Ich habe mich ein wenig mit der Vererbung körperlicher Merkmale innerhalb meiner Familie beschäftigt – vor allem mit dem Kinn von Elisabeth Dehls.
In diesem Fall hat die Vererbung eindeutig geklappt! Meine Lüssumer Ur-Ur-Großmutter Elisabeth Dehls (1821-1906) hat die etwas putzige Form ihres Kinns an alle drei Töchter weitergegeben – da konnten sich die Gene des Vaters – Carsten Knübel (1814-1881) – wohl nicht durchsetzen!
Von links:
Mutter Elisabeth Knübel, geb. Dehls
Mathilde Knübel (1851-1918)
Margarethe Knübel (1856-1934)
Beta Katharina Knübel (1863-1929)
Das folgende Bild zeigt die drei Töchter von Margarethe – von links Margarethe – Elisabeth und meine Großmutter Anna Lisette. Ich finde, das putzige Kinn zeigt sich auch in dieser Generation noch!
Eine Generation weiter ….
Links meine Oma Anna Lisette – in der Mitte meine Mutter – rechts Margarethe Knübel, Mutter von Anna Lisette und Oma meiner Mutter – drei aufeinander folgende Frauen-Generationen. Bei meiner Mutter kommt das Kinn von Elisabeth Dehls nun nicht mehr zur Geltung – da sind die Haesloop-Gene hinzugekommen!
Als ich selbst zur Welt kam, ging es bei der Vererbung nicht ums Kinn, sondern um die Farbe der Haare ….. Meine Mutter hoffte inständig, dass sich die Haarfarbe meines Vaters nicht durchsetzen würde!
Sicherlich war ihr vor allem wichtig, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen! Aber eine ihrer ersten Fragen soll gewesen sein: „Hat das Kindrote Haare?“ …..
Die hatte das Kind! Und dazu noch reichlich viele Sommersprossen. Das war damals ein Makel, was ich in meiner Kindheit tatsächlich ab und zu noch zu spüren bekam. In meiner Jugendzeit versuchte ich immer wieder vergebens, zumindest die Sommersprossen loszuwerden.
Dieser Ausschnitt stammt aus einer Apotheken-Werbung von 1869 – aber auch 100 Jahre später wurden ähnliche Mittel angepriesen, um Sommersprossen zu vernichten.
Übrigens: mein Sohn hat keine roten Haare und keine Sommersprossen – aber ich hätte mich darüber gefreut!
In diesem Beitrag geht es nicht um meine eigenen Forschungsergebnisse, sondern um die ostpreußischen Vorfahren von Steffi (Stephanie) Schühle.
Steffi und ich lernten uns vor etwa 15 Jahren in der Forschungstelle der Mormonen in Oldenburg kennen – oft saßen wir dort nebeneinander und halfen uns gegenseitig beim Entziffern der Einträge in den Kirchenbüchern. Das war für uns beide besonders spannend, als wir entdeckten, dass wir zeitweise in derselben Region forschten. Auch Steffis Vorfahren lebten zum Teil in Ostpreußen – und zwar nicht weit entfernt von meinen Ahnen: im Kreis Pr. Eylau.
Ihren Ostpreußen-Ordner mit sämtlichen Forschungsergebnissen hatte Steffi bei mir deponiert, weil wir planten, gemeinsam weiter zu forschen, wenn sie nicht mehr soviel arbeiten müsste und irgendwann ein wenig mehr Zeit haben würde …. Diese Zeit kam leider nie, denn 2017 verstarb Steffi ganz plötzlich.
Ich habe versucht, den Ordner an die Familie weiterzugeben – das misslang jedoch. Nun besitze ich ihn immer noch und ich möchte nicht, dass Steffis Forschung vergebens war. Es geht vor allem um Familie Berner und Wiegand im Kreis Pr. Eylau, mit deren Geschichte sich vor Steffi auch andere Familienmitglieder bereits beschäftigt hatten. Vielleicht meldet sich aufgrund dieses Beitrags jemand aus der Familie, der Interesse an Steffis Ordner hat …?
Es gibt eine Familien-Chronik, durch die wir Näheres über die Familien erfahren. Die Nachforschungen wurden vor dem 2. Weltkrieg vorgenommen – viele der heute nicht mehr existierenden Unterlagen waren damals noch vorhanden. Ich verwende die Informationen der damaligen Recherchen, Steffis Forschungsergebnisse und ich zitiere aus der Chronik. Einige Fakten konnte ich selbst noch ergänzen – einige, die wohl aus mündlicher Überlieferung stammen, auch korrigieren.
Familie Berner und Wiegand
Der Verfasser der Chronik geht davon aus, dass Familie Berner zu den Salzburger Immigranten gehört, die 1732 nach Ostpreußen einwanderten – er konnte dies jedoch trotz intensiver Nachforschung nicht belegen.
Als möglicher Vorfahre wird in der Chronik erwähnt: Georg Berner, vertriebener Protestant aus Salzburg, Gericht Radstadt-Oberfritz, Besitz Filznoß, 25 Jahre alt, der 1732 mit seiner Ehefrau Christina geb. Wenger u. dem 8-jährigen Sohn in Rapponatschen, Kirchspiel Gawaiten, angesiedelt wurde.
Im Kreis Pr. Eylau wird die Familie erstmals 1824 genannt. Der älteste nachweisbare Berner-Vorfahre ist Johann Berner, der bei der Eheschließung seines Sohnes Friedrich Gottfried mit Anna Justine Hennig, einer Tochter des Müllers Jacob Hennig.- am 31. Oktober 1824 in der Kirche von Petershagen – als Wagenmacher in Goldap erwähnt wird. Johann übernimmt dann den Dienst als herrschaftlicher Kutscher im Gut Sieslack.
Johann soll noch drei weitere Kinder gehabt haben: 1. eine Tochter, die nach Russland verschleppt und durch Offizier Schuhmacher adopiert wurde – 2. einen Sohn, der als Küfer in Königsberg lebte, dort Haus- u. Grundbesitzer war und keine Kinder hatte – 3. einen Sohn, der nach Spanien und anschließend nach Rio de Janeiro auswanderte und dort eine große Erbschaft hinterließ. Diese Angaben wurden offenbar innerhalb der Familie mündlich überliefert ….
Anna Justine Hennig wird 1805 in der Kirche von Petershagen getauft – im Jahr zuvor, am 14. Oktober 1804, heiraten ihre Eltern dort. Den Heiratseintrag entdeckte ich im Kirchenbuch der evangelischen Kirche von Heilsberg. Vater Jacob arbeitet zu dieser Zeit als Müllergesell auf dem Gut Makohlen bei Heilsberg. Der Eintrag lautet: ‚Jacob Henning, 32, Müllergesell u. ältester Sohn des Eigenkäthners zu Liebenthal bei Mehlsack Johann Henning, und Jungfer Regina Freywaldt, 26, des Kämmerers Adam Freywaldt aus dem Adeligen Guth Nerfken älteste Tochter. Bemerkung: die Copulation ist in Petershagen geschehen – der Bräutigam ist catholisch und die Braut lutherisch‘.
Von Sieslack aus ziehen Friedrich Berner und seine Ehefrau zunächst nach Kapsitten, wo drei Kinder zur Welt kommen:
Wilhelmine Berner am 12.5.1826
Amalie Berner am 19.9.1828 und
Julius Berner am 15.4.1834
Nach der Geburt von Julius kehrt die Familie zurück in den Kreis Pr. Eylau. Vater Friedrich Gottfried arbeitet nun als Instmann und Brenner in Borken. Hier erblickt Tochter Auguste Henriette am 5. Januar 1839 das Licht der Welt. Sie wird jedoch nur ein Jahr alt und verstirbt im Januar 1840 an Durchfall.
