Familie Kischke in Landsberg, Pr. Eylau

In der Mitte des 19. Jahrhunderts leben in der Geburtstadt meines Großvaters Carl Ludwig Gegner – der ostpreußischen Stadt Landsberg im Kreis Pr. Eylau – zwei Kischke-Brüder, die ursprünglich aus Labiau stammen: Johann Daniel Abrecht und Johann Gottlob Lebrecht Theodor Kischke. Dies sind ihre Taufeinträge aus dem Kirchenbuch von Labiau.

KB Labiau – Taufeinträge der Kischke-Brüder: 1787 und 1789

Ihr Vater Johann Jacob Kischke (zeitweise Kiszke geschrieben) ist Großbürger, Gewürzhändler u. Ratsverwandter in Labiau – ihre Mutter Heinriette Lebrecht Schulz ist seine 2. Ehefrau, die er nur wenige Monate nach dem Tod der ersten Gattin (Sophia Dorothea (Bülowius) Bylovius – + Mai 1786) am 6.9.1786 in der Königsberger Junkergasse, im Haus des Herrn Kressing, geheiratet hatte.

KB Königsberg Löbenicht 1786 – Heiratseintrag

Sohn Johann Daniel Albrecht Kischke kommt am 21. September 1787 in Labiau zur Welt. Er ist 23 Jahre alt, als er am 3. Oktober 1810 in Landsberg mit Barbara Gertrude Neumann die Ehe schließt.

Barbara Getrude Neumann – die jüngste Tochter des Zintener Großbürgers und Kürschnermeisters Johann Jacob Neumann und dessen Ehefrau Suanne Busau – war bereits zweimal verheiratet. Ihre erste Heirat findet 1805 in Landsberg mit Johann Siemon Brusewitz statt, dortigem Großbürger, Brandtweinbrenner u. Schmiedemeister, der jedoch bereits wenige Monate nach der Eheschließung verstirbt. Ihr zweiter Ehemann wird Johann Jacob Aglester, der 1780 als Sohn des Mühlenmeisters Friedrich Aglester und dessen Ehefrau Maria Elisabeth Braxein in Gr0ß Peisten das Licht der Welt erblickte. Hier besteht eine Verbindung zu meinen eigenen Vorfahren, denn Maria Elisabeth Braxein ist eine Tochter aus der 1. Ehe meiner Vorfahrin Dorothea Reuter aus Pompicken ….

Johann Daniel Albrecht Kischke lebt zunächst als Bürger und Brandweinbrenner in Landsberg – 1815 wird er als Ratsmann genannt – am 17.12. 1819 erstmals als Landsberger Bürgermeister vereidigt. Dieses Amt übt er zunächst für 6 Jahre aus.

Die Kischke-Familie vergrößert sich. Von 1811 bis 1822 werden in Landsberg 5 Kinder geboren – Tochter Heinriette Susanna Barbara Kischke heiratet 1840 den Bartensteiner Stadtschullehrer Friedrich Gotthard Ranisch – Tochter Julie Jacobine Hedwig Kischke wird 1851 die Ehefrau des Landsberger Kaufmanns Gustav Adolph Moeck – Sohn Johann Friedrich Leberecht wird 1839 als künftiger Mathematiker unter den Studierenden der Königsberger Albertina aufgeführt.

  • 1838 verstirbt Johann Daniel Albrecht Kischkes Ehefrau in Landsberg an Nervenfieber.
  • 1841 wird Kischke für weitere 6 Jahre zum Bürgermeister gewählt.
  • 1842 heiratet er im Alter von 53 Jahren Ernestine Wilhelmine Henriette Seydel aus Petershagen, die Tochter des dortigen Pfarrers Johann Geoorge Seydel.
  • 1846 heißt es in der Landsberger Chronik: ‚Die Frau Bürgermeister Kischke, welcher von hiesiger Behörde die Leitung der Armenpflege anvertraut war, hat sich besonderen Dank hierbei erworben und ist ihr daher ein belobendes Anerkennungsschreiben von der Königlichen Regierung dafür übersandt worden.‘
  • auch 1847 wird Kischke für weitere 6 Jahre zum Bürgermeister gewählt

Besondere Ereignisse zu seiner Amtszeit:

