Ein letzter Beitrag im ‚alten Jahr‘ 2025! Über die Begüterung Worienen im ehemaligen Kreis Pr. Eylau in Ostpreußen habe ich schon oft geschrieben, aber Bethel Henry Strousberg habe ich in diesem Zusammenhang noch nicht erwähnt. Das hole ich nun nach …
Die Begüterung Worienen (heute Woryny) befand sich ab 1558 im Besitz der Familien von Lehndorff – von Tettau – von Bredow – von Domhardt, des Rittmeisters von Kositzki und der Familie Gützlaff, bevor sie 1866 für 10 Jahre in den Besitz des sogenannten „Eisenbahnkönigs“ Bethel Henry Strousberg kam.

Lebens- und Charakterbilder aus Vergangenheit und Gegenwart,“ Bd. 2, Leipzig 1901
Die Auszüge aus dem nachfolgende Text stammen aus meiner Chronik von Worienen.
Bethel Henry Strousberg, an den Gustav Gützlaff die Begüterung Worienen 1866 verkauft, ist eine schillernde Persönlichkeit. Er wohnt mit seiner Familie in Berlin, wo er für reichlich Gesprächsstoff sorgt. Der ebenfalls in Berlin lebende Schriftsteller Ernst Korfi schreibt 1870: „Wer in den letzten Jahren … Berlin passirt, mag es anstellen, wie er will, und in welchen Gesellschaftskreisen immer sich bewegen: er wird entweder vom Grafen Bismarck oder vom Dr. Strousberg sprechen hören“ (Quelle: Ernst Korfi, Dr. Bethel Henry Strousberg, Biografische Karakteristik; Verlag G. Eichler; Berlin 1870; Seite 3)
Die Biographie Bethel Henry Strousbergs liest sich wie ein Roman. Er wird im November 1823 in Neidenburg als Sohn jüdischer Eltern geboren und auf den Namen Baruch Hirsch Strausberg getauft. Bereits im Alter von 12 Jahren wird er Waise, besteigt allein ein in Pillau lagerndes Frachtschiff und macht sich auf den Weg nach London, wo ein Onkel namens Gottheimer einen Kohlenhandel betreibt (Ernst Korfi nennt insgesamt drei Gottheimer-Onkel, die in London leben).
„Bei ihm trat der Knabe in die Lehre, und erwies sich bald brauchbar genug, um im Interesse seines Oheims zu verschiedenen Malen jeden Theil von England zu bereisen, den man den Steinkohlen-Bezirk nennt, bei welcher Gelegenheit er das Kohlengeschäft aus dem Grunde erlernte. Die Noth, die mächtigste Lehrmeisterin des Individuums, so wie der ganzen Menschheit, trieb ihn vorwärts, und erweckte in ihm frühzeitig einen sehr ausgeprägten Sinn für das Geschäftsleben“. (Ernst Korfi, Dr. Bethel Henry Strousberg, Biografische Karakteristik; Verlag G. Eichler; Berlin 1870; Seite 12)
Die Gottheimer lassen ihn in London anglikanisch taufen. Von nun an nennt er sich Bethel Henry Strousberg. Da seine Eltern viel Wert auf Bildung gelegt hatten, spricht er bei seiner Ankunft in London bereits Deutsch, Polnisch und Französisch. Nun erlernt er auch die englische Sprache. Strousberg ist eifrig und zielstrebig. Dies sind nur einige Stationen seines Lebens: Er studiert, wird Literat, arbeitet für verschiedene Londoner Zeitungen, wird Redakteur und schließlich Direktor der Londoner gemeinnützigen Bau-Gesellschaften. Er arbeitet als Kunsthändler und im Versicherungswesen, gründet eine Familie und versucht, durch trickreiche Spekulationen mit geliehenem Geld zu Reichtum zu gelangen.
1855 kehrt Strousberg nach Deutschland zurück. Zunächst lebt er in verschiedenen Berliner Mietwohnungen, anfangs in der Luisenstraße, dann in der Dorotheenstraße Nr. 555. Er beginnt, mit Immobilien zu handeln. Außerdem fängt er an – zunächst als Bevollmächtigter, dann selbständig – in ganz Mitteleuropa weitläufige Bahnstrecken anzulegen, weshalb er im Laufe der Zeit den Titel „Eisenbahnkönig” erwirbt. Strousberg baut bzw. kauft eine Reihe industrieller Unternehmen, Häuser und Güter (u.a. die Gustav Arndt’schen Schienenwalzwerke in Dortmund, die Egestorff’sche Maschinenfabrik in Hannover, die Südzitadelle in Antwerpen, Häuser inWien und Berlin, Güter in Brandenburg, Ost– und Westpreußen).
