Mein Opa – der „Rennfahrer“

Meinen ostpreußischen Großvater Carl Ludwig Gegner habe ich nie kennengelernt. Er starb im Alter von nur 29 Jahren. Ich freue mich deshalb über jeden kleinen Hinweis auf sein Leben, der ihn mir ein wenig näher bringt ….

Carl Ludwig hatte nur wenig Zeit, um seinen Nachkommen persönliche Erinnerungen zu hinterlassen. Außer zwei Fotos gibt es noch seine Unterschrift, die er 1911 bei der Geburt meines Vaters im Standesamt leistet:

Aber dann ist da noch dieser Pokal, der mich seit meiner Kinderzeit begleitet und belegt, dass mein ostpreußischer Großvater nicht nur Maschinenschlosser und Soldat war – sondern auch Radrennfahrer!

Ich wusste zwar, dass dieser Pokal von meinem Opa stammt und dass er ihn 1906 bei einem Radrennen gewonnen hatte. Ich kannte die Inschrift – aber keinerlei Geschichte ‚dahinter‘. Nun habe ich beim Stöbern in alten Zeitschriften mehr erfahren …

Carl Ludwig Gegner war Mitglied des Blumenthaler Radfahrvereins Germania‚ und nahm als solcher auch an Fernfahrten teil, die von Zeit zu Zeit gegen andere RadsportVereine ausgetragen wurden.

Am 8. September 1906 erscheint in der Oldenburger Zeitung ‚Nachrichten für Stadt und Land‘ folgende Ankündigung: „Für die am nächsten Sonntag zu veranstaltende Fernfahrt über 250 Kilometer sind ca. 20 Nennungen eingegangen, so daß die Fahrt unbedingt stattfinden wird. …. Unter den Gemeldeten befinden sich die besten Straßenfahrer des Gaus aus Bremen, Oldenburg (R.-V. „Germania“ stellt 7 Fahrer), Zwischenahn, Blumenthal usw. …“

Einer dieser „besten Straßenfahrer“ war mein Opa! Bei genau dieser Fernfahrt am 15. September 1906 erreichte er als Zweiter das Ziel und gewann den obigen Pokal! Nach der Fahrt erscheint dieser Artikel:

Darin heißt es: „Die Fahrer mussten folgende Strecke zurücklegen: Bremen, Oldenburg, Varel, Wittmund, Aurich, Hesel, Wiefelstede, Oldenburg, Bremen. Oldenburg passierten die Fahrer zum ersten Male um 7 Uhr 10 Min(uten) und auf der Rückfahrt um 2 1/4 Uhr. Die Fahrer wurden in Oldenburg vom Radfahrerverein von 1884 und vom Radfahrerverein Osternburg geführt, um zu vermeiden, daß innerhalb der Stadt ein zu schnelles Tempo innegehalten wurde. ….

Folgende Herren gingen als Sieger aus der Wettfahrt hervor:

Die Fahrer kamen in bester Gesundheit am Ziel an“.


Wer mehr über die Bremer Fahrradgeschichte vor dem 1. Weltkrieg erfahren möchte, dem sei der Text von Florian Nikolaus Reiß empfohlen, der 2015 im Bremischen Jahrbuch Band 94. veröffentlicht wurde:

Einige Auszüge daraus:

