Das Dorf Borken (Pr. Eylau) und sein Pfarrer um 1690

Aufzeichnungen des Pfarrers Hase über Verfehlungen seiner Gemeindemitglieder – Teil I (geschrieben von Helmut Ramm)

Am 9. März 1874 wurde in Preußen das „Gesetz über die Beurkundung des Personenstandes und die Form der Eheschließung“ erlassen. Ab 1. Oktober 1874 wurde dann durch dieses Gesetz für die preußischen Staaten die obligatorische Zivilehe eingeführt und die Führung der Personenstandsregister nunmehr den staatlich bestellten Standesbeamten zugewiesen. Aber kein Standesbeamter hat in seiner Amtszeit das aufgeschrieben, was uns der Pfarrer Hase in Borken, Pr. Eylau an Besonderheiten in seinem Kirchenbuch hinterlassen hat. Man meint, mit ihm gelebt zu haben.

Diese Kirche in Borken im Kr. Pr. Eylau in Ostpreußen, gelegen, war vorreformatorisch, das Patronat war königlich. Zur Kirche gehörten 3 Schulen und 4 Lehrer. Zum Kirchpiel gehörten: Borken Dorf und Gut, Ardappen, Lengen, Neusorge, Oberhausen, Paulienen, Pillwen, Schonklitten, Spittehnen, Tolks, (nur teilweise. Es gehörte auch teilweise zu Reddenau), Gr. Wolla und Kl. Wolla.

Der Pfarrer Hase stellt sich auf der ersten Seite seines Kirchenbuches mit folgenden Worten vor: ‚Tauff – Buch angefangen im Nahmen der heiligen und Hochgelobten Dreyfaltigkeit, wie ich Anno 1678 zum Pfarramt beruffen und Dominica 3tia Adventus dazu introduciret worden, von Daniel Haasen Pfarrern in Borcken‘.

Die Schrift dieses Pfarrers ist klar und sorgfältig und auch nach Jahrhunderten noch gut lesbar. Wie üblich sind in diesem Buch Taufen, Heiraten und Beerdigungen eingetragen. Dann hat aber Pfarrer Hase auf den letzten Seiten dieses Buches Nachrichten aus der Gemeinde aufgeschrieben und hier seine ganze Verdrossenheit zum Ausdruck gebracht und uns damit einen kleinen Einblick in das Leben in seiner Gemeinde und zu dieser Zeit gegeben.

Die Eintragungen der Taufen sind sehr ausführlich und führen alle Paten namentlich auf. Es passen meistens nur drei Eintragungen auf eine Seite des Kirchenbuches und auch die Wortwahl ist fast immer gleich. So lesen wir auf Seite 37 rechts, des Kirchenbuches:

Anno 1688, den 8ten May, am Sonnabend um 7 Uhr des Abends fürm Sonntag Jubilate, hat diese Mühseelige und jammervolle Welt erblicket, Peter Nieswands von Spittähnen, Söhnlein, so auf den 11. Dieses getauffet und Johannes genannt worden. Dessen Pathen sind gewesen 1. ) Michael Mayher, Pauer von Spittähnen; 2.) Mich. Schulz, P. v. Sp.; 3.) Valentin Niemann, P. v. Sp.; 4.) Michael Penck, P. v. Sp.; 5.) Dorothea, Pauer Köselnigs, Schulzen von Spittähnen, uxor,; 6.) Greger Eggerts, Pauren v. Spittähnen, uxor; 7.) Hans Schulzen, Pauer v. Sp., uxor; 8.) Elisabeth, P. v. Spittähnen, filia.

Die Liste der Paten war oft noch länger und ging bis zu 18 Personen bei den Bauersleuten und bei der Tochter Christina des Lehrers Nicolaus Bernhardi, die im Oktober 1679 „diese mühseelige und jammervolle Welt erblickte„, sind sogar 24 Personen verzeichnet. Dem Abschnitt Taufen schließt sich noch ein „Taufbuch der Unechten und Huren Kinder mit Aufzeichnung der unbußfertig gebliebenen und auß dem Kirchspiel entlauffenen, alß auch derer so sich bekehret und Buße getan“ an.

