‘Hier ist die Welt zu Ende’

Ostpreußenblatt_1957_Titel

In der Ausgabe des Ostpreußenblatts vom 17. August 1957 erscheint die erste Folge eines ausführlichen Berichts des Lehrers Adolf Hubert Osthaus, der 12 Jahre lang (von 1945 bis 1957) als Lehrer im Kreis Pr. Eylau – von 1945 bis 1951 als ‘polnischer Hauptlehrer’ in Topprienen und anschließend in Landsberg – unterrichtete. In insgesamt 11 Folgen schildert er seine Erlebnisse und die Zustände an der neu errichteten Grenze.

‘Tutaj swiat przepadl’ – Hier ist die Welt zu Ende’. Das war ein geflügeltes Wort unter den zwangsverschleppten ukrainischen Bauern, mit denen ich zwölf Jahre lang Freud und Leid in der Nähe des russischen Stacheldrahtes teilte’ beginnt er seine Schilderung …

Ostpreußenblatt_August1957

Einige Auszüge aus den Berichten von Adolf Hubert Osthaus:

‘In vielen kleinen Orten längs der Demarkationslinie leben die Menschen wie auf einsamen Inseln, abgeschnitten von allem Verkehr. Am stärksten war dieser Eindruck in Molwitten, das in der Nähe der sowjetischen Eisenbahnlinie zwischen Pr. Eylau und Bartenstein liegt … Dieses Dorf ist der trostloseste Ort, den ich in den letzten zwölf Jahren in Ostpreußen kennengelernt habe. Obwohl die Häuser von Kriegseinwirkungen verschont blieben, sind sie in einem unglaublich verwahrlosten Zustand. Wie überall in Ostpreußen, so sind auch hier in den ersten Jahren nach dem Kriege Türe, Fensterrahmen, ja sogar die Kachelöfen herausgerissen worden. Sie wurden an anderer Stelle als Baumaterial verwendet oder es wurde für sie Fusel eingehandelt. Noch heute ist jeder froh, wenn er in einem verlassenen Haus etwa noch eine vergessene Ofentür findet, denn Artikel dieser Art sind im freien Handel praktisch überhaupt nicht zu haben.

In den wenigen Häusern, die noch bewohnbar sind, leben arme ukrainische Bauern, denen in dieser verlassenen Gegend ein Stückchen Land zugeteilt wurde. Aber auch diese bewohnten Häuser machen einen traurigen Eindruck. An den blinden Fensterscheiben, die meist aus zusammengesuchten Scherben und Pappstücken zusammengesetzt sind, hängen keine Gardinen. Vorgärten, wie zu unserer Zeit, gibt es nicht mehr. Die Gartenzäune wurden herausgerissen und verheizt’. …

Auf dem Gut Perscheln steht – als einziges Herrenhaus weit und breit an der Demarkationslinie – das Schlößchen, in dem die früheren Gutsherren wohnten. Wenn man über die verfallenen Freitreppe hinaufsteigt, dann sieht man über der Tür noch in vergoldeten Buchstaben die Inschrift: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen.“ Auf dem Dachboden, den ich einmal zusammen mit meinem Sohn auf der Suche nach deutschen Büchern durchstöberte, fand ich noch ein Päckchen mit alten Briefen aus der Mitte des vorigen Jahrhunderts, in deren Kopf ein Wappen eingepresst war. Diese Briefe hatte der Gutsherr von Perscheln aus Berlin an seine junge Frau geschrieben. Er wurde später Landrat in Pr. Eylau, wie ebenfalls aus den Briefen hervorging. Es war ein unheimliches Gefühl, in diesem verfallenen Herrenhaus, dessen ehemalige Schönheit man nur ahnen konnte, die Briefe aus einer vergangenen Zeit des Glanzes und des Reichtums zu finden’.

(Anmerkung von mir: Das Gut Perscheln befand sich von 1837 bis 1945 im Besitz der Familie von Berg. Letzter Besitzer war Botho von Berg (1903-1983).

In der 7. Fortsetzung seiner Schilderung der Zustände (erschienen am 12.10.1957) beschreibt Adolf Hubert Osthaus die Zustände in Landsberg, die mehr als 10 Jahre nach Kriegsende noch katastrophal gewesen sein müssen, obwohl Landsberg den Krieg einigermaßen unbeschadet überstanden hatte. Osthaus schreibt: ‘Was ist aus diesem Musterstädtchen geworden? Unter den ostpreußischen Städten, die ich in den letzten zwölf Jahren kennengelernt habe, war es wohl der Ort, der am meisten verwahrlost war’. Er berichtet u.a. von verschmutztem Trinkwasser, fehlenden Wasserleitungen, Schmutz und Abfällen in den Straßen, von fehlender Elektrizität und großer Armut ….

