Martha Elisabeth Schaumlöffel (1789-1812)

Mich interessieren immer auch die Einzelschicksale der Geschwister meiner Vorfahren – in diesem Fall das Schicksal von Martha Elisabeth Schaumlöffel, einer Schwester meines Vorfahren Johann Georg Schaumlöffel.

Und ständig lerne ich etwas dazu – vor allem über die Geschichte der jeweiligen Region und über die Lebensumstände meiner Ahnen.

Als sich Johann Conrad Schaumlöffel mit seiner großen Familie als Schneidermeister um 1800 in Vegesack niederlässt, ist Martha Elisabeth ein Schulkind – etwa 11 Jahre alt.

Die Anfangsjahre der Familie in Vegesack waren sicherlich nicht leicht. Die Familie stammt aus Hessen – sämtliche Kinder (insgesamt 9) kamen in Kassel zur Welt. Wie (fast) alle Eltern – werden Johann Conrad Schaumlöffel und seine Ehefrau Anna Elisabeth (Goebel) Giebel bemüht gewesen sein, ihren Kindern einen guten Start in der neuen Heimat und eine glückliche Zukunft zu ermöglichen.

Vegesack 1848 – Von Carl Justus Harmen Fedeler https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8719785

Vier der Söhne erlernen – wie der Vater selbst – das Schneiderhandwerk, zwei von ihnen bleiben in Vegesack, einer lässt sich in Lüssum nieder und der 1790 in Kassel geborene Wilhelm Bernhard zieht nach Amsterdam und gründet dort eine Familie. Das Schicksal von Jacob – dem jüngsten Sohn, der 1808 im Alter von 15 Jahren in der Blumenthaler Kirche noch konfirmiert wird – liegt noch im Dunkeln.

Die erste Familienfeier im Norden ist die Konfirmation von Sophie Elisabeth in der Reformierten Kirche von Blumenthal, zu der zu dieser Zeit auch die Vegesacker gehören. Die jüngste Tochter verstirbt 1806 – im Alter von 11 Jahren – an den Frieseln. Sophie Elisabeth bleibt in Vegesack – sie heiratet 1814 den aus Nienburg stammenden Schneidermeister Carl Heinrich Conrad Müller.

Und dann ist da noch Martha Elisabeth Schaumlöffel. Durch ihre Sterbeeurkunde, die 1812 im Vegesacker Kirchenbuch zu finden ist, erfahre ich Näheres über ihr Leben. Auch Martha Elisabeth verlässt Vegesack – sie wird Dienstmagd im Bremer Stephani-Viertel.

Das rote Kreuz auf dem folgenden Kartenausschnitt zeigt die Lage der Straße ‚Stephanitorwall‚ an – hier lebt und arbeitet Martha Elisabeth Schaumlöffel bis zum 20 Oktober des Jahres 1812. An diesem Tag verstirbt sie im Alter von nur 23 Jahren im dortigen Haus Nr. 16. Leider wird in ihrer Sterbeurkunde keine Todesursache angegeben – man erfährt lediglich, dass ihre sterblichen Überreste von Bremen nach Vegesack überführt werden.

Um die Urkunde verstehen und einordnen zu können, muss man wissen, dass die Stadt Bremen als Teil des Herzogtums Bremen zu dieser Zeit unter französischer Verwaltung steht. So erklärt sich u.a., dass der darin erwähnte Simon Hermann Nonnen nicht als stellvertretender Bürgermeister, sondern als ‚Maire-Adjoint‘ bezeichnet wird. Mehr über die Bremer Franzosenzeit findet man hier.

Quelle: Archiv des Weserkuriers

Das Departement der Wesermündungen oder französisch Département des Bouches du Weser entstand als eines der drei hanseatischen Departements am 1. Januar 1811. Die Reichsstadt Bremen, Teile des Herzogtums Bremen, Herzogtum Oldenburg und Delmenhorst, Herzogtum Verden, Teile des Fürstentums Lüneburg sowie Teile der Grafschaft Hoya gehörten zum Departement. – Napoleon unterstanden der Oberkommandierende der Armee und der Generalgouverneur der nordwestdeutschen Departements. Präfekt des Wesermündungsdepartements war bis zum 17. Oktober 1813 Philipp Karl Graf von Arberg, früher Kammerherr von Napoleon; Unterpräfekt war der spätere Senator Johann Pavenstedt. (Wikipedia)

Ausschnitt aus der Sterbeeurkunde von Martha Elisabeth Schaumlöffel:

Heute den Ein und zwanzigsten des Monaths October des Jahres Achtzehnhundert zwölf um acht Uhr des Abends wurde uns(,) dem Maire der Commune Vegesack Departements der Wesermündungen durch Georg Schaumlöffel zu Vegesack über das am zwanzigsten October achtzehnhundert zwölf zu Bremen im Hause numero Sechzehn am Stephaniethors Wall Westcanton Bremen erfolgten Ableben der Eliesabeth Schaumlöffel drey und zwanzig Jahr alt, unverehelicht, Dienstmagd zu Bremen, Tochter von Johann Conrad Schaumlöffel und Eliesabeth Marta Gibel (= Anna Elisabeth (Goebel) Giebel) von den Herrn Maire Adjoint Nonnen in Bremen eine Sterbe-Urkunde zugesandt, die hier angelegt ist und wörtlich folgendermaßen lautet:

Heute den Ein und zwanzigsten des Monaths October Achtzehnhundert zwölf, um Mittag, vor uns, Simon Hermann Nonnen, Adjoint des Maire und von demselben deligirter Beamter des Civilstandes der Stadt Bremen, Hauptort des Departements der Wesermündungen, erschien Georg Schaumlöffel, fünf und zwanzig Jahr alt, Schneider als Bruder, wohnhaft zu Vegesack, und Johann Adolph Hölty, ein und dreißig Jahr alt, employé hieselbst und erklärten daß Gestern Morgen um Drey Uhr Eliesabeth Schaumlöffel, drey und zwanzig Jahr alt, Dienstmagd hieselbst, Tochter von Johann Conrad Schaumlöffel und Eliesabeth Marta Gibel (= Anna Elisabeth (Goebel) Giebel) in dem Hause numero Sechzehn am Stephaniethors Wall Westcanton gestorben ist, und haben die Erklärenden, nachdem ihnen dieses vorgelesen worden, es zugleich mit uns unterschrieben. Bey der Vorlesung erklärten der Declarant und der Zeuge, dass die Leiche der Verstorbenen nach Vegesack Mairie Vegesack transportirt werden solle, worüber Protocoll aufgenommen, welches diesem Act beygefügt werden soll.

Anhand des Bremer Adressbuchs von 1812 habe ich versucht, herauszufinden, in wessen Haushalt Martha Elisabeth Schaumlöffel gedient haben mag. Im Haus Nr. 16 wohnen im Jahre 1812 der Krahnmeister Johann Wilhelm Eitzen und die Witwe Precht. Da die Adressbücher zu dieser Zeit nicht nach Straßen geordnet sind, musste ich das gesamte Adressbuch durchblättern und habe ’nebenbei‘ auch die anderen Bewohner der Straße ermittelt – die Schreibweise wurde genau übernommen.

