Visitation in Osterstade – 1828 und 1831 in Wersabe

Ich habe mir nicht nur die Visitations-Berichte des Blumenthaler Pastors Theobald über seine Gemeinde und seine Beurteilungen der dortigen Lehrer durchgelesen, von denen ich hier erzählt habe, sondern auch die Berichte der Pastoren in Osterstade aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, denn auch dort leben um diese Zeit einige meiner Vorfahren.

Zuständig ist hier die Inspektion in Hagen.

Bei einem ‚Klick‘ auf das folgende Bild sollte man dort landen!

Von 1826 bis 1829 Georg Conrad von Hanffstengel Pastor in Wersabe. Er berichtet 1828 an die Inspektion in Hagen:

Da ich erst seit 2 Jahren hieselbst mein Amt verwalte, so kann ich einen völlig genauen Bericht über die Schullehrer und die Gemeinde nicht abstatten, und bitte darum gehorsamst das Folgende hiernach gewogentlichst zu beurtheilen. …

Über die Schulen und Lehrer…

Im Kirchspiel Wersabe existieren 3 Schulen – die Hauptschule befindet sich in Wersabe. Sie ist ‚dem Präparanden Halberstadt conferirt, weil aber dieser mit höherer Genehmigung bei dem Herrn Patron dieser Gemeinde noch seine Hauslehrerstelle in Acht nehmen darf, so verwaltet den Schuldienst Ludwig Eckloff, früher Präparand auf dem königlichen Seminar in Stade.

Dieser besitzt gute Anlagen, so daß er etwas gut fassen, leicht behalten und schicklich wieder zu lehren im Stande ist, es fehlt ihm ein gründlicher Unterricht und muß sich noch sehr vervollkommnen, um recht tüchtig zu werden. Jedoch ist er schon ein guter Lehrer zu nennen, mit dessen Thätigkeit, Unterrichtsweise und Behandlung der Kinder nie billiger zufrieden sein wird. Er giebt sich Mühe, versteht namentlich die Kinder gut zu beschäftigen und ihre Aufmerksamkeit rege zu erhalten, auch ihre Achtung, sich zu bewahren bei Beschäftigung ihres Verstandes versäumt er nicht(,) ihrem Gedächtnisse heilige Wahrheiten zu künftigem Gebrauche anzuvertrauen.

Ausgezeichnet ist er als Vorsänger, bei einer sehr guten reinen Stimme hat er Sinn für Musik und Gehör, und führt den Gesang sehr anständig und würdig. Sein Betragen ist gut.

Die Hauptschule ward früher und jetzt gut besucht, auch im Sommer sind regelmäßig die Schulkinder zur Hälfte versammelt.

Die Nebenschule zu Wurthfleth verwaltet ein sehr tüchtiger Schullehrer, Diederich Fischer, schon seit etwa 15 Jahren. Er ist gleich ausgezeichnet durch vielseitige gründliche Kenntnisse in seinem Fache, als Liebe zum Schul-Amte und ein gesittetes und verständiges Betragen, so viel ich ihn habe kennen gelernt.

Seine Kenntnisse, die er besonders unter Leitung meines Vorgängers sich erworben, sucht er noch stets zu vermehren durch mehre treffliche Bücher, die er sich, seines geringen Einkommens und Familie ungeachtet, angeschafft hat, und strebt vorzüglich dahin, gründliche und brauchbare Kenntnisse zu erlangen. Dabei unterrichtet er gut und verwaltet sein Amt mit Treue und Liebe, obgleich jetzt besonders er mit dem Unangenehmen zu kämpfen hat, dass seine Schule im Sommer wenig und auch im Winter Anfangs nur schlecht besucht wird, was seinen Grund vorzüglich darin hat, dass in Wurthfleth die größte Zahl der Schulkinder armer Eltern Kinder sind und bei dem Erwerb dieser Leute die Kinder gut gebraucht werden können oft bis spät in den Herbst hinein. Dabei ist dieser Lehrer ein guter Vorsänger, der richtig und fest singt, wenn auch nicht schön, und den Gesang zur Erbauung zu führen versteht. …

Die Nebenschule zu Rechtebe ist seit 1 ½ Jahren einem jungen Mann, Carsten Diedrich Heesemann, anvertraut, der sich Mühe giebt, Geschick zum Unterricht besitzt, und ziemliche Elementarkenntnisse besitzt. Seine Anlagen sind, wenn auch nicht ausgezeichnet, doch gut, rühmlich ist sein Fleiß, Bescheidenheit, gutes Betragen und Liebe zum Schulwesen. ….