Strousbergs Eisenbahnlinien, die zum großen Teil bis heute erhalten sind:
Tilsit-Insterburg (1865)
Königsberg-Grajevo (1866-71)
Berlin-Cottbus-Görlitz (1866/67)
Halle-Cottbus-Guben (1871/72)
Frankfurt/Oder/Guben-Posen (1870)
Breslau-Sedschütz (1868-72)
Hannover-Hameln-Altenbeken (1872)
Löhne-Hameln-Vienenburg (1875)
„In den Jahren 1864 bis 1870 erwirbt Strausberg in Deutschland und Österreich-Ungarn zahlreiche Landgüter mit einer Größe von insgesamt 47. 300 ha. Hiervon entfallen in Ost- und Westpreußen über 10. 000 ha; in Ostpreußen sind im Kreise Preußisch Eylau die Rittergüter Groß Peisten, Egdeln, Schwadtken, Sienken,Worienen und Wiecherts in Strausbergs Besitz.“ (Quelle: Hermann Pölking, Ostpreußen, Biographie einer Provinz, S. 252)
Im Zusammenhang mit der Begüterung Groß Peisten habe ich Strousberg bereits früher erwähnt. Das kann man hier nachlesen: https://www.genealogie-tagebuch.de/?p=14433
Auch nach dem Erwerb seiner Landgüter wohnt Strousberg mit seiner Familie weiterhin in Berlin, wo er „in der Wilhelmstraße (Nr. 40) sein Hoflager aufgeschlagen hat.“ Quelle: Friedrich vom Rhein, Enthüllungen über Dr. Strousberg und sein rumänisches Eisenbahn-Unternehmen; Verlag Eugen Grosser, Berlin 1871, Seite 12)
Dieses prunkvolle Gebäude – auch „Palais Strousberg“ genannt – war 1867/68 errichtet und mit allem für damalige Verhältnisse nur denkbarem Luxus ausgestattet worden. Es verfügte über „bemerkenswerte technische Einrichtungen wie Gasbeleuchtung, Warmwasserheizung, Waschmaschine und Badezimmer.“ Quelle: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Palais_Strousberg – abgerufen am 17.08.2019)
All diesen Luxus kann die Familie nur wenige Jahre genießen. Seine Spekulationen und die allgemeine schlechte finanzielle Lage treiben Strousberg in den Ruin. Er meldet Konkurs an. Schon 1871 ist zu lesen: „Noch vor Jahr und Tag stand der gewaltige, in alle Welt hinaus posaunte Ruf und Ruhm des sogenannten „selbstgemachten“ Mannes, Dr. Strousberg, auf seinem Höhepunkte; in letzter Zeit ist derselbe ganz gewaltig in die Krümpe gegangen und gegenwärtig wird wohl kein Privatmann häufiger genannt und mit mehr Verachtung und Verwünschungen überhäuft, als derselbe „große“ Mann.“ (Quelle: Friedrich vom Rhein, Enthüllungen über Dr. Strousberg und sein rumänisches Eisenbahn-Unternehmen; Verlag Eugen Grosser, Berlin 1871, Seite 12)
Strousberg selbst erzählt: „Als ich im Besitz einer großen Summe von Stamm-Actien der ostpreußischen Südbahn gelangte und noch glaubte, dass ich mich von Geschäften zurückziehen würde, bot sich die Gelegenheit, einige größere Güter in Ostpreußen zu kaufen, wobei ich Actien in Zahlung geben konnte. Die Besitzungen lagen nicht weit von der Bahn und die Verkäufer kannten die Verhältnisse derselben, ehe ich dabei betheiligt war. So gelangte ich zum Grundbesitz. Dies wurde bekannt und mir wurden im Laufe der Zeit in allen Theilen der Monarchie Güter angeboten.“ (Quelle: Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert; Berlin, Verlag von J. Guttentag (D. Collin) ; geschrieben in Moskau, im Juli 1876; Seite 406/407.
Strousberg befindet sich auch zum Zeitpunkt des Erwerbs von Worienen bereits in großen finanziellen Schwierigkeiten. Herrn Gützlaff ist dies bekannt. Er verlangt deshalb keinerlei Anzahlung und beschließt stattdessen, auch nach dem Verkauf der Begüterung noch für einige Zeit in Worienen zu bleiben, um die Bewirtschaftung kontrollieren zu können.