1Klencke, Christian, Kimker (=Böttcher)
2Graffstedt, Hilmer, Brantweinbrenner
3Fehrmann, Johann, Schlosser
4Daniels, Ludwig, Torfhandel
5Gesselmann, Anton, Kahnschiffer
7Hutzing, Johann Anton, Brantweibrennerei Plump, Friedrich Strumpffabrikant, Stephanithorsstraße 7
8Reiners, Daniel, Kahnschiffer
9Blumberg, Hinrich, Tischler, auch Viertel- und Spinnekämpfer, hinter St. Stephanithorswall 9
12Witwe von Lüder Mensing
13Eggers, Hinrich, Windmüller, hinter St. Stephanithorswall 13 Mühlenbrock, Hinrich, Windmüller Meyer, Meinke, Kahnschiffer
14Selling, Hermann, Schuhmacher
16Eitzen, Hermann Wilhelm, Krahnmeister – Witwe Precht
20Borchers, Simon, Kaufmann
22Pöttger, Diedrich, Kahnschiffer
23von Harten, Hinrich, Kahnschiffer Sanders, Johann Hinrich, Hökereiwaaren
24Gesselmann, Dettmer, Kahnschiffer Hartz, Hinrich, Seeschiffer
26Bosselmann, Wilhelm
30Bönker, Johann Friedrich, Schneider
32Falckenburg, Johann Kochenhauer

Wunnenberg, Lambert – Hausvater im Werkhause
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‚Voll Enthusiasmus‘ an die Hauptschule in Blumenthal …

Von 1815 bis 1863 heißt der Lehrer an der Blumenthaler Hauptschule Martin Gerhard Meierdierks.

Martin Gerhard Meierdierks wird am 27. Januar 1789 als Sohn des Ratsdieners Conrad Meierdierks und dessen Ehefrau Mette Dorothée Meiers in Bremen geboren und am 1. Februar in der Ansgari Kirche getauft. Er ist bereits Lehrer in Blumenthal, als er am 31. Juli 1816 in Bremen Rebecca Bäckmann heiratet, eine Witwe des Bremer Bürgers und Bierbrauers Lüder Mensing und Tochter des Bürgers und Kaufmanns Henrich Bäckmann und Anna Tölke.

Sein Vater war bereits vor 1816 verstorben – die Mutter stirbt am 23. Juni 1822 im Alter von 64 Jahren in ihrer Wohnung in der Ansgarikirchgasse Nr. 15.

Martin Gerhard Meierdierks unterrichtet in Blumenthal u.a. auch den späteren Schiffskapitän und Marinemaler Fritz Müller, der von ihm 1830 auch konfirmiert wurde.

Lehrer Meierdierks wird bereits in meinem vorherigen Beitrag von Pastor Theobald in dessen Berichten an die Schulinspektion ‚als ein sehr vielseitig gebildeter, in den Schulwissenschaften wohl unterrichteter Mann‘ gelobt, bei dem ’sich auch ein lobenswerthes Streben zeige, ‚durch seine Kenntnisse nützlich zu werden‚. Weiterhin schildert der Pastor: ‚Seine Handschrift sowie seine Fertigkeit im Rechnen ist ausgezeichnet gut. Gegen die Disciplin in der Schule ist nichts zu erinnern. Sein Lebens-Wandel ist untadelhaft

Dass die Handschrift von Herrn Meierdirks wirklich ausgezeichnet ist, können auch wir fast 200 Jahre später noch begutachten, denn am 13. Oktober 1828 wendet sich der Lehrer mit einem persönlichen Schreiben von Blumenthal aus an den Superintendenten in Osterholz. Auf diese Weise erfahren wir auch Genaueres über die schwierigen Bedingungen, unter denen Herr Meierdierks seinen Dienst in Blumenthal antrat und ausübte. Er schreibt:

‚Als ich im Jahr 1815 mein Amt als Schullehrer hieselbst antrat, fand ich ein Schulzimmer von 550 fuß, mit einer Decke von nicht 8 fuß Höhe, das Ganze in jeder Hinsicht im traurigsten Zustande, und in diesem Locale 250 Kinder zu unterrichten. So aufrichtig mein Eifer war, so mußte ich doch nothwendig sogleich die Erfahrung machen, daß es unmöglich sey, bei solchen Mitteln viel Gutes bewirken zu können. Bey denjenigen Mitgliedern der Gemeine, deren nähere Bekanntschaft ich machte, und denen ich meinen Plan zur Vergrößerung des Schulzimmers und zur Anstellung eines Gehülflehrers mittheilte, fand ich indessen Theilnahme und glaubte nun, voll Enthusiasmus, aber jung, und ohne vollständige Kenntniß meines Terrains, auf den allgemeinen Sinn der Gemeine für eine gründliche Schulverbesserung rechnen zu dürfen.

Ebenso wurde mir, bey der im Jahre 1817 hier abgehaltenen General-Kirchenvisitation, vom Herrn Generalsuperintendenten Hoffnung gemacht, daß ein Unterlehrer hier angestellt werden würde.

Demzufolge legte ich dem Königl. Consistorio einen Plan zur Erweiterung und zweckmäßigeren Einrichtung des Schulzimmers, der auf Anstellung eines zweiten Lehrers berechnet war, vor; und hatte das Vergnügen, diesen Plan gebilligt zu sehen. Der Bau der Schule wurde vom Consistorio verordnet, verzögerte sich aber, weil jetzt schon Spaltungen in der Gemeine entstanden, bis ins Jahr 1819, wo er endlich vor sich ging.

Während dieser Zeit erschien das Consistorial-Decret, welches die Anstellung eines Unterlehrers an denjenigen Schulen verordnet, worin 110 und mehrere Kinder unterrichtet werden. In der Ueberzeugung, daß die mit einer solchen Anstellung verbundenen großen Kosten, mir, als vor diesem Gesetz, an einer Schule angestellten Lehrer, wo niemals ein Unterlehrer gehalten worden war, nicht zur Last fallen könnte, wandte ich mich mit der Bitte an Königl. Consitorium, deshalb mir eine günstige Bestimmung zu erlassen; erhielt aber die Weisung, dass ich mich deshalb mit der Gemeine zu verständigen habe.

