Familie Zscherper im Amt Meißen

Während der vergangenen Wochen habe ich mich intensiv mit meinen Vorfahren in Sachsen befasst und entdeckt, dass viele dieser Familien während des 16. bis 18. Jahhunderts in kleinen Orten bei Meißen lebten. Sie gehören in die Ahnen-Linie meines Ur-Ur-Großvaters Carl Friedrich August Müller, der am 24. November 1818 in Torgau geboren wurde, seine sächsiche Heimat als junger Mann verlässt und fernab in (Bremen)-Blumenthal landet.

Ich kenne diese Region überhaupt nicht – vielleicht ein neues Reiseziel …?

Quelle: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen

Über einige meiner Ahnen in Sachsen (in Torgau und Umgebung) habe ich bereits hier berichtet: Pinnewitz – Deila – Altbelgern und Graditz oder: Familie Springefeld in Graditz.

Zu meinen Vorfahren in der Region von Meißen gehören u.a. Urban Görne, der 1663 in Neustößwitz verstirbt, Andreas Fischer aus Pinnewitz, Valten Münch aus Görtitz und – George Zscherper, der 1633 in Kleinprausitz zur Welt kommt. Um sie zu entdecken, habe ich die Kirchenbücher von Krögis, Ziegenhain, Raußlitz und Rüsseina durchstöbert.

Über Familie Zscherper (auch auch Tscherper Zschörper Zscherber oder auch Scherper geschrieben) konnte ich herausfinden:

George Zscherper kommt 1633 im Dorf Kleinprausitz als Sohn von Hans Zscherper zur Welt und wird am 30. April in der Kirche von Krögis getauft. Seine Taufpaten sind: ‚der Wohl Edle Gestrenge und Veste Georg Albrecht von Nizschwiz (Nitzschwitz) uff Sörnwitz (Sornitz), an deßen statt Hanß Gappisch; Thomas Zscherper zu Görtiz (Görtitz) und Regina, uxor Hanß Lehmanns zu Cäbschiz (Käbschütz)‘.

1657 wird George in der Kirche von Ziegenhain erstmals als Taufpate genannt:

George Zscherber, ein Junger geselle, Hannß Zscherbers zur Klein Prausiz ehelicher Sohn

1659 tritt er in Ziegenhain erneut als Pate auf. Mittlerweile hat er seine Ausbildung beendet und wird nun als ‚George Zscherber, Schirrmacher in Klein Prausitz‘ bezeichnet. So könnte es ausgesehen haben, wenn er arbeitete:

mit Hilfe von KI erstellt

George und Anna leben nach ihrer Eheschließung in Gohla. Hier werden von 1662 bis 1684 ihre 10 Kinder geboren. Zwei Söhne kommen tot zur Welt, einer stirbt 1664 bereits im Mutterleib. Hier ist mehr über ihr Leben zu erfahren: George Zscherper – Schirrmacher von Gohla.

Anhand der sächsischen Gerichtsbücher konnte ich noch einiges über die vorherigen Zscherper-Generationen herausfinden. Diese Bücher sind wahre Schätze – vor allem dann, wenn keine Kirchenbücher existieren, aber auch dann, wenn man nach Informationen aus der Zeit vor Führung der Kirchenbücher sucht!

Recherche in den Gerichtsbüchern

Die Gerichtsbücher sind einzigartige Quellen zu Grundbesitz-veränderungen, Nachlässen oder Vormundschaften vom ausgehenden Mittelalter bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts und liegen für praktisch alle Orte Sachsens vor. Sie geben Auskunft über Kaufhandlungen, verbriefte Rechte, Besitzerfamilien, verwandtschaftliche Beziehungen, aber auch zum Alltag der Menschen in früheren Jahrhunderten. https://www.saechsische-gerichtsbuecher.de/

So funktioniert’s: Nach Eingabe des Ortsnamens in ein Suchfeld werden die für diesen Ort in Frage kommenden Gerichtsbücher angezeigt.

Man muss sich ein wenig einarbeiten. Die meisten Bücher enthalten Namensregister – sortiert wird allerdings in den frühen Büchern (manchmal noch bis ins 18. Jahrhundert hinein) nicht nach Familiennamen, sondern nach Vornamen.

Das sieht dann so aus:

Wenn man die Vornamen der jeweils gesuchten Personen nicht kennt, macht es Sinn, das gesamte Register zu studieren! Auf jeden Fall sollte man dabei auch an die möglichen Schreibvarianten der Familiennamen denken – Zscherper ist beispielsweise auch unter S (Scherper) oder T (Tscherper) zu finden. Wichtig ist außerdem, unter den Buchstaben T und V nachzusehen – Hinweise auf die gesuchte Familie könnten sich dort evtl. unter den Stichwörtern ‚Testament‚ – ‚Vergleich‚ oder ‚Vererbung‚ finden lassen.

Ab und zu hatte ich Schwierigkeiten, den Text zu entziffern. Ich habe mich bei der Durchsicht der Dokumente vor allem auf die Namen der genannten Personen konzentriert, um die Verwandtschaftsverhältnisse zu entschlüsseln. Ich zeige anhand einiger Beispiele, wie ich vorgegangen bin und was ich herausfinden konnte ….

Hanns Tscherper mit seinenn Brüdern und Schwägern – GB Meißen Nr. 269

4.2.1568 – Peter Zscherper ist verstorben. Er hat zwei Güter hinterlassen: eins in Prausitz und eines in Roitzschen. Nach seinem Tod erscheint sein Sohn Hans mit seinen Brüdern Barthel und Peter im Amt Meißen – gemeinsam mit ihren Schwagern Hans Fichtner, Simon Mainzner u. Hans Rosenberg in ehelicher Vormundschaft ihrer Weiber, Peter Tscherpers nachgelassenen Töchtern.Weitere Erben sind: Veit und Hans Schuberts Tochter Kinder.

Die Bezeichnung ‚Gut‚ ist oft etwas irreführend – vermutlich ist damit ein gewöhnliches Bauernhaus gemeint.

Hans soll das Gut in Roitzschen und Barthel das Gut in Kleinprausitz bekommen. Peter erhält Geld. Barthel findet auch seine Schwager mit Geld ab.

Also: Peter Zscherper verstirbt vor 1658. Er hat auf jeden Fall 3 Söhne: Hans Barthel und Peter sowie drei verheiratete Töchter! Ihre Ehemänner heißen: Hans FichtnerSimon Mainzner und Hans Rosenberg.

1569 –Peter und Hanßen Tzschärpers gebrüder vergleichung – GB Meißen 270

Hans Zscherper gesteht, dass er seinem Bruder Peter noch Geld schuldet.


2.5.1575 – Hans Zscherper in Roitzschen ist verstorben. Vor dem Amt Meißen erscheinen: Peter Heimbach, Vormund der Tochter Elisabeth Jacob Schönberg, Vormund von Katharina und Valten Donat, Vormund des Sohnes Blasius, des Erben.

Danach hinterlässt der vor 1575 verstorbene Hans Zscherper in Roitzschen mindestens drei Kinder: Tochter Elisabeth – Tochter Katharina und Sohn Blasius.

GB Meißen 273

1593 Valten Donat erscheint mit seinem Mündel Blasius Zscherper im Amt. Nach dem Tod des Vaters hatte Blasius – als Erbe des Guts in Roitzschen – seinem Stiefvater George Kretzschmer aus Barnitz diesen Besitz für 18 Jahre verpachtet. Pfingsten 1594 wird Kretzschmer das Gut an ihn abtreten. Noch 1618 erhält George Kretzschmer Erbgeld (warum eigentlich?)

Die Mutter hat demnach um 1575 erneut geheiratet. Ihr 2. Ehemann ist George Kretzschmer, der aus Barnitz stammt.



Am 25.6.1581 erscheinen im Amt Meißen Barthel Zscherpers (Besitzer in Kleinprausitz) hinterlassene Kindern und Erben mit ihren verordneten Vormündern namens Nickel Haubtmann von Döbschütz, Walpurgen, der ältesten Tochter Vormund, Matthes Zscherper, Elisabeth, Blasius Zscherper von Döbeln, Hansen, Jorge Thielmann u. Hans Pinkert, Vormünder des jüngsten Sohnes Bartholomäus

Das bedeutet: Barthel Zscherper stirbt vor 1581 in Kleinprausitz. Er hat auf jeden Fall folgende Kinder: Walpurgis (älteste Tochter) – Matthes Elisabeth Blasius Hans Bartholomäus (jüngster Sohn)

GB Lommatzsch Nr. 101: 1593 erscheint Hans Zscherper aus Kleinprausitz im Amt Lommatzsch – er kauft ein Gut im Dorf Mauna!


Der jüngste Sohn – also Bartholomäus (Barthel) – ist der Erbe des Guts in Kleinprausitz. Er muss vor 1612 verstorben sein, denn am 10.2. 1612 erscheinen im Amt Meißen die Kinder und Erben mit ihren Vormündern – u.a. die Witwe Regina mit ihrem verordneten kriegischen Vormund Philipp Gappizsch aus Leippen – ihr wird ein Wiederkaufsrecht eingeräumt – dabei sind: Blasius Zscherper aus Roitzschen als Vormund des älteren Sohnes PeterPeter Donat aus Roitzschen, Vormund von Tochter MariaGeorge Tielmann aus Kleinprausitz u. George Gamzsch aus Krögis als Vormünder von Hans, dem Erben !!!

Ein „kriegischer Vormund“ ist ein historischer Rechtsbegriff (aus dem Spätmittelalter), der einen speziellen Vormund für einen einzelnen Rechtsstreit oder ein Rechtsgeschäft bezeichnet, ähnlich einem modernen Prozesspfleger (curator in litem), der eine Person (oft eine Frau, die rechtlich eingeschränkt war) vertritt, wenn ein Konflikt drohte oder bestand, und der vom Ehemann oder einem männlichen Familienmitglied unterschieden wurde. Die Funktion war, Schutz und rechtliche Vertretung in spezifischen Situationen zu bieten.

Wiederkauf
der Bartel Zscherperin umb das gutt
zue Klein Prausiz, sampt dem Inventario undt schulden

(GB Meißen Nr. 277)

Am 10.2.1612 werden u.a. folgende Regelungen getroffen:

  • das Gut wird der Mutter für 18 Jahre wiederkäuflich übergeben
  • die Kaufsumme beträgt 2000 Gulden
  • der Erbe verpflichtet sich, den Kinder jeweils die Hochzeit auszurichten
  • die Kinder sollen im Gut ‚ernehret und aufgezogen werden’
  • ebenso mit notwendiger Kleidung versehen werden bis sie 12 Jahre alt sind
  • wenn es einem Kind nicht mehr auf dem Hof gefällt, kann es woanders in Dienst gehen
  • falls es wieder dienstlos oder krank würde, kann das Kind zurück kommen und wird 6 Wochen zu Hause versorgt
  • jedes Kind soll eine Kuh und ein einjähriges Kalb bekommen

Nur 4 Wochen später – im März 1612 findet sich die Witwe Regina – erneut im Amt ein. Diesmal kommt sie in Begleitung ihres Verlobten und zukünftigen Ehemanns Hans Münch, der aus Stroischen stammt. Mit ihm wird ein Pachtvertrag für 18 Jahre geschlossen. Über mehrere Seiten wird das gesamte Inventar wird aufgelistet – z.B. das Vieh auf dem Hof (u.a. ‚4 ziehende Pferde‘) – vorhandenes Getreide, aber auch ‚1 gedeckter Tisch mitt 12 Tellern, undt 12 Löfelln und 3 Schüsselln‘.

