Er diente als Tambour bei den Dragonern …

Als Reiter der ‚Compagnie von der Meden‚ taucht mein Vorfahre Henrich von der Lieth um 1695 im Dorf Hinnebeck im Kirchspiel Bruch in Osterstade auf. Gemeinsam mit ihm lassen sich zwei weitere Reiter derselben Compagnie in Hinnebeck nieder, die in der Zeit von 1694 bis 1696 in der kleinen Kirche zu Bruch heiraten:

1. Der Reiter Jürgen von Gellern heiratet 1694 Christina Judith Haken, eine Tochter des verstorbenen Engelbrecht Haken zu Hinnebeck – 2. der Reiter Friedrich Tintzel heiratet 1695 Könneke Gloystein, eine Tochter von Hilmer Gloystein zu Hinnebeck und 3. heiratet der Reiter Marten Deelwater 1696 Greta Tyling, eine Tochter von Frerk Tyling aus Aschwarden.

Als sich Henrich von der Lieth um 1695 in Hinnebeck niederlässt, ist er etwa 24 Jahre alt und hat – wie seine Kameraden derselben Compagnie des Rittmeisters Friedrich Otto von der Meden – vor 1695 an einer Schlacht am Rhein teilgenommen, die sicherlich in Zusammenhang steht mit dem Pfälzischen Erbfolgekrieg.

Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697), auch Orléansscher Krieg, Krieg der Augsburger Allianz, Krieg der Großen Allianz oder Neunjähriger Krieg genannt, war ein vom französischen König Ludwig XIV. provozierter Konflikt, um vom Heiligen Römischen Reich die Anerkennung seiner Erwerbungen im Rahmen seiner Reunionspolitik zu erreichen. (Wikipedia)

Bei diesen Auseinandersetzungen am Rhein wird u.a. die Stadt Heidelberg sehr zerstört:

Kurtze Beschreibung Der uralten, Chur-Pfältzischen Residentz-Stadt Heydelberg, Deren Ursprung, und was in derselben besonderliches und denckwürdiges geschehen und allda zu sehen gewesen, auch wie jüngsthin dieselbe und deren Innwohner durch des sogenannten Christlichen Königs von Frankreich, Ludwig des XIV., barbarische und mehr als unchristliche Behandelung und Tractament respectivè verstöret, zernichtet und zerstreuet. So dann anbey, wie der, durch dessen Veranlaß all dieses Unglück geschehen, zur Straffe gezogen worden

Im Reichsarchiv von Stockholm werden unzählige Dokumente aus der schwedischen Zeit des Herzogtums Bremen verwahrt. Hier entdeckte ich Informationen über die Dragoner-Compagnie des Capitains von der Meden, in der Henrich von der Lieth seinen Dienst versah. Im November 1690 werden in Hastedt bei Bremen sämtliche Soldaten dieser Compagnie aufgelistet. Sie untersteht dem Obersten von Günderoth.

Quelle: Schwedisches Reichsarchiv

Rolla – Auff des Herrn Obersten von Gündtroths zu Pferde und zwar in Specie des Capitain (von der Meden) Compagnie Dragoner, wie solche bey der von dem Rheinstrom, den 6. November 1690 zu Hastedte vor der Stadt Brehmen gelegen effective befunden worden:

Quelle: Schwedisches Reichsarchiv

Henrich zieht demnach als Tambour der Dragoner in die Schlacht am Rhein. Er wird unter den Personen der ‚Prima Plana‚ der Compagnie aufgeführt. ‚Die Prima Plana waren bei den Landsknechten diejenigen Adels- oder Patrizierfamilien entstammenden Knechte, die bei der Werbung auf das erste Blatt geschrieben wurden, während auf dem zweiten die freigeborenen Handwerker standen‘. (Wikipedia).

Dragoner trugen üblicherweise keine Rüstung, doch schützten sich manche von ihnen im 16. und 17. Jahrhundert mit einem schlichten Helm und einem Lederkoller. Bewaffnet waren sie mit einer Muskete oder auch einer Pike, für das Handgemenge besaßen sie Degen. Die Dragoner benötigten eine weniger intensive Ausbildung im Reiten als Kavalleristen, die mit ihren Pferden in Gefechtssituationen umgehen mussten. Darüber hinaus verwendeten Dragoner nur leichte Reitpferde, die deutlich weniger kostspielig als die Schlachtrösser der schweren Reiterei waren. Ihr Vorteil gegenüber der Infanterie bestand darin, dass sie sich schneller an einen bestimmten Ort des Schlachtfelds begeben konnten. (Wikipedia)

Auch der 1696 in Hinnebeck heiratende Reiter Marten Deelwater wird unter den Dragonern genannt!

Quelle: Schwedisches Reichsarchiv

Ob der im Oktober 1695 für die Compagnie von Issendorf gemusterte Henrich von Lieth identisch ist mit ‚meinem‚ Heinrich von der Lieth? Auch er ist zu dieser Zeit verheiratet – sein Alter wird mit 23 Jahren angegeben. Das würde in etwa passen! Als Fähnrich derselben Comapgnie wird Arend Bartram von der Lieth genannt – auch der Leutnant Henrich Schierholtz gehört zu dieser Compagnie – ihn habe ich hier bereits erwähnt!

Bevor die Truppen in Richtung Rhein losmarschieren können, muss vieles durchdacht und geplant werden: die genaue Maschroute wird festgelegt und es werden Orte bestimmt, an denen die Soldaten ihre Nachtlager abgehalten sollen …

Aber es geht bei den Vorbereitungen nicht nur um die in die Schlacht ziehenden Soldaten – auch ihre Ehefrauen spielen bei der Planung eine Rolle.

