Rigmor Katrine Gegner – Teil 2

In der vergangenen Woche habe ich meine Ostpreußen-Leidenschaft für eine Weile ‚eingefroren‘ und bin ich in eine ganz neue Welt eingetaucht. Ich habe viel gelernt- über die Zeit des 1. Weltkriegs in Belgien – die dortige Gründung des Roten Kreuzes – über die Rolle des belgischen Königshauses in dieser Zeit, über jüdisches Leben und den Diamantenhandel in Antwerpen

Mit Unterstützung belgischer Familienforscher – die Kommunikation war dank ‚Deepl Translator‘ ohne Probleme möglich – und durch eigene Recherche kann ich den Lebensweg von Rigmor Katrine Gegner nun in groben Zügen ergänzen.

Ich beginne im August des Jahres 1914 in Belgien, dem kleinen Land, das – trotz seiner Neutralität – von deutschen Truppen besetzt und in die Wirren des 1. Weltkriegs hineingezogen wird. Belgien ist auf die Versorgung und Behandlung verwundeter Zivilisten und Soldaten in keiner Weise vorbereitet – es fehlt sowohl fachkundiges Personal als auch medizinische Ausrüstung.

Die belgische Königin Elisabeth – aufgewachsen in Possenhofen, Oberbayern, als Tochter des Herzogs Carl Theodor in Bayern – eines bekannten deutschen Augenarztes – veranlasst den Chirurgen Antoine Depage, in Belgien die Organisation des Roten Kreuzes zu etablieren. Es werden zahlreiche improvisierte Krankenhäuser errichtet – selbst der Palast des Königs wird mit einem Operationssaal ausgestattet und es werden ca. 1000 Krankenbetten aufgebaut.

von links: das Grand Hôtel de l’OceanAntoine DepageKönigin Elisabeth (Quelle: Die Dokumentation von Manohan Pirard – Teil einer umfassenden Dokumentation des RTBF – (Radio-télévision belge de la Communauté française) über die Zeit des 1. Weltkriegs).


Innerhalb von 6 Wochen wird das Grand Hôtel de l’Ocean auf dem Seedeich in De Panne (Französich La Panne) unter der Leitung von Dr. Depage zu einem Frontkrankenhaus umfunktioniert und es werden Ärzte und gut ausgebildete Krankenschwestern angeworden und angestellt. Von 1915 bis 1918 wird dieses Lazarett von Dr. Depage geleitet.

Auch Königin Elisabeth selbst unterstützt die Ärzte im Krankenhaus – sie ist ausgebildete Krankenpflegerin und hat – vor ihrer Eheschließung mit König Albert – in der Klinik ihres Vaters mitgearbeitet.

Im Krankenhaus von De Panne arbeitet auch Rigmor Katrine Gegner, die – vermutlich auf einen Aufruf des Roten Kreuzes – ihre beschauliche Heimat Dänemark verlassen hat, um in Belgien zu helfen. Hier begegnet sie dem belgischen Diamantenhändler Armand Ducellier der während des Krieges als Pilot eingesetzt ist und mit Verwundungen in La Panne eingeliefert wird.

Rigmor und Armand verlieben sich ineinander und als sie 1917 in De Panne heiraten, ist Dr. Depage einer ihrer Trauzeugen. Sein Name ist auch auf dem Hochzeitsphoto vermerkt. Dr. Depage steht neben dem Brautpaar (Photo im vorherigen Beitrag).

Am 10. August 1925 kommt in Antwerpen Tochter Yvonne zur Welt. Fast wäre es noch möglich gewesen, Kontakt zu ihr aufzunehmen, denn sie verstarb erst am 8. März 2020 in Suresnes, Nanterre, Hauts-de-Seine.

Über die zweite Tochter – Jaqueline Ducellier – konnte ich leider nichts Konkretes in Erfahrung bringen.


Zu Familie Ducellier

Noch weiß ich nicht alles über die Familie, in die Rigmor einheiratet, aber doch wesentlich mehr: Armand Ducelliers Mutter – Marie Esther Boxhorn (auch Bochshorn oder Bochshorn geschrieben) – ist Jüdin. Sie wird am 1. Januar 1858 in Krakau geboren und als ihre Familie Polen verlässt, ist sie noch ein kleines Kind. 1883 heiratet Marie Esther Boxhorn in Paris den Bankier Claude (Blonde) Marc Maurice Ducellier. Das Ehepaar bekommt drei Söhne:

  • Claude (Blonde) Marc Edouard Joachim Ducellier *1884 in Paris
  • Armand Joseph Frédéric Ducellier *1887 in Antwerpen und
  • Edouard Maurice Henri Ducellier *1889 in Antwerpen

Armands älterer Bruder wird Schriftsteller. Claude Ducellier’schloss sein Studium der Germanistik und Anglistik an der Pariser Fakultät mit dem Bachelor of Arts ab, während dessen er von Ernest Lichtenberger und Charles Andler unterrichtet wurde. 1901 und 1905 besuchte er die Universität Heidelberg, wo er von Kuno Fischer und Henry Thode unterrichtet wurde. Später wurde er Bankier, Remisier und in den 1920er Jahren Direktor der Banque Générale du Nord.

Im Jahr 1910 heiratete er in Brüssel Jeanne Marie Louise de Brabander, Tochter eines Sekretärs der Bank Société Générale in Brüssel. Während des Ersten Weltkriegs wurde er im Rang eines Unterleutnants in einem Bataillon von Alpenjägern verwundet und geriet 1917 in Gefangenschaft. Er wurde wie Charles de Gaulle in der Festung IX in Ingolstadt, Bayern, eingesperrt. Dieses Gefängnis, das härteste in Deutschland, war für widerspenstige Soldaten (die „starken Köpfe“) gedacht, die eine Neigung zur Flucht zeigten (Ducellier wurde später der Vizepräsident der Nationalen Vereinigung der Kriegsflüchtlinge). Während seiner Gefangenschaft hielt er vor seinen 200 Mitgefangenen Vorträge über lyrische Poesie.