1957 war ich bereits 10 Jahre alt. Meine Kindheit in Bremen-Blumenthal war wohl ein Idyll im Vergleich zu dem Leben in der Geburtsstadt meines Großvaters!

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Oldenburger Verwandtschaft

Ich erinnere mich daran, dass meine Mutter früher oft von Verwandten in Oldenburg erzählte, die sie – schon als Kind mit ihrer Mutter – häufiger besucht habe. Diese Verwandten hätten damals den Bootsverleih am Schlossgarten betrieben und sie sei gern bei ihnen gewesen. Ich weiß nicht, wer es war, der diesen Bootsverleih betrieb, aber ich weiß, um welche Familie es sich handelt. Und er gehört dazu: Georg Ludwig Baar.

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1914 in Wilhelmshaven

Georg Ludwig Baar ist der Sohn des Tischlers Friedrich Ludwig Baar und dessen Ehefrau Mathilde Knübel, der ältesten Schwester meiner Urgroßmutter Margarete Knübel. Er wurde am 5. Oktober 1877 in Fähr, (Kirchspiel Blumenthal) geboren, verstarb aber bereits 1918.

Seine Schwester Elisabeth Margarete Baar, die 1882 in Fähr zur Welt kam, heiratet 1902 den Schiffszimmermann Heinrich Johann Gördes aus Deichstücken (Kirchspiel Elsfleth). Elisabeth Margarete Gördes, geb. Baar ist somit die Schwester der Großmutter meiner Mutter. Die beiden Gördes-Kinder Friedrich und Martha waren nur einige Jahre älter als meine Mutter.

Die Familie Baar ist eine alteingessene Blumenthaler Familie – ein direkter Vorfahre ist der Blumenthaler Windmüller Johann Philipp Baar, der um 1722 geboren wurde und am 6.2.1798 in Flethe (Kirchspiel Blumenthal) verstarb.

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Christoph Ankermann – Pate von G. W. von Podewils

‘Podewils ist der Name eines alten, namhaften und schlossgesessenen hinterpommerschen Adelsgeschlechts mit gleichnamigem Stammhaus im ehemaligen Landkreis Belgard. Die Namensform wechselte im Laufe der Zeit zwischen Padewelsch, Podwils, Pudewelcz, Pudewels, Pudewils, Pudewilz, Pudwyls etc.’ (Wikipedia)

Ein Zweig dieser Familie landet in Ostpreußen. Im Jahre 1531 wird das Dorf Penken, Pr. Eylau, verliehen an Peter von Podewils, der in dort ein Gut errichtet. Fast 400 Jahre lang (von 1531 bis 1928) bleibt Familie von Podewils auf Penken ‘und vergrößerte ihren Besitz durch Übernahme der adligen Dörfer Seeben und Dollstädt sowie der Mühle Kattlack auf 200 ha. Sie stellte Offiziere und Staatsbeamte für den preußischen Staat’. (Horst Schulz, Die Städte und Gemeinden des Kreises Pr. Eylau; Seite 185).

Im Oktober des Jahres 1734 wird in der Kirche von Dollstädt der auf Penken geborene Gottlieb Wilhelm von Podewils getauft – der erstgeborene Sohn des damaligen Besitzers Johann Wilhelm von Podewils und dessen Ehefrau Dorothea Margaretha Catharina von Lüderitz.

Erstaunlicherweise wird als erster Taufpate Christoph Ankermann im Kirchenbuch genannt. Christoph Ankermann ist um diese Zeit Schulz des Dorfes Seeben. (Seine um 1725 geborene Tochter Regina Ankermann heiratet 1749 in Dollstädt den Köllmer Melchior Ankermann aus Krücken bei Kreuzburg, einen Bruder meines Urgroßvaters 6. Grades).

Dollstädt_1734_von Podewills

Ausschnitt aus dem KB von Dollstädt, Pr. Eylau

Außer Christoph Ankermann wird unter den Paten die Ehefrau des damaligen Dollstädter Pastoren MJohann Jungius genannt – die beiden anderen Paten sind adelige Verwandte der Eltern des Täuflings.

