Genealogie und KI – macht das Sinn?

Macht es Sinn, die KI bei der eigenen Ahnenforschung einzubeziehen? Ich hab’s ausprobiert – aber nun reicht es auch!

Es waren keine kostenlosen KI-Tools, die ich bei diesem Test genutzt habe!

Zunächst bin ich tatsächlich beeindruckt von einigen Texten, die von KI nach Vorgabe nur weniger Fakten erstellt werden – zum Beispiel Biografien wie diese:

Beeindruckt hat mich anfangs der Schreibstil, der so ganz anders ist als mein eigener. Aber es ist eben nicht mein Schreibstil! Die KI-Texte enthalten zahlreiche äußerst ‚blumige‚ Formulierungen und Ausschmückungen – ich selbst schreibe eher Sachtexte.

Was mir gefällt und sicherlich manchmal nützlich sein kann, ist die KI-generierte Darstellung verschiedener Lebenssituationen – zum Beispiel von Berufsbildern der Ahnen zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Regionen. Im ‚Flow‘ mit KI bietet mir diese zwischendurch immer mal die Erstellung ‚historisch stimmungsvoller Bilder‚ an – wie KI selbst diese Kreationen nennt.

Im Verlauf der „Unterhaltung“ über meinen Vorfahren Michael Gegner, der um 1750 als Kunstgärtner der Begüterung Worienen im ehemaligen ostpreußischen Kreis Pr. Eylau tätig ist, schlägt mir KI vor, ein solches Bild zu erstellen. Das Ergebnis:

In einschlägiger Literatur konnte ich nirgends ähnliche Abbildungen entdecken, deshalb finde ich es sinnvoll, zur Illustration der eigenen Familiengeschichte KI-generierte Bilder zu verwenden, wenn diese stimmig sind.

Ich füge an dieser Stelle einen Ausschnitt aus einem Kommentar zu diesem Thema ein – den gesamte Kommentar findet man unter dem Beitrag.

Christoph schreibt: ‚Gerade die Bildgenerierung erachte ich als ein ziemliches genealogisches Pulverfass, da wie oben „plausible“ Illustrationen erstellt werden, die irgendwann vielleicht als historische Überlieferung verkannt werden. Als Nachgeborenem kommen einem doch beim Gärtner-„Foto“ ziemliche Zweifel: Konnte sich ein Gärtner um 1750 derartige Stiefel leisten? Wäre er damit zur Arbeit gegangen? Die Weste – zeitgemäßer Stil, Arbeitsklamotte und (immerhin bestickt o.ä.) im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten? ….. Welches Werkzeug hält Christian Fischer in der Hand und entspricht sein muskelbepackter Körper nicht eher modernem Schönheitsideal, Proteinpulver und Muckibude als den Lebensrealitäten im 18. Jahrhundert? So genau „weiß“ die KI das natürlich auch nicht – woher auch – und deswegen steht auch unter dem Schafmeister „c. 1700–1930“.

Weitere Beispiele KI-generierter Darstellungen einiger Vorfahren: Bild links und Mitte: Israel Elßig, Schafmeister in Kobelsdorf bei Meißen um 1700 – rechts Christian Fischer, der von 1704 bis bis 1749 als Maurermeister in Pinnewitz bei Meißen lebte. Könnten beide bei der Ausübung ihrer Berufe so ausgesehen haben …?