Die Einträge der Trauungen sind meistens kürzer als die Einträge der Geburten. So lesen wir den Traueintrag der Eltern des oben angeführten Johannes Nieswandt, auf Seite 99 und 100: ‚Anno 1685 d. 1ten January sind für Gott und diese Gemeine öffentlich zum ersten mal Proclamieret und aufgebothen worden, nehmlich der Ehrbare und wohlgeachtete christliche Gesell Peter Nieswandt von Spittähnen, mit der viel Ehr – und Tugendsamen Jungfrauen Elisabeth, des wohlgeachteten und Ehrbaren Christoph Eggert, Churfürstl. Landgeschworener und Inwohner zu Spittähnen, eheleibliche Tochter, und darauf von mir 8ten January allhier copulieret und getrauet worden‘.

Die Einträge für einen Sterbefall sind wesentlich kürzer gehalten. Sie beanspruchen durchschnittlich nur zwei bis drei Zeilen Raum. Nur gelegentlich beschreibt der Pfarrer hier etwas ausführlicher. So lesen wir auf Seite 118 den Sterbeeintrag der Ehefrau des vorhin erwähnten Christoph Eggert: ‚Anno 1679, den 24. April, Catharina Eggert, ux. d. Xtoph Eggert, Pauer in Sp. Mit einer Leichenpredigt‚.

Länger ist da schon der Eintrag auf der folgenden Seite, in dem es heißt: ‚Den 3ten January 1680 sind zwey tote Söhnlein von des Hans Reihmann, Schmied in Pilwen Eheweib, auf diese Welt geboren. Darunter das eine Monströse gewesen, indem es nur ein Auge, keine Nase und das rechte Fuhsblatt auf dem Schienbein gehabt hat. Gott behüte alle christlichen Eltern für dergleichen Mihsgeburten‘.

Und auf Seite 121 finden wir den Eintrag über eine bedauernswerte Frau.‚ Anno 1682 den 10. Marty, ist des Friedrich Suhrken Kind, welches seine Ehegattin Barbara, Michael Langhansen, gewesenen Schulten zu Rednau, Tochter, in ihrem linken Arm bei sich im Bett tot gefunden, begraben worden. Die Mutter hat Buße gegeben und einen Sonntag fürm Altar gestanden‘.

Auf den Seiten 71 bis 77 enthält diese Kirchenbuch die „Consignation der bösen und übelbeschienenen Menschen“, die dem Inhalt dieses Kirchenbuches einen besonderen Reiz verleihen.

Hier finden wir die Werturteile, teilweise recht drastischer Art, die Pfarrer Hase über manches seiner Gemeindemitglieder fällt. Da er auch sonst alles das, was Herz und Gemüt bedrückt, seinem Kirchenbuch anvertraut, es auch nicht unterläßt, sehr eingehende Schilderungen von Zauberei und Aberglauben zu bringen, kommt dieses einer heimatlichen Kultur und Sittengeschichte der letzten zwei Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts gleich.

Es liegt kein Grund vor, an der Wahrheitsliebe unseres Gewährsmannes zu zweifeln, doch darf nicht außer Acht gelassen werden, daß er stets in eigener Sache schreibt: in der Rolle des sich Beklagenden. Als solcher ist er jedoch nicht unbefangen und neigt zu arger Übertreibung. In Fällen höchster Wut läßt er sich zu Schimpfworten hinreißen, die drastischer nicht sein können.

Er hat in seinem Kirchenbuch nicht nur die Tauf-, Heirats- und Sterbefälle eingetragen, sonder daneben über fast 20 Jahre auch alle Ereignisse aus seinem Kirchspiel, die ihm wichtig erschienen. So können wir heute, nach über 300 Jahren, viel über das Leben in dieser kleinen Landgemeinde erfahren. Pfarrer Hase war am 20. März 1643 geboren und, wie weiter oben erwähnt, am 3. Advent 1678 als Pfarrer in Borken eingeführt worden. Er übte das Pfarramt fast 29 Jahre aus, ehe er am 17. 8. 1707 im Alter von 65 Jahren und 4 Monaten verstarb .

