Wenn ich ein Kirchenbuch entdecke, in dem der Pastor sich nicht nur darauf beschränkt hat, die Namen seiner Gemeindemitglieder und deren Tauf-, Heirats– oder Sterbedaten einzutragen, sondern auch alltägliche Begebenheiten genauer beschreibt, vergesse ich Zeit und Raum und fühle mich in eine andere Welt versetzt …
Manchmal lese ich sämtliche Einträge Wort für Wort und oftmals bin ich wirklich dankbar dafür, dass wir so manches Elend, dem unsere Vorfahren – u.a. aufgrund der damaligen Lebensbedingungen, vor allem der medizinischen Verhältnisse – ausgesetzt waren, heutzutage nicht mehr erleben müssen.
Der folgende erschütternde Eintrag stammt aus einem Kirchenbuch der Gemeinde Kreischau bei Torgau in Sachsen.

Im Oktober 1729 kommt es hier bei der Geburt eines Kindes zu einem tragischen Unglück, das man sich kaum vorstellen mag … Der Pastor notiert:
Den 5. October ist Christian Windern, einem Studterey-Knechte allhier, von seinem Weibe, sehr unglückl(ich) ein Töchterlein gebohren worden, denn, da es nach vieler Geburths-Arbeit im Mutterleibe verschieden, so ist es mit einem Ärmigen (Ärmchen) zwar gekommen, aber es hat nicht weiter können gebracht werden; daher ein Balbirer und Doctor Medicinae aus Torgau geholet worden, ersterer auff Anrathen der Wehmutter, das heraus ragende Ärmigen abgedrehet und abgeschnitten; weil aber dennoch die Frucht weder vom Balbier, noch von der Wehmutter hat können gewonnen werden, als(o) ist dißfalls berühmter Chirurgus von Belgern (noe Eidinger) geholet worden, welcher dann mit eisernen Hacken ein Stück nach dem andern, endlich auch den Kopff mit deren noch daran hängender Haut, und beyden Beinigen, durch Gottes Gnade herausgezogen, damit doch die Kindbetterin möchte erhalten werden, welche sich auch bey diesem schweren Zustand, überaus getrost und frisch erwiesen. Gott verhüte ferner dergl(eichen) jämmerl(ichen) Anblick!
Gottseidank hat die Mutter überlebt!
