Denunziation des Müllers von Neuhausen – 1760

Während mein Vorfahre Johann Wilhelm Hellwich die Mühlen von Groß Steegen und Liebnicken bei Canditten im Kreis Preußisch Eylau betreibt, übt Johann Krumpholtz das Müllergewerbe in Neuhausen im Samland aus. Im Dezember 1755 übernimmt er die dortige Mühle in Erbpacht.

Im Mai 1760 kommt es in Königsberg zu einem Prozess gegen Johann Krumpholtz und seine Ehefrau Anna Christina geb. Kratzer. Der Müllergesell Gottfried Schachner (Schaackner), der 1758 und 1759 jeweils für einige Zeit in der Neuhauser Mühle angestellt war, beschuldigt seinen ehemaligen Dienstherrn des Diebstahls und der Defraudation (Steuer- oder Abgabenhinterziehung) .

Die gesamte Acte ist hier einzusehen!

Derartige Anschuldigungen kommen im Müllergewerbe immer mal wieder vor, weshalb der Beruf zeitweise zu den ‚unehrlichen‘ Berufen gezählt wird.

Im Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit galt das Müllergewerbe als anrüchig und „ehrlos“. In der Frühen Neuzeit wurde es vielerorts zu den „unehrlichen“ Berufen gezählt. Oft wurden den Müllern Betrügereien nachgesagt, insbesondere in ihrem Kundenkreis, dem Bauernstand. So karikiert Geoffrey Chaucer im Prolog der Canterbury Tales einen Müller: „Ein Schwadronierer war er und Possenreisser, der alle üblen Schliche seines Handwerks kannte, der wohl wusste, wie man Korn unbemerkt beiseite schafft, wie man mit sicherer Hand den Wert des Korns bemisst und dann die Metzen dreimal nimmt.“ (Wikipedia)

Gottfried Schachner sagt vor Gericht aus, ihm sei befohlen worden, vom Getreide der Mahlgäste täglich 1 Scheffel Futterschrot und wöchentlich 1 Scheffel Brotmehl zur Haushaltung des Müllers zu entnehmen. Auch vom Malz und Branntweinschrot habe er jeweils 1 Scheffel abgezweigen müssen. Bei Abwesenheit des Müllers habe seine Ehefrau bei diesen Betrügereien geholfen. Sie wird in der Anklage als ‚Co-Inquisitin Anna Christina‚ betitelt.

Verschiedene Zeugen bestätigen, dass ihnen in der Mühle Getreide abhanden gekommen sei – Arrendator Wasserberg sagt aus, ihm sei Malz entwendet worden – Krüger Baering habe seinen Knecht Samuel Lau verdächtigt und bestraft, weil Getreide fehlte – Kaesert, Siegmund und der Oberwarth Johann Müller aus Prawten geben an, bei ihnen seien ganze Säcke mit Getreide verschwunden – weitere Zeugen sind: Friedrich Hamann, Christian Hempel, Christoph Matern, Daniel Marquardt, Ringeltaube, Hermenau

Außer Gottfried Schachner werden auch andere Müllergesellen befragt, die zeitweise in der Neuhauser Mühle angestellt waren. Genannt werden: Johann NeumannGeorge Lemcke Johann StallbaumCarl RossPaul Radau – der Lehrbursche Naps und Friedrich Wilhelm Kieter (Keyter).

Quelle: Bildarchiv Ostpreu0ßen

Johann Krumpholtz: leugnet zunächst alle Vorwürfe – sein Geselle würde ihn aus Rache beschuldigen – dieser habe eine ‚schlechte Religion‘ und würde nur selten am Abendmahl teilnehmen. Einige Verfehlungen gibt der Müller zu und kann dies auch begründen – er müsse zu viele Steuern zahlen – es bliebe nichts zum Unterhalt übrig, weder für ihn und seine Familie, noch für die Gesellen, die Unterhaltung des Gebäudes und des Mahlwerks – auch in anderen Mühlen sei es gebräuchlich, gehäufte Metze zu nehmen.

