Ein Kanal von Gallehnen nach Worienen …

Mit der Begüterung Worienen im Kreis Pr. Eylau habe ich mich lange und intensiv beschäftigt – so intensiv, dass letztlich sogar ein Buch daraus wurde … Teile dieses Beitrags habe ich dem Buch entnommen.

Eine Mühle existiert in Worienen bereits um 1437. Auch in der Verleihung der Begüterung an Fabian von Lehndorf (1558) wird diese Mühle erwähnt. Sie befindet sich zunächst in unmittelbarer Nähe des späteren Schlossgebäudes – am sogenannten „Winterteich“, der damals noch „Mühlenteich“ hieß.

Von den ehemaligen Woriener Bewohnern wurde dieser Teich nicht „Winterteich„, sondern “Widderteich“ genannt. Er wird jedoch auch in den Gutsakten als „Winterteich“ bezeichnet. Wie dieser Namenswechsel zustande kam, ist nicht bekannt – allerdings haben die Bewohner nach dieser Änderung offenbar nach Erklärungen für die Benennung gesucht. So erzählte man sich, dass das Wasser beim Bau der Schlossanlage mit Hilfe eines Widders in den Wasserturm gepumpt worden sei und dass daher der Name „Widderteich“ stamme.

Das Symbol der Schleuse kann man im obigen Messtischblatt gut erkennen

Den Gutsakten (Staatsarchiv Olsztyn, Best. 383/55, Grundakten der im Haupt Amte Preusch Eylau gelegenen Worienenschen Ritter-Güter) kann man entnehmen, dass diese Mühle im Laufe der Zeit mehrfach erneuert und zeitweise gar nicht betrieben wird. Erst unter Mathias Christoph von Bredow (Gutsbesitzer von Worienen in der Zeit von 1724-1763) wird an anderer Stelle eine neue Mühle erbaut und betrieben. Diese befand sich „auf dem Felde, links am Wege von Worienen nach Polassen.“ (Gutsakten).

Der alte Mühlenteich am Hofe wird fortan zur Fischzucht genutzt.

Von 1763 bis 1833 befindet sich die Begüterung Worienen im Besitz der Familie von Domhardt. Erster Besitzer ist der damalige Kammerpräsident und spätere Ober-Präsident sämtlicher preußischer Kammern (Königsberg, Gumbinnen und Marienwerder) Johann Friedrich von Domhardt.

Bei Übernahme der Begüterung durch Johann Friedrich von Domhardt ist die Mühle baufällig und nicht mehr zu verwenden. Der Ober-Praesident von Domhardt ließ also im Jahre 1764 die … oberschlächtige Mahl-Mühle von zwey Gängen und eine Schneide-Mühle an dem großen Teiche anlegen, und weil es dieser Mühle an Waßer fehlte, so aquirirte er das an den Preusch. Eylauschen Müller Keiter ausgethane Königliche Amts-Vorwerk Gallehnen von diesem…“ (Anmerkung: dieser Müller Keiter – zeitweise Keyter, aber auch Kieter geschrieben – der Kaufvertrag wird im Dezember 1771 geschlossen).

Johann Friedrich von Domhardt lässt vom Vorwerk Gallehnen aus einen Kanal durch den Mohrbruch bis nach Worienen ziehen und – zur Aufstauung der Elm – in Gallehnen eine StauSchleuse mit einem Überfall anlegen, so dass das aufgestaute Wasser der Elm in den Kanal treten und der neuen Mühle zufließen muss. Durch Ableitung werden auch die Wiesen bei Glomsienen und Dörsen, die im Sommer häufig überschwemmt sind, vom Wasser befreit. Anschließend verkauft Domhardt das Vorwerk Gallehnen für 1000 Rthlr an den Oberamtmann Kirschstein.

Das Vorwerk Gallehnen (Quelle: Bildarchiv Ostpreußen)

Domhardt übernimmt die Kosten für die ständige Unterhaltung der Stau-Schleuse, Kirschstein aber „für sich, seine Nachkommen und künftige Besitzer des Vorwercks Gallehnen . . . . die Räumung des Canals in den Gallehnschen Grentzen, die Erhaltung und Wiederherstellung des Grund-Stockes und bey einem neuen Bau der Stau-Schleuse die Gestellung einiger Erd- und Lehm-Fuhren zur Hälfte“. (Gutsakten)

Diese Vereinbarung wird jedoch nicht eingehalten.

Um 1790 gehört das Vorwerk Gallehnen dem damaligen Erbherrn von Worlack Ludwig Friedrich Ferdinand von Beguignolle. Und wieder gibt es Probleme mit der Unterhaltung des Kanals und somit auch mit der Wasserversorgung der Woriener Mühle.

Ausschnitt aus den Gutsakten

Ludwig Friedrich von Domhardt (Sohn und Erbe von Johann Friedrich von Domhardt) notiert 1792 persönlich in den Grundakten: „Im Sommer des vorigen Jahres hat der jetzige Erb Pacht Besitzer des Vorwercks Gallehnen Lieutnant Beguignolle die Erfüllung seiner Obligenheiten verweigert und er hat deshalb bei der Königlichen Regierung rechtlich belanget werden müssen; hier schwelet der Proceß in der ersten Instantz und soll nach dessen gänzlicher Entscheidung, wahrscheinlich in der dritten Instantz hier das Nöthige eingeschaltet, auch der Weg angezeiget werden, auf dem der Worienschen Mühle ohne große Kosten das nöthige Mahl Waßer zuzuführen, ohne so wenig die Gallehnensche als irgend eine andere Grentze zu berühren“. (Gutsakten)

Letzlich kauft Ludwig Friedrich von Domhardt das Vorwerk Gallehnen wieder zurück. Er berichtet: „Ich habe dieses Vorwerk am 15. November 1792 . . . an mich gekauft und damit dem Proceß ein Ende gemacht. Denen Worienschen Güthern ist es wegen der Mühle und wegen seines vielen und guten Heuschlages unentbehrlich. Noch ist es sehr deteriosieret und die oeconomische Gebäude sind äußerst baufällig. Ich werde es succesive melioriren und die Gebäude, so wie es nöthig und die Umstände es gestatten, neu bauen oder reparieren laßen.“ (Gutsakten)

Auszug aus den Vasallen-Listen 1823

Um 1835 ist Gallehnen im Besitz des Amtmanns Valentini auf Henriettenhof.

Vom Jahre 1728 an werden im Kirchenbuch durchgängig Müller, Müllergesellen bzw. Pächter oder Besitzer der Woriener Mühle genannt. Als solche konnte ich ermitteln:

Auszug aus meiner Chronik von Worienen

Der Müllermeister Friedrich Westphal, der die Woriener Mühle von 1818 bis 1826 betreibt, ist mein Ur-Ur-Ur-Großvater. In dieser Zeit werden dort von seiner Ehefrau Anna Carolina Gutt vier Kinder zur Welt gebracht – u.a. auch mein Ur-Ur-Großvater Johann Carl Westphal.

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Geschlossene Heiratskreise

Der Soziologe und Genealoge Hermann Mitgau (1895-1980) beschäftigte sich u.a. mit der ‚Heiratspolitik‚ bestimmter Gesellschaftskreise und prägte in diesem Zusammenhang den Begriff der ‚Sozialen Inzucht‚. 1968 schreibt er:

„Bis heute verbreitet und mühelos feststellbar ist das oft generationentiefe Untereinanderverwandtsein‚ bestimmter Gesellschaftskreise – etwa des Hohen Adels oder der Hofbesitzer eines alten Bauerndorfs oder auch ‚führender Familien‚ der Finanz und Industrie, wobei es sich nicht einmal um örtlich eng zu ziehemde Grenzen zu handeln braucht. Das Heiraten innerhalb gleichgestellter sozialer Schichten wollen wir ‚Soziale Inzucht‚ nennen (in Parallele zu dem Begriff der biologischen Inzucht). Diese Soziale Inzucht ergibt ‚Geschlossene Heiratskreise‚ …

Man tat alles, um gewissermaßen genealogisch unter sich zu bleiben: der alte Adel als Führungsschicht in der Politik … die Industriemagnaten wie die Völlhöfner auf dem Lande. Denn alle ständische Priviligierung ruft hervor (und ist dadurch bedingt) Zusammenhalt nach außen, d.h. Abwehr der konkurrierenden Nachbarschicht und Gleichberechtigungs– wie Ausgleichsstreben nach innen. ..

Mitgau erinnert daran, dass Eheschließungen früherer Generationen nicht aus Liebe vollzogen wurden, sondern dass die Ehepartner nach ganz anderen Gesichtspunkten erwählt wurden.