Sein Vorgänger, der Pfarrer Johannes Taeschner war 1678 verstorben. Er war 27 Jahre Pfarrer in Borken gewesen und hinterließ eine Witwe mit sieben, zum Teil noch minderjährigen Kindern. In einer Veröffentlichung von Carl Schulz in der Altpreußischen-Geschlechter-Kunde finden wir die Eingabe des Otto von Prömock erwähnt, der Erbherr auf Markienen und Borken und Kommandant der Festung Pillau war. Er schrieb an den Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. und erwähnte die kriegerischen Ereignisse in dieser Zeit. Die Schweden waren bis Schippenbeil, das nur 18 km östlich von Borken liegt, vorgestoßen und alle Bewohner hatten Angst, daß die Kriegsfurie auch zu ihnen kommen würde. Dieses traf dann aber nicht ein, weil sich der schwedische Vormarsch in südlicher Richtung fortsetzte. Otto von Prömock schreibt:

Es läßt der höchste Gott leider seine besonderen Zornzeichen unß in unser Vaterland spüren, in dem die Cron Schweden und ein starkes Kriegsheer über den Hals schicket, das wir nicht eine Stunde des Überfalls gesichert seyn….“ Er erwähnt hieran anschließend den Tod des Pfarrers Taeschner, der nach siebenundzwanzigjähriger Amtszeit in Borken eine Witwe mit sieben teils unerzogenen Kindern hinterließ und der in solch bitterer Armut starb, daß er auf Kosten der Gemeinde beerdigt werden mußte. Nach ihm hatte jener ,,bey dieser Borckischen Kirchen als ein getrewer SeeIsorger gehandelt, und ob er gleich zweymal Brandschaden gelitten, auch von der Soldateßca etliche mahl ausgeplündert worden, dennoch bey seinen Kirchspiels Kindern in äußerster Noth und Gefahr festen Fuß gesetzet, viel Unglück abgewand und nicht wie andere ausgewichen…“.

Des Gesuchstellers Bitte ging dahin, doch dafür zu sorgen, das die Witwe mit den vielen Kindern nicht aus der Widdem (Widdem = das, dem Pfarrer gewidmete Haus, also das Pfarrhaus.) ausziehen müsse, weil die Gemeinde zu arm sei, ein Häuschen für diese zu bauen,, noch vielweniger in der Lage wäre, ihr einen Unterhalt zu verschaffen. Im anderen Falle müßte die Witwe unter bloßem Himmel liegen, denn das Häuschen in Domnau, das dem verstorbenen Pfarrer einst gehört hätte, wäre neben andern schon längst in Rauch aufgegangen. Er rechtfertige seine Bitte auch damit, das die anderen adligen Kirchspielskinder und er allein die Kirche erhalten hätten, die sonst schon längst ein Steinhaufen geworden wäre, und fügt hinzu:

„… Sollte nun die Witwe und Waysen verdrungen, und Ein ander der annoch ledig und leichtlich anderswohin befordert werden kann, unß Kirchspiels Kinder unbefragt aufgedrungen werden, da würden wir Ursache haben, den Unterhalt des Herrn Pfarrern und der Kirche einzuziehen, waß das endlich für einen Außgang gewinnen würde, ist leicht zu ermessen…“. Der warmherzige Fürsprecher und Soldat zeigt sich dann zum Schluß auch als ein praktisch denkender Herr, der folgenden Vorschlag unterbreitet „…und ein gutes Vernehmen unter dem künftigen Herrn Pfarrer und Kirchspiels Kinder stiften helfen, und einen von des seel. Herrn Pfarrers Töchtern dabey erhalten, weyl (Gott sei Lob) noch feine gelahrte Leuthe vorhanden seyn, die dem Kirchspiel wohl vorstehen können, auch erbötig seyn eine von diesen gar tugendhafft erzogenen Kindern zu heyrathen, das die arme Witwe und Waysen so lange den Kopf unter das Dach stecken können, biß sie unter frembde Leuthe untergebracht werden mögen.“

