Über Ernst und Hertha Grudde in Beisleiden, Pr. Eylau

Im Sommer 2004 fuhren meine Freundin und ich bei unserer ersten ‚Ostpreußen-Erkundung‚ unmittelbar am Gut Beisleiden (heute Bezledy) vorbei – es liegt nicht weit entfernt vom Grenzübergang in den russischen Teil des ehemaligen Kreises Preußisch Eylau.

Seit 1801 ist das Gut Beisleiden im Besitz der Familie von Oldenburg – erster Besitzer der Familie ist der Generallandschaftsrat Ludwig von Oldenburg (1778–1843), später erster Landrat des Kreises Preußisch Eylau. Sein Sohn Botho von Oldenburg erbt das Gut mit sämtlichen Vorwerken von seinem Vater. Bis 1945 bleibt der Besitz in der Familie von Oldenburg, über die man in einschlägiger Literatur reichlich viele Informationen findet. Ich möchte ein wenig über das Ehepaar Grudde berichten, das mit dem Gut Beisleiden ebenfalls eng verbunden war ….

Ab 1907 wird das Gut von Ernst Grudde bewirtschaftet. Als Oberinspektor bzw. Administrator der Begüterung ist er verantwortlich für die organisatorische und wirtschaftliche Führung, um den reibungslosen Betrieb der Begüterung mit den dazugehörigen Gütern und Vorwerken Perguschen, Glamslack, Sardienen, Stilgen, Bothoswalde, Klein Wolla und der Ziegelei Bekarten. sicherzustellen – in Mollwitten wird dieses Amt gleichzeitig von Arthur Karl Ankermann ausgeübt (geboren am 25.9,1885 in Domtau als Sohn von Carl August Ankermann und Auguste Maria Rehberg – von 1907 bis zu seinem Tod Oberinspektor in Mollwitten).

Niekammers Güteradressbuch von 1932
Das Gut Beisleiden (Quelle: Bildarchiv Ostpreußen)

Nicht weit entfernt – auf Gut Perscheln – lebt Familie von Berg. Der letzte Besitzer des Guts ist Botho von Berg (1903-1983), der auch als Schriftsteller bekannt wurde. Er hält sich oft bei den ‚Nachbarn‘ in Beisleiden auf und lernt auch das Ehepaar Gudde kennen. Botho von Berg berichtet: ‚Grudde regiert die achttausend Morgen Begüterung der Familie von Oldenburg ….Grudde, riesig von Wuchs, alterfahrener Landwirt, ist die Seele der Gegend. Ohne Grudde geht es nicht. Man hat Respekt vor ihm und seinen gewaltigen Hunden, vom kleinsten Scharwerken bis zur gnädigen Frau. Was Grudde sagt, gilt. Was er anfasst, fühlt sich festgehalten. … Grudde verkörpert die Einheit von Landmann und Boden. Er wirtschaftete stets extensiv, sparsam. Er riskierte nichts. … Grudde war vorbildlich im Umgang mit den Gutsleuten, ein auf Ordnung haltender vorbildlicher gerechter Vater seiner großen „Familie“. Seine Aktivität begründete sich auf Leistung und Erfolge. Seine Bombenruhe wirkte segensreich‚. (Botho von Berg in ‚Der Zauberapfel aus Perscheln, Februar 1965 im Ostpreußenblatt) )

Quelle: Bildarchiv Ostpreußen

Der Historiker Emil Johannes Guttzeit erwähnt Ernst Gudde in seinem Artikel ‚In Natangen – Ein Gang durch den Kreis Pr. Eylau‘, der am 25. September 1952 im Ostpreußenblatt veröffentlicht wird und beschreibt eine lustige Situation:

‚Das Gut Beisleiden der Familie von Oldenburg verwaltete Administrator Grudde. Er war von riesiger Gestalt und brauchte Raum um sich. Aus diesem Grunde stieg er jahrzehntelang weder in einen Zug noch in ein Auto. An der Peripherie seines Lebenskreises lagen die Städte Pr.-Eylau und Bartenstein, die er mit seinem Selbstfahrerwagen erreichen konnte. … An einem Vormittag erschien in einem sechssitzigen Auto eine hohe Regierungskommission, die über einen Schulbau zu entscheiden hatte. Nach Beendigung der Amtshandlung schachtelten sich die Beamten etwas mühsam in das Innere des Autos ein. Da konnte sich Administrator Gudde nicht enthalten, mit herzlichem Bedauern zu sagen: „Mein Gott, sind das kleine Verhältnisse!“

Quelle: Bildarchiv Ostpreußen – vermutlich um 1907 in Beisleiden

Während sich Ernst Gudde um die Bewirtschaftung von Beisleiden kümmert, verbringt seine Ehefrau Hertha viel Zeit mit den Landarbeiterinnen und Tagelöhnern des Guts. Sie hört ihnen zu und sammelt unermüdlich alte Sagen, Märchen und Erzählungen.

Auf diesen Bild ist sie sitzend – gemeinsam mit einer anderen Dame – in der Spinnstube von Beisleiden zu sehen.

Botho von Berg sagt über sie: ‚Frau Hertha Grudde wirkt in der Stille. Aus dem bescheidenen Beamtenhaus im Schatten des recht stillos verbauten Gutshauses – manche sagen „Schloss“ – strahlt Kultur. Man sieht Frau Grudde kaum, aber man spürt ihr Wirken‚.