Wir vergessen heute leicht, dass es einmal Jahrhunderte gegeben hat, in denen man in dem ‚Wir‚ solcher Gemeinsamkeit lebte, handelte, dachte und empfand, d.h. in unserem Falle, dass nicht die Person, sondern der Standesvertreter und der Erbe, die Erbin heiratete, dass noch weit bis ins 18. Jahrhundert hinein auch in den Städten die Eltern die Ehe stifteten und zwar nach wohl überlegten Gesichtspunkten solider Vermögenspolitik und Standesgemäßheit..‘.

Beispiele ‚Geschlossener Heiratskreise‚ finden wir in vielen verschiedenen Gesellschaftsschichten zu unterschiedlichen Zeiten in unterschiedlichen Regionen – auch in Ostpreußen!

  • Die Kinder von Kölmern heiraten gewöhnlich untereinander. ‚Der Kölmer fühlte sich als freier Mann auf freier Scholle, als kleiner König auf seinem Grund und Boden, auch wenn dieser noch so klein war Der Standesunterschied zwischen ihm und dem Scharwerksbauern war so groß, dass er seine Tochter unmöglich dem Wirt eines landesherrlichen oder adeligen Dorfes gegeben hätte.“ (Emil Johannes Guttzeit, Alte natangische Bauerngeschlechter)

Manchmal wurde auch ein wenig nachgeholfen:

  • Zugewanderten Handwerksmeistern wurde die Niederlassung erleichtert, wenn sie eine Witwe der Zunft heirateten
  • Kaufleute erhielten Vergünstigungen, wenn sie Bürger einer Stadt werden wollten. So wollte man verhüten, dass kostbares Heirats- und Nachlassgut die Stadtmauern verließ.

Es ist interessant, diese These anhand der eigenen Vorfahren zu prüfen.

  • Bei meinen Kölmer-Vorfahren im Kreis Heiligenbeil wird diese Heiratspolitik sehr deutlich. Die Kölmer-Familien im Kirchspiel Eichholz namens Tolkmitt Hantel Sternberg Ross Lange usw. sind teilweise schon Taufpaten ihrer späteren Schwiegertöchter oder Schwiegersöhne.
  • Auch bei den Müllern und Mühlenbesitzern unter meinen Ahnen wird offenbar viel Wert darauf gelegt, dass die Schwiegerkinder demselben Stand angehören …
  • Mehrfach werden während des 17. und 18. Jahrhunderts die Kinder der Arrendatoren einiger zur Begüterung von Groß Peisten gehörigen Vorwerke miteinander verheiratet:
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Photos von Elisabeth Ankermann …

Ich freue mich sehr, dass ich nun ich eine Vorstellung vom Aussehen der Malerin Elisabeth Ankermann habe, mit deren Leben und Wirken ich mich schon mehrfach beschäftigt habe. Man findet mehrere Beiträge in meinem Genealogie-Tagebuch, in denen sie erwähnt wird. Nirgends war ein Photo von Elisabeth zu finden … diese Bilder wurden mir dankenswerterweise von ihrer Großnichte zugesandt!

Elisabeths Urgroßvater Christian Ankermann – kölmischer Gutsbesitzer in Ponarth – ist der Ehemann von Dorothea Ankermann, der jüngsten Schwester meines 5fach-Urgroßvaters Johann Christoph aus Pompicken im Kirchspiel Klein Dexen.

Bislang wusste ich:

  • Elisabeth Ankermann kam am 17. Oktober 1863 in Tapiau als Tochter des Arztes Gustav Hermann Ankermann und seiner Ehefrau Bertha Johanna Julia Laudien zur Welt
  • von 1893-1937 war sie Mitglied des VdBK (Verein Berliner Künstlerinner e.V.)
  • sie malte Stilleben und Landschaften
  • in der 1. Hälfte des 20. Jh wurden viele Postkarten mit ihren Motiven herausgebracht
  • Elisabeth lebte in Berlin – 1893 in der Yorkstraße Nr. 79
  • dort erteilte sie Unterricht im Malen und kunstgewerblichen Arbeiten
  • in der Zeitschrift ‚Die Frau‚, die von Helene Lange herausgegeben wurde, erscheinen mehrere Inserate, in denen sie ihren Unterricht anbietet
  • 1893 stellt Elisabeth Ankermann mit anderen Mitgliedern des VdBK in Chicago aus
  • von 1894-1904 ist sie auf mehreren anderen Ausstellungen des Vereins vertreten
  • in den 1930er Jahren ist Elisabeth Mitglied der Reichskammer der bildenden Künste (Landesleitung Berlin)
  • sie wohnt zusammen mit ihrer Schwester Marie, die als Klavierlehrerin arbeitet
  • am 16. November 1945 verstirbt Elisabeth in ihrer Wohnung in der Helmstedter Str. 25 in Berlin-Wilmersdorf – fast 4 Wochen später vestirbt auch Marie.

Im Besitz der Großnichte von Elisabeth Ankermann befinden sich auch diese beiden Bilder – sie waren ein Geschenk zur Hochzeit ihrer Eltern, die 1936 stattfand.

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Max Laudien und Amélie Ritzerow

Max Theodor Heinrich Laudien wird am 15. Oktober 1859 als ältester Sohn des Kapellmeisters und späteren Musikdirektors Heinrich Julius Laudien und dessen Ehefrau Johanna Mathilde Bertha Ankermann in Königsberg geboren. (Hier ein Beitrag über seinen Vater: Heinrich Julius Laudien – Musikdirektor in Königsberg)

Nach Max kommen in Königsberg noch 5 weitere Geschwister zur Welt – sie alle wachsen von frühester Kindheit an mit Musik auf und so ist es nicht verwunderlich, dass sowohl Max als auch sein jüngster Bruder Hugo Laudien eine musikalische Laufbahn einschlagen. Beide werden Kapellmeister. Hugo wird leider nur 30 Jahre alt und verstirbt bereits 1899 in Elbing – Max erreicht als Kapellmeister sein 50jähriges Dienstjubiläum.

Beim Durchstöbern alter Theaterlektüre entdeckt man, dass Max Laudien an verschiedenen Theatern in unterschiedlichen Regionen engagiert war: zum Beispiel 1890 in Königsberg – 1894 am Thalia Theater in Lodz – zwischendurch in Kiel oder in Elberfeld und schließlich in Basel. Während seiner Aufenthalte in Königsberg wohnt Max Laudien bei seinen Eltern in der Lobeckstraße Nr. 15.

Bei einem seiner Engagements lernt Max Laudien vermutlich die Schauspielerin Emma Henriette Amalie Ritzerow aus Rostock kennen, die sich – möglicherweise seinetwegen – nach 10jähriger Ehe von ihrem bisherigen Ehemann, dem Kaufmann Leonhard Peter Diedrich Trusty (geboren 8.12.1859 in Reval als Sohn des Aufsehers Johann Trusty und Anna Trusty, geb. Hallmann) scheiden lässt.

Emma Henriette Amalie Ritzerow wurde am 4. September 1864 als Tochter des Translators und Dr. phil. Bernhard Christian Heinrich Ritzerow und dessen Ehefrau Friederike Maria Luise Burmeister in Rostock geboren. Großvater Johann Heinrich Ritzerow war Notar in Rostock – seine Ehefrau Sophia Maria Elisabeth Mevius stammt aus einer Güstrower Korbmacherfamilie.

Der Kapellmeister Max Laudien und die Schauspielerin Amalie Ritzerow heiraten am 17.9.1897 in Berlin.

Ein Künstlerleben wird sicherlich nicht leicht gewesen sein – diesen Eindruck bekommt man auch, wenn man die Inserate studiert, in denen damaligen Bühnenkünstlern Ratschläge erteilt werden. So wird ihnen, ’speziell solchen, deren Mittel zum Halten einer Köchin nicht ausreichen, die aber dennoch nach langer Probe ein gutes Mahl finden möchten‘ 1895 beispielsweise Peterson’s Reformkocher empfohlen! Dieser Kocher – heißt es – sei sowohl zum Kochen als auch zum Braten, Backen und Einmachen geeignet und könne ohne Küche, ohne Aufsicht und ohne Gefahr des Überlaufens oder Anbrennens verwendet werden.

Damit der anstrengende Beruf möglichst lange ausgeübt werden kann, wird den Bühnenkünstlern geraten, sich vorbeugend mit Informationen über Nerven- und Herz- und Magenkrankheiten, über die menschliche Stimme und deren Pflege zu versorgen.

Engagements des Ehepaars sind nicht immer am selben Ort möglich. 1911 finden wir die am Stadttheater Barmen engagierte Amélie Laudien – so nennt sie sich mittlerweile – am Düsseldorfer Theater als ‚Auguste von Wendlowski‚ im Schauspiel ‚Heimat‚ von Hermann Sudermann. 1913 tritt Amélie in Lübeck auf – Max ist als Kapellmeister und Chordirektor in Basel tätig.