  • Besonders in den frühen Jahren, als das Fahrrad anfing, ein allgemeines Verkehrsmittel zu werden, zeigte die Stadt Bremen eine erstaunliche Offenheit und kreative Bereitschaft, das neue Verkehrsmittel auf ihren Straßen und Wegen zu integrieren .
  • Aus der hölzernen Michauline entwickelte sich das stählerne Hochrad. …. Das Hochrad erlaubte seinen Fahrern, sich mit den Reitern auf Augenhöhe fortzubewegen .
  • Es wird erzählt, dass Engländer und Amerikaner aus ihrer Heimat Fahrräder mitbrachten und damit in Bremen spazieren fuhren. Bremer Kaufmannsöhne eiferten ihnen nach, indem sie sich ebenfalls ein solches Sportgerät zulegten. Bald gab es so viele Radfahrer in der Stadt , dass sich unter ihnen ein Verein bildete. 1881 entstand der Bremer Bicycle-Club.
  • 1884 wird eine neue Fahrradordnung erlassen. Das Befahren der Fußwege wurde nun erlaubt, allerdings nur für Radfahrer, die fahren konnten. Mit dieser Regelung war Bremen damals sehr fortschrittlich, denn es gab nicht viele Städte, die Radfahrer auf den Fußwegen duldeten. Es wurde eine Fahrprüfung eingeführt. Hatte man sie bestanden, konnte man für wenig Geld einen Erlaubnisschein und ein Nummernschild erwerben .
  • Das 19. Jahrhundert war die Blütezeit des Vereinswesens, und so schossen die Radfahrvereine wie Pilze aus dem Boden. Allein in Bremen gab es an der Schwelle zum 20. Jahrhundert über ein Dutzend.
  • Wichtigste Interessenvertretung der Radfahrer wurde nach 1884 der Deutsche Radfahrerbund.
  • Zehn Radfahr-Ordnungen erließ Bremen zwischen 1884 und 1908. 1887 wurden die Bedingungen, unter denen das Befahren der Fußwege im Bürgerpark gestattet worden war (Erlaubniskarte und Nummernschild, auf alle freigegebenen Fußwege ausgedehnt .
  • Anfang der 1890er Jahre ersetzte die Bremer Polizeidirektion das Wort Velociped durch Fahrrad.
  • Dem ersten Bundestreffen 1897 verdankte Bremen seine ersten Radwege. Im Vorfeld dieses Ereignisses veranstalteten Bremens Radfahrer eine Geldsammlung zur Anlage von Radwegen. 5000 Mark kamen damals zusammen. Davon entstanden im Bürgerpark mehrere Radwege.
  • In den folgenden Jahren wurden Radwege in der Mitte der Straße angelegt. Solche Radwege sind noch heute im Steintorviertel in einigen Straßen vorhanden , sie dürften zu den ältesten noch erhaltenen Radwegen Deutschlands gehören .
  • Die Radrennbahn an der Schleifmühle wird errichtet
  • Am 7. Juni 1885 konnte das erste Rennen unter großer Anteilnahme des Publikums abgehalten werden . Die 1200 Sitz – und Stehplätze auf der Tribüne waren vollständig ausverkauft .
  • Eine Disziplin des Radsports war das Reigenfahren, das heute kaum noch bekannt ist. Es gab Meisterschaften im Hoch – und im Niederrad-Reigen. Bremen besaß damals eine der besten Reigenmannschaften Deutschlands. ….

Das Fahrradgeschäft boomt! Viele Geschäftsleute wittern gute Umsätze und werben für Räder und Zubehör. Ständig werden technische Neuerungen angeboten und die Firma Maggi empfiehlt ihre Bouillon-Kapseln als ‚besonders geeignet für Radfahrer!‘


Auch in Oldenburg existierte eine Halle, in der u.a. Radsport-Veranstaltungen stattfanden: die Rudelsburg! Sie befand sich ganz in meiner Nähe an der Ecke Westerstraße/Ofener Straße. Vermutlich hat mein Großvater auch in der Rudelsburg geradelt, denn beim dortigen Radsport-Saalfest erbrachte der Blumenthaler Verein Germania 1907 wiederum gute Leistungen!

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Eine Antwort zu Mein Opa – der „Rennfahrer“

  1. iron5ddf98d843f sagt:

    Toller Einblick! 👍🏼 Beachtlich welche Strecken sie damals schon zurückgelegt haben, wenn man überlegt, dass die Fahrräder nicht wie die modernen Rennfahrräder waren.

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