Die Lieblingsspeisen der Ostpreußen

Nach einer zweimonatigen Reise durch Ostpreußen schreibt der ‘königlich prinzliche Domainen-Kammerrath’ Ludwig Avenarius im Jahre 1829 nicht nur über die Beschaffenheit der dortigen Begüterungen und landwirtschaftlichen Verhältnisse, über Charakter und Sitten der Bewohner, sondern auch über ihre Lieblingsspeisen:

‚Ich muß hier noch einiger Lieblingsspeisen, ich möchte fast sagen, National-Speisen der Ostpreußen erwähnen. In Litthauen, Massuren und fast ganz Ostpreußen wird nächst den grauen Erbsen vorzüglich die rothe Rübe (beta vulgaris oder rother Mangold) gebauet und aus ihr ein National-Gericht, Bartsch genannt, bereitet,welches mit den grauen Erbsen im gleichen Ansehen stehet und eine Lieblingsspeise im Spätherbste und Winter ist.

Beta_vulgaris

 – Das Bild wurde übernommen aus Wikipedia –

Die rothen Rüben werden nämlich gereinigt, große, oder ganz große einmal gespalten, in eine Tonne gelegt, welche mit Sauerteig ausgestrichen ist, und dann mit Wasser überschüttet. Man läßt auch wohl einige kleine Blätter an der Rübe sitzen. Nach einiger Zeit geräth die Masse in Gährung, welche sich nach und nach verliert, und die Rüben sind zur Bartschbereitung fertig. Soll nämlich das Gericht bereitet werden, so werden die rothen Rüben zum jedesmaligen Bedarf herausgenommen und in eckige kleine Stückchen gehackt, welche etwa den Inhalt eines Waizenkorns haben, oder noch etwas größer sind. Diese kocht man nun auf verschiedene Art; selbst auf den Tafeln der Reichen erscheinen sie oft mit Boullion gekocht und ergeben eine blaßrothe Suppe, welche das Ansehen einer Suppe von Rothwein und Sago hat, aber an Geschmack sehr von ihr verschieden ist, und von den Ostpreußen sehr gern gegessen wird. Fremde indessen wollen dem Bartsch ebenso wenig Geschmack abgewinnen, als den grauen Erbsen.

Außerdem wird der Weißkohl, in der Landessprache dort – wie auf dem Harze und einem Theile Thüringens – Kums oder Kumst genannt (Brassica oleracea capitata) in großer Menge gebauet. und dient dem Landsmann, nächst den grauen Erbsen und Bartsch, zum Haupt-Nahrungsmittel, wie er im benachbarten Rußland und Polen mit dem Spanferkel das Hauptgericht ist. Auch ziehet man, jedoch sparsamer, den grünen Wirsing oder Savoyer Kohl (Sabanda).

Quelle: Ludwig Avenarius: ‚Beiträge zur nähern Kenntniß der Provinz Preußen, besonders Ostpreußen, vornehmlich in landwirtschaflicher Hinsicht, nebst Vorschlägen zur Verbesserung der Landwirthschaft dieser Provinz‘;  Erfurt 1829

Ludwig Avenarius kauft 1830 das Gut Orschen, Pr. Eylau – ganz in der Nähe meiner ostpreußischen Vorfahren.

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