Quelle des Theaterzettels

Die Stadt Basel wird schließlich fester Wohnort des Ehepaars Laudien – hier feiert Max Laudien 1934 seinen 75. Geburtstag und sein 50jähriges Dienstjubiläum und engagiert sich noch als Kassenwart im dortigen Stadttheater.

Im Januar 1944 versterben sowohl Max Theodor Heinrich Laudien als auch Emma Henriette Amalie Ritzerow in Basel. Ihr Grabstein befindet sich auf dem dortigen Friedhof am Hörnli.

Quelle: Find-a-Grave

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Klein Steegen zu Zeiten der Familie von Massow

Dieses kleine Büchlein von Frieda Busch trägt den Untertitel: „Ein ostpreußisches Lebensbild„. Die Erzählung basiert auf dem Tagebuch von Albertine von Bonin, geb. von Massow, die im August des Jahres 1763 als Tochter von Joachim Anthon von Massow und seiner Ehefrau auf dem Gut Klein Steegen im Kreis Pr. Eylau zur Welt kommt.

Die Arrendatorin“ – so nennt der Gutsherr Joachim Anthon von Massow auf Klein Steegen seine Ehefrau Catharina Sophie Christiane von Tettau liebevoll, als sie die Verwaltung des Gutes über längere Zeit persönlich übernimmt.

Durch diese Erzählung erhalten wir einen Einblick in das Leben auf dem Gutshof und die Bewirtschaftung des Gutes Klein Steegen zu Zeiten der Familie von Massow. Und ich selbst erfahre sogar etwas über meinen Verwandten Christian Schmidt aus Worienen!

Doch zunächst ein Blick zurück: um 1720 ist Klein Steegen im Besitz des Obristen Eberhard von Tettau, der das Gut von seinem Vater Abel von Tettau (1654-1715) übernommen hatte.

Der Familie von Tettau gehören in Natangen – auch in unmittelbarer Umgebung von Klein Steegen – eine Reihe bedeutender Güterkomplexe. Nicht weit entfernt leben zum Beispiel enge Verwandte auf dem Gut Wokellen.

„Die Wokellenschen Güter vergrößerte Abel (von Tettau) durch das am 10. Juni 1681 von ihm für 5000 fl. dazu gekaufte, am 30 Juni 1690 ihm zu adlichen Rechten verliehene Vorwerk Tapperlauken, wobei der Gesammtflächeninhalt der Güter auf 80 Hufen zu stehen kam. – Am 3. Juni 1692 erkaufte er zu Königsberg von dem Kammerherrn Hans v. Kreytzen die Klein-Steegenschen Güter . . . In Folge dieser Erwerbung war der Besitzstand Abels nachstehender: 1. im Amte Pr. Eylau 40 Hufen zu Schönwiese, 11 Hufen 22 Morgen zu Wokellen, 20 Hufen zu Woymans, 7 Hufen zu Tapperlauken oder Zipperken, 80 Hufen zu Blumstein, 6 Hufen zu KleinSteegen, zusammen 172 Hufen 22 Morgen. 2. im Amte Brandenburg 2 Hufen zu Guttenfeld sowie Wikelsdorf. Quelle: Wilhelm Johann Albert Freiherr von Tettau, Urkundliche Geschichte der Tettauschen Familie in den Zweigen Tettau und Kinsky; Berlin 1878; Seite 298

Von 1650 bis 1724 ist auch die Begüterung Worienen im Besitz der Familie von Tettau.

Johann Eberhard von Tettau ist aufgrund seines Berufs kaum anwesend. Das Gut Klein Steegen wird – wie üblich – von einem Administrator geführt – die Bewirtschaftung erfolgt durch Scharwerksbauern.

Im Gut von Klein Steegen halten sich jedoch Tettaus Ehefrau Dorothea Sophie Charlotte von Tettau, geb. von Hussen sowie seine Tochter Sophie Catharina von Tettau (*1723) auf.

Anmerkung: Hier beginnt die Erzählung – die GRAU hinterlegten Textabschnitte wurden wörtlich übernommen!

Johann Eberhard von Tettau befindet sich gerade in Schlesien, als er im Jahre 1742 folgende Nachricht seiner Tochter aus Klein Steegen erhält:

Klein Steegen, im Februar 1742 . Es ‚hat sich meine geliebte Mutter, Eure verehrungswürdige Gattin, bei dem letzten Fischzuge verkühlet. Nun liegt sie totkrank auf ihrem Schmerzenslager und bittet und erwartet sehnlichst, daß Ihr, mein theurer Vater, sogleich kommen möget, sollte unser gnädigster König Euch einen Urlaub gewähren.‘ Eure gehorsame Tochter Sophie Catharina von Tettau

Johann Eberhard v. Tettau erreicht Klein Steegen zu spät – seine Ehefrau ist bereits verstorben. Nach dem Tod der Mutter wird Sophie Catharina von Tettau Alleinerbin des Guts. Der Vater ist in Kolberg stationiert und muss dorthin zurück– Sophie kommt für einige Zeit zur Familie des Kriegsrats von Eichmann in Landsberg in Pension.

Nach seiner Pensionierung erhält der Johann Eberhard von Tettau das Gut Sandwiese in Pommern. Er verheiratet sich erneut – auch Sophie wohnt nun mit ihrem Vater und der Stiefmutter auf dem Gut Sandwiese. In Turtzig – nicht weit von Sandwiese entfernt – lebt Familie von Massow. So lernt Sophie von Tettau ihren späteren Ehemann Joachim Anthon von Massow kennen. Nach dem Tod ihres Vaters werden im Jahre 1748 Hochzeitsvorbereitungen getroffen.

Es war viel, fast zu viel, was nun alles auf Sophie einstürmte. Die Abgabe des Gutes Sandwiese, der Abschied vom Grabe des Vaters, die lange Reise, das Wiedersehen mit Klein Steegen, der Besuch am Grabe der Mutter. Und dann die Hochzeitsvorbereitungen in einem Haus, das viele Jahre in einem Dornröschenschlaf gelegen hatte. … In vier Wochen sollte alles fertig sein. Das Haus war auch wirklich recht schnell hochzeitlich hergerichtet. Etwas schwieriger war es, Keller und Speisekammer in solch kurzer Zeit mit Vorräten zu füllen. Zwei Ochsen und sechs Schweine mussten geschlachtet werden. Um all die Würste zu stopfen, zu kochen, zu räuchern, um die großen Braten zu pökeln, holte sich Sophie aus den Insthäusern die Frauen zur Hilfe. Zum Backen all der vielen, vielen Hochzeitskuchen aber kam ein Konditor aus Königsberg.

Die Verwaltung des Gutes Klein Steegen liegt um diese Zeit in den Händen von Christian Schmidt, der 1729 als Sohn des gleichnamigen Woriener Gärtenierers und späteren Arrendatoren und dessen Ehefrau Anna, geb. Gegner, zur Welt kommt. Nach seiner Eheschließung mit Catharina Dorothea Schultz – einer Tochter des damaligen Guttenfelder Pfarrers Christian Melchior Schultz – übernimmt er die Gutsleitung.

Das Gut befand sich in einem besseren Zustand, als Sophie es zu hoffen gewagt hatte. Gemeinsam mit ihrem Gatten ging sie nun immer wieder durch alle Ställe, Scheunen und Speicher und fuhr mit ihm und dem Verwalter über die Felder. Der merkte sehr bald, dass er es mit zwei durchaus sachverständigen Landwirten zu tun hatte und war froh, dass er ehrlich und anständig gewirtschaftet hatte

Das Bild stammt aus dem Büchlein ‚Die Arrendatorin‘

Nach der Hochzeit muss Sophie eine schwere Entscheidung treffen: will sie zukünftig in Klein Steegen bleiben oder mit dem Ehemann in die Garnison reisen – will sie ‚Soldatenfrau oder Gutsfrau‘ sein? Mittlerweile hatte der Zweite Schlesische Krieg begonnen. Sophie entscheidet sich dafür, ihrem Ehemann zu folgen …

Sophie Catharina von Massow wuchs auch die diese Lebensaufgabe hinein. Es war keine leichte. Lange Jahre wanderte sie mit ihrem Gatten von einem Winterquartier ins andere, von einer Garnison zur nächsten. Nirgends durfte sie sich zuhause fühlen, nirgends fest verwurzelt sein. Lange Jahre ruhelosen und oft gefahrvollen Lebens, wenn die Fronten sich verlagerten. Immer war Sophie tapfere, gütige, helfende Frau. Fünf Kindern schenkte sie das Leben, nur zwei blieben am Leben, die anderen starben wenige Stunden nach der Geburt.