Hier fand ich nun leider, daß ich mich, den Gemeinsinn derselben betreffend, sehr verrechnet hatte. Meine billigsten Wünsche und Vorschläge wurden von den deshalb Bevollmächtigten, als ihnen durchaus nicht angehend, verworfen. Ich gab indeß die Hoffnung nicht auf, nahm auf meine Kosten einen fähigen Gehülfen an, und erwartete mit Gewißheit, daß der erwiesene Erfolg eines zweckmäßigen Unterrichts ihrer Kinder sie billiger gemacht haben würde. Ich habe dies 3 Jahre lang mit Aufopferung eines bedeutenden Theils meiner Einnahme fortgesetzt; aber vergebens. Neue Vorschläge wurden so wie die früheren zurückgewiesen. –

Unter diesen Verhältnissen sah ich mich also genöthigt, den Unterricht wieder allein zu übernehmen, da bey meiner geringen und seit meines Dienst Antritts noch sehr geschmälerten Einnahme, ich nicht im Stande bin, die Verbesserung des Unterrichts, die mir jährlich wenigstens 120 Grote kostet, für die ganze Gemeine aus meiner Tasche zu bezahlen!

Zu dieser Zeit, als die Neurönnebeker, eigenmächtigerweise eine Nebenschule für ihre Dorfschule errichtet hatten, fingen einige Alt-Rönnebeker an, ihre Kinder entweder in diese oder in die Nebenschule zu Farge zu schicken, und zu meinem großen Nachtheile mußte ich erfahren, daß der Eifer, mit dem ich die Gemeine auf die Mängel des bisherigen Unterrichts und auf Verbesserung desselben, aufmerksam gemacht hatte, nur dazu gedient hatte, Nebenschulen zu begünstigen und mir in pecuniairer Hinsicht großen Schaden zuzufügen, da, wie Ew. Hochehrwürden erinnerlich seyn wird, für Rechenunterricht halbjährig 51 Grote, für die übrigen Schüler aber nur 15 Grote Schulgeld vergütet wird.

Bald nach Errichtung der Neurönnebeker Nebenschule, etablirte ein Frauenzimmer namens Hilken, aus Bremen, ohne Erlaubniß dazu nachzusuchen, zu Alt-Rönnebek ebenfalls eine Anstalt, die anfangs unter dem Namen einer Unterrichtsanstalt für weibliche Arbeiten ins Leben trat, bald aber als wirkliche Nebenschule sich zeigte, indem diese Person anfing größere Kinder, die zu meiner Schule gehörten, an sich zu ziehn, und solche sowohl des Tages zu gewöhnlicher Schulzeit, als auch Abends in der Religion, im Rechnen, Schreiben und Lesen zu unterrichten.

Eine zweimalige Weisung des Pastor Theobald, sich in ihrem Unterricht auf Kinder bis zu 6 Jahren zu beschränken, wie unser Lagerbuch solches vorschreibt, ist ohne Erfolg geblieben, und sie soll bis diesen Augenblick an 30 Kinder unterrichten.

Mit dem neuesten Vorfall dieser Art sind Ew. Hochehrwürden schon bekannt; ich wiederhole deshalb nur, daß der Mann, welcher mit seiner Frau, gemeinschaftlich, eigenmächtigerweise eine Nebenschule errichtet hat, von Raden (von Rahden) heißt, in Blumenthal selbst wohnt, und an die 30 Kinder, ebenfalls in der Religion, im Rechnen, Schreiben und Lesen unterrichtet.

Um zu zeigen, wie groß mein Verlust durch das Etablissement dieser Nebenschule ist, brauche ich wol nur zu bemerken, daß in hiesiger Gemeine im Durchschnitt 280 schulpflichtige Kinder sind, und daß ich im vorigen Winter 136 und in diesem Sommer 93 Kinder auf meiner Schulliste hatte; nicht zu gedenken, was ich dadurch an Privatunterricht verliere.

Dieses, Ew. Hochehrwürden, ist die gegenwärtige Lage der hiesigen Hauptschule. Daß ich, der ich mit aufrichtigem und redlichem Eifer das Gute gewollt, und darnach gestrebt, unmöglich ruhig dabey seyn kann, sondern mich sehr unglücklich fühlen muß, wenn ich sehe, daß meine guten Absichten mißgedeutet, und meine Pläne für das Bessere bis jetzt so ganz gescheitert sind, brauch ich wol nicht zu erwähnen.

Mit festem Vertrauen auf Ew. Hochehrwürden bekannten Eifer für die Beförderung des Guten, und erlauben Sie mit hinzuzufügen, auch auf ihr mir so gütig gezeigtes Wohlwollen, ergeht deshalb meine gehorsamste Bitte an Ew. Hochehrwürden: Dieselben wollen sich gewogentlich dahin verwenden, daß die genannten, eigenmächtig errichteten Nebenschulen aufgehoben, und ein Fand zur Salarirung und Unterhaltung eines Unterlehrers an hiesigen Hauptschule ausgemittelt werde.

Mit der vollkommensten Hochachtung verharret

Ew. Hochehrwürden

gehorsamster Diener

Meierdirks

Blumenthal, d. 13ten October 1828

Quelle: Visitationen in der Inspektion Osterholz – Laufzeit -1827-1834 -Enthält die Kirchengemeinden Ritterhude, Scharmbeck, Hambergen, Osterholz, Blumenthal, Neuenkirchen, Lesum und Worpswede

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Schulvisitationen in Blumenthal – 1827 und 1834

Viele meiner Vorfahren leben über Jahrhunderte im Kirchspiel Blumenthal an der Weser – im Ort Blumenthal selbst und in den zu diesem Kirchspiel gehörigen Dörfern – u.a. in Rönnebeck, Farge oder Lüssum. Auch ich selbst bin in Blumenthal aufgewachsen.

Die meisten meiner dortigen Ahnen haben – wie auch ich – in Blumenthal eine Schule besucht, allerdings unter völlig anderen Bedingungen als ich.

Ältestes Blumenthaler Schulgebäude von 1787
Quelle: Ulf Fiedler/Bernhard Havighorst, Das alte Blumenthal in Bildern, Johann Heinrich Döll Verlag

Bis ins 19. Jahrhundert besteht das Schulwesen aus kirchlichen und privaten Schulen und untersteht weitgehend der Aufsicht der Kirchen. Von Zeit zu Zeit werden die Pastoren der einzelnen Gemeinden aufgefordert, einen Bericht über den Zustand der Schulen in ihrer Gemeinde, eine Beurteilung der dort unterrichtenden Lehrkräfte sowie einen Bericht über den ‚sittlichen und religiösen Zustand‚ ihrer Gemeinde abzugeben.

Blumenthal um 1818-1819
Gouache: Anton Radl, Stich: Carl Heinrich Rahl, Wien – Adam Storck: „Ansichten der Freien Hansestadt Bremen und ihrer Umgebung“. Verlag: Carl Ed. Schünemann KG, Bremen, 1977



Auch der Blumenthaler Pastor Philipp Adolph Theobald (1778-1837) ist während seiner Dienstzeit verpflichtet, Schulvititationen durchzuführen und seine Berichte an die Inspektion nach Osterholz zu senden. 1827 schreibt er:

Pflichtmäßiger Bericht

über Kirchen– und Schul-Angelegenheiten, von Blumenthal. Eingereicht bei der Kirchen-Visitation daselbst am 12ten September 1827 von dem zeitigen Prediger P. A. Theobald.