Dieser, sicherlich gut gemeinte Vorschlag ging nicht in Erfüllung. Pfarrer Hase hat aber 2 Jahre später an einem Tage (2. Dezember 1680), gleich zwei Töchter seines Vorgängers in Borken ehelich eingesegnet. Das weitere Schicksal der Frau Taeschner und ihrer übrigen Kinder ist nicht bekannt. Die v. Prömock besaßen einst das Patronat der Kirche zu Borken, verloren dieses jedoch zur Zeit des samländischen Bischofs Tilemann Heshusius. Trotzdem blieben sie ihrer Kirche auch weiter wohlgesinnt und ließen ihr wiederholt, wie schon Otto von Prömock richtig erwähnte, wertvolle Stiftungen zukommen. 1665 hatte dieser einen Hubengarten nahe der Widdemschen Scheune dem Pfarrer Taeschner zur Nutzung geschenkt, welche der Widdum zum ewigen Gedächtnis verblieb. Als es sich jedoch herausstellte, das dem bekannten Antrage der gewünschte Erfolg versagt blieb, geriet Georg Friedrich, ein Sohn des Stifters, derart in Erregung, daß er noch vor Ankunft des neuen Pfarrers den Zaun des geschenkten Gartens niederreißen ließ. Wer von den Bauern nicht mit Hand anlegen wollte, wurde von dem Verwalter gezwungen, seine Axt im Kruge für ½ Taler zu versaufen.

Pfarrer Hase war das, was man seinem Vorgänger nachrühmte, ein Mann „festen Fußes“, jedoch eine Kampfnatur, die zum Angriff neigte; im Streit um sein vermeintliches Recht ein zäher und verbissener Gegner. Seine auffallend saubere Schreibweise, die Art seiner umständlichen Darstellung, in der belanglose Einzelheiten unnötig breit geboten werden, zeigen das Spiegelbild eines peinlich genauen Mannes – den Dorfgeistlichen als peinlich genauen Verwaltungsbeamten. Er liebte es, andern ihre Fehler von vermeintlicher Höhe aus mit breitem Gerede vorzuhalten, was die Gegenseite – Adel, Bauern und Knechte – mit Haß und offener Feindschaft beantwortet. Sein Trost, auch angesichts des Todes, hat einen bittern Beigeschmack. Er selbst schildert uns recht anschaulich sein nicht gerade taktvolles Verhalten an einem Sterbelager, schon wenige Monate nach seinem Dienstantritt:

„Anno 1679 d. 11. Junij, ist mit schlechten Zeichen der Buße Daniel Romahn, Schulz von Pillwen, gestorben, nachdem Er fast in die anderthalb Jahr sich nicht des Heiligen Abendmahles gebrauchet hatte, und noch für seinem Ende, den Tag zuvor, nehmlich den 10. Junij, des Abends gar späht auf Vorsorge seines Sohnes zu ihm geholet ward, das er sich noch des Heil. Abendmahles gebrauchen möchte, da hab ich Ihn zuerst nach scharfer Correction gefraget, ob er wol hoffe die Seeligkeit zu erlangen, hat geantwortet: Da tru eck wol schwer hen to kamen. (ostpr. Plattdeutsch = Da trau ich wohl schwer hinzukommen.) Worauff nach dem ich nach vielen Anhalten und Gebeht Ihn endlich noch so weit geändert, das er noch das heil. Abendmahl auff Gewißheit seiner Seeligkeit empfangen. Ist darauff d. 14. Junij mit einer Leich-Predigt, denen andern zur Warnung auß dem Text: Spahre deine Buße nicht biß du krank wirst, begraben worden, im 76. Jahr seines Alters.

Der Pfarrer wachte mit Argusaugen über Moral und Sittlichkeit. Ihm sind die lärmenden Bauern und Knechte im Kruge der Familie v. Prömock, (Die v. Prömock (auch Prembock genannt), ein alteingebornes preuß. Adelsgeschlecht, das um 1780 erlosch.) die an den Sonntagsnachmittagen saufen und sich raufen, die nachlässigen Kirchgänger, besonders aber die säumigen Abendmahlsgäste, erst recht jedoch die Väter und Mütter der unehelichen Kinder ein Dorn im Auge. Er ladet solche Sünder vor „sein Ambt“ um ihnen durch stundenlange Verhöre Schuldbekenntnisse herauszulocken, deren Niederschriften viele Seiten des Kirchenbuches ausfüllen. Um die „geärgerte“ Gemeinde zu versöhnen, mußten die Betreffenden dann an eins bis drei Sonntagen entweder neben der Kanzel oder dem Altar stehen und still und ergeben eine Predigt über sich ergehen lassen, die für sie sicherlich nicht erbaulich war. Hierzu kam noch eine an die Kirchenkasse zu zahlende Geldbuße. Selbst zugetragener Klatsch genügte manchmal schon, daß solch ein Receßus im Kirchenbuch entstand.