Die beiden lebenden Kinder sind Sohn Ernst Julius von Massow und Tochter Antoinette von Massow. Nachdem ihr Ehemann seinen Abschied genommen hatte, kann Sophie endlich nach Steegen zurückkehren. Auch Tochter Charlotte wurde mittlerweile geboren worden und Sophie ist erneut schwanger. Wir befinden uns im August des Jahres 1763.

Im (Steegener) Garten blühten die alten Linden. An den Fenstern der niedrigen Stuben blähten sich die weißen Gardinen, die Dielen knarrten wie immer an den bestimmten Stellen. Umd Mamsellchen hatte Schmandwaffeln gebacken. Die Dorffrauen kamen und Sophie zeigte ihnen stolz und glücklich die drei Kinder und erzählte ihnen, dass das Vierte wohl kaum noch einen Monat auf sich würde warten lassen. Und Massow ging mit dem Verwalter auf den Hof und in die Ställe. …

KB Guttenfeld – 1763

Wenige Tage später setzten die Wehen bei Sophie ein. Draußen tobte ein Gewitter. Der Donner erschütterte mit seinem Grollen das ganze Haus. Ein Blitz schlug neben dem Haus in den Keller ein.

In dieser Stunde wurde das Steegener Heimatkind geboren: Albertine Sophie Tugendreich von Massow!

Mittlerweile hatte sich der alte Verwalter (Christian Schmidt) ein eigenes Grundstück gekauft. Sein Nachfolger wird Michael Reimann – im Buch seltsamerweise ‚Albert Reimann‚ genannt, der sich inzwischen verheiratet hatte. Zu Michael Reimann und seiner Ehefrau Catharina, geb. Quell bestand offenbar ein sehr freundschaftliches Verhältnis.

Mehr über Familie Reimann im Anhang!

Massows richteten ihnen eine hübsche kleine Wohnung nebem dem Gutshause ein. So konnte Frau Reimann immer noch Sophie zu Hilfe eilen, wenn ihr die Arbei beim Schlachten, Wurstmachen, beim Lichteziehen oder beim Federnreißen über den Kopf wuchs. Und als später auch Reimanns eine Kinderstube voller Lust und Leben hatten, waren immer Massows Kinder bei Reimanns zu finden oder Reimanns Kinder bei Massows.

Massow baute ein Vorwerk mit einer Ziegelei auf und nannte es Sophienhof. Er hoffte, dadurch den weit entfernt liegenden Feldern besser gerecht werden zu können. Ihnen fehlte vor allem Dung. So wurden Ochsen und Jungvieh aufs Vorwerk gebracht. Ein Hofmann pflegte im Winter die Tiere und wenn sie im Sommer auf der Weide waren, konnte der Mann die Ziegel brennen. Dieses Vorwerk wurde der Grundstein für das nun aufblühende Gut. Massow war als Landwirt genau so tüchtig wie als Soldat.

Und auch das Gutshaus in Klein Steegen wird neu gebaut.

Das Baujahr war ein schlimmes Jahr. Nur das Fundament des alten Hauses blieb teilweise stehen. Reimanns zogen in die große Schulstube und Massows in Reimanns Wohnung. Dann wurde das alte Haus bis auf die Schulstube abgebrochen und das neue Haus nach dem Plan des Meisters Bauch gebaut. Holz war schon vor zwei Jahren aus dem eigenen Wald angefahren und geschnitten worden. Zwei große Kalksteine, die auf eigenem Grund und Boden gefunden wurden, ersparten auch einige Kosten.

Arbeit und Freude – das war das Lebenslied des Steegener Hauses. Im Sommer, wenn die Tage lang und hell waren, wurden vor allen Dingen die Bettinletts gewebt, derbe Leinwand für Bettwäsche, feinere für die Leibwäsche. Selbst Herr v. Massow trug alltags einen selbstgewebten, graugesprenkelten Leinwandrock. Man nähte große Bettdecken aus Kattun, auch lernten die Mädchen die jetzt modern werdende Filethäkelei. Im Herbst kam dann die Obsternte an die Reihe. Viel davon wurde im großen Backofen, wenn die Brote fertig gebacken waren, getrocknet. Die Kinder mussten Hagebutten sammeln und rein machen. Diese wurden dann in der Sonne getrocknet, damit sie für den Tee nicht das feine Aroma verloren. … Da man das Bier selber braute, musste auch Hopfen gepflückt werden. Kam dann wieder der Winter heran, wurde der selbst gebaute Flachs geschwungen und gehechelt. Federn mussten gerissen und sortiert werden für all die vielen Aussteuerbetten der Töchter.

Die Zeit vergeht …. Ernst Julius von Massow wird Referendar in Berlin – am 13. Oktober 1773 heiratet Antoinette, die älteste Tochter, den Grafen Wilhelm Alexander von Canitz und lebt fortan auf dessen Gut in Arnau Albertine von Massow lernt ihren späteren Ehemann Friedrich Erdmann von Bonin kennen, der nach dem frühen Tod seiner Mutter gemeinsam mit seinem Bruder eine Zeit lang auf dem Gut Klein Steegen lebt. Am 3. Juni 1781 schreibt Albertine ihm:

Ich muss dir von Steegen große Veränderungen berichten. Unser Vater hatte den Pächtern unserer Vorwerke gekündigt und verhalf ihnen in seiner großzügigen Noblesse zu eigenen kleinen Besitzungen. Auch kündigte er dem Arrendator, den meine Eltern in den letzten Jahren hielten, und mit dessen Wirtschaftsberechnung sie doch niemals ganz einverstanden waren. Mein Vater übergab nun die ganze Verwaltung meiner Mutter und nennt sie nun nur noch seine ‚liebe Arrendatorin‚. Schon jetzte zeigt sich der Vorteil. Der vormalige Arrendator, welcher untertänig in den Gütern war, hatte eine Gewinnerhöhung von 40 Rth., die mein Vater jährlich von ihm forderte, für unmöglich erklärt. Meine Mutter schätzt jetzt wenigstens dreihundert Rth. bares Geld Gewinnerhöhung bei der eigenen Bearbeitung der Vorwerke. …… Leider beginnt nun ein neuer Prozeß mit dem Nachbarn. Die Prozesse der Grenzschwierigkeiten hatten wir alle gewonnen. Nun hatte der Nachbar einen Mann, der als Müller bei uns angestellt war, als Arrendator für sein Gut genommen. Dieser Müller sollte nun zween Herren dienen. Das konnte er natürlich nicht. In unserer Mühle entstanden Unordnungen. In erster Instanz verlor unser Vater den Prozeß und ging nun weiter.

Anmerkung: Zu Klein Steegen gehört die Mahlmühle in Finken im Kirchspiel Buchholz, die um diese Zeit von Johann Christoph Braun betrieben wird. Dieser wurde vom benachbarten Gutsherrn, dem Grafen von Schwerin auf Wildenhoff als Arrendator für dessen Vorwerk Stobbenbruch abgeworben.

Auch in zweiter Instanz wird der Prozess verloren – die Nachricht erhält Anton von Massow am 22. Juni (1781). In der darauf folgenden Nacht verstirbt er im Gutshaus von Klein Steegen im Alter von 74 Jahren.

1781 – Sterbeeintrag aus dem KB von Guttenfeld

Catharina Sophie Christiane von Massow, geb. von Tettau, erlebt die Hochzeit ihrer Tochter Antoinette und den frühen Tod ihrer Tochter Charlotte. Am 7. Januar 1798 verstirbt sie selbst im Alter von 73 Jahren auf dem Hof Klein Steegen. Johann Eberhard Schulz, der damalige Pfarrer von Guttenfeld, notiert im Kirchenbuch:

den 7ten Januari 1798 um 4 Uhr Nachmittags erfolgte
an einer Entkräftung das Ableben der verwitt-
weten Frau Obristin Catharina Sophia von Massow,
gebohrere von Tettau, Erbfrau auf Klein Steegen,
im 74ten Jahre ihres Alters, deren entseelte
Gebeine den 29ten Januari in das an die
Kirche gebaute Gewölbe zur Ruhe gebracht wurde.

Nach ihrem Tod übernimmt zunächst Sohn Ernst Julius von Massow das Gut Klein Steegen, verkauft es allerdings schon bald an den Memeler Stadtrat und Lehnsherrn der Eichholzschen Güter Gottfried Krieger. Dieser verstirbt am 20. März 1812 auf seiner Rückreise von Klein Steegen nach Memel in Königsberg.

Zu Familie Reimann

Als Michael Reimann und Catharina Quell am 3. Juni des Jahres 1763 in der Kirche von Guttenfeld die Ehe schließen, ist Michael Reimann bereits ‚Cammerdiener bey (der) Hochadl(igen) Herrschaft‘ in Klein Steegen.