Prof. Dr. Walter Ziesemer, der 1925 an der Königsberger Albertus Unviversität das ‚Institut für Heimatforschung‚ gründet und dessen Mitarbeiterin sie wird, beschreibt ihre Vorgehensweise sehr anschaulich: ‚Wie und wo wurden nun die Märchen ausgeschrieben? Gelegentlich geschah es gleich nach Diktat oder aber erst in eine Kladde, denn die Erzähler sprechen langsamer oder schneller, je nachdem sie Zeit haben oder eine leichtere oder schwerere Arbeit verrichten, wenn sie zur Vesper kommen, langsam und bedächtig essen und trinken, dann geht das Erzählen auch ungezwungen langsam vor sich. Dann konnten die Märchen gleich wie nach Diktat getreu nachgeschrieben werden. Bei schnellem Erzählen wurden die Stichworte in die Kladde notiert, die Kladden aber stets am gleichen Tage abgeschrieben, so daß eine völlig getreue Wiedergabe gesichert ist.

Geschrieben wurde im Eßzimmer, in der Küche und im Keller, während die Frauen arbeiteten, im Garten beim Obstpflücken, auf dem Holzhaufen vor dem Haus, auf den Futter­kästen im Stall, auf Wagendeichseln zwischen Brettern und Baum­stämmen auf dem Hof, imStraßengraben der Landstraße, in Arbeiter­stübchen und Gärtchen, wenn gesponnen, gestrickt und geflickt wurde.

Auf die angegebene Art sind in dem kleinen Beisleiden allein über 300 Volksmärchen gesammelt und ausgezeichnet worden‘.


Hertha Grudde erzählt selbst: „Mein Weg zu den „Plattdeutschen Volksmärchen” war ein weiter. Die Erfüllung der beiden grössten Vorbedingungen hierzu lag in meiner Kinderzeit. Ich bin auf dem Gut meines Vaters, das etwa 18 km. von Beisleiden entfernt lag, aufgewachsen und habe dort, im Spiel mit den gleichaltrigen Arbeiterkindern, den plattdeutschen, süd-natangischen Dialekt, genau so wie er in Beisleiden gesprochen wird, vollständig beherrschen gelernt. ….

Hertha Grudde, geb. Hellbarth, verbringt ihre Kinder– und Jugendzeit auf dem väterlichen Gut in Roschenen, unweit von Schippenbeil.

….Ebenso wesentlich wurde für meine späteren, volkskundlichen Sammlungen das Wissen darum, wie man dem sich stets verschieden äußernden und doch ewig gleichbleibenden Misstrauen der Arbeiter gegen die Herrenkaste begegnet. Auch hierin waren die Arbeiterkinder meine Lehrmeister.

„Unbedingtes Worthalten, Wahrheitsliebe, absolute Höflichkeit verbunden mit sehr ruhiger Freundlichkeit und doch Innehalten der Schranken, die sie einem als social anders gestellten Menschen zuweisen”, gehören dazu.

Ich habe mein Verhalten danach gerichtet und zugleich auch nie die bei unseren natangischen Arbeitern geltenden, von den üblichen oft so abweichenden Höflichkeitsregeln vergessen„.

Beisleiden wurde um den 2. Februar 1945 von der ‚Roten Armee‚ besetzt. Die Bewohner begaben sich auf die Flucht. Noch 1958 wird in einer Ausgabe des Ostpreußenblatts um Auskunft über den Verbleib von Ernst und Hertha Grudde gebeten – inzwischen weiß man, dass beide im Februar 1945 in Pillau (bzw. in der Nähe von Pillau) verstarben.

Ostpreußenblatt 8.6. 1996

Einige genealogische Informationen:

zu Familie Grudde: Ernst Albert Rudolf Grudde *7.3.1878 in Gallingen als Sohn des dortigen Mühlenbesitzers Carl Ludwig Grudde und dessen Ehefrau Amalie geb. Schiemann – Eltern von Carl Ludwig Grudde: Johann Christian Grudde *1782 in Falkenau, köllmischer Gutsbesitzer in Falkenau u. Catharina Elisabeth Fleischer – seine Eltern: Johann Gottfried Grudde, Köllmer u. Schulz in Falkenau u. Anna Lovisa Erdmann

zu Familie Hellbarth: Hertha Hellbarth *4.12.1885 in Tengutten als Tochter von William Albert Hellbardt *7.7.1858 in Roschenen u. Katharina Henriette Elisabeth von Lentzke *um 1866 in Voigtshof b. Seeburg (2 unverehelichte Schwestern von Hertha Gudde, geb. Hellbarth verstarben 1978 und 1979 in Berlin) – seine Eltern: Friedrich Gustav Hellbardt, Gutsbesitzer in Roschenen u. Josephine Laura Mojaen *5.1.1832 in Schippenbeil, Mühle Mojaen (in der Sterbeeurkunde des Sohnes Robert Hellbarth ist angegeben, dass diese in Florenz verstarb) – Schwester Maria Alice Hellbardt *1.7.1853 in Roschenen oo den aus Bremerhaven stammenden Werftbesitzer u. Reeder Wilhelm Heinrich Rickmers (1844-1891) – Eltern von Josephine Laura Mojaen: Johann Mojaen, Gutsmühlenbesitzer in Schippenbeil u. Juliane Charlotte Sylla –

Eltern von Katharina Henriette Elisabeth von Lentzke – also Hertha Guddes Großeltern mütterlicherseits – sind: Hermann Ferdinand Ernst von Lentzke, Amtmann zu Voigtshof bei Seeburg, später Domänenpächter in Klein Upalten, Kr. Lötzen u. Martha Margarethe Hedwig Gregorie *17.6.1846 in Schippenbeil – deren Eltern: Ferdinand Theodor Gregorie (1806-1874) u. Friederike Johanne Sylla (1802-1875).

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