I. Über die Schullehrer und das Schulwesen

A. Der Haupt Schullehrer, Organist, und Küster M. Meyerdiercks zu Blumenthal

B. Der Schullehrer Johann Heinrich Ficke zu Farge

Ad A. Ersterer ist ein vielseitig gebildeter, in den Schulwissenschaften wohl unterrichteter Mann. Bei ihm zeigt sich auch ein lobenswerthes Streben, durch seine Kenntnisse nützlich zu werden, von welchem auch erfreuliche Früchte sich darlegen. Nur bleibt zu wünschen, dass er sich bei dem katechetischen Unterricht, besonders in seinen Anreden, sowohl als in der Stellung seiner Fragen, zu der beschränkten Fassungskraft der Kinder herablassen möge.

Im Übrigen ist die Art seiner Unterweißung vorzüglich. Seine Handschrift sowie seine Fertigkeit im Rechnen ist ausgezeichnet gut. Gegen die Disciplin in der Schule ist nichts zu erinnern. Sein Lebens-Wandel ist untadelhaft.

Ad B. Der Schullehrer zu Farge, Johann Heinrich Ficke, ist im Ganzen ein recht gutmüthiger Mensch, hat auch den Willen, nützlich zu werden, und läßt es an Fleiß nicht fehlen. Seine Anlagen aber, sind wohl nicht von der Art, daß er sich in diesem Fache über das Mittelmäßige erheben wird. Bei seinem Katechisiren zeigt er Eifer und Fleiß, doch ist er darin noch zurück, auch fehlt es seiner Sprache an Wohlklang. Er singt, schreibt und rechnet ziemlich. Sein Wandel ist untadelhaft.

Die Haupt-Schule wird hier im Sommer und Winter recht fleißig besucht, weniger ist dieß während der Sommer-Monate bei der Schule in Farge der Fall, wo sich dann nur die kleineren Kinder einfinden.

Viele der größeren Kinder besuchen die Schule oftmals nur im Winter – im Sommer wird ihre Mithilfe bei der Arbeit in der Landwirtschaft benötigt.

II. Über den sittlichen und religiösen Zustand der Gemeine

Der in der hiesigen Gemeine herrschende religiöse Geist ist im ganzen gut. Die Kirche wird unausgesätzt fleißig besucht, die Zahl der Communicanten ist nach der Größe der Gemeine beträchtlich, während des Gottesdienstes herrscht die erforderliche Feierlichkeit, und Stille, und es sind mir während meiner hiesigen Amtsführung viele recht erfreuliche Kennzeichen christlich religiöser Tugend bekannt geworden.

Gemein herrschende Laster habe ich Gottlob hier nicht bemerkt. Einzelne Unsittlichkeiten, als Völlerei, und Ungerechtigkeit gegen des Nächsten Eigenthum, so wie fornications Fälle (fornication=Unzucht), kommen leider auch hier vor.

Nach meiner Überzeugung hat der Umstand, daß so viele Fremde, aus andern Ländern und Gegenden kommende Subiecte hier sich ansiedlen, einen nicht vortheilhaften Einfluß auf das sittliche Leben der Gemeine; daher ich den Wunsch nicht unterdrücken kann, daß höheren Orts eine größere Einschränkung in Ansehung der Aufnahme solcher Subiecte, als wohl bisher geschehen, stattfinden möge.


Mehrere Jahre später – am 27. Juni 1834 – berichtet Philipp Adolph Theobald:

Das, was ich in meinen früheren Berichten dieser Art von dem in der hiesigen Gemeinde herrschenden religiösen Sinn im allgemeinen mit Wahrheit rühmen konnte, dass derselbe gut zu nennen sey, das findet Gott Lob, auch ietzt immer noch statt.

Der fleißige Besuch des Gottes Dienstes, und des heiligen Abendmahls, die musterhafte Stille und Andacht, welche während allen gottesdienstlichen Verrichtungen statt findet, ist eine sehr erfreuliche Erscheinung, und läßt mit Recht, auf Liebe zu dem Christenthum schließen.

Freilich bleibt im besonderen immer noch vieles zu wünschen übrig. So wie überall, gibt es leider auch hier manche Menschen, und besonders in den niedern Classen, die größtentheils aus Ansiedlern, die sich hier nieder lassen, oder sich in Gaststätten aufhalten, besteht, denen das Höhere und Göttliche gleichgültig ist, welches sich dadurch an den Tag legt, daß sie an dem öffentlichen Gottesdienst keinen Antheil nehmen, und durch manche offenbare Unsittlichkeiten, als Diebereien und unzüchtige Handlungen, sich zu Schulden kommen laßen. Von letzteren haben sich ohnlängst wieder zwei traurige Beyspiele gezeigt, indem bei zwei unehelichen Geburts-Fällen auch zwei Auswärtige als Väter der Kinder angegeben worden sind.

Auch verdient noch außer diesem das wohl eine Rüge, dass unter den Beßeren selbst, der ietzt so allgemein herrschende Sinn, zu Zerstreuungen und luxoriöser Lebensweise, der gewöhnlich mit den Vermögens-Umständen in keinem Verhältniße steht, auch hier ietzt mehr noch als früher hervortritt, und manches Gute behindert, das außer dem geschehen würde. Von Secten-Wesen und Schwärmerey zeigt sich hier aber keine Spur.

Die hiesigen Schulanstalten sind in guter Ordnung. Der Haupt Schullehrer Meierdiercks, setzt seine Amts-Geschäfte als Schullehrer, Organist und Küster mit Eifer und Fleiß fort, wobei er durch einen Gehülfen unterstützt wird. Die Einrichtung des Schulwesens selbst erscheint als zweckmäßig.

Die beiden Neben Schulen zu Neu-Rönnebeck und Farge, sind gleichfals mit tüchtigen und fleißigen Lehrern besezt. Der Schulunterricht wird hier, in allen Schulen, durchs ganze Jahr fortgesezt, und auch im Ganzen, besonders von den kleinen Kindern fleißig besucht; von den Größerern aber werden im Sommer zum öfteren viele in der Schule vermißt.

Hinsichtlich der beiden hiesigen privat Unterrichts-Institute habe ich zu bemerken, dass beide noch in bekannter Art fort bestehen, und dass der von Radensche in diesem Jahre wieder von mehr Kindern als in dem vorigen, besucht wird.

Bereits vor 1828 werden im Kirchspiel Blumenthal zwei Privatschulen gegründet – eine in Rönnebeck von einer Frau namens ‚Hilken‚, die aus Bremen stammt, eine andere in Blumenthal von einem Herrn ‚von Rahden‚ und dessen Ehefrau. Beide Schulen werden in einem Beschwerdeschreiben des Lehrers Meierdierks erwähnt, da dieser durch die Etablierung dieser Schulen einen Teil seiner Schüler und damit einen Teil seines Gehalts verliert.