Pastor Jungius hat den Eintrag im Kirchenbuch mit einem Zusatz versehen, den ich leider nicht entziffern kann – erstens ist das Foto ziemlich undeutlich, zweitens ist die Bemerkung in lateinischer Sprache verfasst; außerdem hat Herr Jungius ziemlich ‘geschmiert’. Vielleicht gelingt es jemandem, diese Notiz zu entziffern …?

Dollstädt_Podewils_Ankermann

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Die ‘rote Ruhr’ in Canditten, Pr. Eylau

Im Verlaufe des Jahres 1781 versterben im Kirchspiel Canditten bis zum Monat August fast 100 Personen. (Zum Vergleich: 1779 sind im Kirchenbuch insgesamt 13 Sterbefälle, 1780 23, 1783 und 1784 18 Sterbefälle verzeichnet). Im ersten Halbjahr des Jahres 1781 lauten die Todesursachen – wie auch in anderen Jahren – Bräune, Schlagfluss, Brustfieber, Wassersucht etc.; einige kleine Kinder versterben an Stechhusten.

Im Juni 1781 wird die Gegend um Canditten dann von einer Ruhr-Epidemie heimgesucht. Das erste Kind, das diese schrecklichen Krankheit nicht überlebt, ist die kleine Anna Barbara Gutt in Amalienhoff, eine Tochter meiner Urgroßeltern 4. Grades (Gottlieb Gutt, Hofmann in Amalienhoff und Ehefrau Anna Barbara Boehnke). Anna Barbara Gutt wird als 43. Todesfall des Jahres im Kirchenbuch eingetragen – sie wird nur 2 Jahre alt.

Die Epidemie breitet sich im gesamten Kirchspiel aus. Während die ersten Todesfälle im Juni und Juli in Amalienhoff, Wildenhoff, Augam, Quehnen, Liebnicken, Rimlack, Garbnicken und Sangnitten auftreten, erkranken im August auch in Canditten mehrere Personen.

Ende August notiert der Pastor im Sterberegister : ‘Bis hierher ist das Verzeichniß derer an der Ruhr gestorbenen dem Herrn Kreyß Physicus Olsner in Bartenstein auf Verlangen zugeschickt unter d(em) 8. August 1781′.

Canditten_1781

Im September sterben noch weitere 4 Personen an der roten Ruhr – dann scheint die Epidemie gebannt. Insgesamt sind im Kirchenbuch bis zum Jahresende 129 Sterbefälle eingetragen – 77 Personen wurden Opfer der Ruhr-Epidemie.

Canditten_1781_Sterbefälle-tile

Am Ende des Jahres sind im Kirchenbuch diese Statistiken zu finden: 1. eine Aufteilung der Sterbefälle nach Orten, 2. nach der Jahreszeit und 3. nach dem Alter der Verstorbenen. Unter den im Jahre 1781 im Kirchspiel Verstorbenen befanden sich 80 Kinder unter 10 Jahren.

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Tochter des Poesie-Professors Georgi verstirbt in Canditten

Manchmal entdecke ich beim ‘Durchblättern’ von Kirchenbüchern interessante Familienzusammenhänge – so wie hier im Kirchenbuch von Canditten, Pr. Eylau:

Johann Fischer wird am 19.2.1695 in Königsberg geboren, 1720 ordiniert und anschließend Diakon in Friedland. Ab 1727 ist er dort als Pfarrer tätig. Er stirbt am 22.2.1739 in Friedland. Seine Ehefrau Catharina Elisabeth Georgi ist die Tochter des berühmten Königsberger Professors der Poesie Hironymus Georgi.

Nach 1752 lebt Catharina Elisabeth Fischer, geb. Georgi vermutlich bei ihrer jüngsten Tochter Regina Dorothea in Canditten, denn dort verstirbt sie im März des Jahres 1763 im Alter von 63 Jahren; am 29. März wird sie in Canditten begraben.

Canditten_1763

Catharina Elisabeths Tochter – Regina Dorothea Fischer – hat am 7. Oktober 1752 in Canditten den dortigen Pastor George Christoph Herold geheiratet.

Herold_1752 (2)

‘George Christoph Herold aus Leuneburg, und vorhin von 1743 College an der Thumschule in Königsberg, ward 1751 zu Schloß ordiniret, und am Sonntage Mis. Domini introdiciret, ging 1769 als Pfarrer nach Laptau’. (D. Daniel Heinrich Arnoldts, Königlichen Preußischen Oberhofpredigers und Consistorialraths, kurzgefaßte Nachrichten von allen seit der Reformation an den Lutherischen Kirchen in Ostpreußen gestandenen Predigern).