Auch die vorhandenen Schulden müssen übernommen werden – u.a.: Steuer an das Amt Meißen Lohn an die Mittelmagd – Lohn für den Schmied Thomas Schneider in Krögis – Lohn für den Arzt in Siebenlehen – George Tzscherper bekommt noch Geld für eine Kuh (wer ist George Tzscherper?) – Geld für das Essen, das die Vormünder beim Amtsschreiber verzehrt haben – auch Erbgelder müssen noch an mehrere Personen gezahlt werden, u.a. an Elisabeth Voigt in Soppen, die Witwe von Jacob Voigt – an Gregor Voigt in Krögis – an Georg Tzscherper (?)…..



25.7.1626 – Thomas ist der jüngste Sohn von Blasius Tscherper in Roitzschen. Blasius verkauft bzw. vererbt ihm sein Gut zu Lebzeiten, will es jedoch selbst noch bewirtschaften so lange es möglich ist. Falls seine Frau vor ihm versterben sollte, will der Vater auf sein anderes Gut ziehen! Dies liegt im Gutsbezirk der Familie von Schleinitz. Falls Blasius zuerst sterben sollte, soll Thomas seine Mutter bei sich aufnehmen und versorgen. Seine Enkelin Maria Burckhardt (Tochter von Jacob) soll Geld bekommen – der ‚blöde‘ Sohn Blasius soll versorgt werden.

(Anmerkung: Der Begriff ‚blöde‚ besagt, dass Sohn Blasius geistig behindert war – im Kirchenbuch von Krögis findet man 1632 seinen Sterbeeintrag. Aufgrund der Kriegswirren und nach Ausbruch der Pest verlieren in der Region um Meißen – auch im Dorf Roitzschen – viele Menschen ihr Leben. Dazu gehört auch Blasius – er wird ‚vom Kriegsvolck‚ erschossen).

KB Krögis 1632

Meißen, den 20.12.1630 – Nach dem Tod von Barthel Zscherper in Kleinprausitz war 1612 mit Hans Münch – dem 2. Ehemann der Witwe – ein Pachtvertrag für 18 Jahre geschlossen worden – siehe oben! Das hat offenbar nicht gut funktioniert! Hans Münch musste sich ’seines bösen Haushalts und vieler gemachter Schulden halber außm guthe begeben‘ und hat ‚daßelbe öde, wüste und unbesambt liegen laßen‘

Nun übernimmt Hans Zscherper – der eigentliche Erbe – den Hof! Bei der Übernahme wird das Inventar genauestens begutachtet- vorhandene Mängel werden vermerkt.

Dieser Hans Zscherper ist vermutlich der Vater meines Vorfahren George Zscherper, der 1633 in Kleinprausitz zur Welt kommt. Aber um diese Vermutung abzusichern, werde ich auf jeden Fall nach weiteren Belegen suchen!

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Die Haesloops von Rönnebeck

Vier Generationen Kahnschiffer an der Weser (um 1700–1855)

Noch ein KI-Versuch! Nach nur wenigen Vorgaben erhielt ich folgenden Text:

Rönnebeck – ein schmales Dorf am linken Weserufer, dort, wo der Deich sich sanft zur Flussbiegung neigt. Zwei Dutzend Häuser, Gärten hinter hohen Wurten, Schilf am Wasser, und dahinter die weite Marsch. Seit Menschengedenken lebten hier Menschen vom Strom. Einer von ihnen war Martin Haesloop, der um 1707 geboren wurde.

Martin Haesloop war Kahnschiffer. Er besaß einen flachen Weserkahn, wie man sie damals überall zwischen Vegesack und Brake fuhr. Im Frühjahr brachte er Bauholz, im Sommer Ziegel, im Herbst Getreide. Der Fluss war sein Weg und sein Wagnis zugleich. Die Ufer wechselten mit jeder Flut, Sandbänke wuchsen, Nebel kam ohne Vorwarnung. Doch Martin verstand das Wasser – und die Weser verstand ihre Leute. Sie nährte sie, prüfte sie und nahm sie, wenn sie wollte.

Ein Weserkahn um 1750 – Unwetter (KI)

Um 1743 wurde sein Sohn Hinrich Haesloop geboren, ebenfalls in Rönnebeck. Auch er wuchs in der Sprache des Flusses auf. Noch bevor er lesen konnte, wusste er, bei welchem Wind der Wasserstand sank und wann man das Boot besser festmachte. Er folgte seinem Vater früh in den Beruf. Rönnebeck war ein Dorf der Schiffer, Treidler und Fischer, und wer dort aufwuchs, gehörte entweder zum Wasser – oder zu niemandem.

Hinrich Haesloop erlebte die Zeit, als Bremen größer und der Verkehr auf der Weser dichter wurde. Er fuhr mit Gütern flussaufwärts in die Stadt, brachte Torf und Holz zurück in die Marsch. Die Männer aus Rönnebeck galten als zäh, wortkarg und zuverlässig. Wenn sie losfuhren, wusste man: der Fluss würde sie prüfen – und die, die zurückkehrten, waren um eine Geschichte reicher.

1776 wurde Hinrichs Sohn Johann Haesloop geboren, wiederum in Rönnebeck, im Schatten des Deichs. Auch sein Leben stand von Anfang an im Zeichen der Weser. Schon als Knabe half er seinem Vater am Ufer, beim Treideln der Kähne stromaufwärts. Das dicke Hanfseil schnitt in die Haut, die Schuhe blieben im Schlamm stecken, und doch trugen die Jungen den Stolz der Männer in sich. Wer auf der Weser Bestand hatte, brauchte keine andere Ehre.

Als Johann erwachsen wurde, war er längst selbst Schiffer. Er fuhr von Rönnebeck nach Bremen, nach Brake, manchmal bis nach Sandstedt. Er kannte jeden Nebenarm, jede Böe. Die Arbeit war beschwerlich, aber in Rönnebeck zählte das nicht. Man tat, was die Weser verlangte.

Am 3. Februar 1807 heiratete er in der Kirche zu Blumenthal – denn Rönnebeck gehörte zum Kirchspiel dort – die Margarete Oltmann, eine junge Frau aus seiner Nachbarschaft. Ihr Vater, Reinert Oltmann, war Seefahrer gewesen, und auch ihre Mutter, Tibke Maake, stammte aus einer Schifferfamilie von der Weser.

Margarete kannte das Geräusch der Taue im Wind, das Warten, das Hoffen. Sie war daheim in Rönnebeck, am Rand des Wassers, wo das Land nach Salz schmeckt.

Zwischen 1808 und 1824 brachte sie fünf Kinder zur Welt, alle in Rönnebeck geboren, alle mit dem Blick auf den Deich groß geworden. Ihr zweiter Sohn, Hinrich Haesloop, kam 1810 zur Welt – und er sollte den Beruf seines Vaters und Großvaters fortsetzen.

Während Margarete das Haus führte, war Johann monatelang auf der Weser. Sie hielt das kleine Anwesen hinter dem Deich in Ordnung, versorgte Vieh, Garten, Kinder. Oft stand sie abends draußen, sah nach Westen und lauschte. Ob irgendwo, hinter dem Nebel, ein Segel ihr Signal gab? Der Wind brachte manchmal den Klang von Stimmen – Männer, die auf dem Strom arbeiteten. Es war kaum zu unterscheiden, ob es wirklich Rufen war oder nur das Echo des Wassers.

So vergingen die Jahre. Johann fuhr, Margarete wartete, die Kinder wuchsen heran, und der Fluss floss weiter, ungerührt von Menschenleben.

Hinrich, der Sohn, wurde wie sein Vater Kahnschiffer. Auch er blieb in Rönnebeck, auch er zog sein Schiff gegen den Strom, belud, entlud, kämpfte gegen Wind und Nebel. Doch die Zeiten änderten sich: Auf der Weser erschienen Dampfschiffe, die kleinen Kähne wurden verdrängt. Vielen alten Schiffern nahm das die Arbeit, nicht wenigen den Mut. Hinrich hielt fest an dem, was die Haesloops seit Generationen konnten – mit der Strömung leben.

Dann, am 19. Oktober 1845, traf das Schicksal die Familie. Dicker Nebel lag über der Weser, der Wind drehte unberechenbar. Hinrich Haesloop war auf Fahrt, als sein Kahn kenterte. Niemand weiß, ob es ein falscher Schritt oder ein gebrochenes Tau war. Als man ihn fand, trieb er tot im Wasser – nur wenige hundert Meter von Rönnebeck entfernt. Er war 35 Jahre alt.

Für seine Eltern, Johann und Margarete, war das ein tiefer Schlag. Sie hatten ihr Leben lang mit der Gefahr des Flusses gelebt – doch wenn sie trifft, ist sie nie vertraut.

Margarete starb 1852, drei Jahre vor ihrem Mann. Johann Haesloop, der zuletzt als alter Mann noch am Deich half, ertrank am 8. März 1855 – fast achtzigjährig, in seinem eigenen Element. Die Weser, die ihn getragen hatte, nahm ihn zuletzt still an sich.

Über mehrere Jahrhunderte lang wohnten die Haesloops in Rönnebeck. Von Martin Haesloop um 1700, über Hinrich, Johann und Hinrich (1810), bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts blieb die Familie eng mit dem Dorf und dem Fluss verbunden. Sie waren Teil jener kleinen, standhaften Gemeinschaft, die ihren Wohlstand und ihr Unglück gleichermaßen aus dem Wasser zog.

Als die Dampfschifffahrt die alten Kähne verdrängte, wandelte sich auch Rönnebeck. Doch für viele der Nachkommen blieb das Wasser ihr Beruf: Einige arbeiteten auf Schleppdampfern, andere auf den Werften von Blumenthal oder Vegesack, wieder andere gingen zur See. Der Klang des Familiennamens aber blieb an die Weser gebunden.

Der Sohn des 1845 in der Weser ertrunkenen Kahnschiffers Hinrich ist mein Urgroßvater Hinrich Haesloop (1846 -1922). Bei seiner Geburt war der Vater bereits verstorben. Auch er selbst wurde Seemann – ebenso wie später sein Sohn – mein Großvater Hinrich Haesloop (1846-1922) – der als Maschinist die ganze Welt bereiste.

Heute ist kaum mehr etwas übrig von dem ursprünglichen Dorf der Schiffer. Doch wer am Deich von Rönnebeck steht und den Blick über das ruhige Wasser schweifen lässt, schaut auf denselben Strom, denselben Fluss, der Martins Kahn trug, über den Hinrich und Johann zogen, in dem Hinrich und Johann ertranken. Wenn der Wind über das Schilf fährt und die Möwen schreien, mag man glauben, die alten Stimmen zu hören – heiser, vertraut und vom Leben zerfurcht.

