‚Masse und bunt‘ weicht sorgfältiger Arbeit

Von Jahr zu Jahr befassen sich weltweit immer mehr Menschen damit, die Spuren ihrer Ahnen zu verfolgen. Die Ahnenforschung boomt! Das ist einerseits sicherlich eine erfreuliche Entwicklung: Kirchenbücher und Personenstandsregister werden unermüdlich digitalisiert und es vergeht kaum eine Woche, in der den Interessenten nicht irgendwo im Netz neue Unterlagen zugänglich gemacht werden.

Auch ich freue mich darüber. Mittlerweile muss ich nicht mehr nach Berlin, Leipzig oder Olsztyn fahren, um die Standesamtseinträge einiger Kirchspiele des ehemaligen Kreises Pr. Eylau einzusehen. Das hat auf jeden Fall Vorteile: ich kann vieles nun von meinem Schreibtisch aus erledigen und spare Zeit und Geld.

Neue Datenbanken entstehen – immer mehr Hobby-Forscher legen Stammbäume an und verschiedene Plattformen bieten die Möglichkeit, sich miteinander zu vernetzen und zu verknüpfen – so lange, bis wir letztendlich feststellen, dass wir alle eine große Familie sind! Das spornt natürlich an und so mancher Hobby-Forscher sammelt und sammelt Un-Mengen von Namen und Daten, um seinen ‚Ahnen-Bestand‘ mehr und mehr erweitern zu können …

Seitdem sich immer mehr Menschen für Genealogie interessieren, hat eine deutlich zunehmende Kommerzialisierung auch im Bereich der Familienforschung Einzug gehalten. Verschiedene Unternehmen haben die Genealogie als lukratives Geschäftsfeld entdeckt. So entstehen immer mehr proprietäre Online-Dienste und Datenbanken, in denen Ahnenforscher als Kunden ihre Daten organisieren können.

Es besteht die gleiche Gefahr wie in anderen Bereichen, die dieser zunehmenden Kommerzialisierung ausgesetzt sind und einst vom wissenschaftlichen Arbeiten geprägt waren: es bilden sich Insel-Lösungen, die Zusammenarbeit zwischen den ‚Forschern‘ wird behindert – ‚Masse und bunt‘ weicht sorgfältiger, kompetenter Arbeit.


Bedauerlich ist, dass die Qualität genealogischer Forschungsergebnisse immer mehr abnimmt. Manchen Ahnenforschern scheint es überhaupt nicht mehr wichtig zu sein, Daten zu überprüfen – sie werden irgendwo abgeschrieben und verbreiten sich stetig (oft fehlerhaft!) im Netz. Man sucht und findet hier und da und ‚bastelt‘ sich einen Stammbaum zurecht! Quellenangaben werden als überflüssig erachtet – wichtig scheint nur noch die Masse an Daten!

Als ich vor etwa 17 Jahren mit der Erforschung meiner eigenen Familie begann, wäre ich nie auf die Idee gekommen, Daten von irgendjemandem ohne Prüfung zu übernehmen – es sei denn, ich kannte die Person und wusste, dass sie sorgfältig recherchiert hat. Immer dann war aber auch eine genaue Quelle vermerkt – ich konnte also nachvollziehen, woher die Informationen stammen. Wir ‚alten Familienforscher‘ arbeiten selbstverständlich auch heute noch so. Wir vernetzen uns in genealogischen Mailing-Listen oder Foren, treffen uns in regionalen Verbänden und tauschen uns aus.

Die Unsitte, Daten ohne vorherigen Kontakt und ohne Frage um Erlaubnis zu übernehmen und diese ohne Quellenangabe unter eigenem Namen zu veröffentlichen, verbreitet sich zusehends (als Beispiel mein vorheriger Artikel vom 18. Mai). Ich kenne eine Reihe von Hobby-Forschern, die ihre Forschungsergebnisse aus diesem Grund gar nicht erst im Netz präsentieren.

Wir alle sollten etwas tun, um ‚dagegen zu steuern‘! ‚Familienforschungsdaten sind unser aller Kulturgut, das einer möglichst breiten Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich gemacht werden sollte‘ schreiben Klaus-Peter Wessels und Doris Reuter zu Beginn ihres Textes (Daten und Information kostenfrei für alle) in einem Sonderdruck des Vereins für Computergenealogie auf Seite 6).

