennengelernt habe. Obwohl die Häuser von Kriegseinwirkungen verschont blieben, sind sie in einem unglaublich verwahrlosten Zustand. Wie überall in Ostpreußen, so sind auch hier in den ersten Jahren nach dem Kriege Türe, Fensterrahmen, ja sogar die Kachelöfen herausgerissen worden. Sie wurden an anderer Stelle als Baumaterial verwendet oder es wurde für sie Fusel eingehandelt. Noch heute ist jeder froh, wenn er in einem verlassenen Haus etwa noch eine vergessene Ofentür findet, denn Artikel dieser Art sind im freien Handel praktisch überhaupt nicht zu haben.

In den wenigen Häusern, die noch bewohnbar sind, leben arme ukrainische Bauern, denen in dieser verlassenen Gegend ein Stückchen Land zugeteilt wurde. Aber auch diese bewohnten Häuser machen einen traurigen Eindruck. An den blinden Fensterscheiben, die meist aus zusammengesuchten Scherben und Pappstücken zusammengesetzt sind, hängen keine Gardinen. Vorgärten, wie zu unserer Zeit, gibt es nicht mehr. Die Gartenzäune wurden herausgerissen und verheizt’. …

Auf dem Gut Perscheln steht – als einziges Herrenhaus weit und breit an der Demarkationslinie – das Schlößchen, in dem die früheren Gutsherren wohnten. Wenn man über die verfallenen Freitreppe hinaufsteigt, dann sieht man über der Tür noch in vergoldeten Buchstaben die Inschrift: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“ Auf dem Dachboden, den ich einmal zusammen mit meinem Sohn auf der Suche nach deutschen Büchern durchstöberte, fand ich noch ein Päckchen mit alten Briefen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, in deren Kopf ein Wappen eingepresst war. Diese Briefe hatte der Gutsherr von Perscheln aus Berlin an seine junge Frau geschrieben. Er wurde später Landrat in Pr. Eylau, wie ebenfalls aus den Briefen hervorging. Es war ein unheimliches Gefühl, in diesem verfallenen Herrenhaus, dessen ehemalige Schönheit man nur ahnen konnte, die Briefe aus einer vergangenen Zeit des Glanzes und des Reichtums zu finden’.

(Anmerkung von mir: Das Gut Perscheln befand sich von 1837 bis 1945 im Besitz der Familie von Berg. Letzter Besitzer war Botho von Berg (1903-1983).

In der 7. Fortsetzung seiner Schilderung der Zustände (erschienen am 12.10.1957) beschreibt Adolf Hubert Osthaus die Zustände in Landsberg, die mehr als 10 Jahre nach Kriegsende noch katastrophal gewesen sein müssen, obwohl Landsberg den Krieg einigermaßen unbeschadet überstanden hatte. Osthaus schreibt: ‘Was ist aus diesem Musterstädtchen geworden? Unter den ostpreußischen Städten, die ich in den letzten zwölf Jahren kennengelernt habe, war es wohl der Ort, der am meisten verwahrlost war’. Er berichtet u.a. von verschmutztem Trinkwasser, fehlenden Wasserleitungen, Schmutz und Abfällen in den Straßen, von fehlender Elektrizität und großer Armut ….

1957 war ich bereits 10 Jahre alt. Meine Kindheit in Bremen-Blumenthal war wohl ein Idyll im Vergleich zu dem Leben in der Geburtsstadt meines Großvaters!

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Oldenburger Verwandtschaft

Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter früher oft von Verwandten in Oldenburg erzählte, die sie – schon als Kind mit ihrer Mutter – häufiger besucht habe. Diese Verwandten hätten damals den Bootsverleih am Schlossgarten betrieben und sie sei gern bei ihnen gewesen. Ich weiß nicht, wer es war, der diesen Bootsverleih betrieb, aber ich weiß, um welche Familie es sich handelt. Und er gehört dazu: Georg Ludwig Baar.