Dann flüstert die Weser selbst, leise und unaufhörlich, einen einzigen Name über die Jahrhunderte hin: „Haesloop.“

Denn wer in Rönnebeck am Wasser geboren ist, trägt die Strömung in sich – sein Leben lang.

Das trifft auch auf mich noch zu!

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George Zscherper – Schirrmacher von Gohla

Dies ist mein 1. Versuch, KI einen Text aus wenigen vorgegebenen Informationen erstellen zu lassen. Vorgegeben habe ich den Namen meines ‚neuen‚ sächsischen Vorfahren – seinen Beruf – den Namen seiner Ehefrau – den Wohnort – die Anzahl der Kinder – die Sterbedaten der Eltern – und einige Notizen zum Hausverkauf an den Sohn. Entstanden ist dieser Text:

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebte im kleinen Dorf Gohla bei Meißen der Schirrmacher George Zscherper. Sein Leben fällt in eine Zeit, in der Sachsen sich langsam vom Elend des Dreißigjährigen Krieges erholte und wieder aufblühte.

George gehörte zu jenen bodenständigen Handwerkern, die den Wiederaufbau des Landes trugen. Er war Schirrmacher – ein Beruf, der im 17. Jahrhundert eng mit dem Sattler- und Wagenmacherhandwerk verbunden war. Der Schirrmacher stellte Schirme, Planen, Pferdegeschirre oder bedeckte Wagen her, also jene Schutz- und Nutzvorrichtungen, die den Transport und den Handel in ländlichen Gegenden möglich machten. Sein Handwerk verband Geschick mit körperlicher Arbeit, und in der Gemeinschaft war dieser Beruf geschätzt.

George war verheiratet mit Anna Münch, die aus dem nahegelegenen Görtitz stammte. Gemeinsam gründeten sie eine große Familie – zehn Kinder wurden in Gohla geboren. Die Kinder wuchsen in einer bäuerlich-handwerklichen Umgebung auf, in der jeder zum Unterhalt der Familie beitrug.

Die Ehe währte lange. Nach Jahrzehnten gemeinsamen Lebens starb Anna Zscherper, geb. Münch, am 15. Dezember 1704 in Gohla. Sie wurde von der Dorfgemeinschaft gewiss mit Achtung verabschiedet, denn mit ihr endete fast ein Menschenalter familiärer Beständigkeit. Nur drei Jahre später, am 18. April 1707, folgte ihr George im Tod. Sein Begräbniseintrag beschreibt ihn als „George Zscherper, Geschirrmacher von Gohla, mit einer Leich-Predigt und Abdankung.“


Dass eine Leichenpredigt und öffentliche Abdankung für ihn gehalten wurden, zeigt, dass er im Dorf Ansehen genoss – ein Hinweis auf seinen guten Ruf als ehrbarer Meister und Familienvater.

Kurz vor seinem Tod, im Jahr 1705, hatte George sein Haus an seinen jüngsten Sohn Michael verkauft. In der Kaufvereinbarung bittet der alte Schirrmacher – hohen Alters wegen“ – um ein lebenslanges Bleiberecht für sich und seine Tochter Anna, die ihn pflegte. Der Sohn verpflichtete sich, dem Vater und der Schwester Unterkunft und Verpflegung zu gewähren. Wörtlich versprach er, jährlich ein Sechstel des Obstes sowie drei Kannen Butter und Käse zu liefern. Zudem sicherte er zu, kranke Geschwister nach Gottes Willenbei sich aufzunehmen – ein Zeugnis familiärer Verbundenheit und dörflicher Verantwortung jener Zeit. Der Vertrag ist in einem Gerichtsbuch von Meißen belegt (GB AG Meißen Nr. 005).

Mit Georges Tod im Jahr 1707 endete ein langes und arbeitsreiches Leben, das vom Wandel Sachsens vom Nachkriegs-Elend zum Aufbruch des 18. Jahrhunderts geprägt war. In den Archivalien seiner Gemeinde lebt der Schirrmacher von Gohla weiter – als Beispiel eines jener einfachen, aber bedeutsamen Handwerker, die mit Fleiß, Würde und familiärer Fürsorge das Fundament des Landes legten.

Im 17. Jahrhundert wurde der Familienname Zscherper sehr unterschiedlich geschrieben. Suche auch nach: Scherper – Zschärper – Zscherber – Zschörber – Scharper (auch ein Hinweis der KI)

KI fragte mich anschließemd, ob er – oder sie – oder es – diese ‚Geschichte‘ noch einmal aus der Sicht von George erzählen solle. Ich stimmte zu!

KI: Hier ist eine Ich-Perspektive-Fassung über George Zscherper, gestaltet wie ein persönlicher Rückblick aus seiner Sicht. Sie orientiert sich an den tatsächlichen Ereignissen, verbindet sie aber mit einer warmen, erzählerischen Stimme – so, als würde George selbst aus seinem Leben berichten:

„Ich, George Zscherper, Schirrmacher von Gohla“

Ich bin George Zscherper, Schirrmacher aus dem kleinen Dorf Gohla bei Meißen. Schon mein Vater war, so glaube ich, ein Mann des Handwerks, und auch ich lernte, mit Leder, Holz und Eisen umzugehen – um daraus Geschirre, Planen und allerlei Schirme zu schaffen, die Mensch und Tier vor Wind und Wetter schützen. So lebte ich vom Fleiß meiner Hände und vom Vertrauen der Leute in meiner Umgebung.

In jungen Jahren nahm ich mir eine Frau – Anna Münch aus Görtitz –, eine fromme und starke Gefährtin. Gemeinsam bauten wir uns ein Heim in Gohla, wo wir zehn Kinder großzogen. Sie füllten unser Haus mit Arbeit, Lachen und manchmal auch Sorge, wie es in solchen Zeiten nun einmal ist. Wir erlebten schwere Jahre, denn das Land erholte sich erst mühsam von den Wirren des langen Krieges. Doch wir hielten zusammen, und mit dem Frieden kehrte auch Hoffnung zurück.

Das Leben verrinnt still in einem Dorf wie dem unsrigen: Früh die Feldarbeit, sonntags die Kirche, abends die Werkstatt. Ich war stolz auf mein Handwerk. Jeder Karren, der ordentlich bespannt war, jedes Pferd, das in gutem Geschirr lief, war mein Werk. Und wenn meine Nachbarn sagten: „Der Zscherper macht’s ordentlich“, dann war das Lohn genug.

Als ich alt wurde und meine Kräfte nachließen, übergab ich 1705 mein Haus an meinen jüngsten Sohn Michael. Ich bat darum, daß meine Tochter Anna, die mich pflegte, und ich darin wohnen bleiben dürften. Michael versprach es – samt einem Anteil am Obst und ein paar Kannen Butter und Käse im Jahr. So ist’s recht unter Kindern, dachte ich damals: Jeder sorgt für den anderen, wie Gott es will.

Meine gute Anna, meine Ehefrau, starb im Dezember 1704. Drei Jahre später, am 18. April 1707, legte auch ich mein Werkzeug nieder. Man hielt eine Leichenpredigt und Abdankung für mich in der Kirche zu Gohla. (Anmerkung: die Kirche war in Raußlitz!). Ich hoffe, man erinnert sich meiner als eines ehrbaren Handwerkers, der mit einfachsten Mitteln, aber mit ganzem Herzen seiner Arbeit und Familie diente.

Wenn meine Kinder und Kindeskinder dereinst von mir sprechen, mögen sie sagen:
Er war ein Schirrmacher, der das Seine tat – redlich, gottesfürchtig und mit stiller Zufriedenheit.

Und es geht noch weiter. Ki fragte: Möchtest du, dass ich diese Ich-Erzählung in einer älteren Sprache (17./18.-Jh.-Anklang, mit zeittypischen Formulierungen) noch anpasse – also so, als hätte sie wirklich aus Georges Zeit stammen können? Das würde dem Text ein leicht historisches Klangbild geben.

Darauf war ich sehr gespannt! Das Ergebnis:

„Ich, Georgius Zscherper, Schirrmacher zu Gohla“

Ich, Georgius Zscherper, bin von Stande ein Schirrmacher und habe mein Leben lang meinen Wohnsitz gehalten im Dorfe Gohla, gelegen unfern der Stadt Meißen.
Daselbst habe ich, so Gott mir Gnade verlieh, mein ehrliches Handwerk getrieben, und mancher Fuhrmann, der meine Geschirre und Planen trug, hat meinen Namen wohl gekannt. Denn ich hielt stets darauf, daß meine Arbeit redlich und dauerhaft sei und den Leuten nütze, auf daß auch mir mein tägliches Brot gewiß bleibe.

Zu meiner Jugendzeit nahm ich mir in rechtem Ehestand die tugendsame Anna Münchin aus Görtitz. Sie war mir eine getreue Gehülfin all meiner Tage. Der Herr segnete unsere Ehe mit zehen Kindern, welche alle hier in Gohla geboren und getauft worden sind. Gar mancherlei Mühsal haben wir überstanden, denn das Land lag noch wund und erschöpft nach dem langen Kriegswesen, das ganz Teutschland verheerte. Doch der Herr ließ wieder Gedeihen werden; Felder wurden bebaut, Handwerk und Handel kamen aufs Neu in Schwung, und die Menschen hatten Hoffnung im Herzen.

Die Jahre vergingen stille. Ich verrichtete mein Werk in Demut, hielt die Sonn- und Feiertage, wie’s einem ehrbaren Manne ziemt, und freuete mich, wenn meine Kinder wuchsen und zu tüchtigen Menschen gereiften.

Als aber mein Haar grau ward und meine Hände schwach, da erkannte ich, daß meine Tage sich neigten. So verkaufte ich im Jahr des Herrn 1705 mein Haus an meinen jüngsten Sohn Michael. In der Schrift ward vermerkt, daß ich mit meiner Tochter Anna, welche mich meines Alters halber wartete, Freiheit des Wohnens und eine Nahrung haben solle: den sechsten Teil des Obstes, dazu Butter und Käse aus Michaels Hof. Auch verhieß er, seine Geschwister in Not und Krankheit in sein Haus zu nehmen, wie es guter Kinder Pflicht ist.

Doch zuvor, im Dezember des Jahres 1704, war mir meine liebe Ehegattin Anna im Herrn entschlafen. Es war mir schwer, den Weg ohne ihr trautes Wesen zu gehen. Drei Jahre darnach hat auch mich der Herr heimgerufen, am 18. April 1707. Man hielt mir eine Leich-Predigt und Abdankung – ein ehrbar Ende, wie ich es mir gewünscht.

Wenn nun meine Nachkommen meiner gedenken, so bitte ich, daß sie nicht meines Namens, sondern meines Wandels eingedenk seien: Daß ich redlich im Beruf stand, Gott gefürchtet, mein Weib und meine Kindlein geliebt, und also gelebt, wie’s einem christlichen Handwerker ziemt.