Das Pastoren-Ehepaar Fischer hat auf jeden Fall folgende Kinder, die in Canditten geboren und getauft werden:

  1. George Ludwig Fischer, geb. am 13.9.1752 (zu seinen Paten gehört u.a. seine Großmutter Catharina Elisabeth Fischer, geb. Georgi)
  2. Christina Carolina Fischer, geboren am 22.12.1757
  3. Regina Dorothea Fischer, geboren am 18.3.1759
  4. Florentina Amalia Fischer, geboren am 11.12.1760
  5. Renata Sophia Fischer, geboren am 6.4.1766
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Auch im Winter Kopf und Füße im Fluß gewaschen …

Den Namen Steinau findet man im Kirchenbuch von Canditten, Pr. Eylau, häufiger. Auch bei meinen eigenen Vorfahren gibt es verwandtschaftliche Beziehungen zu einer Familie Steinau in Canditten. Catharina Lehmann – meine Urgroßmutter 5. Grades – heiratet 1739 in Canditten in erster Ehe den Krüger George Steinau, der aber bereits 1750 verstarb. Er wurde nur etwa 40 Jahre alt.

Jacob Steinau aber, der zur selben Zeit in Augam lebt – einem kleinen Dorf, das auch zum Kirchspiel Canditten gehört – wird 90 Jahre alt! Ein so hohes Alter erreichen damals nur ganz wenige Menschen. In Jacob Steinaus Sterbeeintrag verrät der Pastor von Canditten, was möglicherweise dazu beigetragen haben könnte, dass es Jacob Steinau gelungen ist, derart lange zu leben. Der Pastor schreibt im November 1763 ins Kirchenbuch: (Gestorben ist …)

Canditten_1760

‘Jacob Stenau (=Steinau) ein alter 90 jähriger Gros Vater aus Augam, deßen Ehegattin vor 2 Jahren im Landsberger Hospital gestorben, mit welcher er 65 Jahre im Ehestande gelebet. Hat sich beständig auch im Winter Kopf und Füße im Fluß gewaschen u. ist niemals krank gewesen. Wurde 3 Tage vor dem Ende berichtet’.

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Karl von Elern auf Bandels, Pr. Eylau

vonElern

Von 1882 bis zu seinem Tod im Jahre 1912 ist Karl August Dietrich von Elern Besitzer des Ritterguts Bandels, Pr. Eylau, das zur Kirche und zum Standesamtsbezirk von Albrechtsdorf gehört. Karl von Elern wird am 24.3.1841 in Krotoschin, Posen, geboren. Seine Ehefrau ist Helene von Elern, geb. Freiin von König. ‘Von Elern war ein guter Landwirt und auch politisch sehr tätig. Er war Mitglied des Kreistages und Kreisausschusses, von 1893 bis 1901 Landrat des Kreises Pr. Eylau und von 1897 bis 1910 konservativer Abgeordneter des Preußischen Abgeordnetenhauses und des Reichstages in Berlin’ (Horst Schulz, Die Städte u. Gemeinden des Kreises Pr. Eylau, S. 496.)

In einer vom Staatsarchiv Allenstein digitalisierten Akte befindet sich auch die Bestallungsurkunde, mit der er zum Landrat ernannt wird.

vonElern_Bestallung

Wir Wilhelm von Gottes Gnaden, König von Preußen etc. thun kund und fügen zu wissen, daß Wir Allergnädigst geruht haben, den Kreisdeputirten und Rittergutsbesitzer Karl August Dietrich von Elern auf Bandels zum Landrath des Kreises Pr. Eylau, Regierungsbezirk Königsberg zu ernennen.

Es ist dies in dem Vertrauen geschehen, daß der nunmehrige Landrath von Elern Uns und Unserem Königlichen Hause in unverbrüchlicher Treue ergeben bleiben und die Pflichten des ihm anvertrauten Amtes in ihrem ganzen Umfange mit stets regem Eifer erfüllen werde, wogegen derselbe sich Unseres Allerhöchsten Schutzes bei den mit seinem gegenwärtigen Amte verbundenen Rechten zu erfreuen haben soll.

Urkundlich haben Wir diese Bestallung Allerhöchst Selbst vollzogen und mit Unserem Königlichen Insiegel versehen lassen.