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1914 in Wilhelmshaven

Georg Ludwig Baar ist der Sohn des Tischlers Friedrich Ludwig Baar und dessen Ehefrau Mathilde Knübel, der ältesten Schwester meiner Urgroßmutter Margarete Knübel. Er wurde am 5. Oktober 1877 in Fähr, (Kirchspiel Blumenthal) geboren, verstarb aber bereits 1918.

Seine Schwester Elisabeth Margarete Baar, die 1882 in Fähr zur Welt kam, heiratet 1902 den Schiffszimmermann Heinrich Johann Gördes aus Deichstücken (Kirchspiel Elsfleth). Elisabeth Margarete Gördes, geb. Baar ist somit die Schwester der Großmutter meiner Mutter. Die beiden Gördes-Kinder Friedrich und Martha waren nur einige Jahre älter als meine Mutter.

Die Familie Baar ist eine alteingessene Blumenthaler Familie – ein direkter Vorfahre ist der Blumenthaler Windmüller Johann Philipp Baar, der um 1722 geboren wurde und am 6.2.1798 in Flethe (Kirchspiel Blumenthal) verstarb.

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Christoph Ankermann – Pate von G. W. von Podewils

‘Podewils ist der Name eines alten, namhaften und schlossgesessenen hinterpommerschen Adelsgeschlechts mit gleichnamigem Stammhaus im ehemaligen Landkreis Belgard. Die Namensform wechselte im Laufe der Zeit zwischen Padewelsch, Podwils, Pudewelcz, Pudewels, Pudewils, Pudewilz, Pudwyls etc.’ (Wikipedia)

Ein Zweig dieser Familie landet in Ostpreußen. Im Jahre 1531 wird das Dorf Penken, Pr. Eylau, verliehen an Peter von Podewils, der in dort ein Gut errichtet. Fast 400 Jahre lang (von 1531 bis 1928) bleibt Familie von Podewils auf Penken ‘und vergrößerte ihren Besitz durch Übernahme der adligen Dörfer Seeben und Dollstädt sowie der Mühle Kattlack auf 200 ha. Sie stellte Offiziere und Staatsbeamte für den preußischen Staat’. (Horst Schulz, Die Städte und Gemeinden des Kreises Pr. Eylau; Seite 185).

Im Oktober des Jahres 1734 wird in der Kirche von Dollstädt der auf Penken geborene Gottlieb Wilhelm von Podewils getauft – der erstgeborene Sohn des damaligen Besitzers Johann Wilhelm von Podewils und dessen Ehefrau Dorothea Margaretha Catharina von Lüderitz.

Erstaunlicherweise wird als erster Taufpate Christoph Ankermann im Kirchenbuch genannt. Christoph Ankermann ist um diese Zeit Schulz des Dorfes Seeben. (Seine um 1725 geborene Tochter Regina Ankermann heiratet 1749 in Dollstädt den Köllmer Melchior Ankermann aus Krücken bei Kreuzburg, einen Bruder meines Urgroßvaters 6. Grades).

Dollstädt_1734_von Podewills

Ausschnitt aus dem KB von Dollstädt, Pr. Eylau

Außer Christoph Ankermann wird unter den Paten die Ehefrau des damaligen Dollstädter Pastoren MJohann Jungius genannt – die beiden anderen Paten sind adelige Verwandte der Eltern des Täuflings.

Pastor Jungius hat den Eintrag im Kirchenbuch mit einem Zusatz versehen, den ich leider nicht entziffern kann – erstens ist das Foto ziemlich undeutlich, zweitens ist die Bemerkung in lateinischer Sprache verfasst; außerdem hat Herr Jungius ziemlich ‘geschmiert’. Vielleicht gelingt es jemandem, diese Notiz zu entziffern …?

Dollstädt_Podewils_Ankermann

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Die ‘rote Ruhr’ in Canditten, Pr. Eylau

Im Verlaufe des Jahres 1781 versterben im Kirchspiel Canditten bis zum Monat August fast 100 Personen. (Zum Vergleich: 1779 sind im Kirchenbuch insgesamt 13 Sterbefälle, 1780 23, 1783 und 1784 18 Sterbefälle verzeichnet). Im ersten Halbjahr des Jahres 1781 lauten die Todesursachen – wie auch in anderen Jahren – Bräune, Schlagfluss, Brustfieber, Wassersucht etc.; einige kleine Kinder versterben an Stechhusten.