Von 1763 bis 1777 kommen in Klein Steegen ihre 7 Kinder zur Welt. Catharina Reimann, geb. Quell verstirbt am 10. September 1785.

Im nachfolgenden Jahr – am 25. Oktober 1785 – heiratet Michael Reimann erneut. Im Kirchenbuch von Guttenfeld ist zu lesen: ‚Den 25.ten October ist copulirt der Wittwer Herr Michael Reimann Administrator in Steegen im 51. Jahr mit Jgfr Catharina Elisabeth Schmidtmannin von 26 Jahr‘.

Catharina Elisabeth Schmidtmann bringt in Klein Steegen 6 weitere Reimann-Kinder zur Welt. Im Taufeintrag der Tochter Dorothea Elisabeth Reimann, die am 11.2.1800 geboren wird, wird Michael Reimann als ‚Eigenthümer in Guttenfeld‚ bezeichnet. Er verstirbt am 8. Oktober des Jahres 1807.

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Nachrichten aus Ponarth

Zwei Mitglieder meiner Vorfahren-Familien – aus Familie Ankermann und Familie Steinort – heiraten zu unterschiedlichen Zeiten in die Ponarther Schulzen-Familie Lemke (frühere Schreibweisen Lemcke – Lembke) ein. Deshalb habe ich mich während der vergangenen Tage ein wenig intensiver mit dieser Familie beschäftigt.

Ponarth – Schiefferdeckers Eisenbahnschlösschen – Quelle: Brauer im Osten

Pfarrer Anton Wormit – der letzte Pfarrer der Haberberger Gemeinde in Königsberg, zu der auch die Bewohner von Ponarth (die meiste Zeit über) gehören – hat einige hilfreiche Namensregister der Kirchenbücher erstellt – u.a. ein ‚Alphabetisches Taufregister‘ aus der Zeit von 1601 bis 1670, das er allen Familienforschern ‚mit der Mahnung zu vorsichtigem Gebrauch‘ widmet.

Ich habe diese Register benutzt und einiges über Familie Lemke herausfinden können, aber nun gebe ich auf – mein Kopf schwirrt von all den Lemckes, die in der Kirche auf dem Haberberg getauft werden und dort heiraten! Natürlich nicht nur aus dieser Schulzen-Familie – der Name Lemke kommt ziemlich häufig vor!

Alle anderen Informationen zur Geschichte des Dorfes und zur Familie Lemke stammen aus diesem Buch von Ernst Hartmann. Es wurde digitalisiert und ist hier zu finden!

Ernst Hartmann – Die Geschichte des Dorfes Ponarth bei Königsberg

Vorweg dies: nach der Reformation gehören die Bewohner des Dorfes Ponarth – neben Seligenfeld, Schönfließ, Speichersdorf und Aweyden – zum Kirchspiel Seligenfeld (Seeligenfeld). Die Ponarther wehren sich mehrfach gegen diese Zugehörigkeit – die große Entfernung und der mühsame Weg machen ihnen zu schaffen. Der Weg von Ponarth nach Seligenfeld sei beschwerlich und nicht ohne Lebensgefahr.

Auf dieser Karte sieht man, dass vom Dorf Ponarth nach Seligenfeld ein ziemlich weiter Weg zurückgelegt werden muss!

Die Pfarrer von Seligenfeld beschweren sich immer wieder über ‚der Pönarther halsstarrige Widerspenstigkeit‘: die Ponarther seien verpflichtet, für die Kirche zu scharwerken, würden aber nicht erscheinen. Doch auch die Pfarrer von Seligenfeld werden von der Landesherrschaft ermahnt – es wird ihnen u.a. vorgeworfen, sie seien ausschließlich an den Abgaben der Ponarther interessiert, um ihre persönlichen Einnahmen zu vergrößern.

Die Auseinandersetzungen gehen hin und her – detailliert ist das ganze ‚Theater‚ in der o.g. Geschichte von Ponarth nachzulesen. Irgendwann einigt man sich: die Ponarther Bewohner dürfen wunschgemäß bei der Haberberger Kirche bleiben – kirchliche Abgaben müssen sie jedoch über lange Zeit weiterhin an die Kirche von Seligenfeld zahlen.

Quelle: Wikimedia

Für die Familienforschung bedeutet dieses Hin und Her: aufgrund dieser engen Verbindung beider Kirchspiele macht es Sinn, bei Recherchen nach Ponarther Bewohnern bzw. Bewohnern des Seligenfelder Kirchspiels sowohl im Kirchenbuch von Seligenfeld als auch im Kirchenbuch der Haberberger Gemeinde zu stöbern!

Im Jahre 1600 wird Ponarth von der Landesherrschaft der Stadt Löbenicht als Kämmereidorf übergeben. An der Spitze des Dorfes steht der Schulze – er ist der Landesregierung und dem Rat von Löbenicht verantwortlich. Das Amt vererbt sich normalerweise auf den ältesten Sohn – falls dieser beim Ableben des Vaters noch unmündig ist, wird das Amt zwischenzeitlich von einem Interimsschulzen ausgeübt.

Abfolge der Ponarther Schulzen:

  1. Caspar Lemcke + nach 1613
  2. Jacob, des Schulzen Sohn oo 1603 Elisabeth, Witwe von Andreas Hermans (Germans?)
  3. Albrecht Lemcke, Jacobs Sohn
  4. Friedrich Lemcke +um 1675 – seine Witwe Dorothea oo Michel Kunter, der das Schulzenamt zwischenzeitlich übernimmt. Er stirbt 1698
  5. es folgen Friedrichs Söhne Albrecht u. Friedrich
KB Haberberg 1603

Der Löbenichter Rat erteilt das Schulzenamt Friedrichs zweitältestem Sohn Albrecht – Friedrich, der älteste, sei nicht geeignet ‚er habe albereits über 27 Jahr von dem Land-Leben sich abgegeben‘, denn die Eltern gaben ihn im 16. Lebensjahr zu einem Bäcker auf dem Steindamm und später zu einem Fleischer in die Lehre, denen er aber mehrmals entlaufen sei. Dann habe er Rotgerber gelernt und ‚verschiedene Jahre auf sein Handwerk gereyset‘, bis er Meister auf dem Sackheim wurde. Neben der Rotgerberei habe er ‚bald durchs Brandwein-Brennen sein Brod gesuchet, bald das Grützemachen vorgenommen. Das Haus, das er sich auf dem Sackheim für 200 Floren gekauft habe, sei … bereits mit 3600 Floren Schulden beschwert.‘ (nach Ernst Hartmann)

Friedrich Lemke lässt es auf einen Prozess ankommen und bittet die Regierung am 21.April 1704, ihm einen Advocaten zur Hand zu geben. Oberburggraf, Kanzler u. Obermarschall willigen ein und befehlen, den Schulzensohn vor Gericht zu hören und ‚nach Recht zu verfahren‘. Er erhält den Advocaten Nagel zugesprochen, der ihm die erforderlichen Dokumente besorgt – die Schulzenhandfeste von 1328!

Gegen Ende des Prozesses reichen die Ponarther noch das Original eines 1680 ausgestellten Geburtsbriefes für Friedrich ein, durch den der Rat Löbenicht mit Unterschrift und Sigel beurkundet hatte, dass der ‚Ehrbare Friedrich Lembke‘ aus reinem und unbefleckten Ehebette stamme und ‚niemandem mit Leibeigenschafft verbunden und also freyer deutscher Arth und Zungen an diese Welt gebohren sei‘. Peter und Hans Schultz hätten mit entblößten Häuptern, erhobenen Armen und aufgerichteten Fingern‚ seine Abkunft von Friedrich Lemke sen. beschworen.

Friedrich Lemke gewinnt den Prozess, Albrecht wird abgesetzt und Friedrich wird Schulze von Ponarth. Entscheidend für den Ausgang des Prozesses war sicherlich auch, dass sich Albrecht, der bis dahin die Schulzengeschäfte geführt hatte, inzwischen aufgrund seines pietätlosen Verhaltens der Mutter gegenüber die Sympathie des Löbenichter Rats verscherzt hatte. Am Bußtage des Jahres 1704 war er vor die Mutter getreten, um ihr das ‚Scharwerk selbsten anzusagen‘. Er hatte ihr eine Strafe von 20 Mark angedroht, wenn sie die von ihm angeordneten Holzfuhren nicht leisten würde. Albrechts Mutter weigerte sich, da sie – laut Verschreibung des Schulzenguts – kein Scharwerk verrichten müsse. Daraufhin nimmt ihr ein Stadtdiener einen großen kupfernen Kessel von 3/4 Tonnen. Witwe Lemke wendet sich mit einem Brief an den König und der Kessel wird ihr wieder ausgehändigt!