Einmal erlebte Hase den Ausnahmefall, daß ihm für seine gehabte Mühe bei der Heiratsvermittlung ein verstimmter Verlobter und Doktor auf schriftlichem Wege, wenn auch äußerst unfreundlich, dankte. Wir lesen hierüber folgendes: ‚Anno 1695 d. 28sten Aprill, am Donnerstag vor dem Sonntag Cantate sind im Nahmen der Heiligen und Hochgelobten Dreyfaltigkeit im Hoff zu Pillwen Ehelich von mir zusammengegeben und copuliret worden, Tit: Herr Doktor Johannes Stanislaus Kalinsky, mit Frauen Rahel, Legitimirten und gebohrenen von Hüllen, und Seel. Tit: Herrn Jacob Calenders, deß Peinlichen Hoff Halßgerichts Secretarius extraordinarius und des Schloß Ambt Schreibers Adjunctus Wittibem, welche da sie nach 14 Tagen Ihres seligen Mannes Tode, wie sie Ihn zu Königsberg auffem reformirten Kirchhoff begraben laßen, solchen Doctoren Johannem Stanislaum Kalinsky bald wiederumb Ihr zugeleget, und mit sich gebracht und erstlich blind fürgegeben, alß wer Er ein Käuffer, der das Gut Pilwen an sich bringen und kauffen wolte. Nachmahlen aber ist ihr Fürhaben dahin gediehen, daß Guth und Frau von obgedachtem Herrn Doctor erkauffet worden und an ihn gefallen. Wie nun aber sie sich so lange aufgehalten, und ungetrauet in einem Hause zusammengelebet, hab ich solches nicht weiter ihnen zusehen wollen. Derohalben ich sie getrieben und gezwungen, obgleich ich vorauff eine lästerliche Schmähschrift von dem Doctor bekam, daß sie mußten einen Churfürstlichen Befehl mir bringen, damit sie also „intra annum luctus“ köndten getrauet werden.“

Das Gut Markienen, auf dem die v. Prömock saßen, gehörte kirchlich zur nahegelegenen Stadt Bartenstein, und so kam es, daß ihre Untertanen aus Borken sich das Abendmahl lieber von der Bartensteiner Geistlichkeit reichen ließen, die weniger engherzig dachten. Den Abendmahlsgästen folgten bald die Hochzeitspaare. Die Frau von Prömock war hierbei gerne behilflich, was wir aus folgender Eintragung entnehmen.

„Anno 1680 den 1. Jannuary hat sich im Nahmen der Heiligen und hochgelobten Dreyfaltigkeit zum 1. mal allhier öffentlich proklamieren und aufbieten lassen, der Ehrbare und wohlgeachte Sebastian Kosaack ein Witwer und Pauersmann allhier zu Borken mit der viel Ehr- und Tugendsamen Jungfer Ursula des seel. Jacob Gußken in die 15 Jahr hero treu fleißig gewesenen Kirchen Vaters allhier nachgebliebene ehliche Tochter so biß dahero in treuen und aufrichtigen Diensten bei Ihre Gnaden der Frau Oberst v. Prömockin. Sind darauf den 8. January ganz liederlich und unverantwortlich mir auß dem Kirchspiel de facto von der Frau Oberst von Prömockin in den Marckinischen Hoff genommen und da von dem Polnischen Diacono aus Bartenstein Nahmens Christophoro Boretio copuliret und getrauet worden. Gott vergelte dem, der sie getrauet alß der, so sie mit Gewalt aus meinem Kirchspiel genommen, alß auch denen, so sich also unordentlich trauen laßen, nach ihrem Wercke. Amen!

Da sich die Fälle dieser Art mehrten, richtete Haase einen besonderen Abschnitt im Kirchenbuche ein mit der Aufschrift: „Receßus wegen der Kirchen und Ambtseingriffe, so geschehen von denen Bartensteinischen Priestern auch wegen der Gezeugniß, darnach sie die Leut übersetzet“, der vier Seiten ausfüllt. Nachstehend einige bezeichnende Beispiele aus diesem Abschnitt:

„… Anno 1684 d. 14. Aprill hat Herr Christian Haagen, deutscher Caplan zu Bartenstein, ohne mein Vorbewußt und Consens, einen Soldaten zu Spittehnen der Polnisch soll gewesen sein, Ihn aber nach seinem zugestandenen Geständniß deutsch soll absolviret und communicieret haben, mit dem heil. Nachtmahl versehen. Dawider ich Ihm einen harten schriftlichen Verweiß, den er als einen warmen Putterweck (Buttersemmel) verschlungen, zugeschickt und Ihn dem Consistorio bedrohet.