Gegeben Neues Palais, den 3. Juni 1893

(gez.) Wilhelm R.

für den Minister des Innnern

(gez.) Schönstedt

Bandels_Karte

Karl von Elern erwarb den Gutskomplex Bandels – mit den beiden Vorwerken Kobbelbude und Suiken - am 1.7.1882 von der Vorbesitzerin Johanna Ackermann. Nach seinem Tod am 27. Oktober 1912 übernimmt sein jüngster Sohn, der Rittmeister Carl Moritz Oscar Wilhelm Ludolph von Elern (geboren am 21.7.1886 auf Gut Bandels) das Gut. Bis 1945 bleibt dieser Besitzer der Begüterung. Am 11.12.1964 verunglückt er in Bonn tödlich.

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Familie Schnell in Landsberg, Pr. Eylau, u. Königsberg

Aufgrund neuer Informationen habe ich einen bereits vor langer Zeit geschriebenen Artikel korrigiert. Diese Informationen ergeben, dass der Landsberger Kaufmann Julius Schnell nicht kurz nach 1900 verstarb, sondern noch bis zum Jahre 1945 lebte und dass seine Ehefrau Auguste Clara Ankermann nicht – wie anderen Quellen zu entnehmen war – von Königsberg aus nach Landsberg, Pr. Eylau, zurückkehrte, um dort in 2. Ehe den Schneidemühlenbesitzer  Eduard Gustav Liedtke zu heiraten.

Ein kurzer Abriss der Familiengeschichte: Julius Schnell wird am 28.März 1857 in Dargen, Ostpreußen, geboren. Am 2. Juni 1890 heiratet er in der ev. Kirche zu Heilsberg Auguste CLARA Ankermann, die Tochter des Mühlenbesitzers Gustav Heinrich Ankermann (Bruder meiner Ur-Urgroßmutter) und dessen Ehefrau Auguste Henriette Koschorr.

Julius Schnell ist Kaufmann in Landsberg und wohnt mit der Familie in der Burgstraße Nr. 144.

Kaufmann Schnell

Julius Schnell

In Landsberg werden von 1892 bis 1905 vier Kinder (ein Sohn und drei Töchter) geboren. Kurz nach der Geburt des letzten Kindes muss Familie Schnell Landsberg verlassen haben und nach Königsberg umgezogen sein.

1906 wohnt die Familie dort in der Börsenstraße Nr. 20. Alle drei Töchter (Lucia Clara – Elfriede Herta und Gertrud Erna) bleiben unverehelicht und werden Lehrerinnen. Lucia Schnell wird Lehrerin in Königsberg – Gertrud unterrichtet in Königsberg, Pr. Holland, Fuchsberg und in Barten – Tochter Elfriede Schnell wird im Anschluss an ihr Studium an der Königsberger Kunstakademie Zeichenlehrerin am Lyceum von Gumbinnen. Zudem ist sie Malerin. Was aus dem 1895 in Landsberg geborenen Sohn Walter Julius Schnell geworden ist, ist nicht bekannt. Möglicherweise verstirbt er bereits als Kind.

Julius Schnell erwirbt ein Grundstück im Villenviertel Amalienau, in der Dürerstraße 32. Außerdem gehört der Familie Schnell ein wunderschönes Haus in der Luisenallee Nr. 21. In diesem Haus scheint die Familie auch gewohnt zu haben – im Einwohnerverzeichnis Königsberg von 1931 ist zu lesen: ‘Julius Schnell, Rentier, Louisenallee 21′.

Das Haus wird im Juni des Jahres 1943 von den Eltern Schnell an ihre Töchter Lucia und Gertrud vererbt (Elfriede Schnell verstarb bereits am 16. Juni 1930 in Königsberg). Wunderbarerweise existiert das Haus in der Luisenallee (heute ul. Komsomolskaya/ул.Комсомольская Nr. 21) noch. Untergebracht ist dort die Kaliningrader Musikschule Schostakowitsch (Музыкальная Школа им. Д.Д. Шостаковича).

Schnell_Königsberg_Luisenallee

             Dieses Bild wurde übernommen von 
           Bernhard Waldmann bzw. Кулаков Пётр

Julius Schnell stirbt 1945 in Rostock, seine Ehefrau Clara Schnell, geb. Ankermann lebt noch bis 1954 in Celle. Die Töchter Lucia Clara und Gertrud Erna Schnell versterben in den 70er-Jahren in Murnau.