Später wurde er als Zwangsarbeiter im BASF-Werk in Ludwigshafen eingesetzt. Während des Zweiten Weltkriegs war er Reserve-Hauptmann im 2. Armeestab und arbeitete im 2. Büro als Chiffrieroffizier und Übersetzer für General Charles Huntziger. Früh von einer literarischen Karriere angezogen, begegnete Ducellier, der als junger Soldat in der Normandie stationiert war, 1904 in Cuverville André Gide und wandte sich 1907 an den Literaturkritiker Jean Ernest-Charles, der ihm jedoch keine Hoffnung machte.

Fast vierzig Jahre später kehrte er zum kreativen Schreiben zurück und übersetzte Rilkes Sonette an Orpheus: nachdem er (vergeblich, denn dieses Werk Rilkes gilt als nicht mehr zeitgemäß und Rilkes Verleger Insel hatte die exklusiven Übersetzungsrechte bereits an die Verlage Aubier und Emile-Paul frères verkauft) im Herbst 1943 versucht hatte, sein Manuskript bei Gallimard und im Haus von Pierre Seghers unterzubringen. Mit Unterstützung von Pierre Emmanuel und Geneviève Bianquis veröffentlichte er 1945 seine Übersetzung mit Glossen im Eigenverlag (in einer limitierten Auflage), aus eigenen Mitteln und mit Unterstützung des Polytechnikers Gabriel Dessus. 1946 gewann er den Grand Prix de Poésie de la Société des Gens de Lettres (Jacques-Normand-Preis) für seine Sammlung Essor (Librairie Gedalge). 1947 stellte Ducellier weitere Übersetzungen von Rilkes Werken fertig und wurde als Nachfolger des kurz zuvor verstorbenen Maurice Betz mit der Betreuung der Übersetzung des Gesamtwerks von Rainer Maria Rilke durch Emile-Paul Frères beauftragt. Das Projekt wurde durch den plötzlichen Tod von Ducellier im Jahr 1950 abgebrochen. (Quelle: Wikipedia – aus dem Französischen übersetzt mit deepl)

Quelle: Das Antiquariat; Bd. 6, Seite 19

Armands Weg ist ein völlig anderer als der seines Bruders. Er lebt mit seiner dänischen Ehefrau Rigmor in Antwerpen und tritt offenbar in die Fußstapfen der Boxhorn-Familie, die dort bereits vor ihm Diamantenhandel betreibt. Schon lange ist Antwerpen die Hauptstadt des weltweiten Handels mit Diamanten, der sich seit Generationen fest in der Hand orthodoxer Juden befindet.

Die folgende Bekanntgebung erscheint 1910 auf Seite 57 dieses Buches:

Partnerschaftsurkunde zwischen David Markovwicz und Armand Ducellier, Diamantenmakler in Antwerpen, mit dem Ziel der Vermittlung und Beauftragung von Diamanten. D. Markovicz und Co, Nachfolger der Boxhorn-Brüder. (Aus dem Französischen übersetzt mit deepl)

Eine geschäftliche Verbindung scheint es auch zu England zu geben, denn als Armand im Jahre 1941 im Alter von 54 verstirbt, wird sein Tod auch in der ‚London Gazette‚ bekannt gegeben. Und hier wird auch seine Adresse in Antwerpen angegeben!


Über den Verbleib des dritten Ducellier-Sohnes Edouard konnte ich leider nichts herausfinden, aber hier noch einige Informationen zu den Eltern und Großeltern der drei Brüder:

Die Ducellier-Eltern leben in Paris – die Mutter stirbt dort am 5. Mai 1929, der Vater am 23. November 1931. Sein Sterbeeintrag lautet: ‚Paris 17 ème le 23.11.1931 est décédé en son domicile 148 avenue Wagram, Claude Ducellier né à Paris le 23.4.1852, Administrateur de Sociétés, fils de Edouard Ducellier et de Virginie Monod, époux décédés. Veuf de Marie Boxhorn‚.

Die Großeltern mütterlicherseits – Chaim (Joachim) Boxhorn und seine Ehefrau Bluma Sara Markowicz leben ebenfalls in Paris. Die Großmutter muss bereits vor 1875 verstorben sein, denn 1875 heiratet der Großvater die Französin Adèle Canard. ‚Joachim Bochshorn (Sohn von Leibel Boxhorn und Meschy Falck), war Kaufmann in Paris, heiratete 1875 eine Französin (Adèle Canard) und starb 1903 in seinem Haus am Place Clichy‘. (aus dem Wikipedia-Eintrag über Claude Ducellier).

Place de Clichy um 1900 – Quelle: Wikipedia

Möglicherweise besaß der Kaufmann Joachim Boxhorn auch ein Casino in Dinard – laut Wikipedia oft Nizza des Nordens und Perle der Smaragdküste genannt. Es wurde im 19. Jahrhundert zum Badeort wohlhabender Engländer.

Die Beschäftigung mit Rigmor Katrine Gegners Lebensweg macht mich sehr nachdenklich …. Sie ist die Cousine 3. Grades meines Großvaters Carl Ludwig Gegner. Beide erleben die Zeit des 1. Weltkriegs auf ganz unterschiedliche Weise – während mein Großvater als Reservist des Königin Elisabeth Garde-Grenadier-Regiments Nr.3 das deutsche Vaterland verteidigt, pflegt Rigmor in Belgien die von deutschen Soldaten Verwundeten – während sie sich in Belgien nach dem Krieg ein neues Leben aufbaut, verliert mein Großvater seines bei einem Kampf in Galizien und lässt zwei kleine Söhne zurück …….

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Rigmor Katrine Gegner

Rigmor Katrine Gegner kommt am 25.6.1887 als älteste Tochter von Carl Ludvig Gegner und Johanne Marie Møller in Hillerød, einer Stadt im Nordosten der dänischen Insel Seeland zur Welt. Nach ihr werden noch drei weitere Gegner-Kinder in Hillerød geboren. Vater Carl Ludvig ist Kaufmann – er besitzt ein Geschäft, in dem er Fleisch und Delikatessen verkauft.

Rigmors Urgroßvater Carl Ludwig Gegner wurde noch 1785 im ostpreußischen Eichhorn im Kreis Pr. Eylau (heute Wiewiórki) geboren. Er ist ein Bruder meines Ur-Urgroßvaters Ernst Wilhelm Gegner. Carl Ludwig verließ Ostpreußen nachdem er in Bartenstein eine Lehre als Kunstgärtner absolviert hatte, heiratet 1809 in der Garnisonskirche von Kopenhagen Ellen Erland und gründet eine Familie. Schon vor 10 Jahren habe ich hier darüber geschrieben.