Die Mühle wird besichtigt und anschließend wird berichtet: es zeigten sich deutliche bauliche Mängel. An verschiedenen Stellen des Mühlengebäudes herrscht Dunkelheit – die Mahlgäste können nicht sehen, was mit ihrem Getreide geschieht – entdeckt wird ein ‚Kasten in der dunklen Cammer‘, in dem das entwendete Schrot verwahrt wurde – bei der Visitation der Mühle habe der Müller diesen Kasten ‚ins Hauß geschmißen‘ – die Dieberei konnte mit Hilfe vieler ‚Diebes-Löcher‘ ausgeübt werden – so gab es ,verborgene Gänge und eine Treppe auß der Stuben-Cammer auf die Sack-Lucht‘ um heimlich dort hinzukommen – auch seien die Umläuffe umb die Mühlensteine, welche nach dem Mühlen Reglement oben einen Zoll, unten aber … drey Zoll vom Stein abstehen sollen viel Größer zu Beförderung des gottlosen Vorhabens und Diebstahls‘. Sämtliche Mängel werden bei der Besichtigung so vorgefunden wie sie der Geselle Schackner zuvor beschrieben hatte.

Johann Krumpholz betont, all diese Mängel und alle in der Mühle befindlichen Löcher seien dort schon gewesen als er die Mühle übernommen habe …

Das Königsberger Hofgericht entscheidet: Johann Krumpholz wird zu zweijähriger Festungsstrafe in der Festung Pillau verurteilt und muss innerhalb von 8 Tagen:

  • den Verschlag des Mahlgerüstes abreißen
  • die Wand hinter der Treppe zur Sack-Lucht verändern
  • ein ordentliches Fenster aus Glas einbauen
  • die Treppe von der Kammer auf die Lucht abbrechen
  • das Loch von der Küche in die dunkle Kammer schließen
  • die Umläufe um die Mühlsteine zu verändern

Außerdem soll er den geschädigten Mahlgästen Getreide zurück geben:

In der Urteilsbegründung wird das ‚verstockte Gemüth‘ des Müllers hervorgehoben – ‚die ganzen Acta zeigen, wie verstockt er alles zu leugnen bemüht gewesen‘ und ‚wie gewaltig Inquisit Johann und seine Ehegattin variiret und halsstarrig geleugnet‚ hätten.

Da der Müllergeselle Gottfried Schachner sich zu den Diebstählen hat anstiften lassen, wird dieser der ‚Complicität‚ wegen verurteilt. Bei der Urteilsfindung wird jedoch berücksichtigt, dass er derjenige war, der die Betrügereien ans Tageslicht gebracht hat. Sein Urteil lautet: 3 Monate Arbeit in Fesseln und Banden, halb bei Wasser und Brot. Gottfried Schachner ist jedoch inzwischen verschwunden – er kann seine Strafe erst verbüßen, wenn er wieder dingfest gemacht werden konnte.

Im September 1760 wendet sich Johann Krumpholtz – seit einigen Wochen Insasse der Festung Pillau – an die russische Kaiserin Elisabeth, die ‚Selbstherrscherin aller Reußen‚, die zu dieser Zeit auch die Landesherrin Preußens ist.

Historischer Hintergrund: Im Jahre 1756 bricht der ‚Siebenjährige Krieg aus. Zarin Elisabeth I. erklärt durch Patent vom 31. Dezember 1757 Ostpreußen als russisches Eigentum. – 1758 marschieren russische Truppen in Königsberg ein und die Stadt verwandelt sich für einige Jahre in eine ‚kaiserlich-russischeStadt‚. Die Stände leisten der neuen Landesherrin den Huldigungseid. Es werden sämtliche preußische Insignien entfernt und russische Staatsfeste gefeiert. Bis 1762 gehört Königsberg zu Russland.