Reddenau – Quelle: Bildarchiv Ostpreußen
Nur wenige Monate später verstirbt der Vater in Borken an der Auszehrung. Nach seinem Tod zieht seine Witwe mit den Kindern nach Reddenau.. ‚Sicher hat sie sich mit ihren Kindern Wilhelmine, Amalie und Julius kümmerlich durchschlagen müssen. Sie kannte die Landarbeit von früher und fand Beschäftigung bei den Bauern oder auf den herrschaftlichen Gütern von Tolks‘ heißt es in der Chronik.
Familie Berner wohnt in Reddenau in unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses, direkt neben dem Pfarrgarten. Tochter Wilhelmine heiratet den Arbeiter Johann Bendikat aus Wisborienen, Kr. Pillkallen und gründet mit ihm in Königsberg eine Familie. Tochter Amalie bleibt ledig und ernährt sich als Weißnäherin in Reddenau, wo sie 1905 im Alter von 77 Jahren verstirbt.
Das Pfarrhaus in Reddenau – Quelle: Bildarchiv Ostpreußen
Julius Berner erlernt das Schuhmacherhandwerk in Schippenbeil. Er wird Meister und Mitglied der Schippenbeiler Schuhmacherinnung. Nach seiner Ausbildung kehrt er zurück nach Reddenau, ‚Schon sehr früh muss er sich in seinem Heimatdorf als selbständiger Schuhmacher niedergelassen haben. Im Jahre 1859 machte er in Begleitung seiner Schwester einen Besuch bei der ältesten Schwester in Königsberg. Dort lernte er Rahel Susanne Wiegand kennen, die bei Stockhausen, Heringsgroßverkauf, in Stellung war‘.
Am 4. November 1861 heiraten Julius Berner und Susanna Rahel Wiegand in der Kirche von Reddenau. 1864 wird in Reddenau Sohn Robert geboren – 1868 Paul Albert und 1875 Tochter Minna Johanna.
Susanna Rahel Wiegand stammt aus Rudau im Samland, wo sie am 6. Januar 1837 als Tochter des Müllers Friedrich Wiegand und seiner Ehefrau Susanna Rahel Leidigkeit zur Welt kommt. Sie hat mehrere Geschwister – auch ihr älterer Bruder Friedrich Gotthard Wiegand (* 1816) lebt später im Kreis Pr, Eylau – zunächst in Zohlen, dann in Beisleiden. Dazu später mehr ….
‚Schuster Berner, wie er im Dorfe hieß, war in Reddenau sehr beliebt. Sein handwerkliches Können war wohl nicht sehr bedeutend. Er war aber gesellschaftlich sehr gewandt, liebte die Erzählung und besuchte zur Unterhaltung gern das Gasthaus. Dort ließ er sich vom Postboten Graf, der die Strecke Bartenstein-Reddenau versorgte und früher selbst Schuhmacher gewesen war, oft das Neuste erzählen.
Auch Julius Berner selbst war wohl ein guter Erzähler und sehr humorvoll. ‚Mit den Gutsherren und dem Gutsverwalter Tuchowski war er manchesmal, besonders bei Fuchs- und Wolfsjagden, unterwegs. Von den Bauern wurde er gern zu Rate gezogen, bei Handels- und Marktgeschäften, bei Gewichtsabschätzen und Preisabsprachen, denn er konnte rechnen wie kein anderer‘. … Wenn er auswärts seine Einkäufe tätigte, nahm er gern seinen Schäferhund mit.
Julius wird nur 44 Jahre und drei Monate alt – er verstirbt am 19. August 1878 in Reddenau.
Ausschnitt aus seiner Stebeurkunde des Standesamts
Nach dem Tod ihres Ehemanns bleibt Susanna Rahel Wiegand mit drei Kindern zurück. Große Unterstützung erhält sie von der Familie ihres Neffen, da ihr Bruders Friedrich Gotthard Wiegand seinen Wohnsitz ebenfalls vom Samland in den Kreis Pr. Eylau verlegt hat.
Friedrich Gotthard Wiegand war zunächst Müller in Kirschnehnen im Samland, verheiratet mit der Müllerstochter Maria Dorothea Schadwinkel, die 1822 in der Mühle von Kirschappen zur Welt kam. Familie Schadwinkel ist eine der bekanntesten ostpreußischen Müllerdynastien.
In der Familienchronik ist zu lesen: ‚Friedrich Gotthard Wiegand war auf Empfehlung nach Zohlen gekommen. Später wurde er Besitzer einer Lohnmühle in Beisleiden, wo das Stammgut der Familie Oldenburg-Januschau war.
Das Ehepaar bringt bereits drei Kinder mit in den Kreis Pr. Eylau und von 1849 bis 1867 werden in Zohlen acht weitere Wiegand-Kinder geboren:
Friedrich August Wiegand *1842
Marie Wiegand *1843
August Wiegand *1846
Anna Rahel Wiegand *1849
Johann Michael Wiegand *1851
Ernestine Wiegand *1854
Wilhelmine Wiegand *1856
Henriette Charlotte Wiegand *1859
Amalie Louise Wiegand *1861
Elise Margarethe Wiegand *1864 und
Hermann Gustav Wiegand *1867 +1867
Im Oktober 1872 zieht Friedrich Wiegand mit seiner Familie nach Beisleiden um – der Ortswechsel wird auch im Kreisblatt verkündet:
Friedrich Wiegand war nicht – wie in der Chronik angegeben – Besitzer der Mühle in Beisleiden. Er arbeitet dort als Müllermeister. Nur vier Jahre nach dem Umzug verstirbt er am 13. April 1876 in Beisleiden.
Die Mühle wird von nun an von dem ältesten Sohn Friedrich August bewirtschaftet, der 1878 in Beisleiden Auguste Therese Bertha Gronwald, eine Tochter des in Beisleiden ansässigen herrschaftlichen Dieners und späteren Gastwirts Wilhelm Gronwald und dessen Ehefrau Julie Rausch heiratet. 1879 und 1882 werden ihre Kinder Anna Gottliebe Wiegand und Carl August Wiegand geboren.
Nach dem Tod seines Onkels Julius Berner in Reddenau nimmt Friedrich August Wiegand seinen Vetter Robert zu sich nach Beisleiden in die Lehre. In der Chronik heißt es: ‚Robert kam schon im September 1878 … in die Mühle Beisleiden. In der Familie hat er eine gute Lehre verbracht. Im Betriebe waren drei Gehilfen und mit Robert drei Lehrjungen. Kühe, Schweine und Federvieh waren vorhanden, wie es in einer Mühle üblich ist. Der Lohn des Mahlens wurde oft durch einen Anteil an Getreide bezehlt. Die wirtschaftlichen Verhältnisse waren gut‘.
Das Gutshaus von Beisleiden (Bildarchiv Ostpreußen)
Robert Berner geht nach seiner Lehre in Beisleiden auf Wanderschaft, absolviert seinen Militärdienst und ergreift schließlich einen völlig anderen Beruf – er tritt in den Dienst der Reichsbahn. 1890 heiratet er in Berlin Elisabeth Amanda Borbe aus Peterswalde im Kreis. Wehlau. Spätere Wohnorte sind: Berlin – Halle – Ratibor und Jessen. Er stirbt 1944 in Sangershausen.
Der 1868 in Reddenau geborene Paul Berner wird Schuhmacher – wie zuvor Vater Julius. Auch über sein Leben erfahren wir Näheres in der Familienchronik: ‚An Ostern 1882 trat er bei Schuhmachermeister Louis Friedrich in Bartenstein in die Lehre ein. Die Lehrjungen mussten ihr Werkzeug selbst beschaffen, selbst die Borsten und Raspeln. Der armen Mutter wird es sehr schwer gefallen sein, ihren Jungen mit diesen Dingen und mit Kleidung zu versorgen. Bei der kleinen Entfernung von 12 km ist anzunehmen, dass Paul an Sonn- und Feiertagen zu Besuch im Elternhaus weilte.