So geschehe es, nach Gottes Rat und Willen.

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Bethel Henry Strousberg und Worienen

Ein letzter Beitrag im ‚alten Jahr‘ 2025! Über die Begüterung Worienen im ehemaligen Kreis Pr. Eylau in Ostpreußen habe ich schon oft geschrieben, aber Bethel Henry Strousberg habe ich in diesem Zusammenhang noch nicht erwähnt. Das hole ich nun nach …

Die Begüterung Worienen (heute Woryny) befand sich ab 1558 im Besitz der Familien von Lehndorffvon Tettauvon Bredowvon Domhardt, des Rittmeisters von Kositzki und der Familie Gützlaff, bevor sie 1866 für 10 Jahre in den Besitz des sogenannten „EisenbahnkönigsBethel Henry Strousberg kam.

Quelle: „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit.
Lebens- und Charakterbilder aus Vergangenheit und Gegenwart,“ Bd. 2, Leipzig 1901

Die Auszüge aus dem nachfolgende Text stammen aus meiner Chronik von Worienen.

Bethel Henry Strousberg, an den Gustav Gützlaff die Begüterung Worienen 1866 verkauft, ist eine schillernde Persönlichkeit. Er wohnt mit seiner Familie in Berlin, wo er für reichlich Gesprächsstoff sorgt. Der ebenfalls in Berlin lebende Schriftsteller Ernst Korfi schreibt 1870: „Wer in den letzten Jahren … Berlin passirt, mag es anstellen, wie er will, und in welchen Gesellschaftskreisen immer sich bewegen: er wird entweder vom Grafen Bismarck oder vom Dr. Strousberg sprechen hören“ (Quelle: Ernst Korfi, Dr. Bethel Henry Strousberg, Biografische Karakteristik; Verlag G. Eichler; Berlin 1870; Seite 3)

Die Biographie Bethel Henry Strousbergs liest sich wie ein Roman. Er wird im November 1823 in Neidenburg als Sohn jüdischer Eltern geboren und auf den Namen Baruch Hirsch Strausberg getauft. Bereits im Alter von 12 Jahren wird er Waise, besteigt allein ein in Pillau lagerndes Frachtschiff und macht sich auf den Weg nach London, wo ein Onkel namens Gottheimer einen Kohlenhandel betreibt (Ernst Korfi nennt insgesamt drei Gottheimer-Onkel, die in London leben).

„Bei ihm trat der Knabe in die Lehre, und erwies sich bald brauchbar genug, um im Interesse seines Oheims zu verschiedenen Malen jeden Theil von England zu bereisen, den man den Steinkohlen-Bezirk nennt, bei welcher Gelegenheit er das Kohlengeschäft aus dem Grunde erlernte. Die Noth, die mächtigste Lehrmeisterin des Individuums, so wie der ganzen Menschheit, trieb ihn vorwärts, und erweckte in ihm frühzeitig einen sehr ausgeprägten Sinn für das Geschäftsleben. (Ernst Korfi, Dr. Bethel Henry Strousberg, Biografische Karakteristik; Verlag G. Eichler; Berlin 1870; Seite 12)

Die Gottheimer lassen ihn in London anglikanisch taufen. Von nun an nennt er sich Bethel Henry Strousberg. Da seine Eltern viel Wert auf Bildung gelegt hatten, spricht er bei seiner Ankunft in London bereits Deutsch, Polnisch und Französisch. Nun erlernt er auch die englische Sprache. Strousberg ist eifrig und zielstrebig. Dies sind nur einige Stationen seines Lebens: Er studiert, wird Literat, arbeitet für verschiedene Londoner Zeitungen, wird Redakteur und schließlich Direktor der Londoner gemeinnützigen Bau-Gesellschaften. Er arbeitet als Kunsthändler und im Versicherungswesen, gründet eine Familie und versucht, durch trickreiche Spekulationen mit geliehenem Geld zu Reichtum zu gelangen.

1855 kehrt Strousberg nach Deutschland zurück. Zunächst lebt er in verschiedenen Berliner Mietwohnungen, anfangs in der Luisenstraße, dann in der Dorotheenstraße Nr. 555. Er beginnt, mit Immobilien zu handeln. Außerdem fängt er an – zunächst als Bevollmächtigter, dann selbständig – in ganz Mitteleuropa weitläufige Bahnstrecken anzulegen, weshalb er im Laufe der Zeit den Titel „Eisenbahnkönig” erwirbt. Strousberg baut bzw. kauft eine Reihe industrieller Unternehmen, Häuser und Güter (u.a. die Gustav Arndt’schen Schienenwalzwerke in Dortmund, die Egestorff’sche Maschinenfabrik in Hannover, die Südzitadelle in Antwerpen, Häuser inWien und Berlin, Güter in Brandenburg, Ost– und Westpreußen).

Strousbergs Eisenbahnlinien, die zum großen Teil bis heute erhalten sind:


Tilsit-Insterburg (1865)
Königsberg-Grajevo (1866-71)
Berlin-Cottbus-Görlitz (1866/67)
Halle-Cottbus-Guben (1871/72)
Frankfurt/Oder/Guben-Posen (1870)
Breslau-Sedschütz (1868-72)
Hannover-Hameln-Altenbeken (1872)
Löhne-Hameln-Vienenburg (1875)

„In den Jahren 1864 bis 1870 erwirbt Strausberg in Deutschland und Österreich-Ungarn zahlreiche Landgüter mit einer Größe von insgesamt 47. 300 ha. Hiervon entfallen in Ost- und Westpreußen über 10. 000 ha; in Ostpreußen sind im Kreise Preußisch Eylau die Rittergüter Groß Peisten, Egdeln, Schwadtken, Sienken,Worienen und Wiecherts in Strausbergs Besitz.“ (Quelle: Hermann Pölking, Ostpreußen, Biographie einer Provinz, S. 252)

Im Zusammenhang mit der Begüterung Groß Peisten habe ich Strousberg bereits früher erwähnt. Das kann man hier nachlesen: https://www.genealogie-tagebuch.de/?p=14433

Auch nach dem Erwerb seiner Landgüter wohnt Strousberg mit seiner Familie weiterhin in Berlin, wo er „in der Wilhelmstraße (Nr. 40) sein Hoflager aufgeschlagen hat.“ Quelle: Friedrich vom Rhein, Enthüllungen über Dr. Strousberg und sein rumänisches Eisenbahn-Unternehmen; Verlag Eugen Grosser, Berlin 1871, Seite 12)

Dieses prunkvolle Gebäude – auch Palais Strousberggenannt – war 1867/68 errichtet und mit allem für damalige Verhältnisse nur denkbarem Luxus ausgestattet worden. Es verfügte über „bemerkenswerte technische Einrichtungen wie Gasbeleuchtung, Warmwasserheizung, Waschmaschine und Badezimmer.“ Quelle: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Palais_Strousberg – abgerufen am 17.08.2019)

[Bildindex der Kunst und Architektur] ] Bildarchiv Foto Marburg

All diesen Luxus kann die Familie nur wenige Jahre genießen. Seine Spekulationen und die allgemeine schlechte finanzielle Lage treiben Strousberg in den Ruin. Er meldet Konkurs an. Schon 1871 ist zu lesen: „Noch vor Jahr und Tag stand der gewaltige, in alle Welt hinaus posaunte Ruf und Ruhm des sogenannten „selbstgemachten“ Mannes, Dr. Strousberg, auf seinem Höhepunkte; in letzter Zeit ist derselbe ganz gewaltig in die Krümpe gegangen und gegenwärtig wird wohl kein Privatmann häufiger genannt und mit mehr Verachtung und Verwünschungen überhäuft, als derselbe „große“ Mann.“ (Quelle: Friedrich vom Rhein, Enthüllungen über Dr. Strousberg und sein rumänisches Eisenbahn-Unternehmen; Verlag Eugen Grosser, Berlin 1871, Seite 12)

Strousberg selbst erzählt: „Als ich im Besitz einer großen Summe von Stamm-Actien der ostpreußischen Südbahn gelangte und noch glaubte, dass ich mich von Geschäften zurückziehen würde, bot sich die Gelegenheit, einige größere Güter in Ostpreußen zu kaufen, wobei ich Actien in Zahlung geben konnte. Die Besitzungen lagen nicht weit von der Bahn und die Verkäufer kannten die Verhältnisse derselben, ehe ich dabei betheiligt war. So gelangte ich zum Grundbesitz. Dies wurde bekannt und mir wurden im Laufe der Zeit in allen Theilen der Monarchie Güter angeboten.“ (Quelle: Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert; Berlin, Verlag von J. Guttentag (D. Collin) ; geschrieben in Moskau, im Juli 1876; Seite 406/407.

Strousberg befindet sich auch zum Zeitpunkt des Erwerbs von Worienen bereits in großen finanziellen Schwierigkeiten. Herrn Gützlaff ist dies bekannt. Er verlangt deshalb keinerlei Anzahlung und beschließt stattdessen, auch nach dem Verkauf der Begüterung noch für einige Zeit in Worienen zu bleiben, um die Bewirtschaftung kontrollieren zu können.

Gützlaff dazu in seinem Tagebuch: „Es handelte sich um ein Werth-Objekt von fast einer halben Million Thalern, was er (Strousberg) käuflich von mir erwarb, ohne auch nur einen rothen Heller darauf baar anzuzahlen. Ich wusste sehr genau, dass es mit seiner Kasse verzweifelt schwach bestellt war, und dass das ganze Geschäft sich zerschlagen musste, falls auch nur die geringste baare Anzahlung von ihm verlangt worden wäre. Ich musste also in Bezug auf diesen Punkt, so gut es eben ging, mir den Rücken anderweitig zu decken suchen. Konnte ich nur in Worienen bleiben und die Wirthschaft im Auge behalten, wurde die Gefahr für mich wesentlich verringert.” (Quelle: Tagebuchaufzeichnungen von Gustav Gützlaff; privat)

Für die Dauer von 10 Jahren pachtet Gustav Gützlaff die Woriener Brauerei und bleibt zunächst in Worienen. In einem Adressbuch von 1866 sind sowohl Gützlaff als auch Strousberg (hier Strusberg) aufgeführt. Gützlaff noch als Besitzer der Begüterung Worienen, Strousberg als Eigentümer von Peisten.

Die Begüterungen Worienen und Groß Peisten bleiben – wie all seine Besitzungen – nur wenige Jahre im Besitz von Bethel Henry Strousberg. 1875 wird er in St. Petersburg verhaftet und wegen Anstiftung zu Kreditvergehen und Bestechung in Moskau angeklagt und schuldig gesprochen. Das Urteil lautet auf Verbannung aus Russland und lebenslängliches Einreiseverbot. Dennoch lässt man ihn erst 1877 nach Deutschland zurückkehren.

Strousberg gibt nicht auf, gründet eine Zeitung und arbeitet wieder als Journalist. Hoch verschuldet stirbt Bethel Henri Strousberg 1884 als Ortsarmer in Berlin. Die Familiengrabstätte auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg
besteht noch heute.