Bis um 1748 bleibt die männliche Linie der Lemke durch Erbrecht im Besitz der Schulzenwürde – 1734 wird Gottfried Lemke als Schulz genannt.

Ausschnitt aus dem Buch von Ernst Hartmann – 1734

Gottfried Lemke verstirbt im Jahre 1751 – als neuer Schulz wird Heinrich Korsch vorgeschlagen, der das Schulzenamt bereits einige Jahre langausgeübt hatte. Der Magistrat wählt jedoch Michael Korsch, Heinrichs Bruder, der mit einer Enkelin des Schulzen Albrecht Lemke verheiratet ist.

Am 14.4.1751 wird Michael Korsch als neuer Schulz bestätigt. Er übt das Amt fast 10 Jahre aus, dann verstirbt er. Die Witwe bittet um einen Assistenten, bis ihre Kinder erwachsen seinen – die Schulzenwürde müsse ja in der Familie Lemke bleiben! (Die Witwe ist Anna Dorothea Dannenberg, eine Tochter von Michael Dannenberg, Eigentümer u. Schulz im Nassen Garten und Ehefrau Catharina Dorothea Lemcke).

Das Schulzenamt übernimmt nun der 24jährige Lorenz Steinort, indem er 1778 die Witwe Anna Dorothea Korsch, geb. Dannenberg, ehelicht. Nach ihrem Tod im Jahre 1788 heiratet Lorenz Steinort in 2. Ehe Eleonora Dorothea Matz, eine Tochter des Ponarther Kölmers Christian Heinrich Matz. Noch 1830 wird Lorenz Steinort als Schulz in Ponarth genannt.

Heiratseinträge aus dem Haberberger Kirchenbuch

KB Haberberg 1693 – Michael Steinorth, bishero gewesener Schultheiß in Schönflies, de seel Peter Stein-Orth, gleichfals Schultzen in Schönfließ hinterlaßener Sohn, welcher sich auch daselbst aufhelt, mit Frau Anna Seel. Michael Korschen, gewesenen Mitnachbahrn u. Ackermanns in Pennart hinterlaßene Wittibe.
KB Haberberg 1693 – Albrecht Lemcke, ein junger Gesell, Friedrich Lemcke, bestelltem Schulzen zu Penarth Eheleibl. Sohn, mit Frau Catharina, Seel. Albrecht Korschen, Einwohners u. Mitnachbars zu Penarth nachgelaßene Witwe
KB Haberberg – 1697/36 Christoph Lemcke, Christoph Lemcken, Einwohners u. Mitnachbahrs zu Ponarth ehel Sohn mit J. Elisabeth, seel. Peter Maacken, gewesenen Flachsbinders nachgel. eheliche itzo Christoph Dannenbergs, Schalknechts liebe Pflegetochter
KB Haberberg 1699 – Michael Steinort, Cöllmischer Erbsaß zu Penath, mit J. Maria, Seel. Christoph Lemcke, auch gewesenen Cöllmischer Erbsaßen zu Penarth nachgelaßene ehel. Tochter hir copuliret Dnica 13. p. Trinit.
KB Lichtenhagen – Michael Lemcke, ein junger Gesell, seel. Christoph Lemcken, gewesenen cöllm. Erbsaßen in Penart nachgel. ehel. Sohn, mit J. Barbara, Michael Schlichten, geschwornen Schultheißen in Lichtenhagen eheleibl. Tochter, cop. den 10. October 1707 in Lichtenhagen
KB Haberberg 1707 – Michael Korsch, ein junger Gesell, Seel. Michael Korschen, Cöllm. Erbsaßen in Penarth nachgelaßener ehel., ietzo Michael Steinorths, ebenso Cöllm. Erbsaßen daselbst lieber Pflege Sohn, mit J. Maria, Seel. Jann Henrichs, Eigenthümers u. Mitnachbahrs zu Schwansdorff im Marienburgschen Werder nachgel. Ehel. ietzo Martin Gruse, auch Eigenthümer u. Einwohner daselbs liebe Pflegetocher d. 6. Octobert à me copulati.
KB Haberberg 1715 – Peter Lemcke, ein junger Gesell, seel. Christoph Lemcken, Cöllm. Erbsaßen in Penartehn eheleibl. Sohn, mit J. Anna, Michael Steinorthen, auch Cöllmischen Erbsaßen daselbst eheleibl Tochter
KB Haberberg 1718 – Albrecht Lemcke, Sohn v. Albrecht, Cöllm. Schulzen oo Catharina Elisabeth Richau, To von Christian Richau, Freicöllmer in Legnitten; Gerichtsgeschworener
KB Haberberg 1718: Gottfried Lemcke, Sohn v. Albrecht, Cöllm. Schulzen oo Maria Roß, To von Christoph R., Freicöllmer in Patersort
KB Haberberg 1720 – Friedrich Lembke, Schaalbelehnter im Kneiphof, Albrecht Lembken, gewesenen Freyschultzen in Pennart, mit Frau Anna, Martin Brauers, gewes. Schaalbelehnten hinterl. Witwe
KB Haberberg 1720 – Meister Johann Neumann, Festbäcker in unserer Vorstadt, Mr Christoph Neumanns, Bürger u. Festbäcker daselbst, mit J. Maria Lembke, Albrecht Lembke, Frey Schultz in Pennart ehel. Tochter
KB Haberberg 1727 – Christian Lemcke, Albrecht Lemcken, Schultzen von Pennnart eheleibl. Sohn, mit Fr. Anna, seel. Greger Rudloffs?, Eigenthümers v. Nassengarten nachgel. Witwe
KB Haberberg 1730 – Gottfried Lemcke, Schultz in Ponarth mit J. Dorothea, Martin Jester, Cöllmischen Freien in Preußisch Bahnau ehel Tochter
KB Haberberg 1751 – Jacob Anckermann, Cöllmischer Erbsaaß in Pinnarth (= Ponarth) mit Jungfer Regina Lemckin d. 9. Juny 1751
KB Haberberg 1769 – Michael Korsch, Eigent. und Schult in Ponarten, annoch Junggesell, 27, mit Jgfr. Anna Dorothea Dannenbergin, 23, auf Königl. Concession zu Hause copuliret d. 3ten Juli
KB Haberberg 1777 – Heinrich Korsch, Eigenth. u. Junggesell (in Ponarth), 29, ist nach vorgezeigtem ordentlichen Abschiede v. H. General Major u. ? von Anhalt mit seiner Braut Maria Lovisa geb. Kleinin, 25, d. 7. Nov. cop.
KB Haberberg 1778 – Lorentz Steinorth, ein Junggesell u. zukünftiger Cöllmer u. Schultz (in Ponarth), 24, mit Frau Anna Dorothea Korschin, 30. (= Anna Dorothea Dannenberg, Tochter von Michael Dannenberg, Eigentümer u. Schulz im Nassen Garten u. Catharina Dorothea Lemcke) – s.o

Weitere Beiträge zu Ponarth:

Eine Dorfordnung (Willkür) aus dem Jahre 1537

Die kölmischen Gutsbesitzer in Ponarth

‚Ich verbiete jede Collation‘ – Ponarth 1809

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Eine preußische Kleiderordnung – Königsberg 1633

Ich möchte immer möglichst viel über die Lebensumstände meiner Vorfahren wissen und stelle mir deshalb eine Reihe von Fragen:

  • Welche Ereignisse mögen ihr Leben besonders beeinflusst haben?
  • Welchen Nöten und Misständen waren sie ausgesetzt?
  • Wovon haben sie sich ernährt?
  • Worüber konnten sie sich freuen?
  • und vieles mehr …

Ich stelle mir aber auch vor, wie sie wohl ausgesehen haben mögen.

Ähnelten meine prußischen Ahnen – die Tolkmitts, Söcknicks und Politts – diesem Herrn, der heutzutage in der Marienburg ausgestellt wird und angeblich das Bild eines prußischen Bauern verkörpert ….?

Oder ähnelten sie der des Historikers Christoph Hartknoch (1644-1687) in seinem Buch ‚Alt- und Neues Preußen‘ gezeichneten Person?

Seit Beginn des 17. Jahrhunderts findet man in vielen preußischen Regionen Kleiderordnungen, die genauestens vorschreiben, welche Kleidungsstücke den Bewohnern zu tragen gestattet und welche ihnen verboten sind. Ziel ist vor allem, die Stände in ihrem äußerlichen Erscheinungsbild deutlich voneinander abzugrenzen. Die folgende Gesinde- und Kleiderordnung wurde im Jahre 1633 in Königsberg veröffentlicht. (Man findet sie hier!)