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Schwedische Soldaten in Petershagen begraben

Im Winter 1703-1704 kommt der schwedische König Karl XII. bei seinem Feldzug gegen Polen und Russland während des Großen Nordischen Krieges auch in die Gegend meiner ostpreußischen. Vorfahren. Mit Heer und Hoofstaat residiert er eine Zeit lang im Heilsberger Schloss und scheint sich dort gemütlich eingerichtet zu haben.

Karl_XII

‘.. wenige Tage vor Weihnachten ließ der König die Winterquartiere in polnisch Preußen und besonders im Bisthum Ermlande beziehen, da diese Gegenden, bisher vom Kriege wenig berührt, am besten die Truppen verpflegen und die Kriegskosten tilgen konnten. Der König legte sein Hauptquartier in das bischöfliche Schloß Heilsberg und die Trabanten in diese Stadt. Zum ersten Mal seit Beginn des Krieges gestattete er sich diese Bequemlichkeit und begann eine andere Lebensweise. Die Nächte ruhte er länger und beschäftigte sich am Tage mehr mit Regierungsangelegenheiten. Zur Belustigung der Kriegsleute wurden oft Bälle und Feste veranstaltet und eine Schauspieltruppe aus Stockholm an den kriegerischen Hof verschrieben. (Andreas Fryrell, Geschichte Karl des Zwölften; Leipzig 1860, Seite 102)

Einige der Bediensteten König Karls XII versterben während dieses Winterquartiers in Heilsberg und werden – wohl weil sie evangelischen Glaubens sind – nicht im katholischen Heilsberg bestattet, sondern über die ermländische Grenze gebracht. So sind im Kirchenbuch von Petershagen, Pr. Eylau, im April und Mai des Jahres 1704 die folgenden Einträge zu finden:

KB Petershagen_1704

KB Petershagen_1704_2

  • d(en) 2. April 1704 ist Herr Valentinus Emmerich, Sr. Königl. Majestät in Schweden, der damalhß mit seiner gantzen Hof Staat in Heilsberg gestanden, wolbedienter Hof- und Leibfeldscherer, alhir in der Kirchen vor dem Beicht-Stuhl begraben und vom Schwedischen Prediger die Leich-Predigt gehalten worden.
  • d. 8. huj. ist Herr Johann Tieling, Königl. Schwedischer Trabandt allhier in der Kirchen begraben worden.
  • d. 1. Maji ist Herr Bernhardt Johann von PetzoltSchwedischer Cornet von der Rittersfahn, allhier in der Kirchen beerdiget worden.
  • d. 22. hujus ist Herr Axell Hoort, Königl. Schwedischer Cammer-Herr und Stall-Meister, alhir in das Schönwießsche Gewölbe gesetzet worden.
  • d. 29. dito ist Herr Ephraim Engell-Kuehn (?), Schwedischer Trabandt, alhir in der Kirchen begraben worden.

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Der richtige Name des am 22. Mai beigesetzten und zwei Tage zuvor verstorbenen schwedischen Kammerherrn ist Axel Hård. Er kam durch einen tragischen Unglücksfall durch die Hand des Königs selbst zu Tode.

‘In diesem Winterquartiere (in Heilsberg) ereignete sich der traurige Tod Axel Hårds, des Kammerherrn Karls. Er war einmal an Karls Seite bei den halsbrechenden Schlittenfahrten in Kungsör schwer beschädigt worden, bei Narwa Karls Retter, als dieser in dem Moraste versunken war, an der Düna schwer verwundet, und in Folge davon einer der nächsten und treusten Begleiter des Königs. In Heilsberg belustigte er sich mit dem Könige, Jeder an der Spitze einer Anzahl Genossen, einander anzugreifen und mit losem Pulver sich gegenseitig zu beschießen. Hård drang durch Karls Trupp und kam bis dicht an den König, sodaß er ihn gefangen nehmen konnte. Er rief aus: “Wenn ich jetzt ein Feind wäre, was würden Ew. Majestät machen?” Karl antwortete: “So würde ich’s machen!” und schoß sein eben geladenes Pistol auf Hård ab, hatte aber in der Eile vergessen, den Ladestock herauszunehmen. Der durchbohrte Hård sank in seinem Blute nieder und verschied nach zwei Tagen an der absolut tödtlichen Wunde, nachdem er geduldig und ergeben den wehklagenden König getröstet. Karl war außer sich vor Schmerz, und während der Beichte vor dem nächsten Abendmahle flossen bittere Thränen; auch blieb er lange noch verschlossener und düsterer als zuvor und fastete an jedem Jahrestage der unglücklichen Begebenheit’. (Andreas Fryrell, Geschichte Karl des Zwölften; Leipzig 1860, Seite 102/103)