Johann Krumpholtz schreibt: ‚Bey meinen gegewährtig unglückseligen Umbständen, die Ew. Kayserlichen Majestät in Hohen Gnaden erinnerlich seyn wird, ich wegen des Vorfalls mit dem Mühlen Baumeister Stannius zur Vestung condemniret und schon viele Wochen in Pillau geseßen, wird mein Elend noch durch mehrere mich betroffene Unglücksfälle biß zum gänzlichen ruin … vergrößert, indem der neuliche ungewöhnliche Regen und die daher entstandene Fluth, den Schleusen-Thamm ausgerißen, dergestalt daß mir daraus ein gantz unersetzlicher Schade erwächset‘. (Anmerkung: ich konnte leider nicht herausfinden, welche Rolle der Mühlenbaumeister Stannius hier spielt)

Die Bitte um Begnadigung findet Gehör! Das Königliche Hofgericht lässt durch Herrn Korff -den damaligen Generalgouverneur von Königsberg – mitteilen, Johann Krumpholtz sei ‚zu Abwendung seines und der Seinigen gäntzlichem Ruins … vor dieses mahl aus Ihro Kayserlichen Majestaet …Allerhöchster Huld und Erbarmen und in Ansehung des am morgenden Tage einfallenden Geburths-Festes Sr. Kayserlichen Hoheit des Groß-Fürsten Paul Petrowitsch von der weiteren Vestungs-Straffe befreyet.

links: Nikolaus Friedrich von Korff

Die Festungstrafe wird in eine Geldstrafe umgewandelt. Familie Krumpholtz soll nun stattdessen 2oo Reichstaler aufbringen. Am 11. November wendet sich auch Johanns Ehefrau an die Kaiserin und bittet:

‚Wann Ewr. Excellence die meinem Ehemann dictirte zweyjährige Vestungs Straffe dergestalt gnädigst mitigiren geruhet haben, daß an deßen statt eine Geld Buße á 200 Rthl erleget werden soll, so erkenne ich tiefgebeugtes Weib nebst meinen 4 armen Kindern solche Huld fusfälligst mit dem unterthänigsten Danck und bin(,) nach dem ich meine gantze Armuth hingegeben(,) endlich bereit(,) die mit Winseln und Thränen zusammen gesuchte 200 Rthl zu bezahlen.

Wann aber Ewr. Excellence nach dero angebohrnen Huld und Gnade mich sehr betrübtes Weib in meiner Angst nicht unerhört laßen werden so flehe unterthänigst und dehmütigst an in Huldreichem Betracht(,) daß ich schon in diesem Process fast alle das Meinige eingebüßet maaßen mein Mann auch bereits 1 halb Jahr in der Vestung Pillau geseßen höchst dieselben geruhen von diesen mir sehr schwer gewordenen 200 Rthl ein Quantum gnädigst zu erlaßen. Ich ersterbe in unterthänigster Ehrfurcht‘

Am 30. November folgt ein weiterer Bittbrief des Müllers an die Kaiserin:

‚Wann Ewr. Excellence so gnädig gewesen und mir die dictirte Vestungs Straffe huldreichst erlaßen, so verehre solche Grace fusfälligst mit dem unterthänigsten Danck.

Wenn aber jetzt das Müller Gewerck mir als einen gewesenen Vestungs Arrestanten verschiedene Vorwürffe machet und mich gar nicht in ihren Innungen leiden will als flehe Ewr. Excellence ich tiefunterthänigst an(,) Höchstdieselben geruhen(,) mich gnädigst in integrum zu ristativiren und es dahin zu verfügen daß das Müllergewerck mir wegen meines Inquisitions Proceßes keine weiteren Vorfwürffe gemacht werden möge. Ich ersterbe in tiefster Unterthänigkeit.