Quelle: Visitationen in der Inspektion Osterholz – Laufzeit -1827-1834 -Enthält die Kirchengemeinden Ritterhude, Scharmbeck, Hambergen, Osterholz, Blumenthal, Neuenkirchen, Lesum und Worpswede

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Ein sinnvolles Werkzeug und schönes ‚Spielzeug‘

Michael Nülken in Magdeburg ist Sachverständiger für alte deutsche Handschriften. Auf seiner Seite findet man u.a. einen Schrift-Generator, mit dem man auf einfache Weise Texte in alte deutsche Handschriften umwandeln und üben kann.

https://www.deutsche-handschrift.de/

Michael Nülken schreibt: Die sicherste Methode, um „alte Schriften“ lesen zu lernen, ist und bleibt: „Lesen, Lesen, Lesen …“. Das finde ich auch und füge noch hinzu: „Üben, Üben, Üben!“ Ich bin ganz begeistert von diesem Schrift-Generator, der sicherlich für viele Familienforscher sehr hilfreich sein kann!

Es funktioniert so: man gibt einen kurzen Text in ein Schriftfeld ein und wählt die gewünschte Schriftart aus …

Unter dem eingegebenen Wortlaut erscheint ein Text in der jeweils ausgewählten Schriftart, im dem dann auch andere Buchstaben dieser Schriftart angezeigt werden.

Einige Beispiele:

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Die Liebe ist starck wie der Todt …

Noch ein Kirchenbucheintrag, der ein wenig aus dem Rahmen fällt …

In der Löbenichter Kirche zu Königsberg findet am 4. Januar 1711 eine ganz besondere Hochzeit statt …

Der ehrbare und geachtete ‚Toback-Spinner‘ Christian Groß heiratet die ehr- und tugendsame Maria, Witwe des ‚auffm Sackheim‚ verstorbenen Wasserfahrers David Paulowski.

Das Besondere an dieser Eheschließung ist der extreme Altersunterschied der Brautleute!

Der Pfarrer notiert: ‚Der Bräutigam mag kaum 20 Jahr zurück geleget haben, die Braut hingegen ist gern 70 Jahr alt, decrepita, gibbosa, edentula immo depontana (altersschwach, bucklig, zahnlos und mittellos.‘

Vor der Eheschließung hat sich der Pfarrer 0ffenbar mehrfach mit den Brautleuten unterhalten und seine Bedenken kund getan – aber letztlich zeigt er doch Verständnis für die Entscheidung der beiden, denn er setzt hinzu; ‚Sind beide als meine Beicht-Kinder genug vermahnet und ihrer ungleichen Verehligung wegen erinnert worden.

Die Liebe ist starck wie der Todt!!

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Das Kinn von Elisabeth Dehls …

Ich habe mich ein wenig mit der Vererbung körperlicher Merkmale innerhalb meiner Familie beschäftigt – vor allem mit dem Kinn von Elisabeth Dehls.

In diesem Fall hat die Vererbung eindeutig geklappt! Meine Lüssumer Ur-Ur-Großmutter Elisabeth Dehls (1821-1906) hat die etwas putzige Form ihres Kinns an alle drei Töchter weitergegeben – da konnten sich die Gene des Vaters – Carsten Knübel (1814-1881) – wohl nicht durchsetzen!

Von links:

  • Mutter Elisabeth Knübel, geb. Dehls
  • Mathilde Knübel (1851-1918)
  • Margarethe Knübel (1856-1934)
  • Beta Katharina Knübel (1863-1929)

Das folgende Bild zeigt die drei Töchter von Margarethe – von links Margarethe Elisabeth und meine Großmutter Anna Lisette. Ich finde, das putzige Kinn zeigt sich auch in dieser Generation noch!

Eine Generation weiter ….

Links meine Oma Anna Lisette – in der Mitte meine Mutter – rechts Margarethe Knübel, Mutter von Anna Lisette und Oma meiner Mutter – drei aufeinander folgende Frauen-Generationen. Bei meiner Mutter kommt das Kinn von Elisabeth Dehls nun nicht mehr zur Geltung – da sind die Haesloop-Gene hinzugekommen!

Als ich selbst zur Welt kam, ging es bei der Vererbung nicht ums Kinn, sondern um die Farbe der Haare ….. Meine Mutter hoffte inständig, dass sich die Haarfarbe meines Vaters nicht durchsetzen würde!

Sicherlich war ihr vor allem wichtig, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen! Aber eine ihrer ersten Fragen soll gewesen sein: „Hat das Kind rote Haare?“ …..

Die hatte das Kind! Und dazu noch reichlich viele Sommersprossen. Das war damals ein Makel, was ich in meiner Kindheit tatsächlich ab und zu noch zu spüren bekam. In meiner Jugendzeit versuchte ich immer wieder vergebens, zumindest die Sommersprossen loszuwerden.

Dieser Ausschnitt stammt aus einer Apotheken-Werbung von 1869 – aber auch 100 Jahre später wurden ähnliche Mittel angepriesen, um Sommersprossen zu vernichten.

Übrigens: mein Sohn hat keine roten Haare und keine Sommersprossen – aber ich hätte mich darüber gefreut!

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Familie Berner und Wiegand im Kreis Pr. Eylau

Vorbemerkung

In diesem Beitrag geht es nicht um meine eigenen Forschungsergebnisse, sondern um die ostpreußischen Vorfahren von Steffi (Stephanie) Schühle.

Steffi und ich lernten uns vor etwa 15 Jahren in der Forschungstelle der Mormonen in Oldenburg kennen – oft saßen wir dort nebeneinander und halfen uns gegenseitig beim Entziffern der Einträge in den Kirchenbüchern. Das war für uns beide besonders spannend, als wir entdeckten, dass wir zeitweise in derselben Region forschten. Auch Steffis Vorfahren lebten zum Teil in Ostpreußen – und zwar nicht weit entfernt von meinen Ahnen: im Kreis Pr. Eylau.

Ihren Ostpreußen-Ordner mit sämtlichen Forschungsergebnissen hatte Steffi bei mir deponiert, weil wir planten, gemeinsam weiter zu forschen, wenn sie nicht mehr soviel arbeiten müsste und irgendwann ein wenig mehr Zeit haben würde …. Diese Zeit kam leider nie, denn 2017 verstarb Steffi ganz plötzlich.

Ich habe versucht, den Ordner an die Familie weiterzugeben – das misslang jedoch. Nun besitze ich ihn immer noch und ich möchte nicht, dass Steffis Forschung vergebens war. Es geht vor allem um Familie Berner und Wiegand im Kreis Pr. Eylau, mit deren Geschichte sich vor Steffi auch andere Familienmitglieder bereits beschäftigt hatten. Vielleicht meldet sich aufgrund dieses Beitrags jemand aus der Familie, der Interesse an Steffis Ordner hat …?

Es gibt eine Familien-Chronik, durch die wir Näheres über die Familien erfahren. Die Nachforschungen wurden vor dem 2. Weltkrieg vorgenommen – viele der heute nicht mehr existierenden Unterlagen waren damals noch vorhanden. Ich verwende die Informationen der damaligen Recherchen, Steffis Forschungsergebnisse und ich zitiere aus der Chronik. Einige Fakten konnte ich selbst noch ergänzen – einige, die wohl aus mündlicher Überlieferung stammen, auch korrigieren.