Die Schuhmacherwerkstatt war ein stattlicher Betrieb mit acht Gesellen und und vier Lehrjungen, die Kost und Wohnung im Hause hatten, wie es damals üblich war. Die Unterkunft war sehr schlecht. So wohnten die Lehrlinge im Dachgeschoss, wo es bei schlechtem Wetter reinregnete. Das Waschen musste am Wasserfass im Hof oder am Kübel im Hauseingang besorgt werden. Das Essen war sehr schlecht. …. Die Lehrlinge wurden in den ersten Jahren mehr zu berufsfremden Arbeiten herangezogen, sodass am Schluss der Lehrzeit das handwerkliche Können sehr gering war.‚
Auch Paul Berner begibt sich nach seiner Lehre auf Wanderschaft. Es würde zu weit führen, an dieser Stelle seinen gesamten Lebensweg zu schildern … Stationen seines Lebens sind ua.: Basel – Hildesheim – Münster und Straßburg im Elsass. 1950 verstirbt er in Rheinbischofsheim.
Schwester Minna Johanna Berner – genannt Hanna – arbeitet zunächst in einem Haushalt in Berlin, landet dann in Basel, heiratet den Uhrmacher Georg Holder aus Stolp in Pommern und lebt später mit der Familie in Thüringen. Sie stirbt 1930 im dortigen Mühlhausen.
Mehrere der oben genannten Wiegand-Kinder gründen Familien in Berlin.
Die in Reddeanu und Zohlen geborenen genannten Berner– bzw. Wiegand-Personen sind jeweils die letzten Personen beider Familienzweige, die im Kreis Pr. Eylau zur Welt kommen.
Das untere Bild zeigt meine Ur-Ur-GroßmutterElisabeth Dehls. Sie wird 1821 in Bremen-Lüssum geboren und verstirbt dort im März 1906 im Alter von 85 Jahren und 24 Tagen als Witwe des mehr als 20 Jahre zuvor verstorbenen Schneiders Carsten Knübel. Das Photo war auf der Rückseite nicht beschriftet – deshalb habe ich eine lange Zeit gerätselt, wer diese alte Dame auf dem Bild wohl sein mag.
Nun entdeckte ich ihr Porträt an der Wand des alten Haesloop-Hauses in Bremen–Blumenthal. Auf einem Stuhl unterhalb des Bildes sitzt eigentlich meine Großmutter Anna Lisette mit Tochter Elisabeth – meiner Mutter – auf dem Schoß. Ich habe die beiden hier ‚weggeschnibbelt‘, damit das Portät besser zu sehen ist.
Ich hatte zuvor nie so genau auf die Wand geachtet – nun ist mir klar, dass sich meine Großmutter Anna Lisette ein Porträt ihrer Großmutter ins Wohnzimmers gehängt hat.
Wie schön, dass das Bild nicht hinter dem Gummibaum (?) verschwunden ist!
Renata wohnt in Kumkiejmy (Kumkeim) im ehemaligen Kreis Pr. Eylau. Nachdem sie meinen Beitrag über den Ort aus dem Jahr 2016 gelesen hatte – hier zu finden – sandte sie mir aktuelle Fotos und schreibt dazu: Die Fotos zeigen die … Weiterlesen →
Die alte verlassene Frau, über die im Juli 1915 in einem Berliner Zeitungsartikel berichtet wird, stammt ursprünglich aus Ostpreußen – vielleicht war es das, was mich an diesem Artikel ganz besonders berührt und mich veranlasst hat, mehr über die beteiligten Personen herauszufinden …?
„Eine mysteriöse Angelegenheit beschäftigt die Kriminalpolizei zu Charlottenburg“ – so beginnt ein Artikel, der am 19. Mai 1915 in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erscheint. Einige Zeit später – am 27. Juli 1915 – folgt ein weiterer Artikel, der sogar seinen Weg in die Detroiter Abendpost findet.
Die ‚mysteriöse Angelegenheit‚ hat sich mittlerweile geklärt. Sie würde genügend Stoff für einen spannenden Familienroman bieten …. Folgendes ist in der Zeitung zu lesen:
In das Dunkel, welches die Ablieferung einer siebzigjährigen aus Amerika kommenden Frau in dem Putztgeschäft eins Frl. Schenkluhns an der Ansbacher Straße in Charlottenburg umgab, ist nunmehr Licht gebracht worden. Wie damals mitgeteilt, fuhr vor dem Putzgeschäft ein Automobil vor, dem ein Mann und eine Dame entstiegen, welche eine alte gebrechliche Frau in den Laden leiteten, der sie einige Goldstücke einhändigten und dann verschwanden. Bei der Greisin, die sich Amalie Schmidt nannte, wurde ein Zettel vorgefunden, welcher die Aufschrift trug: „Bureau of Deportation. Room 245. Madison Avenue. New York 1„.
Wie nunmehr eine Untersuchung der Behörden ergeben hat, handelt es sich um die 70 Jahre alte Frau Amalie Schmidt, welche vor 35 Jahren aus Sensburg in Ostpreußen nach Amerika auswanderte und nunmehr zurück kam. Man spricht sogar davon, dass sie deportiert wurde. Dagegen spricht allerdings, dass nach den amerikanischen Gesetzen nach dreijährigem Aufenthalt im Lande die Deportation ausgeschlossen ist.
Wie dem auch sein mag, die Greisin ist wieder hier, und die Inhaberin des Putzgeschäfts, Frl. Schenkluhn, ist ihre Nichte. Die Frage ist nur, wer für die arme , alte Frau zu sorgen hat. Die Nichte weist dies entschieden zurück, und ebenso weigert sich der Armenaufseher, sich der Frau anzunehmen. Der Armenpfleger macht geltend, die Frau sei verschollen gewesen, und sei während ihrer Abwesenheit amtlich für tot erklärt worden.
Die Versorgung dieser Frau, deren Rückkehr nach Deutschland einen Präzedenzfall schaffen dürfte, ist ein Rätsel, dessen Lösung der Zukunft anheimgestellt werden muss.
Informationen zur Familie
Amalie Schmidt wird um 1845 in Sensburg als Tochter des Bäckermeisters Martin Schmidt geboren. Am 28. Mai 1884 reist sie von Hamburg aus mit dem Dampfschiff Rhaden unter Kapitän Vogelsang nach New York.
Ausschnitt aus der Passagierliste
Amalies Schwester Ida Emilie Schmidt heiratet 1863 in Angerburg im Alter von nur 16 Jahren den Landgerichtskanzlisten Eduard Gottlieb Schenkluhn, der 1838 als Sohn des Böttchermeisters Carl Joseph Schenkluhn und dessen Ehefrau Anna Maria Giglen in Angerburg zur Welt kam. Diese beiden schlossen ihre Ehe am 17.11.1828 in Angerburg.
Eduard Gottlieb Schenkluhn und seine Ehefrau leben zunächst in Ortelsburg, wo mehrere Kinder zur Welt kommen, u.a. auch Tochter Marie, die am 26.04. 1872 in Ortelsburg geboren wurde. Dann verlegt die Familie ihren Wohnsitz nach Berlin. Hier wird am 21.1.1895 Else Margaretha Schenkluhn geboren. Die im obigen Zeitungsartikel erwähnte Nichte Amalie Schmidts ist Marie Schenkluhn – als ‚Posamentwarenhändlerin‚ in der Ansbacher Straße Nr. 28 in Berlin-Charlottenburg wird sie über mehrere Jahre im Berliner Adressbuch aufgeführt.
Posamente (aus dem französischen passement, Borte, Besatz, Posamenten; ein Hauptwort zu passer, passieren, was im Sinne dieses Artikels so viel wie „sich entlangziehen“ bedeutet) ist eine Sammelbezeichnung für schmückende Geflechte, wie Zierbänder, gewebte Borten, Fransenborten, Kordeln, Litzen, Quasten, Volants, Spitzen aller Art, überzogene Knöpfe und Ähnliches. Sie können ohne weitere Funktion zum Ausschmücken von Kleidung, Polstermöbeln, Lampenschirmen, Vorhängen und anderen Heimtextilien appliziert werden. (Wikipedia)
Berliner Adressbuch 1922
Im Haus Ansbacher Straße Nr. 28 befindet sich nicht nur das Geschäft – auch Familie Schenkluhn wohnt dort. Als Amalie Schmidt in Berlin auftaucht, ist ihr Schwager Eduard Gottlieb Schenkluhn bereits verstorben – er starb am 23. September 1917. Aber Amalies Schwester lebt noch! Ida Emilie Schenkluhn, geb. Schmidt verstirbt am 3. April 1922 in ihrer Wohnung. Ihr Tod wird dem Standesamt Charlottenburg von der Tochter angezeigt.