Johann Krumpholtz bekommt offenbar keine weiteren Probleme – in den Prästationstabellen des Amts Neuhausen findet man seinen Erbkauf-Contract, der im Juli des Jahes 1763 neu geschlossen wird. Bestätigt wird der Vertrag von König Friedrich II (Friedrich dem Großen), der mittlerweile wieder zuständig ist …

aus den Prästationstabellen des Amts Neuhausen

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Von Litauen nach Petershagen, Pr. Eylau – 1946

Ich habe mittlerweile unzählige Fluchtberichte ehemaliger Ostpreußen gelesen und weiß, welches Elend viele von ihnen erleiden mussten. Aber es gibt auch andere Fluchtberichte, die mich sehr berühren. Besonders in der Region um Landsberg (Górowo Iławeckie) im Kreis Preußisch Eylau werden unmittelbar nach dem II. Weltkrieg viele litauische oder ukrainische Familien angesiedelt, die ihre Heimat ebenso verloren und sich unter widrigen Bedingungen ein neues Leben aufbauen mussten.

1910-1920 (Bildarchiv Ostpreußen)

Die folgenden Auszüge stammen aus einem Bericht von Ryszard Bytowt, der aus Bezdany in Litauen stammt und von der Umsiedlung seiner Familie berichtet, die letztlich im Dorf Pieszkowo (Petershagen), im ehemaligen Kreis Preußisch Eylau landet – nicht weit von Landsberg entfernt.

Ryszard war damals ein Kind – er erzählt zunächst von dem schmerzhaften Abschied in Litauen.und fährt dann fort:

In der Morgendämmerung des 9. Mai (1946) hielt der Transport an der polnisch-sowjetischen Grenze an, und nach mehrstündiger Kontrolle der Papiere und der eingeladenen Güter passierte der Zug die Grenze und befand sich auf dem Gebiet des ehemaligen Ostpreußen. An der Grenze waren jedoch viele, auf Befehl der Russen hinausgeworfene Kisten zurückgeblieben. Uns war ein ganzer Koffer mit kostbaren polnischen Büchern weggenommen worden und im Schmutz gelandet. Bei den Nachbarn waren es andere Gegenstände oder Lebensmittel. Schließlich erfuhren wir, dass von unserem Zug ein Waggon mit drei Familien abgekoppelt worden war, die aus unbekannten Gründen auf der sowjetischen Seite bleiben mussten. Jeder schaute sich um, wie es in den durchfahrenen Gebieten aussah; die Bebauung, die Feldbestellung in der neuen Heimat. ….

Die Umgebung von Korschen sah ziemlich schlimm aus. Überall Müll verschiedenster Art, durch Wettereinwirkung aus dem Leim gegangene Möbel, es standen sogar zum Teil zerstörte Klaviere und Flügel herum; jemand versuchte, etwas auf der Tastatur zustande zu bringen. In den Gräben lagen zerstörte Räder und Motorräder, mit einem Wort, nicht verwischte Spuren des Krieges. Im Allgemeinen jedoch gefiel es uns, und besonders die vorfrühlingshaft mit üppigem Gras bewachsenen Felder. Ringsum blühende Rosskastanien, und in der Ferne, auf den Feldern Haufen von unausgedroschenem Getreide, Mengen von Kalkdünger und anderem Kunstdünger. Die Bauern freuten sich, dass es Weideplätze für die Tiere gab. Mit Erstaunen betrachteten wir die großen gemauerten Gebäude, deren Fenster ohne Scheiben und deren Dächer durch Kriegseinwirkungen beschädigt waren. In den zurückgelassenen Heimatgebieten waren auf dem Dorf die meisten Gebäude aus Holz oder nur teilweise untermauert. […]

1942 – Gasthaus Steinau (Bildarchiv Ostpreußen)

Es wurde auch bekanntgegeben, dass der Kreis Landsberg (Górowo II.) die meisten leeren Gebäude und Landwirtschaftshöfe aufweise, es jedoch an Eisenbahnverbindungen mangele, denn die Russen hätten die Eisenbahnschienen und anderes Gerät abmontiert und wegtransportiert.