Ab und zu habe ich die KI getestet und bewusst Fragen gestellt, die ich selbst beantworten kann. Mit der Begüterung Worienen im ehemaligen Kreis Pr. Eylau in Ostpreußen habe ich mich lange beschäftigt – damit kenne ich mich ganz gut aus. Deshalb war ich gespannt auf die Beantwortung meiner Frage an KI: „Kannst du mir bitte Näheres über den Ort Worienen im Kreis Pr. Eylau in Ostpreußen erzählen?“ Es folgte diese ‚Unterhaltung‚:

Sauber geklärt‚ wird aber leider gar nichts! KI hätte die richtigen Informationen einfach nur dem von mir erstellten Einleitungstext zum OFB Eichhorn entnehmen können – da heißt es:

Der ehemalige Kreis Pr. Eylau in Natangen gehörte zum Regierungsbezirk Königsberg in Ostpreußen. Das Kirchspiel Eichhorn umfasst folgende Orte bzw. Güter: Dixen, Dörsen, Eichhorn, Gallehnen, Glomsienen, das Vorwerk Jägerhof, Kohsten, Kumkeim, Müggen, Neuendorf, Neukrug, Polassen, Stettinen, Tapperlauken, Weskeim, Wokellen, Worglitten und Worienen.

Sowohl das Dorf Eichhorn selbst – um 1350 als deutsches Bauerndorf gegründet – als auch die zum Kirchspiel gehörigen Orte befanden sich über mehrere Jahrhunderte in adligem Besitz. So lebten beispielsweise in Worienen die Familien von Lehndorff, von Tettau, von Bredow und von Domhardt, in Wokellen Familie von Tettau und in Weskeim Familie von der Gröben.

Stattdessen kommt dieser Unsinn!

Es folgt ein Angebot:

Und dann kommt diese unsinnige Karte!

Noch abstruser ist die nachfolgende Karte! Sie ist das Ergebnis meines Versuchs, herauszufinden, auf welchem Weg meine Gegner-Vorfahren wohl nach Ostpreußen gelangt sein könnten. Ich weiß, dass sie bereits um 1650 im Kirchspiel Eichhorn leben – schon zu dieser Zeit werden sie in den dortigen Kirchenbüchern genannt.

KI erklärt: ‚Das Ordensland wurde in ein weltliches Herzogtum unter Albrecht von Brandenburg-Ansbach umgewandelt. Schon er (um 1530–1550) lockte viele süddeutsche und schlesische Beamte, Geistliche und Handwerker an – bevorzugt aus seiner fränkischen Heimat (Ansbach, Nürnberg, Bayreuth). In dieser Zeit könnten bereits einzelne Familien mit Namen wie „Gegner“ eingewandert sein.‘

Damit bin ich einverstanden – das vermute ich auch schon lange! Doch dann schlägt KI wieder vor, eine Karte anzufertigen, um zu verdeutlichen, wie ‚diese mitteldeutschen Einwanderungsströme im 16. Jahrhundert ins Herzogtum Preußen verliefen‘ und bringt alles durcheinander!

Mein Fazit: KI ist sehr sprachgewandt und ausgesprochen höflich und freundlich! Sie freut sich über Hinweise, lobt den Anwender und bedankt sich für Korrekturen oder Ergänzungen – die sie ja auch benötigt, um besser zu werden!

Es hat Spaß gemacht, verschiedene Funktionen zu testen! Ab und zu erschienen mir KI-Anmerkungen sinnvoll und zumindest überprüfenswert und einige Anregungen werde ich sicherlich durchdenken!

Aber ich sehe eine große Gefahr! Man sollte die KI momentan nur dann verwenden, wenn man selbst in der Lage ist, die – reichlich vorhandenen – sachlichen Fehler zu erkennen! Anfängern in der Familenforschung rate ich ausdrücklich davon ab, KI-generierte Antworten ohne Überprüfung und Kontrolle der Quellen zu übernehmen! Man kann ziemlich beeindruckt sein von all dem, was KI behauptet, aber (leider?) ist vieles absoluter Quatsch! Die eigene Recherche und die Arbeit an Original-Quellen kann KI nicht ersetzen! Und das ist wohl auch gut, denn die Recherche macht Spaß!

Als ziemlich gruselig habe ich die persönliche Nähe empfunden, die KI durch immer wiederkehrende Ansprache und Lob zum Nutzer aufzubauen versucht. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass einige Anwender dadurch die nötige Distanz zu diesem Medium verlieren und in einen Sog geraten, der kritische Beurteilung verhindert.

