Die alte verlassene Frau, über die im Juli 1915 in einem Berliner Zeitungsartikel berichtet wird, stammt ursprünglich aus Ostpreußen – vielleicht war es das, was mich an diesem Artikel ganz besonders berührt und mich veranlasst hat, mehr über die beteiligten Personen herauszufinden …?
„Eine mysteriöse Angelegenheit beschäftigt die Kriminalpolizei zu Charlottenburg“ – so beginnt ein Artikel, der am 19. Mai 1915 in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erscheint. Einige Zeit später – am 27. Juli 1915 – folgt ein weiterer Artikel, der sogar seinen Weg in die Detroiter Abendpost findet.
Die ‚mysteriöse Angelegenheit‚ hat sich mittlerweile geklärt. Sie würde genügend Stoff für einen spannenden Familienroman bieten …. Folgendes ist in der Zeitung zu lesen:
In das Dunkel, welches die Ablieferung einer siebzigjährigen aus Amerika kommenden Frau in dem Putztgeschäft eins Frl. Schenkluhns an der Ansbacher Straße in Charlottenburg umgab, ist nunmehr Licht gebracht worden. Wie damals mitgeteilt, fuhr vor dem Putzgeschäft ein Automobil vor, dem ein Mann und eine Dame entstiegen, welche eine alte gebrechliche Frau in den Laden leiteten, der sie einige Goldstücke einhändigten und dann verschwanden. Bei der Greisin, die sich Amalie Schmidt nannte, wurde ein Zettel vorgefunden, welcher die Aufschrift trug: „Bureau of Deportation. Room 245. Madison Avenue. New York 1„.
Wie nunmehr eine Untersuchung der Behörden ergeben hat, handelt es sich um die 70 Jahre alte Frau Amalie Schmidt, welche vor 35 Jahren aus Sensburg in Ostpreußen nach Amerika auswanderte und nunmehr zurück kam. Man spricht sogar davon, dass sie deportiert wurde. Dagegen spricht allerdings, dass nach den amerikanischen Gesetzen nach dreijährigem Aufenthalt im Lande die Deportation ausgeschlossen ist.
Wie dem auch sein mag, die Greisin ist wieder hier, und die Inhaberin des Putzgeschäfts, Frl. Schenkluhn, ist ihre Nichte. Die Frage ist nur, wer für die arme , alte Frau zu sorgen hat. Die Nichte weist dies entschieden zurück, und ebenso weigert sich der Armenaufseher, sich der Frau anzunehmen. Der Armenpfleger macht geltend, die Frau sei verschollen gewesen, und sei während ihrer Abwesenheit amtlich für tot erklärt worden.
Die Versorgung dieser Frau, deren Rückkehr nach Deutschland einen Präzedenzfall schaffen dürfte, ist ein Rätsel, dessen Lösung der Zukunft anheimgestellt werden muss.
Informationen zur Familie
Amalie Schmidt wird um 1845 in Sensburg als Tochter des Bäckermeisters Martin Schmidt geboren. Am 28. Mai 1884 reist sie von Hamburg aus mit dem Dampfschiff Rhaden unter Kapitän Vogelsang nach New York.

Amalies Schwester Ida Emilie Schmidt heiratet 1863 in Angerburg im Alter von nur 16 Jahren den Landgerichtskanzlisten Eduard Gottlieb Schenkluhn, der 1838 als Sohn des Böttchermeisters Carl Joseph Schenkluhn und dessen Ehefrau Anna Maria Giglen in Angerburg zur Welt kam. Diese beiden schlossen ihre Ehe am 17.11.1828 in Angerburg.
Eduard Gottlieb Schenkluhn und seine Ehefrau leben zunächst in Ortelsburg, wo mehrere Kinder zur Welt kommen, u.a. auch Tochter Marie, die am 26.04. 1872 in Ortelsburg geboren wurde. Dann verlegt die Familie ihren Wohnsitz nach Berlin. Hier wird am 21.1.1895 Else Margaretha Schenkluhn geboren. Die im obigen Zeitungsartikel erwähnte Nichte Amalie Schmidts ist Marie Schenkluhn – als ‚Posamentwarenhändlerin‚ in der Ansbacher Straße Nr. 28 in Berlin-Charlottenburg wird sie über mehrere Jahre im Berliner Adressbuch aufgeführt.
Posamente (aus dem französischen passement, Borte, Besatz, Posamenten; ein Hauptwort zu passer, passieren, was im Sinne dieses Artikels so viel wie „sich entlangziehen“ bedeutet) ist eine Sammelbezeichnung für schmückende Geflechte, wie Zierbänder, gewebte Borten, Fransenborten, Kordeln, Litzen, Quasten, Volants, Spitzen aller Art, überzogene Knöpfe und Ähnliches. Sie können ohne weitere Funktion zum Ausschmücken von Kleidung, Polstermöbeln, Lampenschirmen, Vorhängen und anderen Heimtextilien appliziert werden. (Wikipedia)
Im Haus Ansbacher Straße Nr. 28 befindet sich nicht nur das Geschäft – auch Familie Schenkluhn wohnt dort. Als Amalie Schmidt in Berlin auftaucht, ist ihr Schwager Eduard Gottlieb Schenkluhn bereits verstorben – er starb am 23. September 1917. Aber Amalies Schwester lebt noch! Ida Emilie Schenkluhn, geb. Schmidt verstirbt am 3. April 1922 in ihrer Wohnung. Ihr Tod wird dem Standesamt Charlottenburg von der Tochter angezeigt.
Die Posamentwarenhändlerin Marie Schenkluhn verstirbt am 19.04. 1945 in Berlin-Schöneberg – ihre Schwester Elsa Margarete Schenkluhn lebt noch bis 1975. Am 9. Juli verstirbt sie in Berlin-Zehlendorf. Was aus Amalie Schmidt wurde, konnte ich nicht herausfinden. Ob sie in ihre ostpreußische Heimat zurückkehrte … ?





In Ihrem schönen Beitrag liegt leider eine Verwechslung vor. Bei der Posamentenhändlerin handelte es sich um Marie Schenkluhn, die ältere Schwester von Else Margarethe, die am 26.04. 1872 in Ortelsburg geboren wurde und am 19.04. 1945 in Berlin-Schöneberg verstarb. Trotzdem vielen Dank, mir war das Sterbedatum von Else Schenkluhn nicht bekannt.
Ganz herzlichen Dank für die Korrektur!