Ausschnitt aus der Sterbeeurkunde von Ida Emilie Schenkluhn, geb. Schmidt
Die Posamentwarenhändlerin Marie Schenkluhn verstirbt am 19.04. 1945 in Berlin-Schöneberg – ihre Schwester Elsa Margarete Schenkluhn lebt noch bis 1975. Am 9. Juli verstirbt sie in Berlin-Zehlendorf. Was aus Amalie Schmidt wurde, konnte ich nicht herausfinden. Ob sie in ihre ostpreußische Heimat zurückkehrte … ?
Ich bleibe noch ein wenig in Osterstade, wo im 17. bis 19. Jahrhundert viele meiner Vorfahren lebten. Sie waren Baumänner, Köthner oder Handwerker. Mit ihnen wohnen dort die Familien der Osterstader Junker, zu denen u.a. die Familien Kobbe – de Reese – Viegen oder von Campen gehören, die sich in ihrer Lebensweise jedoch wenig von den übrigen freien Bauern unterscheiden.
Ausschnitt aus einer Situationskarte von Osterstade Handzeichnung, kopiert durch C.G.Gasschütz (1750-1780)
Die Osterstader Junker heiraten im Verlaufe der Zeit in die Familien der dortigen Hausleute und betreiben wie diese Ackerbau und Viehzucht auf ihren Ländereien.
‚In Ihren Häusern mit Stroh gedeckt, größtentheils alt und sehr verfallen, durch Nichts von Wohnungen der Hausleute verschieden, herrscht die größte Einfachheit. … Eine Ausnahme davon macht allein der Ort Sandstedt, wo mehrere neue, vortheilhaft in die Augen fallende Gebäude, zum Theil mit Ziegeln gedeckt, gefunden werden. …
Der Junker lebt hier durch Nichts in seiner Lebensweise und Bildung von den anderen freien Grundbesitzern unterschieden.‘ (Quelle: Dr. P. L-C. von Kobbe, Nachrichten von Osterstade, und inbesondere von den dortigen Junkernhöfen, in: Vaterländisches Archiv; Hannover 1821)
Dennoch genießen die Junker-Familien noch lange gewisse Vorrechte.
‚Sie sind frei von allen Bauerdiensten und Lasten, vom Liefern der Vogelköpfe, von Verknüppelung der Hunde, von Deichwachten, von Gerichtsfolge, .. vom Erscheinen zur Mannzahl .. . Ihre Gründe zahlen keine Contribution, sondern zur Roßdienstrolle. Sie sind schuldig, bei einem feindlichen Angriff zur Vertheidigung des Landes aufzusitzen‘ ((Quelle: Dr. P. L-C. von Kobbe, Nachrichten von Osterstade, und inbesondere von den dortigen Junkernhöfen, in: Vaterländisches Archiv; Hannover 1821)
Über das Sammeln und Liefern von Vogelköpfen habe ich bereits vor mehreren Jahren geschrieben – damals allerdings über das Sammeln von Sperlingsköpfen im Amt Pr. Eylau in Ostpreußen. Die Hintergründe dieser Verordnung sind jedoch identisch.
‚Verknüppelung der Hunde‚ bedeutet: Hunde, die bei der Jagd zur ‚Aufscheuchung des Wilds‘ eingesezt werden, haben einen Knüppel von bestimmter Länge zu tragen – es sei denn, sie sind am Hinterfuß gelähmt.
Ein weiteres Privileg besteht darin, dass diese Familien bei der Besichtigung und Überprüfung ihres Feuergeräts nicht – wie alle anderen – verpflichtet sind, ihr Gerät auf die Gasse bringen. Stattdessen muss der von der jeweiligen Regierung gesandte Prüfer zu ihnen ins Haus kommen, um das Gerät zu kontrollieren.
So erklärt es sich auch, dass es Thomas Stolley – der damalige Landfiskal – es nicht leicht hat, als er im Sommer 1735 von Himmelpforten aus nach Osterstade geschickt wird, um dort das Vorhandensein und den Zustand der ‚Feuer-Gerätschafft‘ zu überprüfen
Anschließend erstattet Thomas Stolley Bericht über die Reaktionen der einzelnen Personen in jedem Dorf und benennt die Entschuldigungen, die sie für die Verweigerung des Vorzeigens ihrer Feuer-Gerätschaft vorbringen.
Das, was er schreibt, ist eigentlich gar nicht witzig – aber manchmal muss ich trotzdem laut lachen. Ich liebe diese Sprache!
STA.Stade Rep. 40 Nr. 1078 Specification derer Juncker; auch übrigen Nahmen so darunter zu sortiren. Vernommen aus den Osterstadischen, die ihr Feuer Gerähtschafft bey deßen Besichtigung den 11ten ex 12ten ao 1736 auf den gewöhnlichen Brinck, jedes Dorff nicht vor Zeigen wollen, und was sie, ein jeder besonders, für Entschuldigung Sagen laßen, als:
Uthlede
Herr Obrist Lieutnant von Schwanewede hat durch den Landgeschwornen Gerd Mahlstede sagen laßen, daß ich(,) der Land Fiscal(,) mögte so wohl thun und ihn zu sprechen, das Feuer Geräht brächte er nicht, weil er ein gebohrner Edelmann währe.
Bruch
Mons(ieur) Johann Peter Leitsberg (= Leutschberger, Amtmann in Himmelpforten) von erschien bey der Kirchen und stellete vor (=für) seine Fr(au) Mama und im Nahmen seines Schwagers Hermann Würdenmann vor, dass sie nicht schuldig wehren, dass Feuer Geräht ad locum commune zu liefern, sondern wolten im Hause die Besichtigung gewärtigen, wie es einmahlen von solchen Adelichen Gütern geschehen wehre.
Bardewisch seine Frau, auf Teich-Grefen Lüder Viegen Hoff, läßt durch Johann Hinrich Müller seine Frau Catrine mir(,) den Land Fiscal(,) grüßen und sagen, wann ich das Feuer Geräht in ihrem Hause besehn wolte, wehre es in meinen Diensten, oder wann es Hinrich Bährje hohlen wolte, währe es gut, so aber dieser nicht thun wolte. (= Abraham Bardewisch, vor 1735 Kaufmann zu Bremen – Pächter des Guts von Lüder Viegen – Hinrich ‚Bährje‘ – eigentlich ‚Behrje‘ ist mein Vorfahre. Ich finde es toll, dass er sich geweigert hat!!!))
Harm Knübbel, wenn es die andern Zeigten, so wolle er es auch Zeigen. Viegen und sein Hof währe ein Hoff gewesen, da hätte er sich auf beheyrathet, was andre ausstünden, das müsste er auch ausstehen (Damit wird der Erbgesessene Hermann Knübel gemeint sein, der mit Engel Maria Catherina Fiegen verheiratet ist).
Aschwarden
Claus Albert de Reßen Erben oder Wittwe läßt durch des unter Vogts seine Frau Alheit sagen, wann(,) ich der Landfiscal(,) wolte vor ihr Haus treten, wolten sie das Feuer Geräht heraus setzen, weil sie kein Mensch im Hause hätte.
Gerd de ReeseWittwe hat durch selbige sagen laßen, wenn ich(,) der Landfiscal(,) wolte vor Ihr Haus treten, wehre das Feuer Geräht zusammen da, sie hätte kein Mensch im Hause.