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Lehrer Aust in Worglitten, Pr. Eylau

Mir war es immer wichtig, nicht nur die Namen und Daten meiner Vorfahren zu sammeln, sondern möglichst viel über ihre Lebensumstände zu erfahren. Deshalb interessieren mich auch die Biographien nicht verwandter Personen, die in unmittelbarer Umgebung meiner Ahnen lebten – so auch die Geschichte des Lehrers Friedrich Leopold Aust.

Ich ‘kannte’ Friedrich Leopold Aust bereits aus dem Kirchenbuch von Eichhorn. Leopold Aust ist Lehrer im Ort Worglitten, der zum Kirchspiel Eichhorn gehört. Am 23. Oktober des Jahres 1840 heiratet er in der Eichhorner Kirche die erst 16 jährige Wilhelmine Gnoss, die einzige Tochter des Worglitter Bauern Gottfried Gnoss.

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Im Laufe des Jahres 1850 kommt es in Worglitten zu einer ‘Mißstimmung der Schulsocietät’. Einige Eltern schicken ihre Kinder nicht mehr in die Schule, da dem Lehrer Leopold Aust eine Verbindung zur baptischen Gemeinde nachgesagt wird. Im November 1850 wird von der Regierung in Königsberg eine Disziplinar-Untersuchung gegen Leopold Aust eingeleitet. Die obige Akte wird angelegt (inzwischen digitalisiert vom Staatsarchiv Allenstein).

Die damaligen Schulen sind Konfessionsschulen, deren Hauptaufgabe darin besteht, den Schülern religiös-sittliche Bildung zu vermitteln.  ‘Da Aust bei einer evangelischen (lutherischen) Schule angestellt ist, so hat er die Verpflichtung übernommen, die Kinder seiner Schulgemeine nicht nur in den eigentlichen Religionsstunden, sondern auch in den übrigen Unterrichtsgegenständen mehr oder minder  sich an den Religionsunterricht anschließen und auf dessen Grundlagen sich zurück beziehen, in dem Glauben und der Confession der evangelischen Landeskirche.’ (aus der Akte)

Das allein ist nicht verwunderlich, spielt doch selbst heute die Konfession bei der Einstellung in bestimmten Einrichtungen noch eine Rolle. Bemerkenswert sind  jedoch so manche Überlegungen und Äußerungen, die im Verlaufe der Untersuchung zu Papier gebracht werden …

Der Eichhorner Pastor Eduard Horn wird nach Königsberg beordert. Er soll Ludwig Aust von seinem Austritt aus der evangelischen Kirche abhalten, ‘da ein Austritt ihm selbst unbedingt verderblich sein müsse, ganz abgesehen davon, daß im Kreise, namentlich im Bezirk seines Wohnorts die baptistischen Umtriebe bedeutend steigen werde. Man müsse daher mit dem Kranken Geduld tragen und (,) was möglich (,) zu seiner Heilung aufbieten.’ 

Am 14.November 1850 verfasst Eduard Horn einen Brief an die Regierung, um ‘gehorsamst‘ zu berichten: ‘Heute erschien bei mir der Schwiegervater des Aust, der Bauernwirth Gottfried Gnoss, um sich bei mir über das Benehmen seines Schwiegersohnes zu beklagen’. Gottfried Gnoss berichtet dem Pastor, sein Schwiegersohn ‘behandele nicht nur seine Frau in wirthschaftlicher roher Weise, sodaß dieselbe sich genöthigt gesehen habe, sein Haus zu verlassen und zu ihren Eltern zu gehen, sondern er verschleudere auch sein Eigenthum an … Personen, die er tagelang im Hause behält.’ Außerdem versuche er, auf alle nur mögliche Weise, andere für seine Sache zu gewinnen.

Um seinen Schwiegersohn daran zu hindern, diese Lebensweise fortzuführen, schlägt Gottfried Gnoss vor,den Aust Soldat werden zu laßen‘Dieser Gedanke scheint mir so originell …, daß ich es für meine Pflicht halte, ihn Ew. Hochwürden mitzutheilen’ fügt Pastor Horn seinem Schreiben hinzu.