“Anno 1684 d. 22. Novembris hat Herr Martin Babatius Erzpriester einem Instmann von Spittehnen, der noch nicht 7 Wochen sein verstorbenes Weib betrauert, wider mein Consens und protestation aufgebothen, Ihn aus meinem Kirchspiel zu sich gerissen und ihn gewaltsamerweise zu Bartenstein copuliret“.

„Anno 1695 d. 20. January hat Herr Christian Haagen, deutscher Caplan zu Bartenstein, von Michael Kleinen einem Zimmermann zu Borcken für ein Gezeugniß Ihm geben lasen 1 Scheffel Haber.“

Aus dem Inhalt der übrigen Eintragungen ist bemerkenswert, daß ihm von allen Amtsbrüdern der vorhin genannte Caplan Haagen am meisten verhaßt war. Diesen bezeichnet er vielfach als „gewissenlos“ oder als Mann mit einem „breiten Gewissen“. Bei seinem nächsten Vorgesetzten, dem Erzpriester Babatius, stellt er mit bedauern fest, daß dieser seine Beschwerdebriefe unbeantwortet läßt. Aber nicht alle hatten die Ruhe des Babatius, und es gab im Kirchspiel Borken zwei adlige Familien, nämlich die v. Prömock und die v. Helmich-Gottburg, (ein Preußisches Adelsgeschlecht, das um 1730 erlosch. (Abtl. Adelsarchiv im Pr. Staasarchiv zu Königsberg i. Pr.)) die ihre Feindschaft ganz offen zu Tage trugen.

Wir wissen bereits, dass Georg von Prömock, der spätere Erbherr von Markienen und Borken, schon 1678 die Feindseligkeiten mit dem Abbruch eines Gartenzaunes eröffnete. Diese Feindschaft endete stimmungsvoll mit einer Versöhnung, als im November 1691 der Tod den v. Prömock im besten Mannesalter abrief. Nur ganz kurz erwähnt der Überlebende das gespannte Verhältnis beider, um dafür um so ausführlicher die letzten Stunden seines Gegners zu schildern, der: „…in seiner höchsten Schwachheit und Ohnmacht von Gott erleuchtet sich mit mir ausgesöhnet, in dem Er mit wahren Zeichen der Buße und Beicht des armen Zöllners, sprachlos mit seiner linken Hand sich an die Brust geschlagen, von mir das Heilige und Hochwürdige Abendmahl 3 Tage vor seinem Ende würdig empfangen“. Es klingt zunächst wie eine Kleine Schadenfreude, wenn er ergänzend bemerkt, daß der Erzpriester Babatius; …nicht allsobald zur Hand gewesen, sondern geschlafen, die hohe Noth aber erfordert, daß ich ihm solches eyligst, damit er nicht wieder von dem Gedanken abkähme, das seelige Viaticum geben mußte„. Seine weiteren Worte: „…sine despectu et praejudicio Domini Archipresbyteri, uti verissimi novit Devus“ lassen diese Annahme aber nicht zu. 1694 folgte die Frau Maria Elisabeth v. Prömock, eine geb. v. Kanitz, ihrem Gatten im Tode nach. Ihr ausführlicher Nachruf berichtet wieder von Feindschaft und Verfolgung, die derart war, daß Pfarrer Hase die Hilfe des Kurfürsten hatte beanspruchen müssen. Friedrich v. Prömock, ein Sohn des soeben genannten Elternpaares, stand mit unserem Pfarrer auf so schlechtem Fuß, daß er diesen gerichtlich verklagte, und obwohl das Urteil aufgab, der „…Pfarrherr solle sich aller Gebühr verhalten. So hat er doch deroselben im geringsten nicht nachgesetzet, sondern sobald er auf die Kanzel kommen, im offenen Gebeth die Gemeine zur Danksagung vffgemahnett, dieweil er das recht, darinnen ihn böse Leute geführett, gewonnen hette. Weil denn mehr solches vnzeitig triumphiren und gloriiren, welches mihr bey meinen Unterthanen auch vielen einen großen Stoß gegeben…“

