Meine Vorfahren stammen aus unterschiedlichen Regionen. Ausgehend von meinen beiden Großmüttern und Großvätern lande ich in Ostpreußen, Sachsen, Hessen oder in Norddeutschland. Und überall begegnen mir in den Kirchbüchern unterschiedliche Familiennamen, die in der jeweils anderen Region gar nicht auftauchen.
Ich finde das ziemlich merkwürdig! Dass Familiennamen oft eindeutig ihrer Herkunft entsprechen zugeordnet werden können, kann ich nachvollziehen. So ist beispielsweise der Name ‚Tolkmitt‚ aufgrund der Ableitung von der Bezeichnung `Tolk‚ logischerweise dort entstanden, wo die ehemals prußische Bevölkerung ansässig war – und nicht in Sachsen! Meine Tolkmitt-Ahnen sind ab etwa 1600 im ostpreußischen Kreis Heiligenbeil nachweisbar.
Nach der Einführung der Reformation im Herzogtum Preußen (dem späteren Ostpreußen) wurde das Übersetzen durch Tolken in den neuen Kirchenordnungen von 1524 und 1526 festgeschrieben. Diese übersetzten in den evangelischen Gottesdiensten parallel die Predigt und die liturgischen Texte aus dem Deutschen in das Altpreußische oder Litauische von Nebenkanzeln. In Gemeinden ohne Pfarrer führten sie auch selbstständig die Gottesdienste und die Glaubensunterweisung durch. (Wikipedia)
In der Region von Nordhessen entdecke ich – abgesehen von den mir sehr vertrauten Namen ‚Schaumlöffel‚ und ‚Schellhase‚ (so heißen meine eigenen Vorfahren aus dieser Gegend) – eine ganze Reihe weiterer Familiennamen, die ich nur dort finde … Beim Durchblättern der Kirchenbücher in Frankenberg stoße ich zum Beispiel um 1700 auf die Namen: Birckenkopf – Eyerdantz – Kuchenbecker – Loderhase oder Rindelaub.
In diversen Kirchenbüchern Sachsens – in der Umgebung von Meißen – begegnen mir momentan u.a. die Namen: Backofen – Stubenrauch – Ziegenbauer oder Öhlschläger … in Ostpreußen, Hessen oder Norddeutschland habe ich diese Namen nicht gefunden.
Dass Namen regional begrenzt sind, liegt laut Autor Professor Konrad Kunze an der geringen Mobilität der Menschen in den vergangenen Jahrhunderten: »Ein schwäbischer Bauer musste bei seiner Scholle bleiben. Der ging höchstens mal zur Kirchweih ins Nachbardorf. Also blieben auch die Namen erhalten. Das änderte sich erst vor etwa 200 Jahren.« Im 19. Jahrhundert seien die Menschen durch Eisenbahn oder Dampfschiff mobiler geworden.
Das stimmt sicherlich bezogen auf die Verbreitung! Aber weshalb sind sie nur dort entstanden? Bei Herkunftsnamen ist eine Zuordnung zu einer bestimmten Region logisch – aber ich verstehe nicht, weshalb manche Familiennamen nicht parallel in verschiedenen Gegenden kreiert wurden …
Einen Schaumlöffel gab es doch wohl nicht nur in Hessen und einen Backofen nicht nur in Sachsen! Kuchenbäcker lebten auch überall und Stubenrauch dürfte sich in sämtlichen Regionen entwickelt haben. Seltsam!

Liebe Irmi,
da hast du wirklich eigenartige Namen gefunden. Ich erinnere mich an einige Lektionen von Prof. Udolph, dem Namenskundler. Der nannte Beispiele, in denen die Namen erst durch Mißdeutungen und Änderung der Schreibweisen zu kuriosen Formen fanden.
Ein Herr Bachhofen kam vielleicht zu seinem Namen, weil sein Hof an einem Bach lag. Daraus entwickelte sich Generationen später, als die Nachkommen längst nicht mehr auf einem Hof am Bach lebten, durch unkundigen Zeitgenossen die Variante Backofen.
Ziegenbauer und Ölschläger sind sicherlich auf Berufsbezeichnungen zurückzuführen. In manchen Gegenden gab es Ziegen, woanders nicht. Und Ölverarbeitung konnte nur dort geschehen, wo die dafür nötigen Ölsaaten wuchsen.
Ich bin allerdings nicht so erfahren wie Prof. Udolph. Zu Eyerdantz und Lodderhaase fällt mir nichts sinnvolles ein. Ob ‚Birkenkopf‘ eine ähnliche Bedeutung hatte wie das wenig schmeichelhafte ‚Holzkopf‘, kann ich nicht beurteilen.
Wer weiß, wie der urspüngliche Name der Schaumlöffels lautete? Vielleicht lag eine falsch ins Hochdeutsche übertragene niedderdeutsche Form zugrunde? Szumlepel? Vielleicht lag der ursprünglichen niederdeutschen Form eine ganz andere Bedeutung zu Grunde? Oder vielleicht war es mal ein Name für einen Luftikus, der im übertragenen Sinn nur Schaum zu löffeln verstand, aber nichts Substanzielles zustande brachte?
Namensdeutung kann spannend sein, bedarf aber eines breitgefächerten Wissens: Sprachkunde, Dialekte, Regionalgeschichte und allgemeine Geschichte – und die Fähigkeit, unerwartete Aspekte jenseits jeder Formelhaftigkeit einordnen zu können.
Weiterhin eine erfolgreiche Recherche wünscht
Viktor
Sehr interessante Information und Beobachtung. Das ist wirklich rätselhaft und das würde ich auch gern wissen, warum das so war ..
Mir ist letztens das genau Gegenteilige passiert! Ich wanderte im Wolfsburger Umland nach ‚Martinsbüttel‘. Eine ehemalige Kollegin erzählte mir von dem Ort. Ich erwartete ein kleines Dörfchen und war ausgesprochen verwundert, als ich mich vor einem formidablen Herrenhaus und etlichen Nebengebäuden wiederfand. Wie es der glückliche Zufall so wollte, war eine junge Frau grad draußen bei den Pferden. Ich sprach sie an und sie gab mir sehr bereitwillig Auskunft über diesen Ort und den geschichtlichen Kontext.
Wie nebenbei erwähnte ich meinen Mädchennamen ‚Marienfeld‘. Diese Marienfelds stammen über mehrere Jahrhunderte aus Ostpreußen zwischen Elbing und Königsberg von der Ostsee. Och, meinte sie, im nächsten Ort, auf dem ersten Hof rechts wohnt auch ein ‚Marienfeld‘. Ich bedankte mich für das Gespräch – und nix wie hin zu dem Hof!!
Und der zweite glückliche Zufall bahnte sich an .. Am Briefkasten neben der Hofeinfahrt entdeckte ich schonmal ein entsprechendes Namensschild. Und keine 10 m weiter waren zwei Personen mit Holz zu Gange. Ich fragte, ob hier jemand ‚Marienfeld‘ heiße – und der Mann antwortete etwas erstaunt-zögerlich mit einem vorsichtigen ‚Jaaaaa?‘. Wie spannend!!!!
Es stellte sich heraus, dass wir höchstwahrscheinlich nicht miteinander verwandt sind. Aber man kann ja nie wissen .. Trotzdem war es ein richtig interessanter Nachmittag, an dem ich einiges gelernt habe und sehr nette Menschen treffen durfte.