Am 26. Oktober 1850 wird – in Anwesenheit des Pastors, des Schulzen Gegner und des Schulvorstehers Klein – in Worglitten verhandelt. Man versucht, Leopold Aust dazu zu bewegen, seine Lehrerstelle freiwillig aufzugeben. Aust erklärt jedoch, ‘daß er am 6ten October durch die Taufe den Baptisten beigetreten sei, daß er dennoch sein Amt nicht freiwillig niederlegen, sondern es auf ein amtliches Verfahren ankommen lassen wolle’.

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Am 6. Januar 1851 findet im ‘Königlichen Domainen Rent Amt Pr. Eylau‘ eine Anhörung Aust statt. Protokolliert werden zunächst seine Angaben zur Peron: ‘Ich heiße Friedrich Leopold Aust, bin 30 Jahre alt(,) in Boritten bei Schippenbeil geboren(,) wo meine Eltern noch als Bauersleute wohnen. Der erste Unterricht ist mir in der Schule zu Langanken, dann besuchte ich die Stadtschule in Schippenbeil, und als ich 16 1/2 Jahre gewesen war, bezog ich auf eigene Kosten das Schullehrer Seminar in Pr. Eylau, in welchem ich 1 3/4 Jahre verblieb, nach zurückgelegter Prüfung wurde ich als zweiter Lehrer in Beisleiden angestellt, nach Verlauf von 1 1/2 Jahren erhielt ich die Schullehrer Stelle in Worglitten, dies war im Jahre 1839.’

Anschließend schildert Leopold Aust die Beweggründe, die ihn veranlassten, sich der Baptistengemeinde anzuschließen: ‘Nachdem ich Gelegenheit hatte, eine Reihe von Jahren das kirchliche Leben der evangelischen Christen zu beobachten, fand ich, daß bei den Mehresten dasselbe mit der heiligen Schrift nicht übereinstimme, die Sonn- und Festtage werden nicht so geheiligt als die Schrift es gebietet, der Gottesdienst wird nicht allgemein besucht, während desselben und nach dessen Beendigung habe ich viele Arbeiten verrichtet gesehen, ebenso aber auch Krüge und Schankhäuser voller Menschen, die dort der Lust, dem Laster und der Trunksucht fröhnten; die Sündhaftigkeit der Menschen trat mir so recht vor Augen, die insbesondere durch die vielen Diebstähle, die zu meiner Zeit in der Gegend wo ich wohne, ausgeübt wurden, ich selbst bin mehr als siebenmal bestohlen worden, noch sehr vermehrt wurden; ich wurde mir bewußt, daß für diese Sünder von der evangelischen Kirche kein Heil zu erwarten sei, indem ich viele Geistliche beobachtet, aber bei den Mehresten gefunden habe, daß sie um die Sünder und die dem Gesetze Verfallenen sich nicht weiter gekümmert ….

Nachdem ich solche betrübende Erfahrung gemacht, hörte ich vor ungefähr 1 1/2 Jahren von dem Bund der getauften Christen der Baptisten. In dem Buche ‘Sackreiters Religionsgeschichte‘, welches zum Inventarium der Schule gehört, ist von den getauften Christen gesagt, daß ihr Lebenswandel lobenswerth ist; ich begab mich daraufhin nach Stolzenberg, wo bereits eine Gemeinde getaufter Christen vorhanden war, wollte ich ihre Lehre selbst anhören, von ihrem Glaubensbekenntniß, das mir gegeben wurde, mich unterrichten, auch solches mit den Lehren der heiligen Schrift vergleichen; ich fand auch, daß viele böse Menschen, Diebe, Trunkenbolde, Sabbatschänder, von den Lehren der Baptisten bekehrt worden waren. Ich fand nun in allem diesem die wahre Übereinstimmung mit der heiligen Schrift, wodurch ich nach langer vorhergegangener und reiflicher Überlegung mich bewogen fühlte, ebenfalls in den Bund der getauften Christen zu treten, dem ich seit dem 6ten October v. Js. angehöre’.

Ergebnis der Disziplinar-Untersuchung: Leopold Aust wird aus seinem Amt entlassen. In den Taufeinträgen seiner 1855 und 1858 geborenen Kinder wird er nicht mehr als Lehrer, sondern als ‘Einwohner in Worglitten‘ bezeichnet. Er verstirbt vor 1865 in Schönwiese.

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