Einige Familien fanden leere Wohnungen in Heilsberg, andere gingen tagelang in den umliegenden Dörfern umher, fanden etwas und warteten nur auf Autos, die ihre Habe zu den ausgekundschafteten leeren Häusern in den nahen Dörfern brächten. Nach drei Tagen wurde es leer auf dem Bahnsteig. Diejenigen, die noch dort waren, wurden angewiesen, diesen zu verlassen, da der nächste Repatrianten-Transport aus Nowa Wilejka und Wilna erwartet wurde. Mein Vater bestach einen Oberleutnant mit einem Kanister aus der Heimat mitgebrachtem Selbstgebrannten, der ziemlich schnell zwei Autos amerikanischer Herkunft bereitstellte, um uns in das Gebiet des oben erwähnten Kreises Landsberg zu bringen. …

Es waren zwei sehr abgenutzte Autos, die Gänge krachten beim Einlegen, das Getriebe klapperte; es bestand keine Gewißheit, dass wir das Ziel erreichen würden. Die Vorahnung erwies sich als richtig, kaum hatten wir 12 km zurückgelegt und befanden uns am Anfang des Dorfes Petershagen (Pieszkowo), ging eines der Autos kaputt, und der Fahrer sagte, weiter kämen wir nicht. Ein schrecklicher Anblick war das, als wir hier zum Stehen kamen! Das, was wir in Korschen, ja sogar in Heilsberg gesehen hatten, war nichts, im Vergleich zu dem Landschaftsbild, welches das Dorf umgab.

Tausende von zerstörten Militärautos und Panzern, Fässern, Drähten und weiß Gott noch alles! Die Soldaten hießen Vater, Anstalten zu treffen zum Ausladen der Pferde, Kühe und Gerätschaften. Mutter bat, uns zur nahen Milizwache zu bringen, weil man uns in dieser Gegend und bei den Gebäuden in Ruinen am Anfang des Dorfes bestehlen und in der Nacht vielleicht sogar erschlagen würde. Vater griff wieder nach einer der Flaschen mit Schnaps, die noch im Getreidekasten steckten, gab sie dem Fahrer und fing an, ihn zu bitten, uns zu der Miliz zu bringen, von welcher wir durch einen gaffend herumstehenden alten Deutschen erfahren hatten.

Nachdem der Fahrer die Flasche mit der heißen Ware versteckt hatte, wurde er weich und beschloß, das kaputte Auto mit einem platten Reifen und dem nicht funktionierenden Motor mittels des anderen fahrtüchtigen Autos abzuschleppen und uns so ans andere Ende des Dorfes zu transportieren. Ein Seil zu finden war nicht schwer. Neben uns im Graben lagen viele verschiedene Seile und Drähte. Er band beide Autos aneinander, zog uns langsam durch das Dorf und hielt an der Milizwache an. Ich erblickte drei Milizianten und eine Zivilperson, die neben dem Gebäude im Gras lagen und Karten spielten. […]

Mutter suchte einige Stunden lang Teller, Messer und Gabeln zusammen und bereitete einen Imbiß zu, der aus geräuchertem Schinken, Getreidekaffee mit Milch und natürlich den Resten des selbstgebrannten Schnapses bestand. Der für die Hilfe dankbare Vater lud die Milizionäre und die Familie des Scheunenbesitzers ein, und gemeinsam genossen wir am neben der Dreschtenne aufgestellten Tisch mit großem Appetit das Essen, tranken den Branntwein dazu und priesen die Hausfrau. Wir hatten also erste Bekanntschaft im unbekannten Gebiet geschlossen. Nach einem arbeitsreichen Tag und vielen Eindrücken schliefen wir ruhig auf dem ausgebreiteten Stroh ein. Die Pferde und Kühe fraßen das viele Jahre lang in der Scheune gelagerte Heu und Stroh. ……

In der Scheune saßen wir zwei Wochen lang. Vater und ich erkundeten Petershagen und die Dörfer in der Umgebung. Wir konnten uns nur schwer vorstellen, dass die Repatrianten und die Ansiedler aus Zentralpolen dies Gebiet schnell wieder in den Normalzustand zurückführen könnten. Es gab keinen Strom, die von den Geschossen zerfetzten elektrischen Leitungen lagen auf der Erde oder hingen von den Masten herab.