Der Vereins für Computergenealogie bietet allen an der Genealogie Interessierten eine offene Plattform. Man muss kein Mitglied sein, um sämtliche Angebote kostenlos nutzen zu können. Viele eifrige Familienforscher erstellen Ortsfamilienbücher, erfassen Einträge aus Adressbüchern und Familienanzeigen aus Tageszeitungen. Sie digitalisieren genealogisch relevante Literatur oder fotografieren Grabsteine. Und vieles mehr!

Die Datenbank Gedbas bietet die Möglichkeit, den eigenen Stammbaum zu veröffentlichen, Ahnenlisten anderer einzusehen und Kontakt aufzunehmen zu denen, die diese Daten eingegeben haben. Fast alle Hobby-Genealogen sind an einem Austausch interessiert, viele befassen sich mit den Bewohnern einer speziellen Region und sind gern bereit, Auskunft zu erteilen. Ich selbst verbringe mehrere Stunden pro Woche damit, in meinen Unterlagen nach Daten für andere Familienforscher zu suchen, deren Vorfahren ebenfalls im ehemaligen Kreis Pr. Eylau lebten.

Als ‚Familienforschungs-Anfänger‘ sollte man – bevor man damit beginnt, irgendwo Namen und Daten  ‚einzutippen‘ – einige Grundlagen verstehen und einüben. Das Portal ‚Basiswissen‚ enthält wertvolle Tipps für alle, die damit beginnen möchten, ihre Vorfahren aufzuspüren.

Manche haben sicherlich noch nie zuvor irgendwo Quellen angeben müssen. Kein Problem – auch die Verwendung sachgerechter Quellen kann man erlernen! Aus Erfahrung weiß ich, wie wichtig es auch für die eigene Forschung sein kann, im Nachhinein die Möglichkeit zu haben, Daten anhand genauer Quellenangaben noch einmal kontrollieren zu können.

Compgen_Quellen

Ausschnitt aus dem Sonderdruck des Vereins für Computergenealogie

Übernimmt man Daten von einer privaten Homepage, ist ‚die elektronische Quelle … mit größtmöglicher Genauigkeit zu benennen: Man notiert den Namen der Webseite, den Autor und neben der Internetadresse immer auch das Datum des Fundes‘. (Thekla Kluttig, Doris Reuter, Sonderdruck des Vereins für Computergenealogie, Seite 10)

Diesen Sonderdruck des Vereins für Computergenealogie findet man übrigens hier.


[Pathos-Modus ein]
„Liebe Freunde der Genealogie, überlassen wir die Ahnenforschung nicht dem schnöden Mammon und kurzsichtigen Interessen. Wir sind eine über Jahrzehnte gewachsene Gemeinschaft. Lasst uns die Neuen in unseren Reihen willkommen heißen und lasst uns versuchen, durch Aufklärung das Niveau unserer gemeinsamen Arbeit zu halten. Auch ist es an uns sicherzustellen, dass freie Plattformen der Genealogie weiter entwickelt werden und Daten für uns alle verfügbar bleiben, statt in geschlossenen Plattformen einzelner Unternehmen eingesperrt zu werden.

Wenn nicht wir uns nicht engagieren… wer sollte es dann tun?! Dies ist einer der Momente, da wir Genealogen nicht nur zurück in der Geschichte blicken, sondern uns – im Interesse unserer Nachfahren – auch um die Zukunft sorgen sollten!“
[Pathos-Modus aus]

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3 Kommentare zu ‚Masse und bunt‘ weicht sorgfältiger Arbeit

  1. Prima Irmi, ganz toller Text! Genealogische Vereine müssen heute vor allem Aufklärung über richtiges wissenschaftliches Arbeiten leisten.
    Ein Artikel auf unserer Website http://agt-gen.org/big-data-und-genealogie/ befasst sich ebenfalls mit der zunehmenden Kommerzialisierung der Genealogie.

  2. Gefällt mir, kann dem vollkommen zustimmen!

  3. Dieses Abschreiben meiner Daten und anderer Mitstreiter habe ich selbst erfahren – und habe lange darunter gelitten, weil der Abschreiber sich angeblich die Zeit der Quelleneingabe sparen wollte! Und sich im Recht sah durch die Veröffentlichung: „Alles was Recht ist“!! Und jetzt alle abgschriebenen Daten unter seinem Namen versenden lässt.

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