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5 Antworten zu Genealogie und KI – macht das Sinn?

  1. Henriette Hermann sagt:

    Sehr sehr eindrucksvoll dargestellt, die Fallstricke der KI !
    Überhaupt bin ich – Vorfahren in Preußisch Eylau / Landsberg und umzu und übrigens auch in Bremen und umzu 😉 – ein großer Fan Ihres Tagebuches ! Schon oft erhielt ich sehr wertvolle Anregungen oder interessante Aspekte!
    Danke und alles Gute ! Sehr herzlich Henriette

  2. Christoph sagt:

    Hallo Irmi, ich lese sehr gerne hier, obwohl ich mit den Familien/Regionen genealogisch keine Überschneidungspunkte habe. Gerade die Bildgenerierung erachte ich als ein ziemliches genealogisches Pulverfass, da wie oben „plausible“ Illustrationen erstellt werden, die irgendwann vielleicht als historische Überlieferung verkannt werden. Als Nachgeborenem kommen einem doch beim Gärtner-„Foto“ ziemliche Zweifel: Konnte sich ein Gärtner um 1750 derartige Stiefel leisten? Wäre er damit zur Arbeit gegangen? Die Weste – zeitgemäßer Stil, Arbeitsklamotte und (immerhin bestickt o.ä.) im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten? Ich bin mir sicher, dass einem durchschnittlichen Menschen aus der Großvater-/mutter-Generation noch zahlreiche andere Ungereimtheiten aufgefallen wären, weil man eben eben doch noch mehr Wissen über Kleidung, Handwerk und soziale Verhältnisse mitbrachte. Insofern stellt sich auch die Frage: Welches Werkzeug hält Christian Fischer in der Hand und entspricht sein muskelbepackter Körper nicht eher modernem Schönheitsideal, Proteinpulver und Muckibude als den Lebensrealitäten im 18. Jahrhundert? So genau „weiß“ die KI das natürlich auch nicht – woher auch – und deswegen steht auch unter dem Schafmeister „c. 1700–1930“.

    • Irmi Gegner-Sünkler sagt:

      Ja, Christoph, du hast Recht! Da scheint einiges nicht der damaligen Realität zu entsprechen – ich selbst erkenne Unstimmigkeiten eher bei Texten. Herzlichen Dank für diesen Hinweis!

  3. Liebe Irmi, vielen lieben Dank für den tollen Text. Auch ich habe versucht einige Dinge mittels KI aus der Familiengeschichte herauszufinden – aber da waren schon einige grobe Schnitzer dabei. Um eine generelle Orientierung zu finden ist es manchmal nicht schlecht – sehr gute Formulierungen – freundlich und höflich – aber das Schlimmste war eine Grafik von Pr. Eylau – die ganz furchtbar war. Die Tatsache, dass die Karte nicht genordet war, war da noch das Harmloseste. Aber die angrenzenden Kreisgebiete passten noch nicht einmal. Allerdings habe ich nur die kostenfreie Version genutzt. Ganz liebe Grüße, Frank

  4. Ja, man sollte bei einem Werkzeug wie KI immer auch die Grenzen kennen. KIs eignen sich derzeit nicht zum Erstellen von Karten aller Art. Daher macht es keinen Sinn mit einer KI so etwas zu versuchen. Eine KI zu Dingen zu befragen, die nur Experten wissen, macht auch wenig Sinn, denn dann halluziniert sie lieber als keine Antwort zu geben und ihre Unkenntnis zuzugeben. Zumindest sollte man bei solchen Themen ganz anders prompten. Besser ist es immer man gibt der KI das Material mit, das sie bearbeiten soll: hier ist ein Dokument, ermittle daraus alle Namen und erstelle eine GEDCOM-Datei. Und man sollte immer alle Ergebnisse überprüfen.

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