Eine kleine Anzahl älterer Deutscher mit Kindern, während die mittlere Generation nicht mehr lebte oder nach Deutschland geflohen war, brachte den Repatrianten aus der Wilnaer Gegend mehr Vertrauen entgegen als den polnischen Ansiedlern, die aus den Häusern deutscher Familien Möbel und anderen Hausrat entwendeten. Die Deutschen brachten meiner Mutter öfters Teller und anderes Geschirr mit der Bitte um ein Stück Brot, Milch oder Speck als Gegengabe. Mutter, welche die Schrecken des Krieges kannte, gab ihre bescheidenen Lebensmittelvorräte an die Deutschen ab, ohne das Geschirr oder andere Sachen anzunehmen. Durch dieses Verhalten gewann sie auch Freunde unter der einheimischen Bevölkerung.

Wir waren erst fast zwei Jahre nach der Befreiung als Repatrianten hier angekommen. Die besseren Gebäude waren schon durch Ansiedler aus verschiedenen Gegenden Polens besetzt. Es gab noch viele leere Häuser, aber in ruinösem Zustand, teilweise abgebrannt. Die zweiwöchige Suche in der Umgebung hatte zu nichts geführt.

Der resignierte Vater nahm mich und meine Mutter mit, indem er nur meinen jüngeren Bruder Rajmund zur Bewachung der Habe zurückließ, und schlug vor, ein Haus zu beziehen, das er „Zu den alten Eichen“ getauft hatte, weil bei diesem Haus zwei mächtige Eichen wuchsen. Eine an die Eingangstür des Wohnhauses geheftete weiß-rote Flagge war das Zeichen, dass das Haus besetzt sei. Fast jeder Repatriant hütete sich, ein Haus einzunehmen, (auch wenn es leerstand), an dem eine weiß-rote Fahne angeschlagen war.

1939 – Hof Tobies (Bildarchiv Ostpreußen)

Unser Beschluss war einstimmig. Wir würden dieses Haus in Besitz nehmen. Wir würden in dieses Haus einziehen und Bauern werden, wie wir es in der Heimat waren, obwohl Mutter lieber in der Stadt gelebt hätte. Man kann sich überhaupt keine Vorstellung machen, wie die Gebäude und sogar die Äcker aussahen! Keine Scheiben in den Fenstern, aufgeschlitzte Federbetten und Kissen, alles voller Glasscherben von Geschirr und Flaschen, Abfälle, Verschmutzung verschiedenster Art. Der Hof und die Felder bedeckt mit Kriegsgerät. Es hatte den Anschein, als ob niemand imstande sein würde, das alles aufzuräumen, zu säubern. Beschädigte Möbel, von den Wänden der Wirtschaftsgebäude abgerissene Bretter, Skelette erschlagener oder vor Hunger und Durst verendeter Tiere in den Wirtschaftsgebäuden und auf den Feldern. Auf Schritt und Tritt Minen, Blindgänger.

um 1940 Kartoffelernte auf dem Hof Bangel (Bildarchiv Ostpreußen)

Unter Lebensgefahr machten wir innerhalb einiger Tage einige Zimmer bewohnbar und die Küche benutzbar. Wir schliefen auf dem Boden, mit den eigenen Kleidern bedeckt, und auf den mitgebrachten eigenen Kissen. So wie andere „Organisatoren“ waren wir durch die Situation gezwungen, nach Heilsberg zu fahren, um aus den leeren Gebäuden der ehemaligen Radiostation einige Scheiben zu ergattern und wenigstens eine in jedes Fenster des Hauses einzusetzen; die übrigen Fensteröffnungen vernagelten wir mit Brettern oder verstopften sie mit Kissen. Die Reinigungsaktionen dehnten wir nach und nach auf die Wirtschaftsgebäude und auf den Hof aus. Durch diese Arbeit wurden wir nach und nach auch mit den fremden Winkeln des Hauses vertraut; sie brachten uns dazu, sich mit den Tatsachen abzufinden, dass es kein Zurück zu der geliebten heimatlichen Wilnaer Gegend geben würde, dass diese Gebiete hier auf immer unser waren, unser auch die Gebäude und das ganze Land.