Es werden strikte Vorschriften erlassen – Dienstmädchen in den Städten wird das Tragen von ‚abgesatzten Schuen‘, ‚Sammet und Seiden‘ oder das Einflechten fremder Haare bei Strafe untersagt. Zur Begründung wird angemerkt: ‚Da die Dienstmägde mit Tragung der verbottenen Zöpffe, als auch seiden Flor umb den Halß, sich würden herfür thun, sollen ihnen die Zöpffe und Flor, von den Häuptern in ihrer Frawen Häusern, genommen werden. Dienstmädchen auf den Höfen sind ‚sammete Börtchen‚ dagegen erlaubt. Für Freie, Schulzen und Krüger und deren Familienmitglieder gelten andere Gesetze – sie dürfen beispielsweise silberne Knöpfe oder Gürtel tragen!

Bei diesen Vorfschriften geht es sowohl um die Materialien, aus denen die der Bekleidung hergestellt werden darf – aber auch um Verzierungen oder die Verwendung bestimmter Farben. So wird den niederen Ständen nur gestattet, inländische Stoffe wie Leinen, Hanf oder Wolle zu verarbeiten – höhere Stände dagegen dürfen auch Kleidung aus importierter Seide tragen. Die Farbe Blau, deren Herstellung besonders kostspielig ist, bleibt dem Adel vorbehalten.

Auf dem Lande werden die Pfarrer angewiesen, die Einhaltung der Kleiderordnung zu überwachen und niemanden zu trauen, der dagegen verstößt – in Städten kontrollieren die jeweiligen Obrigkeiten. Verstöße gegen die Kleiderordnung werden streng bestraft.

Von Gesind- unnd Kleider Ordnung, auch von Annehmung unnd Belohnung der Dienstboten, Arbeiter und Taglöhner, Item, von Werbung unnd Entlauffung der Unterthanen im Hertzogthum Oreussen, revidiret auffm öffentlichen Landtage zu Königsberg, Anno 1633.

Von der Gesind Kleider Ordnung

Cap. I

Also wird es wegen der Kleider Ordnung dahin gestellet, daß bey Freyen, Schultzen, Krügern und dero Weibern, Söhnen unnd Töchtern alle seidene Gezeug durchauß verboten, Lündisch Tuch aber, doch die Ele höher nicht als zu fünff Marck, wie auch silberne Gürtel, silberne Knöpffe, Paternoster, Spangen und dergleichen alles unvergüldet ihnen zu tragen hiemit zugelassen seyn sol.

Ebenmessig wird den Pawren, dero Weibern, Söhnen unnd Töchtern, ohnen allen unterscheidt, kein Seiden Gezeug verstattet, sondern es sollen sich dieselben in gemein Inländisch Preusch Tuch, oder die Knechte in Semisch zu kleiden schuldig seyn. Daneben wird ihnen, gleich der Freyen, Schultzen und Krüger Weiber, Söhnen und Töchtern, silberne Gürtel, und was oben specificiret, an ihrem Leibe zu tragen, hiemit nachgegeben.

Den Dienstmägden in Städten, sol Sammet und Seiden, Adlassen Zöpffe, auch grosse eingeflochtene frembde Haar verboten sey, Kartecken Zöpffe aber, und höher nicht, mögen sie tragen, Und da die Dienstmägde mit Tragung der verbottenen Zöpffe, als auch seiden Flor umb den Halß, sich würden herfür thun, sollen ihnen die Zöpffe und Flor, von den Häuptern in ihrer Frawen Häusern, genommen werden. Also soll ihnen auch allerley seiden Gewandt zu Schauben und Kragen verbotten seyn, sondern ein schlecht Grobgrün zur Schrauben, und Gewandt zu Röcken, unnd über 4 oder 5 Marck nicht werth, doch ungebremet, zu Kragen aber gemein Tripp, Hundeskoth, Grobgrün1 und was darunter, ohne samete Gebreme2, soll ihnen zu tragen frey seyn. Doch soll keine einige Dienstmagd Wollen oder Rechtsammete Korcken tragen, bey verlust der Korcken, und straff des Thurms. Item, Brillen, und auch abgesatzte, und Korduanische Schue sollen ihnen auch verbotten seyn.

Auffm Lande aber in Höfen, bey den Freyen, Krügern, Schultzen und Pawren, wird den Dienstknechten, Jungen und Mägden, zu ihrer Kleidung ein mehrers nicht gestattet, als Leder, Barchen, Leinwandt, und allerley gemein Tuch, so dieser Orthe gemachet wird, Und wird ihnen hieneben verboten, allerhand verbremete Kleidung, sampt allen seidenen Wahren, gestrickte Strümpffe, Mardern Mützen, Korck Schuhe, neben allem, was ihrem Stande zuwieder ist, bey verlust der Kleider, doch, was wol verdiente Hofleute, Knecht und Mägde in Höfen seyn, ist denselben ein ehrlich Kleyd von Lündischen Tuche, die Ele zu dreyssig Groschen Polnisch, wol zu zulassen, Inmasen auch den Dienst Mägden Sammete Börtchen auff dem Lande, zu tragen, sol unverboten seyn.

Weil auch in wenigen, und kurtzen Jahren, die grosse Gekröse3 an den weissen Kragen, sehr eingerissen, so sol allen Dienstmägden, Ammen, Warts– und Dienstweibern, die grosse Gekröse von vielen Schrotten4, und thewren vornehmen Leinwandt, gänzlich verbotten seyn, sondern schlechte Gekröse, oder umbschlagende Koller5, von zehen groschen werth, ohne Nehewerck und Krönichen, mögen sie tragen. Welche Magd, Amme, Warts- und Dienstweib aber über das geschehene verwarnen, mit einem grossen, oder auch blaw gefärbten Gekröse, oder gekröneten blawen Haube, dieser Ordnung zuwieder betroffen wird, dieselbe sol gestraffet, unnd ihr das Gekröse unnd Haube genommen werden.

Der Freyen; Schultzen, Krüger und Pawren Weiber und Töchter sollen keine seidene Mützen tragen, sondern allein von Tripp und Grobgrün, sonsten sol ihnen Zobeln oder Mardern Breme auff Mützen oder Peltzen hiemit gesetzlich verboten seyn.

Es sol bey allen Kirchen, von aller Obrigkeit auff solche Kleider Ordnung fleissig Auffsicht gepflogen werden, daß niemand solche überschreite, und wer sich dawieder zu handeln unterstehen würde, dem sollen die Kleider hinweg genommen werden. Und da jemandt Herren- oder Adelstandes, bey seiner Kirchen und Gerichten, die Auffsicht nicht pflegen wolte, so sol der Hauptmann des Orts, wanns ihme angezeiget, in derselben Herren, oder Edelmanns Gerichten zu exequiren schuldig seyn, bey Poen zwantzig Gulden Ungr. Eylig zu erlegen, wann ers auff ersuchen sich zu thun verweigert. Es sollen auch die Prediger solche Leute, so wieder diese Kleider-Ordnung handeln, nicht zusammen Träwen (trauen), bis sie sich der Ordnung untergeben, bey straff zwantzig Marck, welche ihnen von ihrer Besoldung zu kürtzen, so offt sie verbrechen. Bey den Städten aber sol die Execution, durch die verordnete Obrigkeit jedes Ortes, bey der Oberherrschafft geschehen.

  • 1Verschiedene Gewebe – Mischung aus Leinen, Wolle u. Seide
  • 2Randbesatz, Schmuck an Kleidungsstücken
  • 3Kragen, der aus vielen krausen Falten besteht
  • 4Falten
  • 5Kragen
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Änderung meines ‚Ahnen-Projekts‘

Eigentlich war ich mit dem ersten Band meines neuen Projekts – ausgehend von meinen beiden Großvätern und beiden Großmüttern sämtliche Forschungsergebnisse dieser 4 Linien zusammenzutragen und zu jeweils einem Buch zusammenzufassen – fast fertig. Am schwierigsten war es, einen sinnvollen Aufbau zu finden! Die 1. Version habe ich inzwischen verworfen und das gesamte Konzept geändert.

Dies ist ein Teil des Inhaltsverzeichnisses der 1. Version:

Ich hatte versucht, die Kekule-Nummerierung einzuhalten (mein Großvater als Nr. 1) und aus allen mir bekannten Informationen über jeden einzelnen Ahnen eine Biographie zu erstellen. Bei einigen Personen gelingt das gut, da ich auf Unterlagen wie Testamente oder Verträge zurückgreifen kann. Von anderen Ahnen weiß ich wenig und kann kaum mehr als Tauf-, Heirats- und Sterbedatum nennen. Das sah dann etwa so aus:

Immer wieder hatte ich beim Durchlesen das Empfinden, dass es nicht besonders interessant ist, diese Zusammenstellung zu lesen.