Auch Rigmor verlässt ihre Heimat. Während des 1. Weltkriegs arbeitet sie in Belgien als Krankenschwester für das Rote Kreuz, lernt in einem Lazarett den verletzten Piloten Armand Joseph Frédéric Ducellier kennen und heiratet ihn am 2. November 1917 – noch während des Krieges – in De Panne, Belgien.

links: Armand Ducellier (Foto aus dem ‚Guldenboek der Vuurkaart‘) – rechts das Hochzeitsbild

Die nachfolgenden Jahrzehnte liegen noch überwiegend im Dunkeln – etwa um 1920 und 1925 werden – vermutlich in Antwerpen – zwei Töchter von Armand und Rigmor geboren: Yvonne und Jaqueline Ducellier. In Antwerpen soll Armand Ducellier als Kaufmann – möglichweise als Diamantenhändler – gearbeitet haben.

Irgendwann muss die Familie nach Paris verzogen sein. In einem Verzeichnis des dortigen Cimitière des Batignolles sind sowohl Armand als auch Rigmor vermerkt. Demnach verstarb Armand bereits im Jahre 1941 – Rigmor wird 64 Jahre alt und verstirbt am 5. März 1952. Hinter seinem Eintrag findet man den Zusatz: d‘ Orthez, Basses Pyrénées. Verstarb er dort?

Ausschnitt aus dem Verzeichnis des Cimitière des Batignolles’in Paris

Es wäre schön, mehr über das Leben von Armand und Rigmor zu erfahren! Vielleicht gibt es noch Nachfahren der Familie …?

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Elisabeth Zimmer – Korrektur und Ergänzungen

Als ich vor mehr als 10 Jahren erstmals über die besondere Beziehung von Elisabeth Zimmer und Alfred von Domhardt – dem Besitzer der Begüterung Worienenberichtete, war der Kenntnisstand ein anderer und auch in meiner Chronik von Worienen muss nun eine Angabe korrigiert werden.

Innerhalb der Familie Zimmer war überliefert worden, dass Elisabeth in Kissitten geboren worden sei. Nach gründlicher Recherche weiß ich nun mehr über die Familie, aus der Elisabeth stammt. Einige Informationen waren nur ‚auf Umwegen‚ über die Heirats- oder Sterbeeinträge der Kinder zu finden, da die eigentlich erforderlichen Unterlagen nicht mehr vorhanden sind.

Elisabeths Vater Michael Zimmer ist 25 Jahre alt und Musketier als er am 1. Oktober 1784 in Klein Dexen, Pr. Eylau, die gleichaltrige – aus Görken stammende – Dorothea Evert heiratet. Einige Jahre später ist er Kutscher des Gutes Graventhien.

Elisabeth Zimmer wird am 6. November 1797 auf dem Gut Graventhien geboren und am 14. November in der Kirche von Schmoditten auf den Namen Anna Elisabeth getauft. Unter Nr. 1 der Taufpaten erscheint Herr Cammerrath Christian Wilhelm Deutsch, Erbherr von Graventhien, der das Gut im Jahre 1790 von seinem Onkel Balthasar Philipp Genge geerbt hatte. Ihre weiteren Taufpaten sind: 2. Friedrich Wegg ib. (=Graventhien); 3. Gottfried Ewerlien ib.; 4. Johann Quednau ib. 5. Carl Wagenfeil, Gärtenierer ib. und 6. Frau Catharina Ewerthin aus Pieskeim.

Anna Elisabeth Zimmer ist ein Zwillingskind – ihr Bruder Gottfried wird leider nur 6 Monate alt und verstirbt laut Kirchenbuch an einer ‚Kinderkrankheit‚, die nicht näher erläuert wird. Auch Bruder Christian, der 1786 zur Welt kommt, stirbt bereits nach kurzer Zeit. Drei weitere Brüder werden jedoch mit Elisabeth erwachsen: Carl Zimmer *1787 – Michael Zimmer *1789 und Christoph Zimmer *1792.

Dem Michael Zimmer Kutscher sind von seiner Ehegattin Dorothea, geb. Ewerthin ein Paar Zwillinge von beyderlei Geschlecht d. 6. Nov. Abends um 9 Uhr gebohren; d. 14ej getauft und genannt worden das Söhnlein Gottfried und das Töchterlein Anna Elisabeth …(Taufeintrag im Kirchenbuch Schmoditten)

Als Elisabeths Bruder Michael im Jahre 1811 in Dollstädt Anna Regina Glandien, die Tochter des im Gut Penken verstorbenen Kochs Johann Christoph Glandien heiratet, erfährt man, dass Michael Zimmer selbst als Kunstgärtner im Gut Penken tätig ist. Vater Michael Zimmer wird bei der Eheschließug als ‚Pachthofmann in Kissitten‘ genannt. (Anmerkung: die Ortsbezeichnung Kissitten gibt es im Kreis Pr. Eylau zweimal – hier ist sicherlich das Gut Kissitten bei Glommen gemeint).

Im März des Jahres 1815 – Elisabeth ist fast 17 1/2 Jahre alt – wohnt und arbeitet sie bereits als Magd in Worienen. Von dort aus macht sie sich am 21. März 1815 auf den Weg in die Kirche nach Dollstädt, um – gemeinsam mit ‚Carl Glandien, Schneidergesell in Penken, des Krügers Lohpens Ehegattin in Dollstädt; des Brauers Strunge Ehefrau in Penken‘ – die Patenschaft ihres Neffen Friedrich Ferdinand Zimmer zu übernehmen.

1817 leben auch Elisabeths Eltern in Worienen – Vater Michael übt nun hier die Funktion eines Pachthofmanns aus und wird um 1819 als Kuhpächter der Begüterung aufgeführt. Elisabeths Bruder Carl hat mittlerweile das Schmiedehandwerk erlernt, ist zunächst Schmied in Mollwitten, gesellt sich aber dann zur Familie und arbeitet als Schmiedemeister für die Begüterung Worienen.