1842 wird in Landsberg ein Königliches Salzmagazin eingerichtet – ab 1843 findet an jedem Feiertag ein Wochenmarkt statt – eine anhaltend nasse Witterung im Jahr 1844 führt zu schlechter Ernte – Missernte auch im folgenden Jahr – zusätzlich sind die Kartoffeln von einer Krankheit befallen – ärmere Bewohner leiden Not und Hunger und müssen unterstützt werden – 1845 begint der Bau der Chaussee von Landsberg nach Pr. Eylau – am 18. Mai 1845 feiert die Schützengilde das 200-jährige Jubelscheiben-Schießen – das alte Rathaus wird abgebrochen, ein Neubau wird begonnen – am 2. Juni 1846 findet auf dem Marktplatz eine große Feier statt, denn der König hat der Bürgerschaft zum Andenken an das Jubiläum der Schützengilde eine neue Fahne geschenkt – 1847 folgt das dritte Notjahr – die Preise der Lebensmittel steigen von Monat zu Monat – der Rathausbau wird beendet – in der Grünwaldschen Vorstadt gerät eine Scheune in Brand, auch zwei nahe stehende Häuser werden ergriffen – eine neue Feuerordnung wird erstellt – die Separation der Felder wird abgeschlossen – im Dezember 1847 ein erneuter Brand: am Damm des Töpferteichs werden 16 Scheunen mit Getreidevorräten vernichtet … (Quelle: Stadtchronik von Landsbberg)

Es folgen weitere unruhige Zeiten …

Um diese Zeit in die Geschichte meiner Familie einordnen zu können, überlege ich, in welcher Situation sich meine dort lebenden Vorfahren befunden haben mögen … Vor allem Friedrich Westphal und seiner Ehefrau Anna Carolina Gutt werden die Notjahre ganz besonders zugesetzt haben. Sie leben unweit von Landsberg entfernt, in der Mühle von Groß Peisten. Als Mühlenbesitzer ist Friedrich auf Getreide angewiesen – wird ihm keines geliefert, ist er arbeitslos. Es wird der Familie nicht gut gegangen sein! Anna Carolina verstirbt im Oktober 1848 in der Mühle an der Cholera Friedrich nur wenige Monate apäter an Entkräftung.

Straßenkämpfe am Alexanderplatz in Berlin im Jahr 1848 während der Deutschen Revolution

Das Jahr 1848 ……

In der Chronik ist zu lesen: 1848 ist ‚ein höchst denkwürdiges Jahr in der Geschichte Preußens. Am 18. März brach in Berlin eine blutige Revolution aus, welche das absolute Königsthum zu Grabe trug, und ein constitutinelles Regiment herstellte. Alle Gemüther waren erregt und da auch hier viel Unruhe war, so musste der Bürgermeister (Kischke) auf die Sicherheit seines Eigenthums bedacht sein; zu diesem Zwecke wurde eine Bürgerwehr organisiert, zu welcher sämtliche rüstige Bürger herangezogen wurden.

Die Schützengilde, mit Büchsen mehrentheils bewaffnet, bildete die erste Compagnie des Bürgerbataillions. Die beiden anderen Compagnien waren mit Bajonettgewehren, welche aus dem Königlichen Arsenal zu Pillau entliehen und mit Lanzen armiert. Commandeur des Bataillions war der Kaufmann Albert Ohlenschlaeger, ein militärisch geübter energischer Mann, welcher – nachdem später die Bürgerwehr aufgelöst wurde – als Commandeur der Schützengilde verblieb.

Es bilden sich hier wie an anderen Orten politische Vereine. Die meisten Bürger, namentlich die intelligenteren Leute, gehören der liberalen Partei an. Wenngleich ein großer Jubel sich darüber kund gab, dass dem Lande eine Verfassung zu Theil geworden, so war das Jahr 1848 doch ein recht trauriges, denn Handel und Gewerbe lagen vollständig darnieder Zu allen den stürmischen Ereignissen dieses Jahre wankte die Treue zum angestammten Herrscherhause durchaus nicht …


Am 2. April 1848 nimmt Bürgermeister Kischke in Berlin an der Sitzung des Landtags teil. (Mit einem Klick auf das Bild sollte man bei dem Buch landen!)