Das Problem bei diesem Format war vor allem: der Zusammenhang der Familien ging verloren – ich konnte gar nicht richtig ‚erzählen‘. Wenn ich beispielsweise über das Leben eines Ehepaars berichtete, hätte ich gern weiter erzählt: über den Werdegang der Kindern – das Leben der Enkelkinder …. Das war bei diesem Aufbau nicht möglich. Informationen über Kinder und Enkelkinder einer Familie erhielt man erst viele Seiten später – man musste ständig hin- und her blättern, wenn man Näheres erfahren wollte.

Da ich auch historische Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Lebensweg meiner Vorfahren einbeziehen wollte, die einzelnen Familien jedoch zur selben Zeit in unterschiedlichen Regionen lebten, bestand eine weitere Herausforderung darin, einen Weg zu finden, um diese historischen Ereignisse nicht andauernd wiederholen zu müssen. Beispiel: zur Zeit der Napoleonischen Kriege wohnt meine Gegner Familie in der Nähe von Landsberg – meine Borm-Vorfahren jedoch halten sich in der Nähe von Goldap auf. Beide Familien erleben ähnliche Missstände, von denen an unterschiedlichen Stellen berichtet wird.

Mittlerweile habe ich das gesamte Konzept verändert. Ich beginne mit meinen prußischen Vorfahren, die vermutlich bereits vor Ankunft der Ordensritter in Ostpreußen ansässig waren. Ich versuche, die Chronologie der Familien beizubehalten, springe jedoch – wenn es sich aufgrund der Lebensumstände anbietet – von Zeit zu Zeit zu einer anderen Familie bzw. in eine andere Region.

Eine ausführliche Schilderung des Lebens meines Großvaters befindet sich nun am Ende des Buches, denn er ist die letzte Person, die noch in Ostpreußen zur Welt kommt. Anschließend folgt noch eine Zusammenstellung seiner gesamten Vorfahren. Personen, von denen ich kaum mehr als ihr Tauf-, Heirats- und Sterbedatum nennen kann, tauchen nur noch in dieser Zusammenstellung auf.

Bei allen Vorfahren werden sämtliche Kinder genannt.

Den Abschluss bildet dann ein Bericht über den heutigen Zustand der Orte meiner Ahnen und über das, was aus ehemaliger Zeit noch zu besichtigen ist.

Nun bin ich mit dem Aufbau ganz zufrieden und kann weiterschreiben!

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Übergabevertrag – Kissitten Pr. Eylau 1715

Neben meinem Vorfahren Heinrich Ankermann gehört auch Christoph Zipper um 1700 zu den Kirchbauern des Kirchspiels Kreuzburg.

Heinrich Ankermann bewohnt mit seiner Familie die zur Kreuzburger Kirche gehörenden Kirchenhufen in Krücken Christoph Zipper ist Kirchbauer in Kissitten.

Im April des Jahres 1714 verstirbt Christoph Zipper und seine Witwe Elisabeh, geborene Hensel – eine Tochter des Freien Michael Hensel aus Sollau – bleibt mit einer Reihe von Kindern zurück, von denen die meisten noch unmündig sind.

Nach dem Tod ihres Ehemanns plant die Witwe Elisabeth Zipper, geb. Hensel, sich an den Kirchenhübner Christoph Schönmohr aus Lewitten zu verheiraten.

Zuvor muss jedoch – auf Befehl des Hauptmanns von Osten auf Kissitten – für die Versorgung ihrer Kinder auf erster Ehe gesorgt werden. Von 1691 bis zum Jahre 1713 hat Elisabeth hat insgesamt 9 Kinder zur Welt gebracht, von denen 1715 noch am Leben sind:

  • Peter Zipper, 19 Jahre alt
  • Christoph Zipper, 14 Jahre alt
  • Regina Zipper, 11 Jahre alt
  • Leonora Dorothea Zipper, 5 Jahre alt (laut Taufeintrag Helena Dorothea) und
  • Maria Zipper, die bereits mit dem Kreuzburger Riemer Gottfried Liedtke verehelicht ist.

Zu den Vormündern der minorennen Kinder wird mein Vorfahre Heinrich Ankermann, Kirchenhübner zu Krücken, bestellt – gemeinsam mit Jacob Samland aus Moritten

Christoph Schönmohr übernimmt die Kirchenhuben seines Vorgängers in Kissitten. Am 14.2.1715 wird ihm ‚auf des Herrn Haubtmann Befehl‘ vom Amtsschreiber und dem Landgeschworenen Hans Zimmermann aus Tiefenthal – im Beisein der Kreuzburger Kirchenvorsteher Hans Gamrad und Christoph Soplitt der Besatz dieser Kirchenhufen übergeben. Dazu gehören:

  • eine Reihe von Tieren: 8 Pferde – 4 Kühe – 2 Ochsen – 5 Schafe – 8 Schweine und 8 Gänse
  • Werkzeug und Hausgerät wie Mistforken und Holzäxte, 1 Beil
  • 2 Wagen, 2 Schlitten – ein beschlagener und ein unbeschlagener
  • ein alter Tisch in der Stube
  • ein Unter– und ein Oberbett sowie „Pfühl vors Gesinde“ (Kissen für die Bediensteten).

Auch das vorhandene Getreide wird Christoph Schönmohr offiziell übergeben, und zwar:

  • 12 Scheffel Korn ‚über Winter ausgesäet‘
  • 12 Scheffel ‚Brodtkorn
  • 20 Scheffel Gerste
  • 30 Scheffel Saathafer
  • 2 Scheffel Saaterbsen und ein Scheffel Leinsamen

Zudem gibt die Witwe ‚an Eydes statt‘ auch die im Haushalt vorhandene ‚Baarschafft‘ an, wozu 2 ‚doppelte holländische Ducaten‘ und 2 ‚Creutz Thaler‘ gehören.

Nach der Eheschließung lebt Elisabeth, geb. Hensel als Ehefrau des Kirchhübners Christoph Schönmohr mit ihren Kinder aus erster Ehe in Kisstten, wo sie am 2. März 1757 im Alter von 80 Jahren und 10 Monaten verstirbt. Christoph Schönmohr wird 79 Jahre alt und stirbt am 28.7.1767.

Der o.a. Peter Zipper – geboren 1694 in Kissitten – heiratet am 22. Oktober 1738 in Klein Dexen – in dritter Ehe meine Vorfahrin Dorothea Kebbe, nachdem diese in Pompicken ihren Ehemann Martin Reuter verloren hatte.

Regina Zipper – Peters Schwester, geb. 1702 in Kissitten, wird 1725 in Klein Dexen die Ehefrau des Witwers Michael Braxein, Schulz von Pompicken.

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Haar-Entfernung in Königsberg im Jahre 1743

Dieses Inserat fand ich in den ‚Frag- und Anzeigungs-Nachrichten‚, die in der Mitte des 18. Jahrhunderts wöchentlich in Königsberg erschienen – hier kann man die noch vorhandenen Exemplare duchblättern!

Bey Herrn George Friedrich Horn auf der Altstädtschen Holtzwiese in der andern Straße rechter Hand, ist von der überaus schönen Haar-Salbe in gantzen und halben Stangen noch zu bekommen, welche alle Haare aus dem Gesichte und anderen Orten, die einem Menschen verunzieren, wie auch Mähler, die mit Haaren bewachsen und deswegen übel aussehen, können mit dieser Salbe davon befreyet werden.

Man kan sich die schönste Scheitel nach seinem Belieben damit machen, und ist nur nöthig, das Ende der Stangen bey einem Lichte so weit zu erwärmen, daß die Salbe davon zu fließen anfängt, alsdann nimt man das Geschmoltzene mit der Spitze des Fingers, wenn die Wärme davon erträglich gefunden wird, so bestreicht man damit den Ort, wo die Haare stehen, so dick als man ein Pflaster zu streichen pfleget, drücket es mit dem Finger etwas an, und läßts kalt werden, so kan man das bestrichene mit den Nägeln und den Fingern fassen und sambt den Haaren in gantzen Stücken wie ein Pflaster herunter ziehen, weil auch die Wurtzeln der Haare mit ausgezogen werden, so wachsen solche niehmals wieder, sondern die Stelle bleibt gantz rein und glat.

Personen, die keinen Bart haben wollen, können ihn auf diese Art mit einem mahl auf die Zeit ihres Lebens los werden.

Sind die Haare(,) die weggenommen sollen werden, lang, so schneidet man solche so kurtz ab, daß sie nicht höher bleiben, als die Dicke des kleinen Fingers betragen, und bestreicht alsdann die Stelle.

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