1820 finden wir auch Elisabeths Bruder Christoph, der zunächst als Radmacher in Beisleiden tätig ist, bei seiner Familie. Nachdem er sich 1817 in Pr. Eylau mit Marie Louise Saager, der geschiedenen Ehefrau des Mousquetiers Johann Friedrich Koeckeritz verheiratet hat, wohnt er nun als Radmacher in Müggen und später als Hofmann in Glomsienen. Sowohl Müggen als auch Glomsienen gehören zur Begüterung Worienen.

Gleichzeitig entspinnt sich in Worienen die wunderschöne Liebesgeschichte zwischen Elisabeth und dem Rittergutsbesitzer Alfred von Domhardt, die nicht ohne Folgen bleibt:

Elisabeth ist fast 22 Jahre alt, als am 3. Oktober 1819 in Worienen ihr unehelicher Sohn Friedrich Ludwig Alfred Zimmer zur Welt kommt. Im August des Jahres 1823 wird Elisabeths Tochter Juliane Eliesabeth Theresia Zimmer geboren. In beiden Taufeinträgen wird kein Vater angegeben. Als jedoch im September 1827 Elisabeths drittes Kind – der Sohn Gustav Heinrich Wilhelm Zimmer – das Licht der Welt erblickt, enthält der Taufeintrag den Vermerk: Vater: Alfred Friedrich v. Domhardt, Erbherr in Bestendorf. (Anmerkung: Die Begüterung Gr. Bestendorf gehört seinem Onkel Otto Heinrich von Domhardt und geht nach dessen Tod an seinen Neffen über – mehr dazu ihr hier nachzulesen!)

Auszug aus dem Kreisblatt Pr. Eylau

Nachdem Alfred von Domhardt im Jahe 1832 das Vorwerk Egdeln pachten konnte, leben Elisabeth Zimmer und Alfred von Domhardt dort einige Jahre zusammen mit ihren 3 Kindern. Und es werden zwei weitere gemeinsame Kinder geboren: Carl Ernst Rudolph Zimmer am 4. November 1833 und Friedericke Auguste Adelheid Zimmer am 2 März 1836.

Nach der Geburt des 5. Kindes kauft Alfred Friedrich v. Domhardt das eine Meile von Landsberg gelegene Köllmische Gut Salwarschienen von Johann Heinrich Nikutowski.  Im Juli 1836 wird der Besitz auf Elisabeth Zimmer übertragen, die fortan  mit den Kindern auf dem Gut Salwarschienen wohnt.

Adressbuch von 1857

Aber nicht nur Elisabeth und ihre 5 Kinder leben auf dem Gut Salwarschienen – Bruder Michael wird 1840 als dortiger Kämmerer genannt – Vater Michael wohnt als Altsitzer in Salwarschienen und muss dort vor 1843 verstorben sein und Elisabeth Patensohn Friedrich Ferdinand Zimmer arbeitet 1843 als Schneidergesell auf dem Gut.

Ich konnte auch den Werdegang der Söhne von Elisabeth Zimmer und Alfred von Domhardt verfolgen:

  • der älteste Sohn – Friedrich Ludwig Alfred Zimmer wird königlicher Postverwalter und heiratet Maria Aurora (Alwine) Gelinski, eine Tochter des Papierfabrikanten Johann Gottfried Gelinski aus Finken. Die Familie lebt zunächst in Achthuben und Reddenau im Kreis Pr. Eylau und später in Königsberg,
  • Gustav Heinrich Wilhelm Zimmer wird Amtsgerichtsrat und heiratet Nathalie Friederike Leopoldine Stockmann aus Gdzyk (Rabenhorst) im Kreis Kulm. Sie wohnen nach der Heirat in Pr. Stargard und später in Köslin.
  • und der 1833 in Egdeln geborene Sohn Carl Ernst Rudolph Zimmer – ebenfalls Jurist – heiratet 1858 in Königsberg Marie Caecilie Franziska Strehl, eine Tochter des des verstorbenen Rittergutsbesitzers Carl Ludwig Strehl und lebt später als Gutsbesitzer in Nausseden im Kreis Heiligenbeil.

Leider weiß ich (noch) nicht, was aus Elisabeths Töchtern wurde ….

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Ahnenforschung als Kompensation …?

Über diese Frage habe ich während der vergangenen Jahre immer mal wieder nachgedacht. Als ich vor mehr als 20 Jahren mit der Erforschung meiner Vorfahren begann, lebte meine Mutter noch. Aus ihrer Familie waren zahlreiche Fotos vorhanden – es gab einen Stammbaum, eine Reihe alter Dokumente und eine Familienbibel.

Mein Vater war bereits 1985 verstorben – lange bevor ich mich überhaupt für die Geschichte unserer Familie zu interessieren begann. Über seine Vorfahren wurde – soweit ich mich erinnere – kaum gesprochen. Aber ich habe auch viel zu wenig gefragt und bei Erzählungen aus der Vergangenheit wohl oft nicht richtig zugehört.

Unsere Familie 1951

Wie wohl in jeder Familie, so gab es auch in meiner viele harmonische Zeiten, an die ich mich gern erinnere. Doch auch meine Familie durchlebte eine Reihe von Krisen, die mehr oder weniger gut gemeistert wurden. Es kam zu Unstimmigkeiten, Mißverständnissen und zu schmerzhaften Kontaktabbrüchen.

Es vergeht kein Tag, an dem ich mich nicht mit dem Leben meiner Ahnen beschäftige. Sie begleiten mich seit vielen Jahren. Ich hole sie in meine Gegenwart und nehme teil an ihren Schicksalen. Und manchmal frage ich mich, ob sich hinter der Motivation, mich so intensiv mit dem Leben meiner Ahnen zu befassen, nicht auch der Wunsch verbirgt, mir einen Teil realer Familie ‚zurückzuholen‚ ….. ?

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Ludwig von Domhardt hätte sich sehr gefreut ….

Ich bin sicher – Ludwig von Domhardt hätte sich sehr darüber gefreut, dass das von ihm im Jahre 1797 in Worienen – heute Woryny – erbaute Administratoren-Haus erhalten und so wunderschön renoviert wurde. Ich habe an dieser Stelle schon ausführlich darüber berichtet, aber sehenswert ist dieser Film, der genau verdeutlicht, welche Anstrengungen unternommen wurden, um Teile des Gebäudes zu retten!