Der Landsberger Chronist bemerkt dazu: ‚Kischke war kein großer Heres in der Politik(,) aber er hatte Ruf … er folgte den Landtags-Debatten und stimmte gewiß verstandesgemäß ab, obgleich er nach seiner Nachhausekunft aus dem Landtage zur Einsicht gekommen war, selbst vor uns bekannte: Es gehöre zu einem Landtags-Abgeordneten doch mehr als ein fließend Schwatzen und das eigene Bekenntnis ehrten wir an dem Manne.

Sonst war Kischke in unserer Stadt nicht gerade eine persona grata. Sein Character war herrisch und intrigant, keinen Bürgermeister litt er neben sich, so den allgemein geliebten Bürgermeister Engelbrecht, ferner den von der Regierung hergeschickten und später gewählten Bürgermeister Albrecht, mit dem Beinamen ‚Krummstiefel‚, bis er selbst Bürgermeister wurde und dann bald als Schwiegersohn des alten Pfarrers Seidel-Petershagen (am 8. Mai 1850) starb…

KB Landsberg 1850 – Sterbeeintrag von Daniel Albert Kischke

Der Chronist schildert zudem dies: ‚Kischke stammte aus den litthauischen Familien Tilsits und Insterburgs her – und er erzählte mir einmal über seine eigene Abstammung folgende Geschichte: Mein Großvater stammt eigentlich aus Kurland (Rußland) her. Als es im vorigen Jahrhundert noch keine Kaufstraßen, Chausseen, gab, ging der Weg von Kurland bis Memel längst dem Ostseestrande – von Memel bis Königsberg sogar über die Kurische Nehrung. Ein paar Tilsiter Kaufleute trafen einmal auf einer ihrer Strandreisen von Kurland nach Memel hin in einem Strandwäldchen einen verirrten 3- oder 4-jährigen Knaben an. Aus diesem Knaben aber war weder Name noch Geburtsort herauszubekommen und alle Mühe, ihn wieder loszuwerden, war vergebens. Daher nahmen sie den Knaben mit nach Tilsit, ließen ihn gut erziehen und gaben ihm den Namen Kischke d.h. aus Litthauisch Hase, weil sie ihn im Walde wie einen Hasen gefunden.

Von diesem an der Ostsee aufgefundenen Knaben wollen nun alle zweibeinigen Kischkes Litthauens abstammen und also unser Bürgermeister Kischke auch‘. (Ob man das glauben kann???)


Auch Johann Gottlob Lebrecht Theodor Kischke – der 1789 in Labiau geborene Bruder des obigen Bürgermeisters – lässt sich in Landsberg nieder. Bei seiner Eheschließung mit Heinriette Busau in Landsberg am 24. Mai 1819 ist er 30 Jahre alt und wird als Bürger und Höker bezeichnet.

‚Kischke, Johann Theodor, Bürger und Höker alhier mit der Jungfer Heinriette Busau, des noch lebenden Bürgers und Schneider Meisters Johann Jacob Busau ehel(ichen) einzigen Tochter …‘

Theodor Kischke hat ein äußerst abenteuerliches Leben hinter sich, als er letztlich in Landsberg landet. Nach seinem Tod (1865) widmet ihm der damalige Pfarrer Westphal eine ganze Seite im Kirchenbuch und berichtet:

KB Landsberg 1865

Der in diesem Todtenbuche, Jahrgang 1865 Seite 281 No 58 aufgeführte Theodor Kischke, war der Sohn eines Apothekers in Labiau. Letzterer wurde wegen seiner Kenntniß der polnischen u. russischen Sprache Bürgermeister in Bialystock, wo der Sohn die Handlung erlernte.

1806 trat derselbe beim Ausbruch des preußischen Krieges gegen Napoleon freiwillig in das Regiment v. Plaetz ein, kam nach Pillau und wurde nach hartneckigem Kampfe auf dem Wege nach Danzig mit vielen seiner Cameraden von den Franzosen gefangen genommen, nach Frankreich transportiert u. hier gezwungen, in französische Dienste zu treten. 1807 marschirte er mit dem 5ten Chassier-Regiment nach Spanien und kam nach Madrid.

Joachim Murat (Wikipedia)

1808 beim Ausbruche des Spanischen Krieges diente er unter dem von Joachim Murat formirten … Regiment und trat mit demselben den Rückzug bis nach Neapel an, wo Murat König wurde. In Neapel blieb er bis 1812. Dann ward er beim Ausbruche des russischen Krieges nach Triest umgeschifft. Von da schloß er sich den österreichischen Truppen an und kam bis Poltava.