Bei vielen Bewohnern … jedoch hielt die Unsicherheit lange an. Dauernd wurde gesagt, dass die Eigentümer zurückkehren, dass die Deutschen uns den Boden wegnehmen würden. Die Bewohner der Dörfer und kleinen Städte renovierten die Gebäude nicht, investierten nicht in ihre Bauernhöfe, die ganze Zeit warteten sie ab.

Erst nach vielen Jahren begannen sich die Dörfer … positiv zu verändern. Meine Eltern begannen die Gärten zu bearbeiten, die Felder zu pflügen und anzusäen. …

Dieser Bericht wurde vor mehreren Jahren unter der Überschrift: ‚Erlebnisberichte von polnischen Umsiedlern‘ vom Herder-Institut veröffentlicht. Leider stimmt der kopierte Link nicht mehr – ich finde den Bericht nicht wieder.

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Briefe eines ‚wackeren preußischen Offiziers‘

Das Gutshaus von Groß Lauth im Kreis Pr. Eylau

Augusta Friderica Clementine von der Goltz wird am 7. Juni 1784 als Tochter des Barons George Friedrich von Goltz und seiner Gemahlin Charlotte Loyse Antoinette von der Gröben auf dem Gut Groß Lauth im Kirchspiel Jesau geboren. Dies ist ihr Taufeintrag aus dem Kirchenbuch.


Dem Herrn George Friedrich v. Goltz, Besitzer von Groß Lauth
ist von sr. Gemahlin Charlotte Lose Antoinette v. Groeben den
7ten Junius 1784 eine tochter geboren, welche den 21ten Junius
im Hofe zu Groß Lauth getauft u. Auguste Friderica Clementine genannt
wird. Compatres: 1. H. Maior v. Rüsch. 2. Frau Maiorin v. Unruh.
3. Frau Maiorin v. Rüsch. 4. die Frau Rittmeisterin v. Domhardt

Schon als Teenager weiß Clementine, dass sie dereinst die Ehefrau des 15 Jahre älteren Leopold Otto Julius von Wedell werden wird. Im April 1800 wird den Freunden und Verwandten im ‚Königsberger Intelligenzblatt‚ unter ‚Verbittung des Glückwunsches‚ die Verlobung bekannt gegeben.

Ausschnitt aus dem Buch

Otto von Wedell ist zunächst mit seiner militärischen Laufbahn beschäftigt und über lange Zeit bleibt Clementine und Otto nur der briefliche Kontakt ….

Die Briefe ‚des wackeren preußischen Offiziers‘ Otto von Wedells an Clementine blieben erhalten – sie wurden in der Zeit von 1799 bis 1800 geschrieben und 1911 herausgegeben von Arthur Köhler, Leipzig, Röder u. Schunke. In einer Ausgabe der ‚Münchner Allgemeine(n) Zeitung‘ vom 10. Juni 1911 erscheint eine Rezension von Dr. Karl Fuchs über diese Briefe, die – laut Dr. Fuchs – reiche Einblicke in das gesellschaftliche und öffentliche Leben der damaligen Zeit bieten.

Leopold Otto Julius von Wedell wurde am 20. Juli 1769 zu Sillingsdorf in Pommern als Sohn des Erb- Lehns- und Gerichtsherrn daselbst Kaspar Otto v. W. und dessen zweiter Gattin Anna Libica Juliana geboren. Seine militärische Laufbahn begann er im Jahre 1785 als Fähnrich im Regiment ‚Herzog von Braunschweig‘ Nr. 31; am 26. Januar 1791 wurde er zum Sekondeleutnant befördert. Seine Teilnahme am Rheinfeldzug von 1792 bis 1795 scheint ihm nicht Gelegenheit gegeben zu haben, sich bei einem kriegerischen Ereignisse sonderlich hervorzutun, da er deren in seinen Briefen nur obenhin Erwähnung tut.