Carsten Diedrich Heesemann wird später Lehrer in Driftsethe – der folgende Text über seine Ausbildung und seinen Werdegang stammt von ihm selbst. Er berichtet:

„Im April 1837 kam ich nach Driftsethe. Im Jahre 1810 den 7. Januar bin ich zu Aschwarden, Gemeinde Bruch, in der Süder-Osterstader-Marsch geboren von unbemittelten Eltern. Obwohl ich von denselben fleißig zu Schule gehalten wurde, kam ich doch nicht zu den nötigen Kenntnissen, denn mein alter 71 jähriger Lehrer, der nie seinen Strickstrumpf aus den Händen verlor, vermochte nicht mehr zu leisten. Nach meiner Konfirmation 1824 kam ich im Herbste als Gehülfe auf ein Jahr nach dem Organisten in Uthlede. Darauf war ich wieder ein Jahr zu Hause und hatte Unterricht bei dem Küster in Bruch, der auch der Schule in Aschwarden vorstand, weil der alte Lehrer heimgegangen war. Im Herbste 1826 kam ich als Lehrer nach Rechtebe, Gemeinde Wersabe, wo ich 2 1/2 Jahr war und im Sommer abwechselnd Unterricnt bei dem Herrn Pastor von Hanfstengel daselbst hatte. Ostern 1829 kam ich auf ein halbes Jahr nach dem Seminar in Stade. Das ist leider die ganze Zeit meines Seminarbesuchs gewesen. Im Herbste des Jahres kam ich nach Hinnebeck, Gemeinde Bruch, als Lehrer, wo ich 7 1/2 Jahr war.“Quelle: http://www.driftsethe.de/schulchronik.html

Zurück zur Visitation von Pastor Hanffstengel, der außerdem berichtet über ..

Das kirchliche Leben …

Das kirchliche Leben fällt als gut in die Augen, und ist besser wie an manchen andern Orten; dem Gottesdienste wird fleißig beigewohnt, und große Stille und Aufmerksamkeit herrscht in diesen Versammlungen. Das Heilige Abendmahl wird von Keinem, soviel ich weiß, versäumt, im Gegenteil, ordentlich und andächtig gefeiert. So läßt sich mit Grund schließen, daß das religiöse Interesse bei Vielen gebührenden Platz findet und das Wort Gottes, welches fleißig gehört wird, auch wurzele im Herzen.

Doch habe ich nicht so oft wie anderswo fromme Äußerungen gehört und schätzbare religiöse Gewohnheiten, Tischgebet, Morgen– und AbendAndacht, überhaupt die so äußerst wichtige Haus-Andacht, scheint auch hier, und zwar noch mehr wie anderswo, namentlich auch in den in dieser Hinsicht so wunderlichen Zeiten der französischen Herrschaft, abgekommen zu sein. Daß der vernünftelnde, alles kritisierende und bezweifelnde Zeitgeist vergangener Jahre auch hier seinen Einfluß geübt, und zum Unglauben an das göttliche Wort geneigt gemacht hat, ist wohl wahrscheinlich, obgleich eigentliche Irrelegiösität sich nicht findet.

Quelle: Hermann Allmers, Marschenbuch; Gotha 1858

Die Sittlichkeit der Gemeinde …

Die Sittlichkeit der Gemeinde ist, meiner Beobachtung nach, im Ganzen wohl nicht ausgezeichnet. Es wird zuviel gehört von unrechtlichem Betragen in Handel und Wandel, von großer Trägheit, besonders des weiblichen Geschlechts in den niedern Classen, von Bettelei, Streit und Unfrieden, und bösen Nachreden, auch Unkeuschheit, als daß gerühmt werden könnte, es wäre die Sittlichkeit hier ausgezeichnet.