Familie Berner und Wiegand

Der Verfasser der Chronik geht davon aus, dass Familie Berner zu den Salzburger Immigranten gehört, die 1732 nach Ostpreußen einwanderten – er konnte dies jedoch trotz intensiver Nachforschung nicht belegen.

Als möglicher Vorfahre wird in der Chronik erwähnt: Georg Berner, vertriebener Protestant aus Salzburg, Gericht Radstadt-Oberfritz, Besitz Filznoß, 25 Jahre alt, der 1732 mit seiner Ehefrau Christina geb. Wenger u. dem 8-jährigen Sohn in Rapponatschen, Kirchspiel Gawaiten, angesiedelt wurde.

Im Kreis Pr. Eylau wird die Familie erstmals 1824 genannt. Der älteste nachweisbare Berner-Vorfahre ist Johann Berner, der bei der Eheschließung seines Sohnes Friedrich Gottfried mit Anna Justine Hennig, einer Tochter des Müllers Jacob Hennig.- am 31. Oktober 1824 in der Kirche von Petershagen – als Wagenmacher in Goldap erwähnt wird. Johann übernimmt dann den Dienst als herrschaftlicher Kutscher im Gut Sieslack.

Johann soll noch drei weitere Kinder gehabt haben: 1. eine Tochter, die nach Russland verschleppt und durch Offizier Schuhmacher adopiert wurde – 2. einen Sohn, der als Küfer in Königsberg lebte, dort Haus- u. Grundbesitzer war und keine Kinder hatte – 3. einen Sohn, der nach Spanien und anschließend nach Rio de Janeiro auswanderte und dort eine große Erbschaft hinterließ. Diese Angaben wurden offenbar innerhalb der Familie mündlich überliefert ….

Anna Justine Hennig wird 1805 in der Kirche von Petershagen getauft – im Jahr zuvor, am 14. Oktober 1804, heiraten ihre Eltern dort. Den Heiratseintrag entdeckte ich im Kirchenbuch der evangelischen Kirche von Heilsberg. Vater Jacob arbeitet zu dieser Zeit als Müllergesell auf dem Gut Makohlen bei Heilsberg. Der Eintrag lautet: ‚Jacob Henning, 32, Müllergesell u. ältester Sohn des Eigenkäthners zu Liebenthal bei Mehlsack Johann Henning, und Jungfer Regina Freywaldt, 26, des Kämmerers Adam Freywaldt aus dem Adeligen Guth Nerfken älteste Tochter. Bemerkung: die Copulation ist in Petershagen geschehen – der Bräutigam ist catholisch und die Braut lutherisch‘.

Von Sieslack aus ziehen Friedrich Berner und seine Ehefrau zunächst nach Kapsitten, wo drei Kinder zur Welt kommen:

  • Wilhelmine Berner am 12.5.1826
  • Amalie Berner am 19.9.1828 und
  • Julius Berner am 15.4.1834

Nach der Geburt von Julius kehrt die Familie zurück in den Kreis Pr. Eylau. Vater Friedrich Gottfried arbeitet nun als Instmann und Brenner in Borken. Hier erblickt Tochter Auguste Henriette am 5. Januar 1839 das Licht der Welt. Sie wird jedoch nur ein Jahr alt und verstirbt im Januar 1840 an Durchfall.

Reddenau – Quelle: Bildarchiv Ostpreußen

Nur wenige Monate später verstirbt der Vater in Borken an der Auszehrung. Nach seinem Tod zieht seine Witwe mit den Kindern nach Reddenau.. ‚Sicher hat sie sich mit ihren Kindern Wilhelmine, Amalie und Julius kümmerlich durchschlagen müssen. Sie kannte die Landarbeit von früher und fand Beschäftigung bei den Bauern oder auf den herrschaftlichen Gütern von Tolks‘ heißt es in der Chronik.

Familie Berner wohnt in Reddenau in unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses, direkt neben dem Pfarrgarten. Tochter Wilhelmine heiratet den Arbeiter Johann Bendikat aus Wisborienen, Kr. Pillkallen und gründet mit ihm in Königsberg eine Familie. Tochter Amalie bleibt ledig und ernährt sich als Weißnäherin in Reddenau, wo sie 1905 im Alter von 77 Jahren verstirbt.

Das Pfarrhaus in Reddenau – Quelle: Bildarchiv Ostpreußen

Julius Berner erlernt das Schuhmacherhandwerk in Schippenbeil. Er wird Meister und Mitglied der Schippenbeiler Schuhmacherinnung. Nach seiner Ausbildung kehrt er zurück nach Reddenau, ‚Schon sehr früh muss er sich in seinem Heimatdorf als selbständiger Schuhmacher niedergelassen haben. Im Jahre 1859 machte er in Begleitung seiner Schwester einen Besuch bei der ältesten Schwester in Königsberg. Dort lernte er Rahel Susanne Wiegand kennen, die bei Stockhausen, Heringsgroßverkauf, in Stellung war‘.

Am 4. November 1861 heiraten Julius Berner und Susanna Rahel Wiegand in der Kirche von Reddenau. 1864 wird in Reddenau Sohn Robert geboren – 1868 Paul Albert und 1875 Tochter Minna Johanna.

Susanna Rahel Wiegand stammt aus Rudau im Samland, wo sie am 6. Januar 1837 als Tochter des Müllers Friedrich Wiegand und seiner Ehefrau Susanna Rahel Leidigkeit zur Welt kommt. Sie hat mehrere Geschwister – auch ihr älterer Bruder Friedrich Gotthard Wiegand (* 1816) lebt später im Kreis Pr, Eylau – zunächst in Zohlen, dann in Beisleiden. Dazu später mehr ….

Schuster Berner, wie er im Dorfe hieß, war in Reddenau sehr beliebt. Sein handwerkliches Können war wohl nicht sehr bedeutend. Er war aber gesellschaftlich sehr gewandt, liebte die Erzählung und besuchte zur Unterhaltung gern das Gasthaus. Dort ließ er sich vom Postboten Graf, der die Strecke Bartenstein-Reddenau versorgte und früher selbst Schuhmacher gewesen war, oft das Neuste erzählen.

Auch Julius Berner selbst war wohl ein guter Erzähler und sehr humorvoll. ‚Mit den Gutsherren und dem Gutsverwalter Tuchowski war er manchesmal, besonders bei Fuchs- und Wolfsjagden, unterwegs. Von den Bauern wurde er gern zu Rate gezogen, bei Handels- und Marktgeschäften, bei Gewichtsabschätzen und Preisabsprachen, denn er konnte rechnen wie kein anderer‘. … Wenn er auswärts seine Einkäufe tätigte, nahm er gern seinen Schäferhund mit.

Julius wird nur 44 Jahre und drei Monate alt – er verstirbt am 19. August 1878 in Reddenau.