Die jeweiligen Rittmeister der Compagnien müssen mitteilen, wie viele ihrer Soldaten verheiratet sind – wie viele Frauen und und evtl auch Kinder in Abwesenheit ihrer Männer irgendwo einquartiert und versorgt werden müssen. Das betrifft auch meine Vorfahrin Könneke, Henrich von der Lieths Ehefrau.

Für Capitain von Medens Compagnie, die ‚im Rothenburgischen‘ stationiert war, werden insgesamt 12 Frauen angegeben. Außer Könneke müssen also 11 weitere Soldatenfrauen untergebracht werden.

Quelle: Nds. Landesarchiv NLA ST Rep. 5a Nr. 3578

Eine Einquartierung von Soldaten oder deren Angehörigen bedeutet für jedes Dorf und jede Stadt eine ziemliche Belastung – vor allem entstehen zusätzliche Kosten. Die Soldatenfrauen sind daher keine gern gesehenen Gäste. Diverse Ortsvorstände wenden sich an die – zu dieser Zeit zuständige – schwedische Regierung in Stade – u.a. auch der Bürgermeister von Stade:

Man habe erfahren, schreibt der Bürgermeister, ‚dass es 90 biß 100 ‚Weiber an der Zahl seyen, welche nebst ihren Kindern, deren Zahl weit größer ist‘, in Stade untergebracht werden sollten. Es sei jedoch zuvor nie üblich gewesen, dass die Soldatenfrauen und ihre Kinder von Städten versorgt würden. Man befürchte, dass ‚die Soldaten Kinder den Hauffen der Muthwilligen Bettler sehr vergößern‘ würde ‚und dann anderen Nothleidenen ahrmen das bißchen brodt, so dieselbe alhier sammlen, um ein merckliches verschmählern würden. Die Bürger der Stadt würden lieber 2 bis 3 Compagnien ‚lediger Kerle‘ aufnehmen als sich mit ‚diesen Weibern und Kindern beladen zu müssen‘. Diese sollten doch lieber auf die Landgebiete verteilt werden, ‚da es doch wohl mehrentheils Landkindersein dürften, die die Soldaten geheheiratet hätten.

Nds. Landesarchiv NLA ST Rep. 5a Nr. 3578

Der Bürgermeister bittet deshalb ‚unterthänig gehorsahmbst‚ darum, Stade möge von den ‚Weibern und Kindern entlästiget‘ werden.

Nds. Landesarchiv NLA ST Rep. 5a Nr. 3578

Doch auch die Dörfer auf dem platten Land weigern sich. ‚Sämtliche Marschländer des Herzogthums Bremen‚ wenden sich gemeinsam an ihre Regierung – sie seien durch eine neue Verordnung angehalten worden, ‚die in den quartieren hinterlaßenen Weiber der Marchirten Völcker zu verpflegen; aber da sie ohnehin schon ‚mit viel und schweren empfindlichen Kosten die Marchirten Trouppen außerhalb Landes unterhalten‚ müssten, seien sie ‚mit dobbelter Lastbeschwert, wenn sie ‚annoch die Weiber dazu versorgen solten‘. Sie appellieren an den den schwedischen König und schreiben: ‚So gelanget an Ew. Excellenz auch Wohl- und Hochedelgebohrner … unsre unterthänige bitte, Sie gerugen gnädig und hochgeneigt, die Verordnung zu machen, daß wie nicht schuldig sein der Marchirten Völcker in den quartiren hinterlaßene Weiber zu verpflegen.‘


Zurück nach Hinnebeck ….

Wo mag meine Könneke auf ihren Ehemann gewartet haben … ? Wurde sie schon während seiner Abwesenheit im Dorf Hinnebeck aufgenommen …? Sicher ist, dass Henrich von der Lieth und Könneke nach seiner Rückkehr von der Schlacht am Rhein in Hinnebeck eine Familie gründen – von 1696 bis 1714 werden dem Ehepaar dort acht Kinder geboren. Das erste Kind stirbt kurz nach der Geburt, eines wird tot geboren. Alle anderen erreichen jedoch das Erwachsenen-Alter – auch der am 1. Februar 1698 geborene Sohn Arend von der Lieth, der am 16.2. 1698 in der Kirche St. Nicolai in Bruch getauft und zu meinem Ahnen werden wird.

Könneke verstirbt im April 1714 – sicherlich im Zusammenhang mit der Geburt ihres letzten Sohnes Johann. Er wird am 6. April 1714 getauft – sie am 12. April besrattet. Damit die Kinder versorgt sind, heiratet Henrich von der Lieth nach Könnekes Tod im März 1715 Lücke Margarethe, die Witwe von Johann Braue.

Der Tambour Henrich von der Lieth, der später als Baumann in Hinnebeck lebt, wird 82 Jahre und 14 Tage alt. Er verstirbt am 28. Januar 1745. Er ist der erste ‚von der Lieth‚, der sich in Hinnebeck niederlässt – bislang ist ungeklärt, welcher ‚von der Lieth-Familie‚ er angehört. Seine Nachfahren leben noch Jahrhunderte später im Dorf Hinnebeck und der Umgebung.

Der 1766 unter den ‚Land begüterten Hausleuten‚ in Hinnebeck genannte Hinrich von der Lieth ist der Sohn des o.g. Arend von Lieth und seiner Ehefrau Anna Otten– ein Enkel des Tambours Henrich von der Lieth!

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2 Antworten zu Er diente als Tambour bei den Dragonern …

  1. CM sagt:

    Mal wieder ein großartiger Beitrag von dir, ich lese deinen Blog so gern und bin immer wieder hin und weg, was du alles so in den Archiven findest.

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