Im November erfolgte der Rückmarsch bis nach Galicien, jedoch nur von den Österreichern, sein neapolitanisches Regiment unter Le Grand ging nach Warschau. Hier verließ er die neapolitanischen Truppen u. trat in preußische Dienste, kam nach Breslau und trat in das pommersche Husaren-Regiment ein, machte den ganzen Feldzug mit, kämpfte in den Hauptschlachten, marschirte mit nach Frankreich bis Castre im October 1814, kämpfte 1815 bei Ligny u. Belle Alliance u. kam zum zweiten Mal nach Paris.

Schlacht von Ligny (Wikipedia)

Bei Versailles wurde er stark blessirt, von einem französischen Kaufmann aufgenommen u. verpflegt, dann nach seiner Genesung nach Longvic geschickt u. dem 7ten Dragoner-Regiment beigegeben.

Nach dem Kriege blieb er bis 1817 in Tionville (Thionville) stehen, wurde dann als halber Invalide in die Heimath entlassen, mußte in Halberstadt wegen eines Augenübels ins Lazareth und kam endlich im März 1818 in Königsberg an, wo er entlassen wurde.

Er ließ sich dann hier in Landsberg als Kaufmann nieder, bis er sein Geschäft in späterer Zeit aufgab u. in stiller Zurückgezogenheit lebte bis an seinen Tod. Er sprach 6 Sprachen: deutsch, polnisch, russisch, französisch, spanisch, neapolitanisch, war ein Mann von kirchlichem Sein und starb im Glauben an seinen Erlöser. Westphal, Pfarrer

KB Landsberg – Sterbeeintrag von Theodor Kischke – er wurde 73 Jahre und 7 Monate alt
und war 47 Jahre verheiratet.

Auch Theodor Kischke wird in der Landsberger Chronik erwähnt. Dort heißt es:Theodor Kischke, der hier zuletzt in dem sogenannten Zanderschen (seines Schwiegersohnes) Haus am Markte als Kaufmann lebte, war insofern ein ausgezeichneter Mann, weil er Italienisch, Spanisch und mehrere andere Sprachen sprach, weil er dorten überall als gefangener Soldat gelebt….“

Am Markt Nr. 44 –

Die Verbindung zur Familie des Kaufmanns Zander ist ein wenig merkwürdig …. Die Ehefrau des Landsberger Kaufmanns Friedrich Leopold Zander heißt Ottilie Kischke. Als beide 1842 heiraten, wird als Vater der Braut nicht Theodor Kischke angegeben, sondern Carl Kischke, Steuerrendant in Sensburg …Bei Ottilies zweiter Heirat nach dem Tod von Friedrich Leopold Zander (1866 mit dem Kaufmann Rudolph Streit aus Drengfurth) heißt es, sie sei die Tochter des verstorbenen Kaufmanns Friedrich Kischke gewesen. Im Sterbeeintrag von Theodor Kischke wird unter den ‚Hinterbliebenen‚ lediglich dessen Ehefrau (keine Tochter) genannt – im Sterbeeintrag von Heinriette Kischke, geb. Busau (1869) wird eine hinterlassene Tochter aufgeführt.

In Sensburg lebt zur Zeit der Geburt von Ottilie Kischke der Rendant bzw. Accise-Einnehmer Carl Eheregott (manchmal Fürchtegott) Kischke – Ehefrau: Euphrosine Brachvogel – Kinder: 6.8.1814: Carl August Theodor – 18.3.1822: Amalia Emma Eveline – 6.8. 1828: Emilie Auguste Josephine – eine Tochter namens Ottilie konnte ich nicht finden.


Ich vermute übrigens, dass es sich bei dem folgenden Ehepaar, das um 1810 unter den ‚Brotlosen Offizianten‚ in Königsberg genannt wird, um die Eltern der beiden KischkeBrüder handelt, da der Vater seinen Posten als Bürgermeister in Bialystok nach dem Tilsiter Frieden möglicherweise verlor. Bialystok fiel an Russland und viele preußische Beamte wurden arbeitslos – nicht nur dort.

(Quelle: APG 1938/12)

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