Genealogie als Heilmittel …

Dieser Beitrag fällt ein wenig aus dem Rahmen – er ist sehr persönlich.

Nachdem mir vor vielen Jahren das von Pfarrer Johannes Hoehne 1909 veröffentlichte kleine Büchlein ‚Das Amt Pr. Eylau um 1600 unter besonderer Berücksichtigung des Kirchspiels Kl. Dexen‚ in die Hände gefallen war, habe ich bereits einen kurzen Bericht geschrieben, der die Überschrift trägt ‚Genealogie als Heilmittel gegen Unzufriedenheit‚. Der Titel bezog sich auf das Vorwort von Pfarrer Hoehne, der als Heilmittel empfiehlt, sich mit der Vergangenheit zu befassen. Die Beschäftigung mit der ‚alten, guten Zeit‚ könne bewirken, die eigene Unzufriedenheit abzulegen, behauptet er.

Pfarrer Hoehne hat Recht! Taucht man näher ein in die Vergangenheit, erkennt man schnell, dass es absolut keine guten, alten Zeiten waren, in denen unsere Vorfahren lebten – ganz egal in welchen Regionen sie ansässig waren. Bei näherer Beschäftigung mit den Lebensumständen der Vorfahren fragt man sich ab und zu, wie es überhaupt möglich war, dass es einigen von ihnen gelang, derart viele Krisen, Krankheiten und Widrigkeiten zu bewältigen und zu überleben.

Bei mir selbst hatte die Beschäftigung mit der Ahnenforschung noch weitergehende Auswirkungen. Sie war nicht nur ein Heilmittel gegen Unzufriedenheit.

Als ich vor mehr als 30 Jahren mit meinen genealogischen Forschungen begann, befand ich mich in einer schwierigen Lebenssitutaion. Nach einer Reihe von Schicksalsschlägen litt ich unter Angst- und Panikattacken. Ich musste meinen Beruf aufgeben und und war viele Jahre lang nicht in der Lage, das Haus zu verlassen.

In dieser Zeit, begann ich, mich intensiv in die Ahnenforschung zu stürzen – zunächst nur von zu Hause aus. 1995 startete der Verein für Computergenealogie e.V. (CompGen) die ersten deutschen genealogischen Mailinglisten – schon damals war also ein Austausch mit anderen Forschern möglich. Ansonsten erhielt ich Informationen über Briefkontakte oder Telefonate – jeder kleine Fortschritt löste riesengroße Freude aus.

Durch die Anforderung der Heiratsurkunde meiner Großeltern erfuhr ich erstmals, dass mein Großvater väterlicherseits aus Ostpreußen stammt – dies war der Anlass, mich der Geschichte seines Geburtsorts Landsberg im Kreis Preußisch Eylau und der Geschichte Ostpreußens zu beschäftigen. Ich erinnere mich noch an den Tag, als mir ein amerikanischer Forscherkollege, der Zugang hatte zu den Kirchenbüchern dieser Region, die ersten Auszüge aus dem Landsberger Kirchenbuch zusandte. Ich war damals so dankbar und überwältigt, dass ich ihm einen Blumenstrauß in die USA schickte!

Das waren die Anfänge. Nach und nach wollte ich mehr und schaffte es schließlich, selbst in der Forschungsstelle der Mormonen zu recherchieren, Archive zu besuchen und sogar verschiedene Regionen zu erkunden, in denen meine Ahnen ehemals lebten – auch die Heimat meiner ostpreußischen Vorfahren.

Ich bin davon überzeugt, dass die Beschäftigung mit der Ahnenforschung – neben einer Reihe von Therapien – für mich ein wirkliches ‚Heilmittel‘ war. Sie hat dazu geführt, dass ich in eine ganz andere Welt eintauchen konnte, andere Perspektiven wahr- und einnahm und dass sich meine persönliche Situation dadurch relativierte.

Sport, Musik oder Kunst können sicherlich Ähnliches bewirken – aber vielleicht gibt es außer mir noch einige andere, die das ‚Abenteuer Ahnenforschung‚ als ‚Heilmittel‚ erleben – nicht nur gegen Unzufriedenheit …. !? Vielleicht kann ich auch einige dazu animieren, es auszuprobieren ….?

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2 Kommentare zu Genealogie als Heilmittel …

  1. BiRGiT Annette Scholz sagt:

    Das kann ich durchaus unterstreichen, dass die Beschäftigung mit den eigenen Wurzeln einiges auslöst. Es geht ja um die eigene Geschichte, es geht um Identität, Herkunft und das Bewusstsein, dass wir nicht vom Himmel gefallen sind, sondern in einer Reihe stehen.

    Bei mir hat ein bestgehütetes Familiengeheimnis die Forschung in die Vergangenheit ausgelöst. Meine Forschungsaktivitäten geschehen eher in Wellen, als dass ich ihnen konstant linear nachgehen würde. Manches braucht Zeit zum Verarbeiten. Aber ich bin sehr froh, mich mit den Wurzeln meiner Herkunft beschäftigen zu dürfen. Meine Eltern, Tanten etc. waren/sind zum Glück auch sehr auskunftsfreudig ..

  2. Henriette Hermann sagt:

    Liebe Frau Gegner-Sünkler,

    ein sehr berührender persönlicher Bericht. Wahrscheinlich haben Sie genau ins Schwarze getroffen mit Ihrer Frage: Genealogie als Heilmittel ?

    Es kann m. A. nach dann ein Heilmittel sein, hält es sinnvoll und interessant beschäftigt….bringt in Verbindung.
    Es ist DAS Heilmittel , bestehen offene Fragen zur Familie die nur durch genealogische Forschung noch beantwortet werden können. Und deren Beantwortung Lücken schließt und hilft, bisher Unverstandenes für sich einzuordnen !

    Alles Gute ! Henriette

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