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Über die Papiermühle in Finken, Pr. Eylau

Schon der Orden brauchte Papier“ überschreibt Dr. Hansheinrich Trunz seinen Artikel über alte Papiermühlen in Ostpreußen, (in: Das Ostpreußenblatt, 1968, Nr. 19, S. 11) und berichtet: „Die Lieferungen erfolgten, wie wir aus den Ordensakten und Abrechnungen ersehen können, aus Nürnberg, Augsburg, Lübeck oder Antwerpen. auch aus Italien war solches dabei.“

Die Herstellung von Papier „erfolgte wie zum Teil heute noch, aus Alttextilien, d.h. aus Baumwolle, Leinen und Hanf, deren Fasern in Mörsern zerkleinert wurden. Als später eine so primitive Aufbereitung des Rohmaterials nicht mehr ausreichte, übernahmen mit Wasserkraft angetriebene Stampfen diese Arbeit. In Deutschland erstand die erste derartige Papiermühle 1290 in Ravensburg.“ (Quelle: s. o.)

aus dem Buch ‚Neue Bilder Galerie für junge Söhne und Töchter zur angenehmen und nützlichen Selbstbeschäftigumg aus dem Reiche der Natur, Kunst, Sitten und des gemeinen Lebens“ Berlin 1798

Wann genau im Ostseeraum mit der Herstellung von Papier begonnen und wann die erste Papiermühle errichtet wurde, ist nicht bekannt. Um 1470 wird ein Papiermüller in Danzig genannt und am 4. November 1523 erteilt der letzte Hochmeister des Ordens und spätere Herzog Albrecht eine Baugenehmigung für die erste Papiermühle in Königsberg.

Es folgt der Bau weiterer Mühlen unweit von Königsberg: Kreuzburg 1569 – Ober-Ecker 1632 – Trutenau 1666 – Finken 1680 – Unter-Ecker 1682 – Carben 1689 – Ludwigsort 1693 – Grünwehr 1698 …. insgesamt werden in Ostpreußen mindestens 21 Papiermühlen angelegt.

Das Ostpreußenblatt, 1968, Nr. 19, S. 11

Die Papiermühle in Finken (heute Zięby) im Kirchspiel Buchholz – nicht weit entfernt von Landsberg – gehört zu den ersten ihrer Art in Ostpreußen. Sie verdankt ihre Entstehung der Unternehmungslust der Familie von Kreytzen. ‚Das Privileg zu dieser Papiermühle soll vom 16. März 1680 stammen. In diesem Jahr schloss der Churfürstlich Brandenburg Preußische Ober-Appellations-Gerichtsrat und Erbherr auf Peisten Hans von Kreytzen einen Kontrakt mit dem Papiermachergesellen Nicolaus Krüger aus der Ecker wegen Errichtung einer Papiermühle in Finken.‚ (Quelle: Hans Kohtz, Ostpreußische Papierfabrikation; 1934)

KB Buchholz

Der Papiermacher darf im Mühlenteich für seinen Bedarf fischen, Bier brauen und nach Anweisung des Waldwärters aus den Wäldern Brennholz holen.

Das Ostpreußenblatt, 1968, Nr. 19, S. 11
Im Jahre 1703 wird auf dem „Drei-Finken-Papier“ in Königsberg die Flora Prussica von Johann Loesel gedruckt.

Nach Nicolaus Krüger übernimmt 1720 der Papiermacher Johann Wilhelm Steinmetz die Mühle Finken. Hochverschuldet muss er sie im Jahre 1749 jedoch aufgeben und der Erbherr auf Peisten – nunmehr Christian Gottfried von Kreytzen – vererbpachtet die Mühle an den Papiermacher Emanuel Austigall, einen Schwiegersohn von Steinmetz, der bis dahin in Ludwigsort den Betrieb geführt hatte.

„In einem Vertrag vom 18.3.1749 übernahm Austigal den Betrieb mit allem Zubehör und 2 Hufen Land gegen eine jährliche Pacht von 500 Gulden. Er hatte alle Gebäude nebst Wehr selbst zu unterhalten, bekam aber Bauholz geliefert sowie bei Bedarf Arbeitskräfte gestellt. Für den Papiertransport nach Königsberg sorgte von Kreytzen gegen jährlich 5 Ries 3-Finken-Schreibpapier und 2 Ries feinstes Papier. Bekannt und beliebt war das 3-Finken-Schreibpapier, das als Wasserzeichen einen stilisierten Baum mit drei Vögeln und den Buchstaben NK (= Nicolaus Krüger) führte. Dieses Papier kostete 1756 je Ries (= 144 Bogen) 1 Taler 8 Groschen, war also damals relativ teuer.“ (Horst Schulz, Die Städte und Gemeinden des Kreises Pr. Eylau; S. 387)

Adressbuch 1820

Die in Finken tätigen Papiermachergesellen kommen teilweise aus weit entlegenen Gegenden und so tauchen im Kirchenbuch von Buchholz immer mal wieder neue Namen auf:

Kirchenbuch Buchholz 1694
  • 1693: Johann Christoph EnterleinChristian R(h)ein
  • 1694: Peter KohnckeFriedrich RatckeJoachim Ladebach
  • 1696: Michael MindeSamuel Ernst Hendemann
  • 1701: Ludwig ZieserJohann Gerge Axmann (Pate bei der Taufe seines Sohnes Nicolaus Gottfried ist u.a. Christian Gottlieb Brüderlein, Papiermüller zu Wusen)
  • 1779 Heinrich Seewald Johann Fröhlich
  • 1780 George Adam Benckendorff

Sowohl die Papiermacher selbst als auch ihre Gesellen scheinen innerhalb des Kirchspiels ein hohes Ansehen zu genießen. Wann immer sie – und zwar relativ häufig – unter den Taufpaten der Kinder von Dorfbewohnern genannt werden, werden sie als „Herren“ bezeichnet.

um 1760 – Monogramm von Johann Friedrich Austigall, Sohn von Emanual Austigall

Bis ins 19. Jahrhundert wird die Papiermühle von Familie Austigall bewirtschaftet – dann übernimmt sie Johann Gottfried Gelinsky – seit 1814 verheiratet mit Johanna Charlotta Decker aus Oberecker – einer Tochter des dortigen Papierfabrikanten Johann Christian Decker und seiner Ehefrau Maria Carolina Günther. Je nach Konjunktur wird die Mühle auch als Mahl- bzw. Ölmühle verwendet.

