„Trage Deine Ketten und schmücke sie mit Blumen“

….ein ‚Täfelchen‚ mit diesem Spruch findet Pastor Christian Friedrich Puttlich im Mai des Jahres 1795 bei seinem Gang durch den Gutspark der Begüterung Worienen im Kreis Preußisch Eylau. Der Spruch ist an einer Birke befestigt und wurde dort vermutlich von einem meiner Vorfahren angebracht!

Mit Worienen habe ich mich lange und einghend beschäftigt – so sehr, dass sogar ein Buch über die Begüterung entstanden ist. Aber meine Vorfahren, die dort – wenn man ihre gesamte Dienstzeit addiert – etwa 80 Jahre lang als Kunstgärtner arbeiteten, habe ich bislang nicht ausreichend gewürdigt.

Staatsarchiv Olsztyn, Best 383/55, Grundakten der im Haupt Amte Preusch Eylau gelegenen Worienenschen Ritter-Güter

„Die Herrschaftlichen Lust-, Obst– und Geküch-Gärten sind weitläuftig und wird darauf beständig ein Kunst-Gärtner und ein Gärtner Lehr-Bursche, vom Frühjahr ab bis Martini zu auch noch ein Garten Knecht gehalten und diesen zur Reinhaltung der Gärten(,) die nöthige(n) Weiber gegen ein Tag-Lohn von 6 Gl gegeben“ ….

Dies notiert Johann Ludwig von Domhardt in den Woriener Grundakten von eigener Hand. Nach dem Tod seines Vater Johann Friedrich von Domhardt (1781) wird die Begüterung von ihm übernommen und ab etwa. 1790 wird Worienen zum Hauptsitz der Familie.

Zu Zeiten von Mathias von Bredow (1724-1763) – der Worienen vor der Domhardt-Familie besaß und das Woriener Schloss erbauen ließ – heißt der Kunstgärtner Christian Schmidt. Er ist verheiratet mit Anna Gegner, einer Schwester meines Urgroßvaters 6. Grades Christoph Gegner.

Wie wurde man zu dieser Zeit Kunstgärtner?

Ich konnte bei meiner Recherche einige Antworten finden – u.a. in einem von der Uni Dresden veröffentlichter Vortrag (leider wird kein Name angegeben). Darin heißt es: „Eine freie Berufswahl gab es im 18. Jahrhundert zwar, doch ließen rechtliche und wirtschaftliche Beschränkungen es ratsam erscheinen, in vorgegebene Fußstapfen zu treten. So sah man. Fachwissen, aber auch vererbtes Arbeitsgerät bereits als Grundkapital an, mit dem man eine Stellung zu erlangen hoffte oder sich behaupten konnte. Das strenge Weitervererben von Vater auf Sohn war jedoch nicht unbedingt die Regel“. Es konnten auch andere Familienmitglieder sein, die nachfolgten. So ist es auch bei meinen ‚Kunstgärtner-Vorfahren“ in Worienen.

Anmerkung: So ganz frei ist die Berufswahl damals nicht – zumindest nicht für GutsUntertanen, die gern einen Beruf außerhalb des Gutsbezirks ergreifen möchten. Sie benötigen zunächst einmal Freibrief ihres Gutsherrn, um den Gutsbezirk überhaupt verlassen zu können. Hier zwei Beispiele!

Vermutlich hätte Christian Schmidt einen seiner Söhne als Nachfolger angelernt, doch diese sind noch zu jung, als er sein Amt beendet und Arrendator der Begüterung wird. Zunächst erhält deshalb ein Auswärtiger seine Stelle: Christoph Scheldehnen, der sich jedoch nur einige Jahre in Worienen aufhält. Anschließend übernimmt Christians Neffe Michael Gegner – mein Urgroßvater 5. Grades (Sohn des zuvor genannten Christoph Gegner) – die Aufgabe des Kunstgärtners. Sicherlich wurde er von seinem Onkel ausgebildet.

„Die Inhalte des damaligen Ausbildung im 18. Jahrhundert entsprachen den einzelnen Tätigkeitbereichen im Garten: neben dem Lustgarten gab es den geringer geschätzten Küchengarten, die Orangerie und den Baumgarten„. (Uni Dresden)

Die Anforderungen an einen Kunstgärtner sind vielfältig: sie müssen gut lesen, rechnen und zeichnen können, sich botanisches Fachwissen, Techniken der Gartengestaltung und Pflanzenpflege aneignen und sich mit Schnitttechniken, Düngung, Schädlingsbekämpfung und der Bodenbearbeitung auskennen, um die Pflanzengesundheit zu garantieren. Zudem benötigen sie handwerkliches Geschick.

Eine Orangerie gab es übrigens auch in Worienen – und ein Haus für Pfauen!

