Albrechtsdorf, Pr. Eylau – Wolhynien – USA

Ohne das Internet, viele Unterlagen und ohne ein wenig Phantasie wäre dieses Rätsel so schnell wohl nicht zu lösen gewesen …

Vor etwa einer Woche erreichte mich eine Anfrage aus den USA, in der es um eine Familie GNOSS ging, die möglicherweise aus dem Kreis Pr. Eylau stammen könnte, dann nach Wolhynien gezogen war und deren Nachfahren von dort aus in die USA ausgewandert waren. Zum ersten Mal habe ich mich deshalb mit den deutschen Siedlern in Wolhynien befasst.

‚Wenn von Wolhyniendeutschen die Rede ist, meint man gewöhnlich jene Gruppe von Deutschen, die vom 19. Jahrhundert bis zum 2. Weltkrieg in Wolhynien ansässig waren. Von entscheidender Bedeutung für das Deutschtum in Wohlynien waren die Ereignisse der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts. In Polen wurde der 2. Aufstand gegen Russland vorbereitet und es entstand eine Unruhe unter den dortigen Deutschen, noch mehr als 1831. In Russland wurde 1862 die Befreiung der Bauern von der Leibeigenschaft von Zar Alexander II. durchgeführt.

Die Gutsbesitzer verloren ihre billigen Arbeitskräfte, die Wälder brachten wenig ein, und die Wirtschaft stand vor dem Ruin. Die einzige Rettung sah man in dem Verkauf und der Verpachtung von Ländereien an deutsche Kolonisten. Man schickte Scharen von Werbern nach Polen und Deutschland, und die russische Regierung unterstützte diese Aktion. Die Werbung hatte Erfolg, und tausende von Siedlern strömten aus Polen und Deutschland ein. Die meisten kauften das Land zum Preise von 11 bis 16 Rubel für den Hektar, weniger Bemittelte wurden Pächter. Sie ließen sich in der Wolhynischen Polessje der Kreise Shitomir und Nowogradwolynsk nieder und gründeten die sogenannten Waldkolonien um das spätere Kirchdorf Heimthal. Auch bei Rowno entstand eine Gruppe neuer Kolonien und in anderen Kreisen ebenfalls‘. (Heimtal, Heimthal, Stara Buda, russ. Старая буда [staraja buda] oder Старая-Буда; ehemals Karolinka, russ. Каролинка; heute ukr. Ясенівка [jasseniwka], russ. Ясеновка [jassenowka]) Quelle: Die Wolhyniendeutschen

Zu diesen Auswanderen nach Wolhynien, die sich in Heimthal und der Umgebung ansiedeln, gehören auch mehrere Mitglieder einer Familie Gnoss aus dem Kreis Pr. Eylau.

Wilhelm Gnoss wird am 26. Januar 1812 in Müggen, im Kirchspiel Eichhorn, als Sohn des Instmanns Johann Christoph Gnoss und dessen Ehefrau Erdmuth Damerau geboren. Als einer seiner Taufpaten wird mein Ur-Ur-Ur-Großvater, der Eichhorner Leinewebermeister und Krüger Ernst Wilhelm Gegner im Kirchenbuch genannt. (Er ist der Ehemann von Regina Elisabeth Gnoss, einer Schwester von Christoph Gnoss).

Anders als sein Vater erlernt Wilhelm Gnoss ein Handwerk und wird Schneider. Mit 24 Jahren heiratet er in Albrechtsdorf die Schneidertochter Anna Dorothea Erdmann und bekommt mit ihr – in den Jahren von 1836 bis 1850 – 8 Kinder, von denen vier bereits im Kleinkindalter versterben. Im August 1850 verstirbt auch Wilhelms Ehefrau. Nur wenige Monate später heiratet er erneut. Seine zweite Ehefrau wird Henriette Scheffler aus Albrechtsdorf, die 15 Jahre jünger ist als Wilhelm selbst.

Weitere 5 Kinder kommen in Albrechtsdorf zur Welt – auch zwei dieser Söhne überleben das Kleinkindalter nicht.

Zwischen 1867 und 1877 verlassen einige Familienmitglieder die Heimat, und zwar die älteste Tochter Caroline Friederike aus Wilhelms erster Ehe mit ihrem Ehemann Carl Wilhelm Langhans sowie die drei noch lebenden Kinder aus zweiter Ehe: HeinrietteRobert und Marie Louise. Wilhelm Gnoss begleitet seine Kinder und zieht gemeinsam mit ihnen in die Fremde. Die Gnoss-Kinder gründen in Wolhynien Familien.

 Am 16. Mail 1879 verstirbt Wilhelm Gnoss in Heimthal im Alter von 67 Jahren.

Die Originale der Kirchenbücher von Heimthal befinden sich im Staatsarchiv von St. Petersburg. Sie wurden bereits ‚bearbeitet‘ – im Internet finden sich Namenslisten  – und auch in der Datenbank der Mormonen sind die Namen und Daten einer Reihe von Wolhyniendeutschen zu finden. Aber hier ist wirklich Phantasie gefragt! Unten sieht man zum Beispiel die Angabe des Geburtsorts von Wilhelm Gnoss – eigentlich sollte es wohl ‚Müggen bzw. Miggen bei Eylau‚ heißen!

Gnoss_Heimthal

‚Ende des 19. Jh. führte die hohe Geburtenrate unter den deutschen Kolonisten (in Wolhynien) zu einer Landverknappung (infolge der Erbteilungsregelung konnten die immer kleiner werdenden landwirtschaftlichen Flächenanteile die Familien nicht mehr ernähren); die Folge war eine Auswanderungswelle nach Sibirien und in den fernen Osten, auch nach Canada, in die USA und nach Brasilien; die Namen der dort neu gegründeten Kolonien sind vielfach mit denen in Wolhynien identisch; so entstand die sehr eigene Identität der Wolhyniendeutschen – nicht nur in Deutschland‘. (Quelle: Begegnung mit Wolhynien)

1891 wandert auch ein Teil der Gnoss-Familie in die USA aus und wohnt fortan in Waupaca County, Wisconsin. Auf dem Foto ist die noch in Albrechtsdorf zur Welt gekommene Marie Louise Gnoss mit ihrem Ehemann Gustav Steinbach zu sehen.

Gustav Steinbach u. Marie Louise Gnoss

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