Quelle: Großes Adressbuch der Kaufleute, Fabricanten und handelden Gewerbsleute; Nürnberg 1843

Johann Gottfried Gelinsky muss um 1843 verstorben sein, denn in diesem Jahr erscheint im Königsberger Amtsblatt folgendes Inserat seiner Witwe:

Meine unweit der Stadt Landsberg im landräthl(ichen) Kreise Preuß(isch) Eylau belegene Papierfabrik Finken bin ich Willens aus freier Hand an den Meistbietenden zu verkaufen, und setzte hiezu einen Termin auf den 8ten August, Morgens 9 Uhr, hieselbst an. Zur Papierfabrik gehören außer den hinlänglichen Wohn- und Wirthschaftsgebäuden noch eine Wassermahlmühle und 2 Kulmische Hufen gutes Land; auch wird das sämmtliche erforderliche Bau-, Nutz- und Brennholz gegen einen mäßigen Kanon aus den Gr. Peistenschen Gütern verabreicht. Papierfabrik FinkenDie Besitzerin Wittwe C. Gelinsky

Nach Einführung der Dampfkraft können alte Industriebetriebe wie die Papiermühle in Finken nicht mehr rentabel arbeiten und der Betrieb wird eingestellt.


Auch in diesen Beiträgen geht es um Finken:

Finken, Pr. Eylau

Inventarium bey dem Finckschen Kruge – um 1742


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Eine Stadt entsteht …

Friedland in Ostpreußen, etwa 50 km süd-östlich von Königsberg – heute Prawdinsk – wurde im Jahre 1312 durch den Deutschen Orden gegründet.

Auf den folgenden Plänen sieht man die Entwicklung der Stadt im Verlaufe der ersten drei Jahrhunderte – von 1330 bis 1630. Zunächst errichtete man die Kirche, rund um einen quadratischen Marktplatz wurden eine Reihe von Häusern gebaut und alles wurde mit einer Stadtmauer umgeben. Mehr und mehr Gebäude kamen hinzu und als der Platz innerhalb der Stadtmauer nicht mehr genügte, begann man mit der Bebauung außerhalb der Mauer. Viele andere Städte wurden auf dieselbe Weise angelegt.

Friedland im Jahr 1942 – der Ursprung ist noch gut zu erkennen.

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Das Gut Neukrug, Pr. Eylau – Nowa Karczma

Das später selbständige Gut Neukrug ist im 18. Jahrhundert als südlichster Außenposten der Begüterung Worienen, 6 km entfernt, als Krug und kleines Vorwerk gegründet worden. Daher auch der Name‘. (Horst Schulz, Die Städte und Gemeiden des Kreises Pr. Eylau; Seite 447).

Das ehemailige Gutshaus von Neukrug

Unter dem Namen ‚der Neue Krug von Worglitten‚ existiert der Krug als adliges Vorwerk von Worienen mit 1 Feuerstelle bereits im Jahre 1780.

Mein Vorfahre Christoph Gnoss (*1743 in Glomsienen) wird als erster Krüger und Hofmann dieses Kruges genannt. Von 1780 bis 1791 werden hier 7 seiner Kinder geboren – u.a. Regina Elisabeth Gnoss, die 1804 in der Eichhorner Kirche meinen Ur-Ur-Ur-Großvater Enst Wilhelm Gegner heiratet. Im Kirchenbuch von Eichhorn ist außerdem vermerkt, dass die Ehefrau eines ‚Amtmannes Hassenstein aus dem Neuen Kruge‚ am 10.3.1784 dort einen Sohn namens Otto Ludwich Hassenstein zur Welt bringt.

Zu Domhardts Zeiten wird die zum Gut gehörige Brauerei im „Herrschafftlichen Brauhaus“ in Worienen betrieben, „ganz von selbst gewonnener Geerste, auch wenn der Hopfen gut geräth vom eigenen Hopfen. Von 20 Scheffel Maltz werden 10 Tonnen Bier gebrauet…. Der Debit (Ausschank) in den Güthern ist in den Krügen Palassen (=Polassen), Eichhorn und Neukrug und in den Schänkhäusern zu Worienen, Eichhorn, Schönwiese und Sa(a)gen, und zu Ausrichtungen auch etwas außerhalb den Güthern.“ (Quelle: Staatsarchiv Olsztyn, Best 383/55, Grundakten der im Haupt Amte Preusch Eylau gelegenen Worienenschen Ritter-Güter)

Um einen möglichst hohen Umsatz zu erzielen, wird bei der Anlage von Krügen vor allem auf eine verkehrsgünstige Lage geachtet.

Ludwig von Domhardt gibt an, dass der Verkauf von 216 1/2 Tonnen Bier jährlich veranschlagt wird, dass aber im Durchschnitt nur 156 1/2 Tonnen ausgeschenkt werden. Er fügt hinzu: „Indeßen kann solcher, da durch die Dörfer Eichhorn und Polassen die Straße von den Ermländischen Städten Allenstein, Guthstadt und Heilsberg nach Königsberg führt und über Neukrug die Straße von Bartenstein nach Landsberg gehet, wenn immer gleich gutes Getränck fabriciret wird, jährlich bis auf 300 Tonnen gebracht werden. (Quelle: Staatsarchiv Olsztyn, Best 383/55, Grundakten der im Haupt Amte Preusch Eylau gelegenen Worienenschen Ritter-Güter)

Um den Krug herum entstehen nach und nach weitere Gebäude. ‚1820 zählte der ‚adlige Krug mit Vorwerk‘ von Worienen 2 Feuerstellen und 18 Einwohner‘. Nach Regulierung der bäuerlichen Verhältnisse wohnen hier 7 Instleute und insgesamt 49 Einwohner.

Von 1844-1866 ist Christian Gustav Gützlaff Besitzer der Begüterung Worienen – am 14. April 1856 verkauft er die Vorwerke Neukrug und Wilhelmshöh, „welches letztere auf den Ländereien von Neukrug erbaut ist“ zusammen mit dem Bauerngrundstück Nr. 6 in Stettinen für 100.000 Taler an seinen Schwiegersohn, den Kaufmann Andreas Walter Brockmann, der sich am 24. Juli 1852 in der Eichhorner Kirche mit Gützlaffs ältester Tochter Julie Wilhelmine Auguste Gützlaff vermählt hatte.