Ausschnitt aus seiner Stebeurkunde des Standesamts

Nach dem Tod ihres Ehemanns bleibt Susanna Rahel Wiegand mit drei Kindern zurück. Große Unterstützung erhält sie von der Familie ihres Neffen, da ihr Bruders Friedrich Gotthard Wiegand seinen Wohnsitz ebenfalls vom Samland in den Kreis Pr. Eylau verlegt hat.

Friedrich Gotthard Wiegand war zunächst Müller in Kirschnehnen im Samland, verheiratet mit der Müllerstochter Maria Dorothea Schadwinkel, die 1822 in der Mühle von Kirschappen zur Welt kam. Familie Schadwinkel ist eine der bekanntesten ostpreußischen Müllerdynastien.

In der Familienchronik ist zu lesen: Friedrich Gotthard Wiegand war auf Empfehlung nach Zohlen gekommen. Später wurde er Besitzer einer Lohnmühle in Beisleiden, wo das Stammgut der Familie Oldenburg-Januschau war.

Das Ehepaar bringt bereits drei Kinder mit in den Kreis Pr. Eylau und von 1849 bis 1867 werden in Zohlen acht weitere Wiegand-Kinder geboren:

  • Friedrich August Wiegand *1842
  • Marie Wiegand *1843
  • August Wiegand *1846
  • Anna Rahel Wiegand *1849
  • Johann Michael Wiegand *1851
  • Ernestine Wiegand *1854
  • Wilhelmine Wiegand *1856
  • Henriette Charlotte Wiegand *1859
  • Amalie Louise Wiegand *1861
  • Elise Margarethe Wiegand *1864 und
  • Hermann Gustav Wiegand *1867 +1867

Im Oktober 1872 zieht Friedrich Wiegand mit seiner Familie nach Beisleiden um – der Ortswechsel wird auch im Kreisblatt verkündet:

Friedrich Wiegand war nicht – wie in der Chronik angegeben – Besitzer der Mühle in Beisleiden. Er arbeitet dort als Müllermeister. Nur vier Jahre nach dem Umzug verstirbt er am 13. April 1876 in Beisleiden.

Die Mühle wird von nun an von dem ältesten Sohn Friedrich August bewirtschaftet, der 1878 in Beisleiden Auguste Therese Bertha Gronwald, eine Tochter des in Beisleiden ansässigen herrschaftlichen Dieners und späteren Gastwirts Wilhelm Gronwald und dessen Ehefrau Julie Rausch heiratet. 1879 und 1882 werden ihre Kinder Anna Gottliebe Wiegand und Carl August Wiegand geboren.

Nach dem Tod seines Onkels Julius Berner in Reddenau nimmt Friedrich August Wiegand seinen Vetter Robert zu sich nach Beisleiden in die Lehre. In der Chronik heißt es: ‚Robert kam schon im September 1878 … in die Mühle Beisleiden. In der Familie hat er eine gute Lehre verbracht. Im Betriebe waren drei Gehilfen und mit Robert drei Lehrjungen. Kühe, Schweine und Federvieh waren vorhanden, wie es in einer Mühle üblich ist. Der Lohn des Mahlens wurde oft durch einen Anteil an Getreide bezehlt. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren gut‘.

Das Gutshaus von Beisleiden (Bildarchiv Ostpreußen)

Robert Berner geht nach seiner Lehre in Beisleiden auf Wanderschaft, absolviert seinen Militärdienst und ergreift schließlich einen völlig anderen Beruf – er tritt in den Dienst der Reichsbahn. 1890 heiratet er in Berlin Elisabeth Amanda Borbe aus Peterswalde im Kreis. Wehlau. Spätere Wohnorte sind: Berlin – Halle – Ratibor und Jessen. Er stirbt 1944 in Sangershausen.

Der 1868 in Reddenau geborene Paul Berner wird Schuhmacher – wie zuvor Vater Julius. Auch über sein Leben erfahren wir Näheres in der Familienchronik: ‚An Ostern 1882 trat er bei Schuhmachermeister Louis Friedrich in Bartenstein in die Lehre ein. Die Lehrjungen mussten ihr Werkzeug selbst beschaffen, selbst die Borsten und Raspeln. Der armen Mutter wird es sehr schwer gefallen sein, ihren Jungen mit diesen Dingen und mit Kleidung zu versorgen. Bei der kleinen Entfernung von 12 km ist anzunehmen, dass Paul an Sonn- und Feiertagen zu Besuch im Elternhaus weilte.

Die Schuhmacherwerkstatt war ein stattlicher Betrieb mit acht Gesellen und und vier Lehrjungen, die Kost und Wohnung im Hause hatten, wie es damals üblich war. Die Unterkunft war sehr schlecht. So wohnten die Lehrlinge im Dachgeschoss, wo es bei schlechtem Wetter reinregnete. Das Waschen musste am Wasserfass im Hof oder am Kübel im Hauseingang besorgt werden. Das Essen war sehr schlecht. …. Die Lehrlinge wurden in den ersten Jahren mehr zu berufsfremden Arbeiten herangezogen, sodass am Schluss der Lehrzeit das handwerkliche Können sehr gering war.

Auch Paul Berner begibt sich nach seiner Lehre auf Wanderschaft. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle seinen gesamten Lebensweg zu schildern … Stationen seines Lebens sind ua.: Basel – Hildesheim – Münster und Straßburg im Elsass. 1950 verstirbt er in Rheinbischofsheim.

Schwester Minna Johanna Berner – genannt Hanna – arbeitet zunächst in einem Haushalt in Berlin, landet dann in Basel, heiratet den Uhrmacher Georg Holder aus Stolp in Pommern und lebt später mit der Familie in Thüringen. Sie stirbt 1930 im dortigen Mühlhausen.

Mehrere der oben genannten Wiegand-Kinder gründen Familien in Berlin.


Die in Reddeanu und Zohlen geborenen genannten Berner– bzw. Wiegand-Personen sind jeweils die letzten Personen beider Familienzweige, die im Kreis Pr. Eylau zur Welt kommen.

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Fast hätte ich sie nicht entdeckt …

Das untere Bild zeigt meine Ur-Ur-Großmutter Elisabeth Dehls. Sie wird 1821 in Bremen-Lüssum geboren und verstirbt dort im März 1906 im Alter von 85 Jahren und 24 Tagen als Witwe des mehr als 20 Jahre zuvor verstorbenen Schneiders Carsten Knübel. Das Photo war auf der Rückseite nicht beschriftet – deshalb habe ich eine lange Zeit gerätselt, wer diese alte Dame auf dem Bild wohl sein mag.

Nun entdeckte ich ihr Porträt an der Wand des alten Haesloop-Hauses in BremenBlumenthal. Auf einem Stuhl unterhalb des Bildes sitzt eigentlich meine Großmutter Anna Lisette mit Tochter Elisabeth – meiner Mutter – auf dem Schoß. Ich habe die beiden hier ‚weggeschnibbelt‘, damit das Portät besser zu sehen ist.