Gützlaff dazu in seinem Tagebuch: „Es handelte sich um ein Werth-Objekt von fast einer halben Million Thalern, was er (Strousberg) käuflich von mir erwarb, ohne auch nur einen rothen Heller darauf baar anzuzahlen. Ich wusste sehr genau, dass es mit seiner Kasse verzweifelt schwach bestellt war, und dass das ganze Geschäft sich zerschlagen musste, falls auch nur die geringste baare Anzahlung von ihm verlangt worden wäre. Ich musste also in Bezug auf diesen Punkt, so gut es eben ging, mir den Rücken anderweitig zu decken suchen. Konnte ich nur in Worienen bleiben und die Wirthschaft im Auge behalten, wurde die Gefahr für mich wesentlich verringert.” (Quelle: Tagebuchaufzeichnungen von Gustav Gützlaff; privat)
Für die Dauer von 10 Jahren pachtet Gustav Gützlaff die Woriener Brauerei und bleibt zunächst in Worienen. In einem Adressbuch von 1866 sind sowohl Gützlaff als auch Strousberg (hier Strusberg) aufgeführt. Gützlaff noch als Besitzer der Begüterung Worienen, Strousberg als Eigentümer von Peisten.
Die Begüterungen Worienen und Groß Peisten bleiben – wie all seine Besitzungen – nur wenige Jahre im Besitz von Bethel Henry Strousberg. 1875 wird er in St. Petersburg verhaftet und wegen Anstiftung zu Kreditvergehen und Bestechung in Moskau angeklagt und schuldig gesprochen. Das Urteil lautet auf Verbannung aus Russland und lebenslängliches Einreiseverbot. Dennoch lässt man ihn erst 1877 nach Deutschland zurückkehren.
Strousberg gibt nicht auf, gründet eine Zeitung und arbeitet wieder als Journalist. Hoch verschuldet stirbt Bethel Henri Strousberg 1884 als Ortsarmer in Berlin. Die Familiengrabstätte auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg
besteht noch heute.
1876 befinden sich sowohl Worienen als auch Groß Peisten im Besitz der Berliner Disconto-Gesellschaft, einer der größten deutschen Bankgesellschaften. Strousberg hatte von dieser „behufs Regelung der Rumänischen Eisenbahnangelegenheit“ . . . . unter Verpfändung seiner gesamten Güter, seiner Grundstücke in Berlin und Wien sowie „einer größeren Herrschaft in Polen“ „unter solidarischer Bürgschaft der übrigen Concessionäre der Rumänischen Eisenbahnen bis zum Betrage von 1,500.000“ einen immensen Vorschuss erhalten. Da Strousberg nicht in der Lage ist, die bewilligten Gelder zum Fälligkeitstermin zurückzuzahlen, wird bei einer General-Versammlung der Disconto-Gesellschaft im Juni 1877 u.a. protokolliert: ‚Die Herrschaften Radawnitz, Womwelno und Worienen… sind von uns in den betreffenden Subhastationsterminen käuflich erworben, und ist unser Grundstücksinteresse durch den Zuwachs des betreffenden Nettokaufpreises hierdurch, den an anderen Stellen stattgehabten Realisirungen gegenüber, unerheblich vermehrt worden.
Die gleichfalls im Subhastationstermine ersteigerte Herrschaft Peisten ist bald nachher mit angemessenem Nutzen wieder veräussert worden, wodurch sich die oben erwähnte Verlust-Abschreibung auf jene Forderung entsprechend verringert hatte.‘
Strousberg wirf der Bank vor, sich auf seine Kosten bereichert zu haben und seine Güter nach seinem Konkurs für weniger als die darauf verausgabten Meliorationskosten ersteigert zu haben.





Liebe Frau Gegner-Sünkler,
dieses ist Ihrer zahlreichen wunderbar plastischen und lehrreichen Schilderungen, mit denen man regelrecht in die Vergangenheit eintauchen kann. Das macht immer wieder sehr viel Spaß ! Danke Ihnen herzlich für Ihre so engagierte Arbeit, die stets auch hinter die Kulissen und in die Tiefe blickt.
Alles Gute zum Neuen Jahr! Gesundheit, Erfüllung und Zuversicht ! 🪅
VG Henriette