Auch das Dazwischentreten des Hauptmanns v. Eppingen konnte hieran nichts ändern. Hase lehnte diesen ab, weil er keinem Hauptmann, sonder der geistlichen Obrigkeit, unterworfen wäre, und jener mußte berichten, daß er mit diesem „trotzigen“ Manne nichts anfangen könne. Merkwürdig bleibt jedenfalls, das es der Mutter dieses Adligen gelang, dem Pfarrer die Abwehr aufzuzwingen, dieser es jedoch verstand, die Rolle zu wechseln. Bei der Taufe des mit einer Hasenscharte geborenen Christian Gottlieb, eines Sohnes des Oberstleutnants Andreas Friedrich v. Hellmich-Gottburg, (v. Hellmich- Gottburg lag 30 Jahre im Prozeß mit dem Vormund seiner Ehegattin und deren 9 böswilligen Schuldnern und ging hierdurch zugrunde. Nach Haase verlor er seine Pilweschen Güter im Mai 1693.) im September 1689, glaubt Hase: „…der liebe Gott habe an solchem unschuldigen Kindlein seine Zeichen gewiesen“. Dem Vater sagte er auch, das dieser ihn „hefftig verfolget und bey Gerichten Schimpflich angetastet„.

Ein guter Menschenkenner kann unser Seelsorger nicht gewesen sein, denn öfter wiederholte Vermerke klären uns darüber auf, wie viele seiner Knechte ihm entliefen, und schon im ersten Amtsjahr, klagt er, daß sein Knecht kaum acht Wochen im Dienst geblieben und mit 15 Mark entlauffen sei. Die Flucht eines seiner Dienstmädchen fand einen dramatischen Abschluß und gibt uns überdies einen gelegentlichen Einblick in das häusliche Leben der Borkener Widdem: „Anno 1688 ist Greger Geilowsken Hirths von Borcken Tochter, so sich bey mir als Magd vermietet, mit Namen Dorothea, als wie eine treulose verlauffene bettseicherische Hure, von mir außem Dienst gelauffen, so aber vor allem meinem Gesinde mit 3 Schlägen aufm Hindersten, zur Schande ist abgestrafet worden. Ist endlich zu Königsberg im Pregel versoffen.“

Dass Bauern mit Weib und Kind aus dem Bereich der Lehnsherrschaft weggelaufen sind, finden wir an anderer Stelle des Kirchenbuches ebenfalls. Aus welchem Grunde dies manchmal geschah, mag die folgende Eintragung beweisen: „Anno 1693, Der Hans Engelbrecht und Hans Apfel, beide Bauern zur Großen Wolla unter Herrn Meyer von Glaubitzen, Erbherr auf Beisleiden, an einem Sonnabend in den Pilwer Wald gefahren und Eichen in der Nacht gestohlen, sind ihnen darauf Pferd und Wagen von dem Pilwischen Herrn, nämlich Herrn Secretario Jacob Calendern genommen worden. (Leider sind hier einige Stellen im Kirchenbuch nicht mehr lesbar) ... und über sie, nachdem (sie) von ihrem Herrn, dem Meyer von Glaubitzen dergestalt gestrafet worden, daß er sie mit eisernen Flegel hat schlagen lassen, so daß sie beide hart darnieder im Bett liegen. Es heißt weiter: Nachdem, wie sie zurecht kommen… und solche beyde gottlosen…, da sie zuvor hie communicieret, darauf mit Weib und Kindern weggelaufen“.

Die Entfernung bis zum Bistum Ermland, das zum Königreich Polen gehörte, betrug auf direktem Wege nur wenige Kilometer und war in 1 Stunde mit Pferd und Wagen zurückzulegen. Die Grenzkontrollen werden in damaliger Zeit nicht sehr streng gewesen sein. Es ist öfter vorgekommen, das Leute ins Bistum entwichen.