Im Juni 1781 wird die Gegend um Canditten dann von einer Ruhr-Epidemie heimgesucht. Das erste Kind, das diese schrecklichen Krankheit nicht überlebt, ist die kleine Anna Barbara Gutt in Amalienhoff, eine Tochter meiner Urgroßeltern 4. Grades (Gottlieb Gutt, Hofmann in Amalienhoff und Ehefrau Anna Barbara Boehnke). Anna Barbara Gutt wird als 43. Todesfall des Jahres im Kirchenbuch eingetragen – sie wird nur 2 Jahre alt.

Die Epidemie breitet sich im gesamten Kirchspiel aus. Während die ersten Todesfälle im Juni und Juli in Amalienhoff, Wildenhoff, Augam, Quehnen, Liebnicken, Rimlack, Garbnicken und Sangnitten auftreten, erkranken im August auch in Canditten mehrere Personen.

Ende August notiert der Pastor im Sterberegister : ‘Bis hierher ist das Verzeichniß derer an der Ruhr gestorbenen dem Herrn Kreyß Physicus Olsner in Bartenstein auf Verlangen zugeschickt unter d(em) 8. August 1781′.

Canditten_1781

Im September sterben noch weitere 4 Personen an der roten Ruhr – dann scheint die Epidemie gebannt. Insgesamt sind im Kirchenbuch bis zum Jahresende 129 Sterbefälle eingetragen – 77 Personen wurden Opfer der Ruhr-Epidemie.

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Am Ende des Jahres sind im Kirchenbuch diese Statistiken zu finden: 1. eine Aufteilung der Sterbefälle nach Orten, 2. nach der Jahreszeit und 3. nach dem Alter der Verstorbenen. Unter den im Jahre 1781 im Kirchspiel Verstorbenen befanden sich 80 Kinder unter 10 Jahren.

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Tochter des Poesie-Professors Georgi verstirbt in Canditten

Manchmal entdecke ich beim ‘Durchblättern’ von Kirchenbüchern interessante Familienzusammenhänge – so wie hier im Kirchenbuch von Canditten, Pr. Eylau:

Johann Fischer wird am 19.2.1695 in Königsberg geboren, 1720 ordiniert und anschließend Diakon in Friedland. Ab 1727 ist er dort als Pfarrer tätig. Er stirbt am 22.2.1739 in Friedland. Seine Ehefrau Catharina Elisabeth Georgi ist die Tochter des berühmten Königsberger Professors der Poesie Hironymus Georgi.

Nach 1752 lebt Catharina Elisabeth Fischer, geb. Georgi vermutlich bei ihrer jüngsten Tochter Regina Dorothea in Canditten, denn dort verstirbt sie im März des Jahres 1763 im Alter von 63 Jahren; am 29. März wird sie in Canditten begraben.

Canditten_1763

Catharina Elisabeths Tochter – Regina Dorothea Fischer – hat am 7. Oktober 1752 in Canditten den dortigen Pastor George Christoph Herold geheiratet.

Herold_1752 (2)

‘George Christoph Herold aus Leuneburg, und vorhin von 1743 College an der Thumschule in Königsberg, ward 1751 zu Schloß ordiniret, und am Sonntage Mis. Domini introdiciret, ging 1769 als Pfarrer nach Laptau’. (D. Daniel Heinrich Arnoldts, Königlichen Preußischen Oberhofpredigers und Consistorialraths, kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den Lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandenen Predigern).