Allein es gibt in dieser Gemeinde viele würdige verständige gutdenkende Bewohner, und einer ehrenvollen Erwähnung verdient die Anständigkeit und Sittsamkeit bei feierlichen Versammlungen und fröhlichen Festen.

Früher war es schlimmer …

Früher war es hier schlimmer, aber seitdem eine Diebesbande ausgerottet ist, hört man nichts vom frechen Muthwillen junger Leute, von boshafter Rachsucht bei Beleidigungen, und vieler rechtlicher Einwohner Streben gehet zum Besten. Der Herr helfe dazu nach seinen Gnaden!

Schon der Pastor Johann Gottlieb Visbeck erwähnt1798 in seinem Buch ‚Die Nieder-Weser und Osterstade‘ die Tagelöhner im Kirchspiel Wersabe, die – um sich und ihre Familien ernähren zu können – stehlen oder betteln. Er schreibt: ‚Der fleißigste Arbeiter gewöhnet sich leicht an diesen so bequemen Brod-Erwerb, läßt alle Arbeit liegen, bettelt sein ganzes Leben hindurch, und vererbet seinen Bettelstab wohl gar … auf Kind und Kindeskind. … Selbst das Sterbelager erweichet ihre versteinerte Seelen, wie die Erfahrung ergiebt, oftmals nicht und sie bleiben gegen Himmel und Hölle gleichgültig‚.

Wersabe, den 15ten August 1828 G. v. Hanffstengel, Pastor

Einige Jahr später ….

1831 berichtet Georg Dietrich August Brünjes, der Nachfolger von Pastor Hanffstengel (von 1830–1854 Pastor in Wersabe) über die Gemeinde Wersabe:

Daß der Zustand derselben sowohl in religiöser als auch sittlicher Hinsicht keinesweges für ausgezeichnet gehalten werden darf. Des Menschen Innern kennt freilich ganz nur der, welcher Herzen und Nieren prüft. Doch gibt sich eine geheiligte Gesinnung durch einen reinen Wandel kund. Wo daher noch öfters Klagen gehört werden, über Verletzung der Keuschheit, Zwietracht in den Ehen, schlechte Kinderzucht, Vernachlässigkeit des öffentlichen Gottedienstes, Geringschätzung der Sacramente, Hang zur Trägheit, Veruntreuungen, Verläumdung u. d. gl. , da ist hinsichtlich der Religiosität und Sittlichkeit noch keine bedeutende Stufe erreicht.

Wann daher ähnliche Klagen auch hier laut werden, und leider durch mehrfältige Beweise sich als gegründet ausweisen: so liegt darin eben nicht das rühmlichste Zeugniß für die hiesige Gemeinde. Indeß neben wenigen ganz lasterhaften und manchen, die in einer oder anderer Hinsicht sich eines unchristlichen Wandels schuldig machen : gibt es doch auch viele, die sich durch ächte Frömmigkeit und sittliche Unbescholtenheit rühmlichst auszeichen. –

Weiß man wie vor nicht vielen Jahren der religiös-sittliche Zustand der hiesigen Gemeinde beschaffen war, erwägt man, dass sie damals wohl nicht mit Unrecht in einem höchst üblen Rufe stand; und bemerkt man dagegen, dass sich jetzt doch nach und nach manche früher herrschende Laster immer mehr verlieren und die Abscheu dagegen allgemeiner wird so darf man sich der freudigen Hoffnung überlassen, dass ächtes Christenthum, da es in manchem früher dagegen verschlossenem Herzen Eingang gefunden, durch des Herrn Gnade von Tage zu Tage mehr an Einfluß gewinnen werde und dass also die Zeit nicht mehr so ferne liegen dürfte, wo die hiesige Gemeinde andern christlichen sich zur Seite stellen könne.


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