Auszug aus den Grundakten: „Die Orangerie nebst dem massiven Wohnhause des Gärtners und dem massiven Pfauen Hause ist von dem jetzigen Besitzer Ludwig Friedrich von Domhardt erbauet und dagegen das alte ganz untaugliche Orangerie-Gebäude im obern theile des Gartens, zu neuem Garten-Hause mit einem Salon und zwey Stuben eingerichtet.“

Nach Michael Gegner, der bei der Eheschließung seiner jüngsten Tochter als „Kunst erfahrener Gartenierer“ bezeichnet wird, folgt zunächst für einige Jahre (von 1767-1770) Johann Christian Krafft, der zuvor Landreiter des Amts Allenstein war. Das scheint eine Notlösung gewesen zu sein – Michaels Sohn Gottlieb (* 1751 in Worienen), der von seinem Vater angelernt wurde und dessen Stelle übernehmen soll, ist vermutlich noch abwesend. Wie in einigen anderen Berufen, war es auch in diesem Bereich üblich, dass man im Anschluss an die Ausbildung auf Wanderschaft ging. ‚Diese sollte so lange fortgesetzt werden, bis sich eine feste Stelle bot‘. (TU Dresden)

Für seine Wanderschaft spricht, dass Gottlieb Gegner 1788 in der Kirche von Tharau einen unehelichen Sohn Gottlieb taufen lässt, der am 17. März des Jahres von Christina Schmidtke, einer Tochter des damaligen Hofmanns von Braxeinswalde geboren wurde.

Der Beruf des Kunstgärtners scheint ziemlich angesehen gewesen zu sein. Ursula Gräfin zu Dohna führt in ihrem Buch „Gärten und Parks in Ostpreußen. 400 Jahre Gartenkunst“ ein Beispiel für den Lohnanstieg in diesem Metier an. Sie bezieht sich dabei auf das Dönhoff-Gut Friedrichstein: während dort ein Administrator im Jahre 1715 120 Gulden und 1795 532 Gulden, ein Schreiber 1715 100 Gulden und 1795 240 Gulden erhält, verdient der dortige Gärtenierer im Jahr 1715 60 Gulden – im Jahr 1795 jedoch bereits 300 Gulden. Er ist also derjenige, dessen Lohn prozentual am meisten gestiegen ist.

So viel wurde in Worienen zu dieser Zeit allerdings nicht verdient, wenn man den in den Gusakten angegebenen Tageslohn von 6 Gulden auf einen Monat hochrechnet!

Gottlieb Gegner kehrt nach Worienen zurück und bis etwa 1799 findet man ihn hier als Gärtenierer. Dann verlässt er den Gutsbezirk und wird Kunstgärtner in Gerdauen.

Abel Grimmer Die vier Jahreszeiten

Der zu Beginn erwähnte Gang durch den Woriener Gutspark von Pastor Puttlich findet zu Gottliebs Zeit statt. Puttlich berichtet: „Es giebt viele ausländische Bäume darin als die nordamerikanische Fichte, als die virginische Pappel, der Lerchenbaum, Cypressenbaum, mehrere Akazienarten u. s. w., die zum Theil aber bey dem letzten späten Frost etwas gelitten haben. Außer dem …. größeren Teiche, woran der Garten linker Seite grenzt, enthält er in seinem Innern noch zwey andere kleinere Teiche mit Fischen, davon einer mit einem schönen weißen Geländer umgeben ist, dann kommt man im Laubdunkel zu einer von Feldsteinen eingeschlossenen Samaritäne oder zu einem Quellbrunnen, woran ein Sitz von Wurzeln u. Aesten ist. ….

Den großen Garten zieren noch Pfauen, deren 20 seyn sollen u. die hier ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben, denn man begegnet sie fast auf allen Pfaden“.‚ ….. Weiter beschreibt er: ‚Nun durchkreutzen sich krumme Pfade durch das wilde Gebüsch von allerley einheimischen Holzarten. Auf der rechten Seite im Garten neben dem einen Teiche findet man die vielen Mistbeete u. einen Treibkasten, worin viele Ananaspflanzen in Töpfen stehen. Achtzehn davon trugen schon Frucht. Hinter diesem Platz kommt der Blumenflor, in dessen Mitte eine steinerne Sonnenuhr steht‘.

Puttlich erwähnt auch ‚das große Gewächshaus von 27 großen Fenstern, worin man eine schöne Orangerie u. seltne Blumenstauden u. Gewächse findet‘.

Zur Gestaltung und Anlage all dieser Elemente leisteten meine Ahnen in Worienen einen bedeutenden Beitrag – ein schönes Gefühl! Laut Johann Georg Estor trugen sie dadurch zur Lustbarkeit‚ und Ergötzung ihrer Mitmenschen bei!