1876 befinden sich sowohl Worienen als auch Groß Peisten im Besitz der Berliner Disconto-Gesellschaft, einer der größten deutschen Bankgesellschaften. Strousberg hatte von dieser „behufs Regelung der Rumänischen Eisenbahnangelegenheit“ . . . . unter Verpfändung seiner gesamten Güter, seiner Grundstücke in Berlin und Wien sowie „einer größeren Herrschaft in Polen“ „unter solidarischer Bürgschaft der übrigen Concessionäre der Rumänischen Eisenbahnen bis zum Betrage von 1,500.000“ einen immensen Vorschuss erhalten. Da Strousberg nicht in der Lage ist, die bewilligten Gelder zum Fälligkeitstermin zurückzuzahlen, wird bei einer General-Versammlung der Disconto-Gesellschaft im Juni 1877 u.a. protokolliert: ‚Die Herrschaften Radawnitz, Womwelno und Worienen… sind von uns in den betreffenden Subhastationsterminen käuflich erworben, und ist unser Grundstücksinteresse durch den Zuwachs des betreffenden Nettokaufpreises hierdurch, den an anderen Stellen stattgehabten Realisirungen gegenüber, unerheblich vermehrt worden.
Die gleichfalls im Subhastationstermine ersteigerte Herrschaft Peisten ist bald nachher mit angemessenem Nutzen wieder veräussert worden, wodurch sich die oben erwähnte Verlust-Abschreibung auf jene Forderung entsprechend verringert hatte
.‘

Strousberg wirf der Bank vor, sich auf seine Kosten bereichert zu haben und seine Güter nach seinem Konkurs für weniger als die darauf verausgabten Meliorationskosten ersteigert zu haben.

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Über regionale Familiennamen

Meine Vorfahren stammen aus unterschiedlichen Regionen. Ausgehend von meinen beiden Großmüttern und Großvätern lande ich in Ostpreußen, Sachsen, Hessen oder in Norddeutschland. Und überall begegnen mir in den Kirchbüchern unterschiedliche Familiennamen, die in der jeweils anderen Region gar nicht auftauchen.

Ich finde das ziemlich merkwürdig! Dass Familiennamen oft eindeutig ihrer Herkunft entsprechen zugeordnet werden können, kann ich nachvollziehen. So ist beispielsweise der Name ‚Tolkmitt‚ aufgrund der Ableitung von der Bezeichnung `Tolk‚ logischerweise dort entstanden, wo die ehemals prußische Bevölkerung ansässig war – und nicht in Sachsen! Meine Tolkmitt-Ahnen sind ab etwa 1600 im ostpreußischen Kreis Heiligenbeil nachweisbar.

Nach der Einführung der Reformation im Herzogtum Preußen (dem späteren Ostpreußen) wurde das Übersetzen durch Tolken in den neuen Kirchenordnungen von 1524 und 1526 festgeschrieben. Diese übersetzten in den evangelischen Gottesdiensten parallel die Predigt und die liturgischen Texte aus dem Deutschen in das Altpreußische oder Litauische von Nebenkanzeln. In Gemeinden ohne Pfarrer führten sie auch selbstständig die Gottesdienste und die Glaubensunterweisung durch. (Wikipedia)

In der Region von Nordhessen entdecke ich – abgesehen von den mir sehr vertrauten Namen ‚Schaumlöffel‚ und ‚Schellhase‚ (so heißen meine eigenen Vorfahren aus dieser Gegend) – eine ganze Reihe weiterer Familiennamen, die ich nur dort finde … Beim Durchblättern der Kirchenbücher in Frankenberg stoße ich zum Beispiel um 1700 auf die Namen: Birckenkopf Eyerdantz Kuchenbecker Loderhase oder Rindelaub.

In diversen Kirchenbüchern Sachsens – in der Umgebung von Meißen – begegnen mir momentan u.a. die Namen: Backofen Stubenrauch Ziegenbauer oder Öhlschläger … in Ostpreußen, Hessen oder Norddeutschland habe ich diese Namen nicht gefunden.

Dass Namen regional begrenzt sind, liegt laut Autor Professor Konrad Kunze an der geringen Mobilität der Menschen in den vergangenen Jahrhunderten: »Ein schwäbischer Bauer musste bei seiner Scholle bleiben. Der ging höchstens mal zur Kirchweih ins Nachbardorf. Also blieben auch die Namen erhalten. Das änderte sich erst vor etwa 200 Jahren.« Im 19. Jahrhundert seien die Menschen durch Eisenbahn oder Dampfschiff mobiler geworden.

Das stimmt sicherlich bezogen auf die Verbreitung! Aber weshalb sind sie nur dort entstanden? Bei Herkunftsnamen ist eine Zuordnung zu einer bestimmten Region logisch – aber ich verstehe nicht, weshalb manche Familiennamen nicht parallel in verschiedenen Gegenden kreiert wurden …

Einen Schaumlöffel gab es doch wohl nicht nur in Hessen und einen Backofen nicht nur in Sachsen! Kuchenbäcker lebten auch überall und Stubenrauch dürfte sich in sämtlichen Regionen entwickelt haben. Seltsam!

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Ein tragisches Geburts-Unglück – 1729

Wenn ich ein Kirchenbuch entdecke, in dem der Pastor sich nicht nur darauf beschränkt hat, die Namen seiner Gemeindemitglieder und deren Tauf-, Heirats– oder Sterbedaten einzutragen, sondern auch alltägliche Begebenheiten genauer beschreibt, vergesse ich Zeit und Raum und fühle mich in eine andere Welt versetzt …

Manchmal lese ich sämtliche Einträge Wort für Wort und oftmals bin ich wirklich dankbar dafür, dass wir so manches Elend, dem unsere Vorfahren – u.a. aufgrund der damaligen Lebensbedingungen, vor allem der medizinischen Verhältnisse – ausgesetzt waren, heutzutage nicht mehr erleben müssen.

Der folgende erschütternde Eintrag stammt aus einem Kirchenbuch der Gemeinde Kreischau bei Torgau in Sachsen.

Im Oktober 1729 kommt es hier bei der Geburt eines Kindes zu einem tragischen Unglück, das man sich kaum vorstellen mag … Der Pastor notiert:


Den 5. October ist Christian Windern, einem Studterey-Knechte allhier, von seinem Weibe, sehr unglückl(ich) ein Töchterlein gebohren worden, denn, da es nach vieler Geburths-Arbeit im Mutterleibe verschieden, so ist es mit einem Ärmigen (Ärmchen) zwar gekommen, aber es hat nicht weiter können gebracht werden; daher ein Balbirer und Doctor Medicinae aus Torgau geholet worden, ersterer auff Anrathen der Wehmutter, das heraus ragende Ärmigen abgedrehet und abgeschnitten; weil aber dennoch die Frucht weder vom Balbier, noch von der Wehmutter hat können gewonnen werden, als(o) ist dißfalls berühmter Chirurgus von Belgern (noe Eidinger) geholet worden, welcher dann mit eisernen Hacken ein Stück nach dem andern, endlich auch den Kopff mit deren noch daran hängender Haut, und beyden Beinigen, durch Gottes Gnade herausgezogen, damit doch die Kindbetterin möchte erhalten werden, welche sich auch bey diesem schweren Zustand, überaus getrost und frisch erwiesen. Gott verhüte ferner dergl(eichen) jämmerl(ichen) Anblick!

Gottseidank hat die Mutter überlebt!

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(Karl Victor) Bernhard Ankermann 1859-1943

Aufnahme vom 17.1.1939 (Quelle: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde)

Im Verlaufe der vergangenen 30 Jahre habe ich mich oft mit Ankermann-Familien beschäftigt und immer mal wieder über einzelne Familien und Personen berichtet, die – wie auch meine Ur-Urgroßmutter – diesen Namen tragen. Wenn man rechts unter den ‚Schlagwörtern‚ auf ‚Ankermann‚ klickt, wird man viele Informationen darüber finden!

Erwähnt habe ich auch den Ethnologen Karl Viktor Bernhard Ankermann bereits – zum Beispiel als Bruder der Malerin Elisabeth Ankermann. und der Klavierlehrerin Marie Ankermann.

Mein Ahnenprogramm zeigt den Verwandschaftsgrad zu mir tatsächlich noch an – unsere gemeinsamen Vorfahren leben einige Generationen zuvor im Kreis Pr. Eylau – in Pompicken, Krücken bei Kreuzburg und in Seeben.

Durch diese Eheschließung am 24. November 1777 in Klein Dexen sind unsere Ahnenlinien miteinander vernüpft:Christian Ankermann, ein Junggesell aus Ponarten (=Ponarth) mit Jgfer Dorothea Ankermannin in Pompicken‚. Beide sind 26 Jahre alt. Christian und Dorothea sind Bernhard Ankermanns Urgroßeltern Dorothea ist die jüngste Schwester meines Vorfahren Johann Christoph Ankermann aus Pompicken.

Die väterlichen Vorfahren:

Karl Viktor Bernhard Ankermann gehört sicherlich zu den bekanntesten Vertretern des Namens ‚Ankermann‚. Beim Durchstöbern des Internets entdeckt man viele Hinweise auf seine Literatur und Abbildungen von Gegenständen, die er von seinen zahlreichen Studien- und Forschungsreisen mitbrachte. Man findet jedoch fast keine Angaben über seine Familie und seine Herkunft.

Sowohl seine väterlichen als auch seine mütterliche Vorfahren stammen aus Ostpreußen und auch er kommt dort zur Welt.

Im Zusammenhang mit seiner Dissertation über ‚afrikanische Musikinstrumente‚, die bis heute zitiert wird und als erste systematische Auswertung von Museumsbeständen zu afrikanischen Musikinstrumenten gilt, verfasst Bernhard Ankermann selbst 1901 einen kurzen Lebenslauf. Er schreibt:

Ich, Bernhard Ankermann, bin geboren am 14. Februar 1859 in Tapiau in Ostpreußen als ältester Sohn des praktischen Arztes Dr. Hermann Ankermann und seiner Ehefrau Bertha geb. Laudien Ich besuchte das Gymnasium zu Rastenburg, erhielt daselbst Ostern 1878 das Zeugnis der Reife und studierte dann in Königsberg Medizin. Nach dem Tode meines Vaters (Anmerkung: sein Vater Gustav Hermann Ankermann verstarb 1885 in Rastenburg – die Mutter bereits zwei Jahre zuvor) sah ich mich genötigt, das Studium aufzugeben und eine Stelle als Corrector bei der Königsberger Hartungschen Zeitung anzunehmen.

‚Die ererbte Zähigkeit und Willensstärke seiner ostpreußischen Heimat ließen ihn aber den Weg zum Studium zurückfinden. So begann er dann seinen Beruf in einem Alter, in dem andere längst in Amt und Würden zu sitzen pflegen‘ erklärt Ankermanns Nachfolger Alfred Schachtzabel 1939 in seiner Rede anlässlich des 80. Geburtstags von Bernhard Ankermann. (Quelle: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde)

Bernhard Ankermann schließt seinen Lebenslauf 1901 mit dem Satz: ‚Seit Ostern 1896 bin ich am Kgl. Museum für Völkerkunde zu Berlin thätig, zunächst als Volontär, dann (seit Ostern 1897) als Hilfsarbeiter‘. Das Museum befindet sich zu dieser Zeit in der Königgrätzer Str. 120, Ecke Prinz-Albrecht-Straße – im Stadtteil „Südliche Friedrichstadt„.