Das Pastoren-Ehepaar Fischer hat auf jeden Fall folgende Kinder, die in Canditten geboren und getauft werden:

  1. George Ludwig Fischer, geb. am 13.9.1752 (zu seinen Paten gehört u.a. seine Großmutter Catharina Elisabeth Fischer, geb. Georgi)
  2. Christina Carolina Fischer, geboren am 22.12.1757
  3. Regina Dorothea Fischer, geboren am 18.3.1759
  4. Florentina Amalia Fischer, geboren am 11.12.1760
  5. Renata Sophia Fischer, geboren am 6.4.1766
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Auch im Winter Kopf und Füße im Fluß gewaschen …

Den Namen Steinau findet man im Kirchenbuch von Canditten, Pr. Eylau, häufiger. Auch bei meinen eigenen Vorfahren gibt es verwandtschaftliche Beziehungen zu einer Familie Steinau in Canditten. Catharina Lehmann – meine Urgroßmutter 5. Grades – heiratet 1739 in Canditten in erster Ehe den Krüger George Steinau, der aber bereits 1750 verstarb. Er wurde nur etwa 40 Jahre alt.

Jacob Steinau aber, der zur selben Zeit in Augam lebt – einem kleinen Dorf, das auch zum Kirchspiel Canditten gehört – wird 90 Jahre alt! Ein so hohes Alter erreichen damals nur ganz wenige Menschen. In Jacob Steinaus Sterbeeintrag verrät der Pastor von Canditten, was möglicherweise dazu beigetragen haben könnte, dass es Jacob Steinau gelungen ist, derart lange zu leben. Der Pastor schreibt im November 1763 ins Kirchenbuch: (Gestorben ist …)

Canditten_1760

‘Jacob Stenau (=Steinau) ein alter 90 jähriger Gros Vater aus Augam, deßen Ehegattin vor 2 Jahren im Landsberger Hospital gestorben, mit welcher er 65 Jahre im Ehestande gelebet. Hat sich beständig auch im Winter Kopf und Füße im Fluß gewaschen u. ist niemals krank gewesen. Wurde 3 Tage vor dem Ende berichtet’.

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Karl von Elern auf Bandels, Pr. Eylau

vonElern

Von 1882 bis zu seinem Tod im Jahre 1912 ist Karl August Dietrich von Elern Besitzer des Ritterguts Bandels, Pr. Eylau, das zur Kirche und zum Standesamtsbezirk von Albrechtsdorf gehört. Karl von Elern wird am 24.3.1841 in Krotoschin, Posen, geboren. Seine Ehefrau ist Helene von Elern, geb. Freiin von König. ‘Von Elern war ein guter Landwirt und auch politisch sehr tätig. Er war Mitglied des Kreistages und Kreisausschusses, von 1893 bis 1901 Landrat des Kreises Pr. Eylau und von 1897 bis 1910 konservativer Abgeordneter des Preußischen Abgeordnetenhauses und des Reichstages in Berlin’ (Horst Schulz, Die Städte u. Gemeinden des Kreises Pr. Eylau, S. 496.)

In einer vom Staatsarchiv Allenstein digitalisierten Akte befindet sich auch die Bestallungsurkunde, mit der er zum Landrat ernannt wird.

vonElern_Bestallung

Wir Wilhelm von Gottes Gnaden, König von Preußen etc. thun kund und fügen zu wissen, daß Wir Allergnädigst geruht haben, den Kreisdeputirten und Rittergutsbesitzer Karl August Dietrich von Elern auf Bandels zum Landrath des Kreises Pr. Eylau, Regierungsbezirk Königsberg zu ernennen.

Es ist dies in dem Vertrauen geschehen, daß der nunmehrige Landrath von Elern Uns und Unserem Königlichen Hause in unverbrüchlicher Treue ergeben bleiben und die Pflichten des ihm anvertrauten Amtes in ihrem ganzen Umfange mit stets regem Eifer erfüllen werde, wogegen derselbe sich Unseres Allerhöchsten Schutzes bei den mit seinem gegenwärtigen Amte verbundenen Rechten zu erfreuen haben soll.

Urkundlich haben Wir diese Bestallung Allerhöchst Selbst vollzogen und mit Unserem Königlichen Insiegel versehen lassen.