Für seine Schwarmgeisterei spricht seine zwei Seiten umfassende „Erzehlung einer wahrhaften Begebenheit, so sich mit Maria Schönenbergs, eines Böttchers Tochter aus Bartenstein Ehegenoßin begeben und zugetragen.“ Es sei hier kurz erwähnt, daß diese, fromme Lieder singende Böttchersfrau in ihrem Garten von zwei schlohweißen Tauben besucht wurde, deren eine ihr folgenden Befehl ins Ohr sagte: „Du sag der Obrigkeit, daß sie befehlen, das sie die Phantangen ablegen und die Mägde die Hauben.“ Diese göttlichen Friedensboten wiederholten ihren Besuch und führten stets religiöse Gespräche mit der Schönenberg, die deshalb schon fürchtete, für eine „neue Prophetin“ gehalten zu werden. Die Tauben verabschiedeten sich schließlich mit der Botschaft: „Frewde, Frewde hastu zu erwarten.“

Diese kurze Zusammenfassung soll uns genügen und wir lenken noch einmal unseren Blick nach der Wirkungsstätte unseres Pfarrherrn, dem alten Kirchlein zu Borken. Noch bis 1945 grüßte uns dort das lebensgroße Bild des Pfarrers Daniel Haase, jenes trotzigen Mannes, der aufrecht und furchtlos im Namen der heiligen und hochgelobten Dreieinigkeit sprach und wirkte.

Dass der Pfarrer Haase es aber verstand, für seine Kirche Freunde und Wohltäter zu gewinnen, beweist der Umstand, daß unter seiner Leitung in den Jahren 1685 – 1688 der Kirchturm zu Borken ganz aus milden Spenden von Grund auf neu errichtet werden konnte.

Die Seiten 71 bis 93 im Kirchenbuch von Borken, auf die sich dieser Bericht bezieht, wurden von mir im Sommer 2001 übertragen. Sie sind in der alten deutscher Schrift (Sütterlin) geschrieben und bis auf einige wenige Stellen durchweg gut lesbar. Diese Übertragungen, wurden, wo es mir nötig erschien, mit Anmerkungen und Fußnoten versehen. Wir lesen sie auf den folgenden Seiten ….. (weitere Teile folgen)

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3 Antworten zu Das Dorf Borken (Pr. Eylau) und sein Pfarrer um 1690

  1. erich pietsch sagt:

    Betr.: Kirchenbuch Borken.
    Wie kommt man an die Daten aus dem Kirchbuch v. Borken, – 2te Hälfte 1800?
    Vorfahren mütterlicherseits stammen aus dem Kreis Pr. Eylau.
    Es sind Maria Sommerfeld geb. Pohl. Geboren am 23.10.1874 und Friedrich Sommerfeld, geb.Datum ? Beide aus dem Umkreis von Spithenen, Borken, Sortlack.
    Habe als Kind in der Dorfkirche zu Borken den Einmarsch der R. Armee erlebt.
    Sämtliche Daten über die Großeltern fehlen uns!
    mfg.
    Erich Pietsch
    geb. in Bartenstein

    • Irmi Gegner-Sünkler sagt:

      Hallo Herr Pietsch –

      von Borken sind relativ viele Kirchenbücher erhalten. Ich habe sie hier zusammengestellt: https://www.genealogie-tagebuch.de/?p=933 – Sie können dort auch nachlesen wie Sie diese Bücher bestellen und in einer Forschungsstelle der Mormonen (in Ihrer Gegend) einsehen können.Ich selbst habe auch Vorfahren, die dort in der Region lebten – in Spittehnen – und in Borken getauft wurden. Im Juli dieses Jahres bin ich dort gewesen und habe mir auch die traurigen Reste der Kirche von Borken angesehen.

      Herzliche Grüße von Irmi Gegner-Sünkler

  2. Jochen Völkner sagt:

    Hallo Irmi
    mit Interesse lese ich von Zeit zu Zeit Ihre Tagebucheinträge – wirklich spannend!
    Selbst forsche ich nach Ahnen VÖLKNER (auch mit OE und/oder CK geschrieben) aus der Gegend von Bartenstein Kreis Pr. Eylau – primær in den Orten Spittehnen, Kirschitten, Reddenau, Borken u.a., darüber hinaus noch in Königsberg. – Haben Sie evtl. Daten vorliegen, die mir weiterhelfen könnten?
    Viele Grüsse aus Vejle/DK
    Jochen Völkner

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