Hilmer Campen seine Frau hat sich beklaget, daß sie keinen Menschen im Hause hätte, weil ihnen der Haber miteinander Versauffen wolte und daher das Waßer ausgießen musten.
Harm Witzel ist Niemand zu Hause, sondern das Haus Verschloßen gewesen.
Wilcken von Campen hat zu die Alheit (gesagt) als die Ihr vorgesaget, das Feuer Geräth zu bringen, dass sie mir(,) den Landfiscal(,) grüßen und ich ihn zu Sprechen mögte, weil er mir was wolte, wie ich darauf Ihm zur Antwohrt sagen laßen wollen, daß ich keine Zeit hätte(,) Ihn zu besuchen, er mögte seine Feuer Gerähtschafft nur senden, ist er Zwar nicht zu Hause gewesen, mir darauf aufgewartet und als ich weg Reitten wollen, gesaget: Sie hätten das Feuer Geräth niemahlen auf den Brincke gebracht deswegen auch bey Königl. Regierung, da es von Ihnen gefordert wurde, suppliciret, aber noch keine resolution erhalten, dass wenigstens die 7 so nach den Land Tag gehen, davon befreyet werden mögten.
Wurtfleith (Wurtfleth)
Hinrich Lachmann wehre nicht zu Hauße gewesen, und deßen Frau zu dem unter Vogt gesaget, sie wolte das feuer Geräth nicht bringen, es mögte davon kommen was es wolle, weil sie es niemahlen gethan.
Johann Knübbel ist auch nicht zu Hause gewesen und deßen Frau gesaget, die andern hätten es ja auch nicht gebracht, so wolten sie es auch nicht thun, sie hätten nicht wieder auf dem Brinck gebauet, wie die andern, Ihres wehre ein Adlich freyer Hoff.
Der Einnehmer Geisler läßt duch den Unter Vogt gleichfalß sagen, dass er das Feuer Geräthniemahlen gebracht, wenn die Regierung befehl hätte, würde er es bringen.
Rechtebe
Von der Wisch seine Frau hätte zu Berend Stoolseine Frau Catrina gesaget als dieselbe Hauß bey Hauß angesaget, dass das Feuer Geräht auf den Brinck zusammen gebracht werden solte, da nichts zu thun, und nicht nöthig dahin zu kommen.
Die Wittwe Viegen hätte den Langeschwornen Lühder Kobbe geantwortet, dass sie nicht schuldig wehre, das Feuer Geräht zu bringen, indem es ihre Vorfahren niemahlen gethan, sonsten könnte sie es auch thun(,) wenn es ihr zu käme.
Harm Hein seine Frau hat gesaget, dass sie das Ihrige von Puntt gekauffet, der es niemahlen hingebracht und sie auch nicht, sonsten es sie itzo auch thun könne.
H(err) Major Keller und Mons(ieur) Kobbe sind nicht zu Hause gewesen und also keine Antwohrt erfolget.
Wersabe
Dierck Kobbe Jun. und Hinrich Kobbe sind nicht zu Hause gewesen und die übrigen Jungkers alle, noch 8 an der Zahl, haben zu dem unter Vogt gesaget, sie kämen nicht bey die andern, wenn ich das Feuer Geräht besehn wolte, so wehre es in ihren Häußern zu rechte.
Offenwarden
Lühr Kobben frau hat gesaget, sie bedürften das feuer Geräht nicht zu haben.
Die übrigen Sieben daselbst haben zu des unter Vogts Tochter gesaget, ich solte zu Ihnen kommen, wenn ich das Feuer Geräht sehen wolte, sie brachten es nicht hier.
Sandstedt
Ehlert Jacob Witmer hat zu den Gerichts Diener Johan Seekenburg gesaget, dass er seine Frau sagen, dass die das feuer Geräht vor des Vogts Johan Sebben Hauße senden solte, so dieser auch bestellet, aber die Frau nicht senden wollen.
Der Einnehmer Starck hat gleichfals seine feuer Gerähtschafft nicht vorzeigen wollen.
Als Reiter der ‚Compagnie von der Meden‚ taucht mein Vorfahre Henrich von der Lieth um 1695 im Dorf Hinnebeck im Kirchspiel Bruch in Osterstade auf. Gemeinsam mit ihm lassen sich zwei weitere Reiter derselben Compagnie in Hinnebeck nieder, die in der Zeit von 1694 bis 1696 in der kleinen Kirche zu Bruch heiraten:
1. Der Reiter Jürgen von Gellern heiratet 1694 Christina Judith Haken, eine Tochter des verstorbenen Engelbrecht Haken zu Hinnebeck – 2. der Reiter Friedrich Tintzel heiratet 1695 Könneke Gloystein, eine Tochter von Hilmer Gloystein zu Hinnebeck und 3. heiratet der Reiter Marten Deelwater 1696 Greta Tyling, eine Tochter von Frerk Tyling aus Aschwarden.
Als sich Henrich von der Lieth um 1695 in Hinnebeck niederlässt, ist er etwa 24 Jahre alt und hat – wie seine Kameraden derselben Compagnie des Rittmeisters Friedrich Otto von der Meden – vor 1695 an einer Schlacht am Rhein teilgenommen, die sicherlich in Zusammenhang steht mit dem Pfälzischen Erbfolgekrieg.
Der Pfälzische Erbfolgekrieg (1688–1697), auch Orléansscher Krieg, Krieg der Augsburger Allianz, Krieg der Großen Allianz oder Neunjähriger Krieg genannt, war ein vom französischen König Ludwig XIV. provozierter Konflikt, um vom Heiligen Römischen Reich die Anerkennung seiner Erwerbungen im Rahmen seiner Reunionspolitik zu erreichen. (Wikipedia)
Bei diesen Auseinandersetzungen am Rhein wird u.a. die Stadt Heidelberg sehr zerstört:
Kurtze Beschreibung Der uralten, Chur-Pfältzischen Residentz-Stadt Heydelberg, Deren Ursprung, und was in derselben besonderliches und denckwürdiges geschehen und allda zu sehen gewesen, auch wie jüngsthin dieselbe und deren Innwohner durch des sogenannten Christlichen Königs von Frankreich, Ludwig des XIV., barbarische und mehr als unchristliche Behandelung und Tractament respectivè verstöret, zernichtet und zerstreuet. So dann anbey, wie der, durch dessen Veranlaß all dieses Unglück geschehen, zur Straffe gezogen worden
Im Reichsarchiv von Stockholm werden unzählige Dokumente aus der schwedischen Zeit des Herzogtums Bremen verwahrt. Hier entdeckte ich Informationen über die Dragoner-Compagnie des Capitains von der Meden, in der Henrich von der Lieth seinen Dienst versah. Im November 1690 werden in Hastedt bei Bremen sämtliche Soldaten dieser Compagnie aufgelistet. Sie untersteht dem Obersten von Günderoth.
Rolla – Auff des Herrn Obersten von Gündtroths zu Pferde und zwar in Specie des Capitain (von der Meden) Compagnie Dragoner, wie solche bey der von dem Rheinstrom, den 6. November 1690 zu Hastedte vor der Stadt Brehmen gelegen effective befunden worden:
Henrich zieht demnach als Tambour der Dragoner in die Schlacht am Rhein. Er wird unter den Personen der ‚Prima Plana‚ der Compagnie aufgeführt. ‚Die Prima Plana waren bei den Landsknechten diejenigen Adels- oder Patrizierfamilien entstammenden Knechte, die bei der Werbung auf das erste Blatt geschrieben wurden, während auf dem zweiten die freigeborenen Handwerker standen‘. (Wikipedia).