Nach Übernahme des Guts lebt Familie Brockmann in Neukrug, das nun ein selbständiges Gut wird – Wilhelmshöh wird Vorwerk von Neukrug. Von 1857 bis 1864 werden auf dem Gut 6 Kinder des Gutsbesitzers Brockmann geboren.

Gustav Gützlaff verkauft die Begüterung Worienen 1866 an den ‚Eisenbahnkönig‘ Bethel Henry Strousberg – Gützlaff und seine Ehefrau leben fortan in Danzig-Langfuhr. Sie kehren jedoch noch vor 1876 zurück auf das Gut Neukrug – zu Tochter, Schwiegersohn und den Enkelkindern, wo Auguste Friederike Charlotte Gützlaff, geb. Nauck, am 12. Oktober 1876 als „Rentierfrau“ verstirbt. Vier Jahre später – am 23. Dezember 1880 – verstirbt auch Christian Gustav Gützlaff in Neukrug.

1907 kauft Friedrich Karl Lobien das Gut – 1932 ist Gut Neukrug im Besitz von Charlotte Bachmann.

Heute heißt Neukrug Nowa Karczma. Dort befindet sich ein großer privater Bauernhof.

Google Street View
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Skandal in Borken, Pr. Eylau – um 1780

Bildarchiv Ostpreußen

Im Jahre 1784 übt Ludwig Leopold Laudien für einige Zeit das Amt des Organisten in der Kirche von Borken aus. Am 11. August wendet er sich mit einem Brief an den Vorsitzenden des Ospreußischen Konsitoriums in Königsberg. Er schreibt:

Quelle: GStA PK XX HA EM 14d

Hochwürdiger und Hochwohlgebohrer Herr, Sr. Königl(ichen) Majestaet von Preußen hochbetrauter wirklich Geheimter Etaats und Krieges Ministre Obermarschall und President Ew. Königl. Hochverordneter Ostpreuß. Consistorii, wie auch Johanniter Ritter!

Gnädiger und höchgebiethender Herr!

Ewr. Excellence werden es nicht in Ungnaden bemerken, wenn ich mich unterwinde, aus größter Noth gedrungen Höchstdieselben in Unterthänigkeit anzutreten. Da ich die hohe Gnade hatte, um die vacant gewesene Organist=Stelle in Borcken demüthigst zu bitten,so hörte ich aus Ewr. Excellence Selbst eigenem hohen Munde, die für mich anjetzo so tröstliche Worte/ was will er da, die Stelle ist schlecht, das Borcken hat mir gehöret, und ich kenne es. So nehme demnach in Rücksicht dergl. von Ewr. Excellence Selbst mir gnädigst gegebenen Versicherung des schlechten Organist=Dienstes allhir zu dero hohen Huld und Gnade meine unterthänigste Zuflucht, in zuversichtlicher Hofnung, daß ich in meinem nothdringensten Gesuch zu reüssiren mich getröste.

Es ist nach der Resolution des Creyß Justiz Raths Lindenblatt in Preuß. Eylau das Trinitatis Quartal c., welches 7 Fl. beträgt, der hiesigen Kirchen Casse zugefallen, so habe auch nicht das geringste, wovon ich mich und meine betagte und gebrechliche Mutter, fast den Sommer hindurch ernähren kann, bis kommenden Herbst, da ich annoch die Helfte nicht allein der allhier ungemein wenigen Calende, sondern auch sogar des sehr unbeträchtlichen Schulgeldes der hinterlaßenen Wittwe abzugeben, von besagtem Justice Rath beschieden worden bin, und so das ganze künftige Jahr hindurch von den halben Einkünften leben muß. Ewr. Excellence flehe demnach aufs demüthigste und allerbeweglichste an, auch mich als einen gantz armen Anfänger, da ich als ein Litteratus nur lediglich von den Kirchen und Schul=Einkünften leben muß, gnädigst zu reflectiren, und aus hoher Gnade und Erbarmen, mich nicht nur mit dem Trinitatis Quartal c., sondern auch, damit ich bey meinem sehr mühsamen, und sehr wenig einträglichen Amte nicht den Muth sinken laße, sondern vielmehrzu einer eifrigen Verwaltung deßelben eine kräftige Ermunterung bekomme, mit einer gnädigsten Zulage aus der hiesigen Kirchen=Casse allergnädigst zu erfreuen. Bey so bewandten der Wahrheit gemäßen Umständen lebe der gewißesten Hofnung, daß diese demuthsvolle Zeilen mit dem allererwünschten Erfolg gnädigst werden gecrönet werden.

Der ich in tiefster Submission ersterbe – Ewr. Excellence unterthänigster Knecht L. Laudien

Kirchdorf Borcken bey Bartenstein, d. 11. August 1784

3 Monate später – am 18. November 1784 – heiratet Ludwig Leopold Laudien in Borken Catharina Elisabeth Kosiorowsky aus Markienen.

Die ‚demuthsvollen Zeilen‘ Ludwig Leopold Laudiens bleiben ohne Erfolg – im Gegenteil: Er wird aus dem Amt entlassen! Im April des nachfolgenden Jahres ergeht folgendes Schreiben des Ostpreußischen Konsistoriums an den König, aus dem der Grund seiner Entlassung hervorgeht:

Königsberg, den 19. April 1785

Das Ostpr. Constorium berichtet wegen des von dem Organisten Laudien in Borcken gegebenen Scandals und der ihm solcherhalb ertheilten Dismission, auch in Ansehung eines Subjecti zu Wiederbesetzung dieser nunmehr vacanten Organisten=Stelle in der Bartensteinschen Inspection.