Ich hatte zuvor nie so genau auf die Wand geachtet – nun ist mir klar, dass sich meine Großmutter Anna Lisette ein Porträt ihrer Großmutter ins Wohnzimmers gehängt hat.

Wie schön, dass das Bild nicht hinter dem Gummibaum (?) verschwunden ist!

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Ansichten aus Kumkiejmy (Kumkeim)

Diese Galerie enthält 49 Fotos.

Renata wohnt in Kumkiejmy (Kumkeim) im ehemaligen Kreis Pr. Eylau. Nachdem sie meinen Beitrag über den Ort aus dem Jahr 2016 gelesen hatte – hier zu finden – sandte sie mir aktuelle Fotos und schreibt dazu: Die Fotos zeigen die … Weiterlesen

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Das Geheimnis der alten verlassenen Frau …

Die alte verlassene Frau, über die im Juli 1915 in einem Berliner Zeitungsartikel berichtet wird, stammt ursprünglich aus Ostpreußen – vielleicht war es das, was mich an diesem Artikel ganz besonders berührt und mich veranlasst hat, mehr über die beteiligten Personen herauszufinden …?

Eine mysteriöse Angelegenheit beschäftigt die Kriminalpolizei zu Charlottenburg“ – so beginnt ein Artikel, der am 19. Mai 1915 in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erscheint. Einige Zeit später – am 27. Juli 1915 – folgt ein weiterer Artikel, der sogar seinen Weg in die Detroiter Abendpost findet.

Die ‚mysteriöse Angelegenheit‚ hat sich mittlerweile geklärt. Sie würde genügend Stoff für einen spannenden Familienroman bieten …. Folgendes ist in der Zeitung zu lesen:

In das Dunkel, welches die Ablieferung einer siebzigjährigen aus Amerika kommenden Frau in dem Putztgeschäft eins Frl. Schenkluhns an der Ansbacher Straße in Charlottenburg umgab, ist nunmehr Licht gebracht worden. Wie damals mitgeteilt, fuhr vor dem Putzgeschäft ein Automobil vor, dem ein Mann und eine Dame entstiegen, welche eine alte gebrechliche Frau in den Laden leiteten, der sie einige Goldstücke einhändigten und dann verschwanden. Bei der Greisin, die sich Amalie Schmidt nannte, wurde ein Zettel vorgefunden, welcher die Aufschrift trug: „Bureau of Deportation. Room 245. Madison Avenue. New York 1„.

Wie nunmehr eine Untersuchung der Behörden ergeben hat, handelt es sich um die 70 Jahre alte Frau Amalie Schmidt, welche vor 35 Jahren aus Sensburg in Ostpreußen nach Amerika auswanderte und nunmehr zurück kam. Man spricht sogar davon, dass sie deportiert wurde. Dagegen spricht allerdings, dass nach den amerikanischen Gesetzen nach dreijährigem Aufenthalt im Lande die Deportation ausgeschlossen ist.

Wie dem auch sein mag, die Greisin ist wieder hier, und die Inhaberin des Putzgeschäfts, Frl. Schenkluhn, ist ihre Nichte. Die Frage ist nur, wer für die arme , alte Frau zu sorgen hat. Die Nichte weist dies entschieden zurück, und ebenso weigert sich der Armenaufseher, sich der Frau anzunehmen. Der Armenpfleger macht geltend, die Frau sei verschollen gewesen, und sei während ihrer Abwesenheit amtlich für tot erklärt worden.

Die Versorgung dieser Frau, deren Rückkehr nach Deutschland einen Präzedenzfall schaffen dürfte, ist ein Rätsel, dessen Lösung der Zukunft anheimgestellt werden muss.

Informationen zur Familie

Amalie Schmidt wird um 1845 in Sensburg als Tochter des Bäckermeisters Martin Schmidt geboren. Am 28. Mai 1884 reist sie von Hamburg aus mit dem Dampfschiff Rhaden unter Kapitän Vogelsang nach New York.

Ausschnitt aus der Passagierliste

Amalies Schwester Ida Emilie Schmidt heiratet 1863 in Angerburg im Alter von nur 16 Jahren den Landgerichtskanzlisten Eduard Gottlieb Schenkluhn, der 1838 als Sohn des Böttchermeisters Carl Joseph Schenkluhn und dessen Ehefrau Anna Maria Giglen in Angerburg zur Welt kam. Diese beiden schlossen ihre Ehe am 17.11.1828 in Angerburg.

Eduard Gottlieb Schenkluhn und seine Ehefrau leben zunächst in Ortelsburg, wo mehrere Kinder zur Welt kommen, u.a. auch Tochter Marie, die am 26.04. 1872 in Ortelsburg geboren wurde. Dann verlegt die Familie ihren Wohnsitz nach Berlin. Hier wird am 21.1.1895 Else Margaretha Schenkluhn geboren. Die im obigen Zeitungsartikel erwähnte Nichte Amalie Schmidts ist Marie Schenkluhn – als ‚Posamentwarenhändlerin‚ in der Ansbacher Straße Nr. 28 in Berlin-Charlottenburg wird sie über mehrere Jahre im Berliner Adressbuch aufgeführt.

Posamente (aus dem französischen passement, Borte, Besatz, Posamenten; ein Hauptwort zu passer, passieren, was im Sinne dieses Artikels so viel wie „sich entlangziehen“ bedeutet) ist eine Sammelbezeichnung für schmückende Geflechte, wie Zierbänder, gewebte Borten, Fransenborten, Kordeln, Litzen, Quasten, Volants, Spitzen aller Art, überzogene Knöpfe und Ähnliches. Sie können ohne weitere Funktion zum Ausschmücken von Kleidung, Polstermöbeln, Lampenschirmen, Vorhängen und anderen Heimtextilien appliziert werden. (Wikipedia)

Berliner Adressbuch 1922

Im Haus Ansbacher Straße Nr. 28 befindet sich nicht nur das Geschäft – auch Familie Schenkluhn wohnt dort. Als Amalie Schmidt in Berlin auftaucht, ist ihr Schwager Eduard Gottlieb Schenkluhn bereits verstorben – er starb am 23. September 1917. Aber Amalies Schwester lebt noch! Ida Emilie Schenkluhn, geb. Schmidt verstirbt am 3. April 1922 in ihrer Wohnung. Ihr Tod wird dem Standesamt Charlottenburg von der Tochter angezeigt.

Ausschnitt aus der Sterbeeurkunde von Ida Emilie Schenkluhn, geb. Schmidt

Die Posamentwarenhändlerin Marie Schenkluhn verstirbt am 19.04. 1945 in Berlin-Schöneberg – ihre Schwester Elsa Margarete Schenkluhn lebt noch bis 1975. Am 9. Juli verstirbt sie in Berlin-Zehlendorf. Was aus Amalie Schmidt wurde, konnte ich nicht herausfinden. Ob sie in ihre ostpreußische Heimat zurückkehrte … ?

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