Dragoner trugen üblicherweise keine Rüstung, doch schützten sich manche von ihnen im 16. und 17. Jahrhundert mit einem schlichten Helm und einem Lederkoller. Bewaffnet waren sie mit einer Muskete oder auch einer Pike, für das Handgemenge besaßen sie Degen. Die Dragoner benötigten eine weniger intensive Ausbildung im Reiten als Kavalleristen, die mit ihren Pferden in Gefechtssituationen umgehen mussten. Darüber hinaus verwendeten Dragoner nur leichte Reitpferde, die deutlich weniger kostspielig als die Schlachtrösser der schweren Reiterei waren. Ihr Vorteil gegenüber der Infanterie bestand darin, dass sie sich schneller an einen bestimmten Ort des Schlachtfelds begeben konnten. (Wikipedia)
Auch der 1696 in Hinnebeck heiratende Reiter Marten Deelwater wird unter den Dragonern genannt!
Ob der im Oktober 1695 für die Compagnie von Issendorf gemusterte Henrich von Lieth identisch ist mit ‚meinem‚ Heinrich von der Lieth? Auch er ist zu dieser Zeit verheiratet – sein Alter wird mit 23 Jahren angegeben. Das würde in etwa passen! Als Fähnrich derselben Comapgnie wird Arend Bartram von der Lieth genannt – auch der Leutnant Henrich Schierholtz gehört zu dieser Compagnie – ihn habe ich hier bereits erwähnt!
Bevor die Truppen in Richtung Rhein losmarschieren können, muss vieles durchdacht und geplant werden: die genaue Maschroute wird festgelegt und es werden Orte bestimmt, an denen die Soldaten ihre Nachtlager abgehalten sollen …
Aber es geht bei den Vorbereitungen nicht nur um die in die Schlacht ziehenden Soldaten – auch ihre Ehefrauen spielen bei der Planung eine Rolle.
Die jeweiligen Rittmeister der Compagnien müssen mitteilen, wie viele ihrer Soldaten verheiratet sind – wie viele Frauen und und evtl auch Kinder in Abwesenheit ihrer Männer irgendwo einquartiert und versorgt werden müssen. Das betrifft auch meine Vorfahrin Könneke, Henrich von der Lieths Ehefrau.
Für Capitain von Medens Compagnie, die ‚im Rothenburgischen‘ stationiert war, werden insgesamt 12 Frauen angegeben. Außer Könneke müssen also 11 weitere Soldatenfrauen untergebracht werden.
Quelle: Nds. Landesarchiv NLA ST Rep. 5a Nr. 3578
Eine Einquartierung von Soldaten oder deren Angehörigen bedeutet für jedes Dorf und jede Stadt eine ziemliche Belastung – vor allem entstehen zusätzliche Kosten. Die Soldatenfrauen sind daher keine gern gesehenen Gäste. Diverse Ortsvorstände wenden sich an die – zu dieser Zeit zuständige – schwedische Regierung in Stade – u.a. auch der Bürgermeister von Stade:
Man habe erfahren, schreibt der Bürgermeister, ‚dass es 90 biß 100 ‚Weiber an der Zahl seyen, welche nebst ihren Kindern, deren Zahl weit größer ist‘, in Stade untergebracht werden sollten. Es sei jedoch zuvor nie üblich gewesen, dass die Soldatenfrauen und ihre Kinder von Städten versorgt würden. Man befürchte, dass ‚die Soldaten Kinder den Hauffen der Muthwilligen Bettler sehr vergößern‘ würde ‚und dann anderen Nothleidenen ahrmen das bißchen brodt, so dieselbe alhier sammlen, um ein merckliches verschmählern‚ würden. Die Bürger der Stadt würden lieber 2 bis 3 Compagnien ‚lediger Kerle‘ aufnehmen als sich mit ‚diesen Weibern und Kindern beladen zu müssen‘. Diese sollten doch lieber auf die Landgebiete verteilt werden, ‚da es doch wohl mehrentheils Landkinder‚ sein dürften, die die Soldaten geheheiratet hätten.
Nds. Landesarchiv NLA ST Rep. 5a Nr. 3578
Der Bürgermeister bittet deshalb ‚unterthänig gehorsahmbst‚ darum, Stade möge von den ‚Weibern und Kindern entlästiget‘ werden.
Nds. Landesarchiv NLA ST Rep. 5a Nr. 3578
Doch auch die Dörfer auf dem platten Land weigern sich. ‚Sämtliche Marschländer des Herzogthums Bremen‚ wenden sich gemeinsam an ihre Regierung – sie seien durch eine neue Verordnung angehalten worden, ‚die in den quartieren hinterlaßenen Weiber der Marchirten Völcker zu verpflegen; aber da sie ohnehin schon ‚mit viel und schweren empfindlichen Kosten die Marchirten Trouppen außerhalb Landes unterhalten‚ müssten, seien sie ‚mit dobbelter Last‚ beschwert, wenn sie ‚annoch die Weiber dazu versorgen solten‘. Sie appellieren an den den schwedischen König und schreiben: ‚So gelanget an Ew. Excellenz auch Wohl- und Hochedelgebohrner … unsre unterthänige bitte, Sie gerugen gnädig und hochgeneigt, die Verordnung zu machen, daß wie nicht schuldig sein der Marchirten Völcker in den quartiren hinterlaßene Weiber zu verpflegen.‘
Zurück nach Hinnebeck ….
Wo mag meine Könneke auf ihren Ehemann gewartet haben … ? Wurde sie schon während seiner Abwesenheit im Dorf Hinnebeck aufgenommen …? Sicher ist, dass Henrich von der Lieth und Könneke nach seiner Rückkehr von der Schlacht am Rhein in Hinnebeck eine Familie gründen – von 1696 bis 1714 werden dem Ehepaar dort acht Kinder geboren. Das erste Kind stirbt kurz nach der Geburt, eines wird tot geboren. Alle anderen erreichen jedoch das Erwachsenen-Alter – auch der am 1. Februar 1698 geborene Sohn Arend von der Lieth, der am 16.2. 1698 in der Kirche St. Nicolai in Bruch getauft und zu meinem Ahnen werden wird.
Könneke verstirbt im April 1714 – sicherlich im Zusammenhang mit der Geburt ihres letzten Sohnes Johann. Er wird am 6. April 1714 getauft – sie am 12. April besrattet. Damit die Kinder versorgt sind, heiratet Henrich von der Lieth nach Könnekes Tod im März 1715 Lücke Margarethe, die Witwe von Johann Braue.
Der Tambour Henrich von der Lieth, der später als Baumann in Hinnebeck lebt, wird 82 Jahre und 14 Tage alt. Er verstirbt am 28. Januar 1745. Er ist der erste ‚von der Lieth‚, der sich in Hinnebeck niederlässt – bislang ist ungeklärt, welcher ‚von der Lieth-Familie‚ er angehört. Seine Nachfahren leben noch Jahrhunderte später im Dorf Hinnebeck und der Umgebung.
Der 1766 unter den ‚Land begüterten Hausleuten‚ in Hinnebeck genannte Hinrich von der Lieth ist der Sohn des o.g. Arend von Lieth und seiner Ehefrau Anna Otten– ein Enkel des Tambours Henrich von der Lieth!
Die Orte und Dörfer des ehemaligen Kreises Preußisch Eylau liegen heute teilweise in Polen und teilweise in Russland. Im polnischen Teil – in Landsberg und Umgebung – bin ich mehrfach gewesen, um mir die Stadt Landsberg und die umliegenden Dörfer anzusehen, in denen meine ostpreußischen Vorfahren ehemals lebten.
Einige wohnten jedoch auch im nördlichen Teil des Kreises, der heute zu Russland gehört: zum Beispiel in Krücken oder in Pompicken. Dort bin ich leider noch nie gewesen.
In der Ausgabe des Ostpreußenblatts vom 17. August 1957 erscheint die erste Folge eines ausführlichen Berichts des Lehrers Adolf Hubert Osthaus, der 12 Jahre lang (von 1945 bis 1957) als Lehrer im Kreis Pr. Eylau – von 1945 bis 1951 als ‚polnischer Hauptlehrer‘ in Topprienen und anschließend in Landsberg – unterrichtete. Er hat die Errichtung der Grenze durch den Kreis Preußisch Eylau unmittelbar miterlebt und berichtet darüber. Außerdem schildert er in insgesamt 11 Folgen seine Erlebnisse und die Zustände in der neuen Grenzregion.