Königliches Museum für Völkerkunde in Berlin, 1895 (Wikipedia)

1902 geben die ‚Königlichen Museen in Berlin‚ bekannt, dass Bernhard Ankermann – gemeinsam mit anderen – zum Direktorialassistenten ernannt wurde.

1903 wohnt Bernhard Ankermann in Wilmersdorf, in der Uhlandstr. Nr. 47. Mit ihm zusammen lebt dort – zumindest eine Zeit lang – die unverehelichte Malerin Minna Laudien, die 1903 im Alter von 63 Jahren in seiner Wohnung verstirbt. Dabei handelt es sich um seine Tante Caroline Antonia Minna Laudien, eine Schwester seiner Mutter, die 1840 in Gumbinnen geboren wurde.

Bernhard Ankermann zeigt beim Standesamt den Tod der Malerin Minna Laudien an

Am 8. September 1906 heiratet Bernhard Ankermann in Charlottenburg die etwa 20 Jahre jüngere Luisa Nanny Augusta Maria Neesen, eine Tochter des Geheimen Regierungsrats, Professor Dr. phil Friedrich Theresia Adolf Neesen und dessen Ehefrau Anna Elise Karoline Fuhrmeister, die am 24.5.1878 in Berlin-Schöneberg zur Welt kam. Trauzeugen der beiden sind 1. der Vater der Braut und 2. Bernhards jüngster Bruder Rudolph Fritz Ankermann (* 1.11.1870 in Rastenburg), der mittlerweile als Kaufmann in Breslau lebt.

Zur Familie der Braut: ihr Vater wird 1849 als Sohn von Johann Joseph Balduin Neesen und Ehefrau Dorothea Louise Knippenberg in Dortmund geboren. Diese beiden heirateten am 26.2.1847 in Bremen – dort kommt die Mutter 1819 als Tochter des Kaufmanns Diedrich Victor Ludwig Knippenberg und dessen Ehefrau Mutter Dorothee (Doris) Wülbern zur Welt.

Im Jahr nach der Eheschließung von Oktober 1907 bis Mai 1909 wird Bernhard Ankermann auf seiner Forschungsreise ins Grasland von Kamerun begleitet von seiner Ehefrau und (laut Schachtzabel) ‚Gehilfin‚. Sie bringen dem Berliner Museum eine Sammlung von 1700 wertvollsten Ethnographika, 800 hervorragend schönen Photos und zahlreiche phonographische Aufnahmen.‘ (Alfred Schachtzabel) Quelle: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde)

1912 wird Bernhard Ankermann der Professoren-Titel verliehen.

1920 wohnt das Ehepaar Ankermann in der Humboldstraße Nr. 25a.

Adressbuch Berlin von 1920

Die Ehe bleibt kinderlos. Im Haus Humboldstraße Nr. 25 verstirbt Bernhard Ankermanns Ehefrau am 26. März 1925 im Alter von nur 46 Jahren – er zeigt beim Standesamt ihren Tod an.

Im Juli 1921 wird im Deutschen Reichsanzeiger verkündet:

1925 geht Bernhard Ankermann in den Ruhestand. Sein Nachfolger Alfred Schachtzabel berichtet 1939 anlässlich Ankermanns 80. Geburtstag: ‚Als stillen, zuweilen zum eigenen Nachteil bescheidenen Forscher finden wir ihn seit 1896 am Berliner Museum, wo er sich im Laufe der Jahre Kenntnisse in der Völkerkunde Afrikas erwarb, die überragend wurden und auch heute noch unerreicht sind. Und damit wurde er einer der hauptsächlichsten und sicherlich der tiefschüfendste Baumeister der systematischen ethnologischen Forschung, zu einer Zeit, als diese junge Wissenschaft um die Festigkeit der eigenen Grundlage und die endliche Loslösung von den Naturwissenschaften und damit um die Anerkennung als selbständige Disziplin ringen musste. …

Das Staatliche Museum für Völkerkunde zu Berlin und das Baeßler-Archiv, die beide Ankermann bisher so viel zu danken haben, wünschen dem Senior der deutschen Völkerkunde noch für lange Zeit gute Gesundheit und geistige Frische, deren er sich in seinem hohen Alter erfreut, damit es ihm beschieden sein möge, aus dem von ihm angesammelten Material seiner Lebensarbeit noch so manches zur Erweiterung unserer Kenntnis zu veröffentlichen. Damit wird er auch seinen Lebensabend für sich selbst verschönern, denn ihm war und ist die Arbeit ein Bedürfnis. Quelle: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde)

Bernhard Ankermann wird 84 Jahre alt. Er verstirbt am 26. Oktober 1943. Seine Dissertation wurde 2019 im Verlag von A. Haack, Berlin, neu aufgelegt.

Heute hat das Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin seinen Sitz im Humboldt Forum im Berliner Schloss. Gegründet 1873 als Königliches Museum für Völkerkunde, umfasst es ca. 500.000 Objekte aus Afrika, Amerika, Asien und Australien sowie etwa ebenso viele Ton-, Bild-, Film- und Schriftdokumente. Die Sammlung des Ethnologischen Museums gehört zu den bedeutendsten ihrer Art. (Wikipedia)

Vorfahren von Bernhard Ankermanns Mutter:

Weitere Informationen zu Familie Laudien:

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Visitation in Osterstade – 1828 und 1831 in Wersabe

Ich habe mir nicht nur die Visitations-Berichte des Blumenthaler Pastors Theobald über seine Gemeinde und seine Beurteilungen der dortigen Lehrer durchgelesen, von denen ich hier erzählt habe, sondern auch die Berichte der Pastoren in Osterstade aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, denn auch dort leben um diese Zeit einige meiner Vorfahren.

Zuständig ist hier die Inspektion in Hagen.

Bei einem ‚Klick‘ auf das folgende Bild sollte man dort landen!

Von 1826 bis 1829 Georg Conrad von Hanffstengel Pastor in Wersabe. Er berichtet 1828 an die Inspektion in Hagen:

Da ich erst seit 2 Jahren hieselbst mein Amt verwalte, so kann ich einen völlig genauen Bericht über die Schullehrer und die Gemeinde nicht abstatten, und bitte darum gehorsamst das Folgende hiernach gewogentlichst zu beurtheilen. …

Über die Schulen und Lehrer…

Im Kirchspiel Wersabe existieren 3 Schulen – die Hauptschule befindet sich in Wersabe. Sie ist ‚dem Präparanden Halberstadt conferirt, weil aber dieser mit höherer Genehmigung bei dem Herrn Patron dieser Gemeinde noch seine Hauslehrerstelle in Acht nehmen darf, so verwaltet den Schuldienst Ludwig Eckloff, früher Präparand auf dem königlichen Seminar in Stade.

Dieser besitzt gute Anlagen, so daß er etwas gut fassen, leicht behalten und schicklich wieder zu lehren im Stande ist, es fehlt ihm ein gründlicher Unterricht und muß sich noch sehr vervollkommnen, um recht tüchtig zu werden. Jedoch ist er schon ein guter Lehrer zu nennen, mit dessen Thätigkeit, Unterrichtsweise und Behandlung der Kinder nie billiger zufrieden sein wird. Er giebt sich Mühe, versteht namentlich die Kinder gut zu beschäftigen und ihre Aufmerksamkeit rege zu erhalten, auch ihre Achtung, sich zu bewahren bei Beschäftigung ihres Verstandes versäumt er nicht(,) ihrem Gedächtnisse heilige Wahrheiten zu künftigem Gebrauche anzuvertrauen.

Ausgezeichnet ist er als Vorsänger, bei einer sehr guten reinen Stimme hat er Sinn für Musik und Gehör, und führt den Gesang sehr anständig und würdig. Sein Betragen ist gut.

Die Hauptschule ward früher und jetzt gut besucht, auch im Sommer sind regelmäßig die Schulkinder zur Hälfte versammelt.

Die Nebenschule zu Wurthfleth verwaltet ein sehr tüchtiger Schullehrer, Diederich Fischer, schon seit etwa 15 Jahren. Er ist gleich ausgezeichnet durch vielseitige gründliche Kenntnisse in seinem Fache, als Liebe zum Schul-Amte und ein gesittetes und verständiges Betragen, so viel ich ihn habe kennen gelernt.

Seine Kenntnisse, die er besonders unter Leitung meines Vorgängers sich erworben, sucht er noch stets zu vermehren durch mehre treffliche Bücher, die er sich, seines geringen Einkommens und Familie ungeachtet, angeschafft hat, und strebt vorzüglich dahin, gründliche und brauchbare Kenntnisse zu erlangen. Dabei unterrichtet er gut und verwaltet sein Amt mit Treue und Liebe, obgleich jetzt besonders er mit dem Unangenehmen zu kämpfen hat, dass seine Schule im Sommer wenig und auch im Winter Anfangs nur schlecht besucht wird, was seinen Grund vorzüglich darin hat, dass in Wurthfleth die größte Zahl der Schulkinder armer Eltern Kinder sind und bei dem Erwerb dieser Leute die Kinder gut gebraucht werden können oft bis spät in den Herbst hinein. Dabei ist dieser Lehrer ein guter Vorsänger, der richtig und fest singt, wenn auch nicht schön, und den Gesang zur Erbauung zu führen versteht. …

Die Nebenschule zu Rechtebe ist seit 1 ½ Jahren einem jungen Mann, Carsten Diedrich Heesemann, anvertraut, der sich Mühe giebt, Geschick zum Unterricht besitzt, und ziemliche Elementarkenntnisse besitzt. Seine Anlagen sind, wenn auch nicht ausgezeichnet, doch gut, rühmlich ist sein Fleiß, Bescheidenheit, gutes Betragen und Liebe zum Schulwesen. ….

Carsten Diedrich Heesemann wird später Lehrer in Driftsethe – der folgende Text über seine Ausbildung und seinen Werdegang stammt von ihm selbst. Er berichtet:

„Im April 1837 kam ich nach Driftsethe. Im Jahre 1810 den 7. Januar bin ich zu Aschwarden, Gemeinde Bruch, in der Süder-Osterstader-Marsch geboren von unbemittelten Eltern. Obwohl ich von denselben fleißig zu Schule gehalten wurde, kam ich doch nicht zu den nötigen Kenntnissen, denn mein alter 71 jähriger Lehrer, der nie seinen Strickstrumpf aus den Händen verlor, vermochte nicht mehr zu leisten. Nach meiner Konfirmation 1824 kam ich im Herbste als Gehülfe auf ein Jahr nach dem Organisten in Uthlede. Darauf war ich wieder ein Jahr zu Hause und hatte Unterricht bei dem Küster in Bruch, der auch der Schule in Aschwarden vorstand, weil der alte Lehrer heimgegangen war. Im Herbste 1826 kam ich als Lehrer nach Rechtebe, Gemeinde Wersabe, wo ich 2 1/2 Jahr war und im Sommer abwechselnd Unterricnt bei dem Herrn Pastor von Hanfstengel daselbst hatte. Ostern 1829 kam ich auf ein halbes Jahr nach dem Seminar in Stade. Das ist leider die ganze Zeit meines Seminarbesuchs gewesen. Im Herbste des Jahres kam ich nach Hinnebeck, Gemeinde Bruch, als Lehrer, wo ich 7 1/2 Jahr war.“Quelle: http://www.driftsethe.de/schulchronik.html

Zurück zur Visitation von Pastor Hanffstengel, der außerdem berichtet über ..