Gegeben Neues Palais, den 3. Juni 1893

(gez.) Wilhelm R.

für den Minister des Innnern

(gez.) Schönstedt

Bandels_Karte

Karl von Elern erwarb den Gutskomplex Bandels – mit den beiden Vorwerken Kobbelbude und Suiken - am 1.7.1882 von der Vorbesitzerin Johanna Ackermann. Nach seinem Tod am 27. Oktober 1912 übernimmt sein jüngster Sohn, der Rittmeister Carl Moritz Oscar Wilhelm Ludolph von Elern (geboren am 21.7.1886 auf Gut Bandels) das Gut. Bis 1945 bleibt dieser Besitzer der Begüterung. Am 11.12.1964 verunglückt er in Bonn tödlich.

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Familie Schnell in Landsberg, Pr. Eylau, u. Königsberg

Aufgrund neuer Informationen habe ich einen bereits vor langer Zeit geschriebenen Artikel korrigiert. Diese Informationen ergeben, dass der Landsberger Kaufmann Julius Schnell nicht kurz nach 1900 verstarb, sondern noch bis zum Jahre 1945 lebte und dass seine Ehefrau Auguste Clara Ankermann nicht – wie anderen Quellen zu entnehmen war – von Königsberg aus nach Landsberg, Pr. Eylau, zurückkehrte, um dort in 2. Ehe den Schneidemühlenbesitzer  Eduard Gustav Liedtke zu heiraten.

Ein kurzer Abriss der Familiengeschichte: Julius Schnell wird am 28.März 1857 in Dargen, Ostpreußen, geboren. Am 2. Juni 1890 heiratet er in der ev. Kirche zu Heilsberg Auguste CLARA Ankermann, die Tochter des Mühlenbesitzers Gustav Heinrich Ankermann (Bruder meiner Ur-Urgroßmutter) und dessen Ehefrau Auguste Henriette Koschorr.

Julius Schnell ist Kaufmann in Landsberg und wohnt mit der Familie in der Burgstraße Nr. 144.

Kaufmann Schnell

Julius Schnell

In Landsberg werden von 1892 bis 1905 vier Kinder (ein Sohn und drei Töchter) geboren. Kurz nach der Geburt des letzten Kindes muss Familie Schnell Landsberg verlassen haben und nach Königsberg umgezogen sein.

1906 wohnt die Familie dort in der Börsenstraße Nr. 20. Alle drei Töchter (Lucia Clara – Elfriede Herta und Gertrud Erna) bleiben unverehelicht und werden Lehrerinnen. Lucia Schnell wird Lehrerin in Königsberg – Gertrud unterrichtet in Königsberg, Pr. Holland, Fuchsberg und in Barten – Tochter Elfriede Schnell wird im Anschluss an ihr Studium an der Königsberger Kunstakademie Zeichenlehrerin am Lyceum von Gumbinnen. Zudem ist sie Malerin. Was aus dem 1895 in Landsberg geborenen Sohn Walter Julius Schnell geworden ist, ist nicht bekannt. Möglicherweise verstirbt er bereits als Kind.

Julius Schnell erwirbt ein Grundstück im Villenviertel Amalienau, in der Dürerstraße 32. Außerdem gehört der Familie Schnell ein wunderschönes Haus in der Luisenallee Nr. 21. In diesem Haus scheint die Familie auch gewohnt zu haben – im Einwohnerverzeichnis Königsberg von 1931 ist zu lesen: ‘Julius Schnell, Rentier, Louisenallee 21′.

Das Haus wird im Juni des Jahres 1943 von den Eltern Schnell an ihre Töchter Lucia und Gertrud vererbt (Elfriede Schnell verstarb bereits am 16. Juni 1930 in Königsberg). Wunderbarerweise existiert das Haus in der Luisenallee (heute ul. Komsomolskaya/ул.Комсомольская Nr. 21) noch. Untergebracht ist dort die Kaliningrader Musikschule Schostakowitsch (Музыкальная Школа им. Д.Д. Шостаковича).

Schnell_Königsberg_Luisenallee

             Dieses Bild wurde übernommen von 
           Bernhard Waldmann bzw. Кулаков Пётр

Julius Schnell stirbt 1945 in Rostock, seine Ehefrau Clara Schnell, geb. Ankermann lebt noch bis 1954 in Celle. Die Töchter Lucia Clara und Gertrud Erna Schnell versterben in den 70er-Jahren in Murnau.

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