Aus dem Ostpreußenblatt vom 17. August 1957
Diese Grenze verlief zunächst ein ganzes Stück weiter südlich. Adolf Hubert Osthaus: ‚Sie ging über Warschkeiten (südlich von Pr. Eylau) in einem scharfen Knick nach Neuendorf, verlief dann südlich von Gallehenen über Eichen zum Stablack. …
Noch im Jahr 1945 kam eine sowjetisch-polnische Grenzkommission, die die Landschaft oberflächlich vermaß. Danach wurde die Demarkationslinie bis Grünhöfchen zurück genommen. Bis dahin hatte in der Schule in Topprienen, wo ich später unterrichtete, der sowjetische Stab gelegen. In den ersten Monaten nach Kriegsende gehörte sogar (die Stadt) Pr. Eylau noch zum polnisch besetzten Gebiet und dort war die polnische Kreisbehörde.
Ostpreußen – Dokumentation einer historischen Provinz. Die photographische Sammlung des Provinzialdenkmalamtes in Königsberg
Im Jahre 1945 hatte die Sowjetunion die Stadt zunächst der Volksrepublik Polen zur Verwaltung überlassen, die ihr den polonisierten Namen Iławka gab. Bei der neuen Festlegung der Demarkationslinie zwischen den russischen und polnischen Verwaltungsbezirken in Ostpreußen durch die Sowjetunion vom 1. Januar 1946 wurde Preußisch Eylau dem sowjetischen Verwaltungsbezirk zugeschlagen; die Grenze verläuft seither unmittelbar südlich der Stadt. Am 7. September 1946 wurde Preußisch Eylau nach Fürst Bagration (siehe oben) in Bagrationowsk umbenannt. Durch die Lage an der neuen sowjetisch-polnischen Grenze lag die Stadt nun in einem wirtschaftlich und infrastrukturell toten Winkel, der die weitere Entwicklung der Stadt behinderte. (Wikipedia)
Nachdem die Grenze endgültig festgelegt worden war, ‚wurden die deutschen Frauen und Kinder, die noch in diesem Gebiet verbleiben waren, gezwungen, an der Grenzbefestigung zu arbeiten. In einem Abstand von etwa 10 Metern wurden unbehauene Baumstämme in den Erdboden gerammt, dazwischen wurde bis zu einer Höhe von 3 Metern Stacheldraht gespannt. Diese Befestigung wurde oben in schrägem Winkel noch einmal durch 3 Reihen Stacheldraht nach der polnischen Seite zu abgeschirmt, um ein Übersteigen unmöglich zu machen. Bis zu einer Höhe von einem halben Meter vom Erdboden aus ist kein Draht gespannt, um den Beamten der Grenzpolizei die Möglichkeit zum Überwechseln zu lassen.
Ostpreußen – Dokumentation einer historischen Provinz. Die photographische Sammlung des Provinzialdenkmalamtes in Königsberg
Dahinter wurde auf der sowjetisch besetzten Seite in etwa 25 Metern Breite über Felder und Wiesen hinweg ein Grenzstreifen angelegt, der regelmäßig frisch geeggt wird, damit man alle Spuren erkennen kann. Zusätzlich sind überall in diesem Gebiet Tellerminen ausgelegt worden, insbesondere in den Durchlassgräben und in verlassenen Gehöften, um den Übertritt zu erschweren.
Auf der polnisch besetzten Seite läuft am Stacheldraht entlang ein Streifen ehemaligen Ackerlandes, der mit Gras und Unkraut bewachsen ist und nicht bestellt werden darf. Dort dürfen nur Schafe weiden. Wenn die Kinder aus dem Dorf abends zu diesem Grenzstreifen gingen, um die angebundenen Schafe in den Stall zu holen, dann tauchten drüben sofort aus den Bäumen und Erdlöchern die sowjetischen Grenztruppen auf und beäugten misstrauisch die Kinder.
In etwa 10 Meter Entfernung vom Stacheldraht ließen die Polen alle 20 Meter einen Erdhaufen aufschichten, der etwa 2 Meter hoch ist. Auf diesem Hügel wurden Steine aufgehäuft, die von der Bevölkerung immer wieder frisch gekalkt werden. Sie dienen als Warnzeichen und dürfen nicht betreten werden. Als ich einmal aus Neugier auf einen dieser Hügel kletterte, um das sowjetisch besetzte Gebiet von dieser Höhe herab zu beobachten, ertönte sofort aus einem der russischen Stützpunkte ein Warnschuss, der von dem nächsten Posten aufgenommen wurde und eine Reihe von Warnschüssen bis nach Pr. Eylau hin auslöste.
Außer mir hatte offenbar niemand in meiner Familie großes Interesse an der Ahnenforschung – so landeten auch aus meiner weitläufigeren Verwandtschaft viele Fotos und Dokumente bei mir und ich bin immer noch dabei, all diese Materialien auszuwerten. Von Zeit zu Zeit stoße ich dabei auf ungeklärte Schicksale einiger Familienmitglieder – wie im Fall des 1926 in (Bremen-) Lüssum geborenen Curt Friedrich Kröger!
Curts Vater Georg Heinrich Kröger ist ein Bruder meiner Großmutter Anna Lisette. 1921 heiratet er in (Bremen-) Blumenthal Frieda Jachens, die älteste Tochter des Lüssumer Landwirts Christoffer Jachens und dessen Ehefrau Lucie Emerentia Holler, die aus Neuenkirchen stammt.
Frieda und Georg werden sich schon als Kinder gekannt haben – sowohl der ‚Jachens-Hof‘ als auch das Haus der Familie Kröger befinden sich in der Lüssumer Straße. Die Häuser lagen sich fast gegenüber …
Das wunderschöne alte Kröger-Haus existiert leider nicht mehr, aber den Hof der Familie Jachens gibt es noch heute. So wie auf dem obigen Photo sah es dort in meiner Kindheit aus. Auch ich habe hier häufig gespielt – vor allem im Winter war es ein großes Vergnügen, mit dem Schlitten vom Haus aus ‚Jachens-Berg‚ hinunter zu fahren.
Frieda Jachens (1893-1944) und Georg Heinrich Kröger (1888-1945)
Georg Kröger und Frieda bekommen drei Söhne – Curt Friedrich wird 1926 in Lüssum geboren. Auf dem folgenden Bild sieht man ihn mit seinem älteren Bruder Heinrich Christoph (später ‚Dr. Kröger‚ – wie meine Mutter ihren Vetter häufig stolz nannte – für mich war er mein ‚Onkel Heinz‚, dem ich die Einführung in die Ahnenforschung verdanke!)
Curt Friedrich soll (oder will?) Schiffsoffizier werden. Er ist 16 Jahre alt, als sich Vater Georg 1943 an die Nautische Abteilung der Hamburg-Amerika-Linie in Hamburg wendet, um für ihn einen Ausbildungsplatz zum Schiffsoffizier zu bekommen
Als Antwort auf sein Schreiben wird dem Vater im Februar 1943 mitgeteilt: ‚Sehr geehrter Herr Kröger – nach Durchsicht der zahlreich hier eingegangenen Bewerbungen um Einstellung als Schiffsoffizieranwärter bedauern wir, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Sohn nicht in den engeren Kreis der Bewerber einbezogen werden konnte.‘ Weiterhin wird angemerkt, dass die Bewerbungsunterlagen weitergeleitet würden.