Unter den Menschen sind viele, welche nicht allein nützlich sind, sondern auch zum vergnügen dinen; teils gibet es solche personen, welche zur menschlichen lustbarkeit und ergözung allein vorträglich sind. Dahin gehören die baumeister, maler, mechanici, musici, trompeter, musicanten, dichter, operisten, bild- und steinhauer, kupferstecher, bild- und statuen-giesser, garten-ingenieur, kunstgärtner, feuerwerker etc.

Gottliebs älterer Bruder Johann Christian Gegner wird ebenso Kunstgärtner – er verlässt jedoch den Gutsbezirk und man findet ihn 1784 als Gärtenierer und Krüger in Devau und 1787 als Gärtenierer auf dem Königsberger Sackheim – aber das ist eine andere Geschichte ….

Nachfolger in Worienen wird nach Gottlieb Gegners Abzug der Gärtenierer Carl Wilhelm Schmidt. Erstaunlicherweise ist auch er mein direkter Vorfahre aus einer anderen Ahnenlinie. Er stammt aus Kapsitten im Kirchspiel Domnau, ist verheiratet mit Anna Louise Tugendreich Reissmann, der jüngsten Tochter des damaligen Woriener Jägers und übt den Beruf des Kunstgärtners in Worienen bis zu seinem Tod im Jahre 1829 aus.

Auch in der nachfolgenden Gegner-Generation gibt es wiederum einen Kunstgärtner: der 1785 in Eichhorn geborene Enkel von Michael Gegner – Sohn meines Urgroßvaters 3. Grades Wilhelm Gegner. Er wurde in Bartenstein ausgebildet und wanderte nach Dänemark aus. Näheres kann man hier nachlesen: Von Ostpreußen nach Dänemark

Einige Gedanken des Gartentheoretikers Christian Cay Lorenz Hirschfeld aus seinen Büchern zur ‚Theorie der Gartenkunst‚ zum Beruf des Kunstgärtners oder ‚Gartenkünstlers‚ – wie er ihn nennt:

‚Der Gartenkünstler, der glücklich arbeiten will, muss einen Reichthum von ländlichen Ideen besitzen; und diese erlangt er nur durch eine genaue und anhaltenden Beobachtung der Natur. Er muss nicht nur eine ausgebreitete Kenntniß der verschiedenen Lagen, Gegenstände und Charaktere in der Landschaft haben, sondern auch mit allen den Wirkungen vertraut seyn, welche diese Lagen, Gegenstände und Charaktere sowohl einzeln, als auch in den unendlich mannigfaltigen Zusammensetzungen, worin sie geordnet werden können, auf die menschliche Seele haben‘.

Ein Garten ’soll die Wohnung der Erquickung nach dem Kummer, der Ruhe aller Leidenschaften, der Erholung von der Mühe, der heitersten Beschäftigung des Menschen seyn‘.

Die Gartenkunst ‚giebt ein längeres und dauerhafteres Vergnügen als Statuten, Gemälde und Gebäude; denn ein Garten erhält duch den Fortgang des Wachsthums, durch die Veränderungen der Jahreszeiten und der Witterung, durch die Bewegungen der Wolken und des Wassers, duch die Dazwischenkunft der Vögel und Insekten, durch tausend kleine Zufälligkeiten bey Gegenden und Aussichten – immer eine Mannigfaltigkeit der Erscheinungen, die weder an Belustigung leer werden, noch ermüden‘.

‚Durch die Mischung von Ebenen, Anhöhungen und Vertiefungen bewirkt die Natur eine reizenden Mannigfaltigkeit in der Landschaft; der Gartenkünstler soll hier ihrem Beispiel folgen und keine von diesen Hauptbeschaffenheiten des Erdbodens vernachläßigen‘.

Hirschfeld erwähnt auch das Anbringen von Schildern in Gärten und bemerkt:

“Sie unterhalten in der Einsamkeit, beleben die Einbildungskraft und wecken die Empfindsamkeit‚ … Zum klugen Gebrauch der Inschriften gehört, dass sie … in einem Garten nur überaus sparsam angebracht werden. … Ein Gartenkünstler, der überall, wo man ruhen will, zum Lesen auffordert, der jede Bank, jedes Beet mit einer Inschrift bekleckt, ist ebenso unerträglich als ein dreister Schwätzer‚.

Auch in meinem Oldenburger Garten hängt übrigens ein ‚Täfelchen‘ – aber das hätten meine Kunstgärtner-Vorfahren wohl nicht aufgehängt 🙂

Falls sich jemand für Gartengeschichte interessieren sollte – hier findet man eine Zusammenstellung interessanter Literatur!

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