Das kirchliche Leben …

Das kirchliche Leben fällt als gut in die Augen, und ist besser wie an manchen andern Orten; dem Gottesdienste wird fleißig beigewohnt, und große Stille und Aufmerksamkeit herrscht in diesen Versammlungen. Das Heilige Abendmahl wird von Keinem, soviel ich weiß, versäumt, im Gegenteil, ordentlich und andächtig gefeiert. So läßt sich mit Grund schließen, daß das religiöse Interesse bei Vielen gebührenden Platz findet und das Wort Gottes, welches fleißig gehört wird, auch wurzele im Herzen.

Doch habe ich nicht so oft wie anderswo fromme Äußerungen gehört und schätzbare religiöse Gewohnheiten, Tischgebet, Morgen– und AbendAndacht, überhaupt die so äußerst wichtige Haus-Andacht, scheint auch hier, und zwar noch mehr wie anderswo, namentlich auch in den in dieser Hinsicht so wunderlichen Zeiten der französischen Herrschaft, abgekommen zu sein. Daß der vernünftelnde, alles kritisierende und bezweifelnde Zeitgeist vergangener Jahre auch hier seinen Einfluß geübt, und zum Unglauben an das göttliche Wort geneigt gemacht hat, ist wohl wahrscheinlich, obgleich eigentliche Irrelegiösität sich nicht findet.

Quelle: Hermann Allmers, Marschenbuch; Gotha 1858

Die Sittlichkeit der Gemeinde …

Die Sittlichkeit der Gemeinde ist, meiner Beobachtung nach, im Ganzen wohl nicht ausgezeichnet. Es wird zuviel gehört von unrechtlichem Betragen in Handel und Wandel, von großer Trägheit, besonders des weiblichen Geschlechts in den niedern Classen, von Bettelei, Streit und Unfrieden, und bösen Nachreden, auch Unkeuschheit, als daß gerühmt werden könnte, es wäre die Sittlichkeit hier ausgezeichnet.

Allein es gibt in dieser Gemeinde viele würdige verständige gutdenkende Bewohner, und einer ehrenvollen Erwähnung verdient die Anständigkeit und Sittsamkeit bei feierlichen Versammlungen und fröhlichen Festen.

Früher war es schlimmer …

Früher war es hier schlimmer, aber seitdem eine Diebesbande ausgerottet ist, hört man nichts vom frechen Muthwillen junger Leute, von boshafter Rachsucht bei Beleidigungen, und vieler rechtlicher Einwohner Streben gehet zum Besten. Der Herr helfe dazu nach seinen Gnaden!

Schon der Pastor Johann Gottlieb Visbeck erwähnt1798 in seinem Buch ‚Die Nieder-Weser und Osterstade‘ die Tagelöhner im Kirchspiel Wersabe, die – um sich und ihre Familien ernähren zu können – stehlen oder betteln. Er schreibt: ‚Der fleißigste Arbeiter gewöhnet sich leicht an diesen so bequemen Brod-Erwerb, läßt alle Arbeit liegen, bettelt sein ganzes Leben hindurch, und vererbet seinen Bettelstab wohl gar … auf Kind und Kindeskind. … Selbst das Sterbelager erweichet ihre versteinerte Seelen, wie die Erfahrung ergiebt, oftmals nicht und sie bleiben gegen Himmel und Hölle gleichgültig‚.

Wersabe, den 15ten August 1828 G. v. Hanffstengel, Pastor

Einige Jahr später ….

1831 berichtet Georg Dietrich August Brünjes, der Nachfolger von Pastor Hanffstengel (von 1830–1854 Pastor in Wersabe) über die Gemeinde Wersabe:

Daß der Zustand derselben sowohl in religiöser als auch sittlicher Hinsicht keinesweges für ausgezeichnet gehalten werden darf. Des Menschen Innern kennt freilich ganz nur der, welcher Herzen und Nieren prüft. Doch gibt sich eine geheiligte Gesinnung durch einen reinen Wandel kund. Wo daher noch öfters Klagen gehört werden, über Verletzung der Keuschheit, Zwietracht in den Ehen, schlechte Kinderzucht, Vernachlässigkeit des öffentlichen Gottedienstes, Geringschätzung der Sacramente, Hang zur Trägheit, Veruntreuungen, Verläumdung u. d. gl. , da ist hinsichtlich der Religiosität und Sittlichkeit noch keine bedeutende Stufe erreicht.

Wann daher ähnliche Klagen auch hier laut werden, und leider durch mehrfältige Beweise sich als gegründet ausweisen: so liegt darin eben nicht das rühmlichste Zeugniß für die hiesige Gemeinde. Indeß neben wenigen ganz lasterhaften und manchen, die in einer oder anderer Hinsicht sich eines unchristlichen Wandels schuldig machen : gibt es doch auch viele, die sich durch ächte Frömmigkeit und sittliche Unbescholtenheit rühmlichst auszeichen. –

Weiß man wie vor nicht vielen Jahren der religiös-sittliche Zustand der hiesigen Gemeinde beschaffen war, erwägt man, dass sie damals wohl nicht mit Unrecht in einem höchst üblen Rufe stand; und bemerkt man dagegen, dass sich jetzt doch nach und nach manche früher herrschende Laster immer mehr verlieren und die Abscheu dagegen allgemeiner wird so darf man sich der freudigen Hoffnung überlassen, dass ächtes Christenthum, da es in manchem früher dagegen verschlossenem Herzen Eingang gefunden, durch des Herrn Gnade von Tage zu Tage mehr an Einfluß gewinnen werde und dass also die Zeit nicht mehr so ferne liegen dürfte, wo die hiesige Gemeinde andern christlichen sich zur Seite stellen könne.


Weitere Berichte zu Osterstade:

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Über den Krug in Canditten, Pr. Eylau

Wenn ich mich eine Weile nicht mit Ostpreußen beschäftigt habe, überkommt mich die Sehnsucht …. Unter meinen Entwürfen für dieses Tagebuch befinden sich aber glücklicherweise noch viele Beiträge zum Thema ‚Ostpreußen‘ – so auch dieser über den Krug in Canditten im Kreis Pr. Eylau!

Durch die Eheschließung meiner Vorfahrin Catharina Lehmann, einer Tochter des Wildenhofer Bräuers Jacob Lehmann, gibt es bereits um 1739 einen Bezug meiner Vorfahren zum Krug in Canditten, denn Catharina heiratet 1739 den verwitweten Krüger George Steinau, lebt mit ihm im diesem Krug und bringt dort von 1740 bis 1751 mehrere Kinder zur Welt.

Nach dem Tod ihres Ehemanns bleibt Catharina im Krug von Canditten – sie schließt eine neue Ehe und ihr Ehemann Johann Boenke betreibt den Krug weiterhin. Das Ehepaar bekommt 6 weitere Kinder – darunter im Jahre 1755 auch meine Vorfahrin Anna Barbara Boenke.

Auch in der nächsten Generation wird der Krug von meinen Ahnen bewirtschaftet, denn Anna Barbara ehelicht Gottlieb Gutt, der den Krug seines Schwiegervaters weiterführt. Es folgt der 1788 geborene Sohn Johann Christoph Gutt. Als dieser am 24. Januar 1817 in Ludwigswalde Loysa Charlotta Liedtke – eine Tochter des Altenberger Köllmers Gottfried Liedtke und dessen Ehefrau Anna Louisa Hempel heiratet, hat er den Krug in Canditten bereits übernommen.

Die Kirchenkassenrechnungen von Canditten enthalten einen Brief von Pfarrer Schiemann aus dem Jahr 1824, in dem Johann Christoph Gutt erwähnt wird. Der Pfarrer wendet sich an den ‚General-Landschaftsrath‚ und teilt diesem mit:

Wohlgebohrner, Hochzuverehender Herr General-Landschaftsrath!

Der hiesige culmische Krüger Gutt ist gesonnen, einen großen zum Kruge gehörigen Garten, welcher in 2 Abtheilungen an die beiden Pr(ediger) Wittwen Gärte gränzet, 2 ½ Morgen groß ist und in guter Cultur, ca 3 ½ bis 4 Sch. Aussaat u. ein Wiesenstück von 1 bis 2 Fuder Heu enthält(,) zu verkaufen, um eine Schuld, welche er an H. Amtmann Spaeth restirt, tilgen zu können. Schon früher habe ich oft daran gedacht(,) diese Gärten für die künftigen Prediger-Wittwen mit dem in der hiesigen Wittwen-Casse gesammelten kleinen Capital ankaufen zu dürfen, doch hatte Krüger Gutt bisher keine Lust, sie zu verkaufen. Jetzt bietet er sie den Vorstehern für 85 RM an, er gewiß würde, wenn der Kauf zu Stande käme, auch hirvon noch etwas abgehen. ….

Dem Herrn Reichsgrafen von Schwerin habe ich diese Sache vorgelegt und gebeten, sein Gutachten darüber gefälligst abgeben zu wollen.

Mit vorzüglichster Hochachtung bin ich jederzeit Ew. Wohlgeb. ganz ergebenster … Schiemann

Canditten, d. 23ten August 1824

Der Krug scheint sich in der Nähe der Kirche zu befinden, was wohl häufiger der Fall war. Die Krüge wurden offenbar bewusst so angelegt, dass sich die Besucher der Gottesdienste dort anschließend noch versammeln und ‚feiern‘ konnten. Bei meinem letzten Besuch in dieser Region habe ich gelernt, dass dies auch im Kirchdorf Eichholz – nicht weit entfernt von Canditten – zutraf. Hier befand sich der Krug der Kirche unmittelbar gegenüber. Das Gebäude steht dort noch heute.

War dieses schöne Gebäude möglicherweise der ehemalige Krug? Er befindet sich direkt an der großen Straße von Landsberg nach Blumstein (wie unten angegeben) – die Kirche liegt dort, wo das Kreuz zu sehen ist!

Johann Christoph Gutt und seine Ehefrau bekommen drei Kinder, die im Canditter Krug zur Welt kommen und aufwachsen: Gotthilf Amalie *23.12.1817 – Charlotta Wilhelmine *27.2.1820 (sie heiratet 1846 in Ludwigswalde Carl Grohnert, den damaligen Kämmerer in Milgen) und Carl Ludwig August Gutt *23.8.1822.