Ewr, Königl. Majestät müßen wir hiermit pflichtschuldigst referiren, wie wir den im vorigten Jahr angesetzten Organisten Laudien in Borcken, wegen der von ihm mit einigen seiner Schulmädchen respect. Von 7 und 12 Jahren begangenen schandbaren Handlungen, wodurch er sich zum Anstoß und Ärgernis der dortigen Gemeine und der Schuljugend dergestalt verächtlich und gehäßig gemacht hat, daß er nicht länger bey seinem Dienste gelaßen worden können, die dimission es officio ertheilet haben. Bey dieser Gelegenheit geben wir zugleich dem Ertzpriester Licht in Bartenstein auf, uns zur Wiederbesetzung dieser Borckenschen Organisten Stelle, ein anderweitiges tüchtiges Subjectum, welches das Orgelwerck tractiren kann, in Vorschlag zu bringen. Hierauf hat nun gedachter Ertzprister Licht den bisherigen Schulmeister Poerschke aus dem Dorfe Steinberkel (Steinbeckellen), welcher nach dem original Anschluß ein gutes Zeugnis von dem Steinbeckschen Pfarrer Hoffmann erhalten, auch nach dem Bericht des Ertzpriesters das kleine Orgelwerck in Borcken zu tractiren weis. Ew. Königlichen Majestät stellen wir es fortmehro in Unterthänigkeit anheim, ob Höchstdieselben den gethanen Vorschlag allerhöchst zu genehmigen und den erwehnte Poerschke, der im Dexenschen Schulmeister Seminario prosporiret seyn soll, zum Organisten in Borcken in hohen Gnaden zu bestellen, geruhen wollen. Wir ersterben in aller Ehrfurcht und Treue.

Nach seiner Entlassung wird Ludwig Leopold Laudien Hofgerichts Canzlei Assistent in Bromberg – dort werden 1788 und 1790 seine Kinder geboren – Tochter Amalia Friderica Susanna Laudien und Sohn Gustav Adolph Laudien.

Zur Familie: Ludwig Leopold Laudien wird im November 1754 in Königsberg geboren – sein Vater Gottlieb ist Kaufmann – seine Mutter Sophia Eleonora Seel ist die Tochter des Königlichen Geheimsekretärs Ernst Friedrich Seel, der 1701 in Klein Dexen als Sohn des dortigen Pfarrers Johann Eberhardt Seel geboren wurde.

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Über die Suche nach Gutsuntertanen

Viele meiner Vorfahren im Kreis Preußisch Eylau waren keine Bewohner vom Amtsdörfern, sondern Gutsuntertanen (darunter Krüger – Müller – Gartenierer – Förster und Arrendatoren) vorrangig der Begüterungen Worienen, Groß Peisten und Wildenhoff.

Bei der Suche nach Gutsuntertanen sollte man daran denken, dass zu den Begüterungen üblicherweise eine ganze Reihe von Vorwerken und Dörfern gehören, die sich entweder in der Nähe des Hauptguts befinden, aber auch sehr abgelegen sein können. Das bedeutet, dass Gutsuntertanen nicht unbedingt über Jahrzehnte an nur einem Ort leben, sondern von ihren Gutsherren mal hier und mal dort eingesetzt werden konnten, vielleicht auch für einige Zeit an befreundete oder verwandte Gutsleute in entfernteren Gegenden ‚ausgeliehen‚ wurden und irgendwann wieder zurückkehren. All das habe ich bei meiner Suche erlebt.

In meiner Chronik von Worienen habe ich dazu geschrieben:

Ein kleiner Exkurs für Familienforscher: Bei der Suche nach Vorfahren, die in Orten des Gutsbezirks Worienen im Kirchspiel Eichhorn wohnen, kann es sinnvoll sein, auch die Kirchenbücher von Klein Dexen durchzusehen. Gutsuntertanen werden je nach Bedarf dort hingeschickt, wo ihre Arbeitskraft benötigt wird und so kommt es vor, dass sie mit ihren Familien immer mal wieder in anderen – zur Begüterung gehörenden – Orten leben. Als Beispiel sei noch einmal der bereits erwähnte Johann Dieker genannt. Er ist Cämmerer in Worienen als er am 18. Februar 1697 in Eichhorn Maria Simson, die Tochter des damaligen Eichhorner Krügers Peter Simson, heiratet. Als Cämmerer untersteht er dem Woriener Burggrafen Johann Seel, der im Jahre 1698 das im Kirchspiel Kl. Dexen gelegene kleine Gut Grundfeld von seinem Bruder Reinhold übernimmt. Johann Dieker wird von Worienen auf das Gut Grundfeld beordert, um dort als Hofmann Dienst zu tun. So kommt es, dass Tochter Maria im Februar 1700 dort geboren und anschließend in der Kirche von Kl. Dexen getauft wird. Im Mai 1704 kommt Sohn Johann Dieker in Schwadtken zur Welt, da sein Vater dort mittlerweile als Hofmann benötigt wird. Als Taufpatin legt die Ehefrau des Burggrafen Johann Seel den weiten Weg von Worienen nach Kl. Dexen zurück. Im Jahre 1706 lebt Familie Dieker wieder in Worienen – hier erblickt Sohn Christianus am 4. April das Licht der Welt. Und wieder geht es zurück nach Schwadtken, wo im September 1713 ein weiterer Sohn namens Michal geboren wird. Am 23. Oktober des Jahres 1720 heiratet Tochter Dorothea in Kl. Dexen den Böttchergesell Gottfried Gerge, zieht mit ihm nach Eichhorn und bekommt dort 7 Kinder. Bruder Johann ist mittlerweile Stallknecht auf dem Hof Wokellen, Bruder Christian arbeitet als Knecht in Schwadtken. Der Cämmerer und Hofmann Johann Dieker selbst verstirbt im Januar 1731 in Schwadtken.

Ein anderes Beispiel:

Zu den Peistischen Gütern – von 1547 bis 1815 im Besitz der Familie von Kreytzen – gehören über lange Zeit die Vorwerke Ponienken Achthuben Wiecherts Wangnick Schwadtken Kattlack Egdeln und Sienken sowie die Dörfer Hanshagen Albrechtsdorf Buchholz Dixen Finken Grauschienen und Papperten.

Einige Vorwerke und Dörfer gehören zum Kirchspiel Buchholz, andere zum Kirchspiel Guttenfeld – Hanshagen liegt im Kirchspiel Groß PeistenDixen im Kirchspiel Eichhorn.

Diese Zusammenhänge sollte man im Blick behalten, wenn man nach Gutsuntertanen sucht!

Das Foto stammt aus dem Staatsarchiv Olsztyn – dort befinden sich die Grundakten der Begüterung Groß Peisten.

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