Am 26. März folgt ein weiteres Schreiben des ‚Deutschen Schulschiff Vereins‚ Bremen. Darin heißt es: ‚In Erledigung Ihres uns nochmal mündlich vorgetragenen Wunsches wegen Annahme Ihres Sohnes als Anwärter für die Schiffsoffizierslaufbahn teilen wir Ihnen mit, dass die Prüfungskommission Ihren Sohn aufgrund seiner Zeugnisse für die Ausbildung auf unserem Schulschiff ‚Deutschland‘ ausgewählt hat. Die Einstellung der angenommenen Jungen erfolgt am 1. April in Lübeck. Dort wird die endgültige ärztliche Untersuchung durch Vertrauensärzte und ebenso die Einkleidung stattfinden.. Das Pensionsgeld sowie das Kleidergeld im Betrage von RM 1150.- bitten wir gleich nach dem 1. April an die Oldenburgische Landesbank … einzuzahlen.‘
Hinzugefügt wird noch dies:
Curt Friedrich Kröger wird also Offiziersanwärter auf dem Schulschiff Deutschland. Die folgenden beiden Fotos zeigen ihn auf dem Schiff und in seiner Uniform. Auf dem zweiten Bild scheint er etwas älter zu sein – aber vielleicht täuscht das?
Offenbar ging es so schnell an Bord, dass Curt den Geburtstag seines Vaters (am 18. Mai) nicht mehr in Lüssum mit der Familie verbrachte. Am 15.6.1943 sendet er seinem Vater vom Schulschiff aus diese Karte:
Lieber Vater! Zu deinem Geburtstag sende ich dir die herzlichsten Glückwünsche und wünsche dir alles Gute in deinem neuen Lebensjahr. Es grüßt dich recht herzlich dein Sohn Curt. P.S. Ihr könnt ruhig hierher schreiben; denn wann es nach Riga weitergeht(,) ist noch ganz unbekannt. Schickt mir dann bitte etwas Geld und Briefmarken. Schreibt das bitte auch auf den Brief, daß er zurückkommt, falls wir schon fort sind.
Absender: Schiffsjunge C. Kröger, S.S. Deutschland z. Zt. Memel Kohlenpier
Trotz dezimierter Stammbesatzung, wurden während des Krieges noch etwa 800 Offiziersanwärter ausgebildet. Am 15. April 1940 wurde „Schulschiff Deutschland“ in die Ostsee verlegt. Wegen zunehmender Luftangriffe kam das Schiff im November 1941 nach Lübeck. Von hier wurden noch bis zum 1. Oktober 1944 Ausbildungsfahrten in der Ostsee durchgeführt.
Am 5. Mai 1945 wurde Lübeck durch englische Truppen besetzt. Um das Schiff nicht nach Kriegsende als Reparation an die Alliierten zu verlieren, hat der damalige Kapitän Otto Hattendorf es als Lazarettschiff eingerichtet. Im August 1946 verholte “Schulschiff Deutschland” auf Weisung der britischen Marine nach Cuxhaven. Hier diente es bis Dezember 1947 als Wohnschiff für die deutschen Minenräumeinheiten. Am 22. Juli 1948 wurde das Schiff in die amerikanische Besatzungszone nach Bremen geschleppt um einer Auslieferung an die Briten zu entgehen. Von 1949 bis 1950 diente es als Jugendherberge. (https://schulschiff-deutschland.de/der-schulschiff-verein/geschichte/)
Nähere Hinweise auf den Verbleib der Besatzung des Schulschiffs – und damit auch auf den Verbleib von Curt Friedrich Kröger – finde ich trotz gründlicher Recherche leider nicht. Was mag aus ihm geworden sein?
Greta Schulken ist die Schwester meiner Ur-Ur-Großmutter Beta. Sie kommt 1807 in Bremen-Lüssum zur Welt – Beta wird 1811 geboren – und dann gibt es noch Gesine, die ältere Schwester der beiden. Alle drei Schulken-Mädchen sind Töchter meiner Vorfahren Johann Schulken und Catharina Margarethe Bolland und alle drei heiraten später in Haesloop-Familien ein:
zunächst ehelicht Gesine 1828 den Schiffskapitän Johann Haesloop
1834 wird Greta die Ehefrau des Schiffskapitäns Ficke Haesloop, Johanns Bruder
meine Beta heiratet 1842 den Rönnebecker Kahnschiffer Marten Haesloop
Ficke und Johann Haesloop sind Söhne von Hinrich Haesloop und Catharine Haesloop, geborene Haesloop!
Derart verwirrende Haesloop-Haesloop-Verbindungen gibt es unter meinen Vorfahren mehrfach! Auch die Tochter von Marten und Beta Haesloop – meine Urgroßmutter Elisabeth heiratet wieder in eine Haesloop-Familie ein. Sie wird die Ehefrau meines Urgroßvaters Hinrich Haesloop!
Die o.g. Greta lebt nach ihrer Eheschließung mit ihrer Familie in diesem Haus in der Vegesacker Weserstraße Nr. 31, das ihr Ehemann dort um 1840 erbauen ließ.
Sicherlich hat sich auch meine Ur-Urgroßmutter von Zeit zu Zeit dort aufgehalten, um ihre Schwester, ihren Schwager und ihre Nichten und Neffen zu besuchen.
Das Haus erbt später der 1848 in Vegesack geborene Sohn Johannes Haesloop, der ebenfalls Kapitän wird. Er kommt am 11.2.1848 in diesem Haus zur Welt und heiratet 1882 eine Nachbarin – die Tochter des Vegesacker Bäckermeisters Johann August Schnatmeyer, Wobetha (genannt Bertha), die mit ihrer Mitgift keinen weiten Weg hatte – auch sie wuchs in der Weserstraße auf, im Haus Nr. 83.
Die Weserstraße wurde in der Mitte des 19. Jahrhunderts … „Millionenviertel“ aber auch „Kapitänsstraße“ genannt, denn die hiesigen Kapitäne etablierten sich auf dieser südlichen Seite der Weserstraße. 1856 wohnten dort u.a. 37 Kapitäne, 35 Witwen, 31 Handwerker, je neun Matrosen und Steuerleute, sieben Kaufleute, vier Lehrer und je zwei Senatoren und Ärzte. Nach der Eingemeindung diverser Orte, die vor 1939 noch vor den Toren Bremens lagen und nun zu Bremen gehörten, gab es in der Hansestadt sechs Weserstraßen. Davon wurde die Vegesacker als schönste erkannt und durfte ihren Namen behalten, die anderen wurden umbenannt. Heute stehen 18 Häuser in dieser Straße unter Denkmalschutz. Quelle: https://vegesack.de/ueber-vegesack/geschichte/kapitaenshaeuser/
Auch die drei Kinder des Kapitäns Johannes Haesloop und seiner Ehefrau Wobetha werden 1886, 1890 und 1894 noch im Haus Nr. 31 in der Vegesacker Weserstraße geboren. Anschließend wechselt das Gebäude mehrfach den Besitzer.
Der rote Pfeil in der Mitte des Bildes zeigt auf die Weserstraße – auch die Schulkenstraße befindet sich ganz in der Nähe!
Das Grab der Haesloop-Familie ist heute auf dem Vegesacker Friedhof zu bewundern:
Das Haesloop-Grabmahl besteht aus einer achteckigen ca. 1 m hohen Sandsteinsäule mit einem gleichhohen aufgesetztem Kleeblattkreuz. Es steht auf einer quadratischen Platte. In dieser anmutigen wohlproportionierten Form ist es eine Besonderheit auf dem Vegesacker Friedhof. Es markiert die Grabstelle eines Kapitäns und seiner Familie. Capitain Ficke Haesloop starb einen Monat vor der Einweihung dieses neuen Friedhofs und wurde zunächst auf dem alten Friedhof an der Vegesacker Kirche beigesetzt wurde.
Laut Grabregister No. 410 wurden am 20. März 1905 die Gebeine von 3 Leichen vom alten Friedhof überführt. Es werden die Gebeine von Ficke H., seiner Frau und seiner früh verstorbenen jüngeren Tochter gewesen sein.
Ficke Haesloop führte diverse Schiffe, meistens für die Reederei Johs. Tidemann (Bremen). vgl. P.M.Pawlik, Bd. 1. Quelle: https://vegesacker-friedhof.de/haesloop/