Die Mutter der Kinder muss vor 1831 verstorben sein, denn am 18. Januar 1831 heiratet der Krüger Johann Christoph Gutt in Landsberg Lowisa Paegert, die einzige Tochter des in Eichen noch lebenden Eigentümers Johann Paegert. 10 Jahre apäter – im November 1842 verstirbt – Johann Christoph Gutt in Eichen.

Ab etwa 1870 ist der Krug für einige Jahre im Besitz des Kaufmanns Wilhelm August Kalusch und seiner Ehefrau Henriette Poschmann. Die Familie stammt aus Eisenberg im Kreis Heiligenbeil und bringt mindestens drei Kinder mit nach Canditten:

  • August Wilhelm Kalusch *um 1859
  • Minna Berta Kalusch *1865
  • Franz Gustav Kalusch *1869

Am 3. Mai 1873 kommt in Canditten Sohn Wilhelm Adolf Kalusch zur Welt. Nur ein Jahr danach – m Mai des Jahre 1874 – gibt August Kalusch im Kreisblatt bekannt, dass er den Krug in Canditten verkaufen möchte. Durch dieses Inserat erfahren wir Näheres über die Gastwirtschaft des Ortes, die sicherlich viele Bewohner von Canditten besucht haben. Der Text lautet:

Canditten, pr. Wildenhof, im Mai 1874 August Kalusch

Zu Familie Kalusch:

Sohn August Wilhelm lebt später mit seiner Ehefrau Heinriette Mill als Mälzer in Danzig, wo er 1927 verstirbt. von 1885 bis 1894 werden in Danzig ihre 5 Kinder geboren: Anne Grete *1885 – Gertrude Carla *1887 – Arthur August *1889 + 1914 – Willy Kurt *1891 + 1914 und Paul Max Kalusch *1894. August Wilhelm verstirbt am 12 Sep 1927 im Danziger Diakonissenkrankenhaus.

Minna Bertha Kalusch *1865 in Eisenberg oo 1915 in Hamburg Wilhelm Karl Runge. Franz Gustav Kalusch *1869 in Eisenberg wird Schuhmacher in Danzig und heiratet dort 1926 Caecilie Natschke * 1891 in Abbau Strepsch, Kr. Neustadt

Der in Canditten geborene Wilhelm Adolf Kalusch wird Schmiedemeister in Danzig und heiratet dort 1931 Margarete Babette Gutermuth *1890 in Dallherda, Kr. Gersfeld.

Aus den Heiratsurkunden ihrer Kinder lässt sich schließen, dass sowohl der Kaufmann und kurzzeitige Krugbetreiber August Kalusch als auch seine Ehefrau vor 1918 im Kreis Heiligenbeil verstarben – er in Hanswalde und sie in Rehfeld.

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Martha Elisabeth Schaumlöffel (1789-1812)

Mich interessieren immer auch die Einzelschicksale der Geschwister meiner Vorfahren – in diesem Fall das Schicksal von Martha Elisabeth Schaumlöffel, einer Schwester meines Vorfahren Johann Georg Schaumlöffel.

Und ständig lerne ich etwas dazu – vor allem über die Geschichte der jeweiligen Region und über die Lebensumstände meiner Ahnen.

Als sich Johann Conrad Schaumlöffel mit seiner großen Familie als Schneidermeister um 1800 in Vegesack niederlässt, ist Martha Elisabeth ein Schulkind – etwa 11 Jahre alt.

Die Anfangsjahre der Familie in Vegesack waren sicherlich nicht leicht. Die Familie stammt aus Hessen – sämtliche Kinder (insgesamt 9) kamen in Kassel zur Welt. Wie (fast) alle Eltern – werden Johann Conrad Schaumlöffel und seine Ehefrau Anna Elisabeth (Goebel) Giebel bemüht gewesen sein, ihren Kindern einen guten Start in der neuen Heimat und eine glückliche Zukunft zu ermöglichen.

Vegesack 1848 – Von Carl Justus Harmen Fedeler https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8719785

Vier der Söhne erlernen – wie der Vater selbst – das Schneiderhandwerk, zwei von ihnen bleiben in Vegesack, einer lässt sich in Lüssum nieder und der 1790 in Kassel geborene Wilhelm Bernhard zieht nach Amsterdam und gründet dort eine Familie. Das Schicksal von Jacob – dem jüngsten Sohn, der 1808 im Alter von 15 Jahren in der Blumenthaler Kirche noch konfirmiert wird – liegt noch im Dunkeln.

Die erste Familienfeier im Norden ist die Konfirmation von Sophie Elisabeth in der Reformierten Kirche von Blumenthal, zu der zu dieser Zeit auch die Vegesacker gehören. Die jüngste Tochter verstirbt 1806 – im Alter von 11 Jahren – an den Frieseln. Sophie Elisabeth bleibt in Vegesack – sie heiratet 1814 den aus Nienburg stammenden Schneidermeister Carl Heinrich Conrad Müller.

Und dann ist da noch Martha Elisabeth Schaumlöffel. Durch ihre Sterbeeurkunde, die 1812 im Vegesacker Kirchenbuch zu finden ist, erfahre ich Näheres über ihr Leben. Auch Martha Elisabeth verlässt Vegesack – sie wird Dienstmagd im Bremer Stephani-Viertel.

Das rote Kreuz auf dem folgenden Kartenausschnitt zeigt die Lage der Straße ‚Stephanitorwall‚ an – hier lebt und arbeitet Martha Elisabeth Schaumlöffel bis zum 20 Oktober des Jahres 1812. An diesem Tag verstirbt sie im Alter von nur 23 Jahren im dortigen Haus Nr. 16. Leider wird in ihrer Sterbeurkunde keine Todesursache angegeben – man erfährt lediglich, dass ihre sterblichen Überreste von Bremen nach Vegesack überführt werden.

Um die Urkunde verstehen und einordnen zu können, muss man wissen, dass die Stadt Bremen als Teil des Herzogtums Bremen zu dieser Zeit unter französischer Verwaltung steht. So erklärt sich u.a., dass der darin erwähnte Simon Hermann Nonnen nicht als stellvertretender Bürgermeister, sondern als ‚Maire-Adjoint‘ bezeichnet wird. Mehr über die Bremer Franzosenzeit findet man hier.

Quelle: Archiv des Weserkuriers

Das Departement der Wesermündungen oder französisch Département des Bouches du Weser entstand als eines der drei hanseatischen Departements am 1. Januar 1811. Die Reichsstadt Bremen, Teile des Herzogtums Bremen, Herzogtum Oldenburg und Delmenhorst, Herzogtum Verden, Teile des Fürstentums Lüneburg sowie Teile der Grafschaft Hoya gehörten zum Departement. – Napoleon unterstanden der Oberkommandierende der Armee und der Generalgouverneur der nordwestdeutschen Departements. Präfekt des Wesermündungsdepartements war bis zum 17. Oktober 1813 Philipp Karl Graf von Arberg, früher Kammerherr von Napoleon; Unterpräfekt war der spätere Senator Johann Pavenstedt. (Wikipedia)

Ausschnitt aus der Sterbeeurkunde von Martha Elisabeth Schaumlöffel:

Heute den Ein und zwanzigsten des Monaths October des Jahres Achtzehnhundert zwölf um acht Uhr des Abends wurde uns(,) dem Maire der Commune Vegesack Departements der Wesermündungen durch Georg Schaumlöffel zu Vegesack über das am zwanzigsten October achtzehnhundert zwölf zu Bremen im Hause numero Sechzehn am Stephaniethors Wall Westcanton Bremen erfolgten Ableben der Eliesabeth Schaumlöffel drey und zwanzig Jahr alt, unverehelicht, Dienstmagd zu Bremen, Tochter von Johann Conrad Schaumlöffel und Eliesabeth Marta Gibel (= Anna Elisabeth (Goebel) Giebel) von den Herrn Maire Adjoint Nonnen in Bremen eine Sterbe-Urkunde zugesandt, die hier angelegt ist und wörtlich folgendermaßen lautet:

Heute den Ein und zwanzigsten des Monaths October Achtzehnhundert zwölf, um Mittag, vor uns, Simon Hermann Nonnen, Adjoint des Maire und von demselben deligirter Beamter des Civilstandes der Stadt Bremen, Hauptort des Departements der Wesermündungen, erschien Georg Schaumlöffel, fünf und zwanzig Jahr alt, Schneider als Bruder, wohnhaft zu Vegesack, und Johann Adolph Hölty, ein und dreißig Jahr alt, employé hieselbst und erklärten daß Gestern Morgen um Drey Uhr Eliesabeth Schaumlöffel, drey und zwanzig Jahr alt, Dienstmagd hieselbst, Tochter von Johann Conrad Schaumlöffel und Eliesabeth Marta Gibel (= Anna Elisabeth (Goebel) Giebel) in dem Hause numero Sechzehn am Stephaniethors Wall Westcanton gestorben ist, und haben die Erklärenden, nachdem ihnen dieses vorgelesen worden, es zugleich mit uns unterschrieben. Bey der Vorlesung erklärten der Declarant und der Zeuge, dass die Leiche der Verstorbenen nach Vegesack Mairie Vegesack transportirt werden solle, worüber Protocoll aufgenommen, welches diesem Act beygefügt werden soll.

Anhand des Bremer Adressbuchs von 1812 habe ich versucht, herauszufinden, in wessen Haushalt Martha Elisabeth Schaumlöffel gedient haben mag. Im Haus Nr. 16 wohnen im Jahre 1812 der Krahnmeister Johann Wilhelm Eitzen und die Witwe Precht. Da die Adressbücher zu dieser Zeit nicht nach Straßen geordnet sind, musste ich das gesamte Adressbuch durchblättern und habe ’nebenbei‘ auch die anderen Bewohner der Straße ermittelt – die Schreibweise wurde genau übernommen.

1Klencke, Christian, Kimker (=Böttcher)
2Graffstedt, Hilmer, Brantweinbrenner
3Fehrmann, Johann, Schlosser
4Daniels, Ludwig, Torfhandel
5Gesselmann, Anton, Kahnschiffer
7Hutzing, Johann Anton, Brantweibrennerei Plump, Friedrich Strumpffabrikant, Stephanithorsstraße 7
8Reiners, Daniel, Kahnschiffer
9Blumberg, Hinrich, Tischler, auch Viertel- und Spinnekämpfer, hinter St. Stephanithorswall 9
12Witwe von Lüder Mensing
13Eggers, Hinrich, Windmüller, hinter St. Stephanithorswall 13 Mühlenbrock, Hinrich, Windmüller Meyer, Meinke, Kahnschiffer
14Selling, Hermann, Schuhmacher
16Eitzen, Hermann Wilhelm, Krahnmeister – Witwe Precht
20Borchers, Simon, Kaufmann
22Pöttger, Diedrich, Kahnschiffer
23von Harten, Hinrich, Kahnschiffer Sanders, Johann Hinrich, Hökereiwaaren
24Gesselmann, Dettmer, Kahnschiffer Hartz, Hinrich, Seeschiffer
26Bosselmann, Wilhelm
30Bönker, Johann Friedrich, Schneider
32Falckenburg, Johann Kochenhauer

Wunnenberg, Lambert – Hausvater im Werkhause
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