Am 13. September 1797 wurde er zum Premierleutnant befördert und als solcher zum Infanterieregiment von Courbière Nr. 58 versetzt, wodurch er nach dem fernen, damals noch sehr unwirtschaftlichen östlichen Preußen in die kleine Garnison Oletzko, ein Städtchen von ungefähr 1000 Einwohnern an der polnischen Grenze zwischen Allenstein und Insterburg, kam.‘ (Quelle: Dr. Karl Fuchs)

Das Leben in Oletzko gefällt Otto von Wedell nicht – er beklagt die Missstände des preußischen Heers, das schreckliche Exerzieren‘, die zahlreichen Deserteure und den Schlendrian seiner Kameraden. ‚Die vielen Bälle und Picknicks sind ihm ein Dorn im Auge; er lernt da skandalöse Ehen kennen, rohe Ausschweifungen, ergebene Ehemänner, leichtsinnige Frauen und kokette putzsüchtige Mädchen. Er selbst scheint jedoch von diesem Schlendrian auch infiziert – so bezahlt er offenbar Kameraden dafür, dass sie einige seiner Pflichten übernehmen.

Im Herbst des Jahres 1800 (Vermerk im Taufeintrag des 1. Kindes) – nicht wie bei Dr. Fuchs angegeben am 2. Juli 1801 – findet in Groß Lauth die Hochzeit von Otto von Wedell und Clementine von der Goltz statt. Clementine ist 16 Jahre alt.

Im September schreibt Otto an Clementine:

8.9.1800 ‚Ach Tiene, wie herzlich sehne ich mich nach Dich, und Deinen Umgang. Hier in Oletzko habe ich gar keinen Menschen, der mit mir harmoniert, und an einen freundschaftlichen Umgang ist gar nicht zu denken. Das Cops Officiers des Reinhartschen Regiments stimmt mit dem unserigen in nichts überein, und da überdem die Menschen hier gar keine Gelegenheit haben, sich in irgend einer Art, die Jagd ausgenommen, zu bilden, so macht ihr Umgang nicht das mindeste Vergnügen, im Gegentheil wird er sehr lästig. Du kennst mich, dass ich schlechterdings nicht im Stande bin, mich zu verstellen und daher sieht mich meine Unzufriedenheit gleich jeder an‘ …

Otto von Wedell teilt mit, dass er sich quälen müsse, er hofft auf eine stille traute Häuslichkeit und ‚träumt sich als zukünftiger braver Ehemann in die Behaglichkeit des warmen Nestes, das sie einmal gründen werden‘. Und so schreibt er an Clementine: ‚Wir wollen recht häuslich leben. Gewis bleib ich immer Dein Gesellschafter und werde mich recht bemühn, mit Dir zusammen die Zeit nützlich und angenehm zuzubringen. Dahin rechne ich besonders das Lesen guter Bücher. … Zur Abwechslung beschäftigt sich meine Tiene dann mit häuslicher Arbeit, schreibt auch dann und wann ein Briefchen, und so geht die Zeit hin, biß wir vieleicht eine beßere Garnison bekommen oder zur Abwechslung eine kleine Reise machen – wenn wir recht gut gewirtschaftet haben.‘

Mehrmals denkt von Wedell über seinen Abschied vom Militär nach. Er offenbart seiner Tine, dass er am liebsten ‚den Staub von den Füßen schütteln und Landwirt werdenwürde dass er dies jedoch nicht täte, weil es ihr Wunsch sei, dass er Offizier bliebe. ‚Seine gärende Unzufriedenheit und dabei angeborne Neigung zu philisophischer Beschauung der Welt treibt ihn in eine naiv-sentimentale Richtung seiner Liebe und ganzen Lebensanschauung …‘ (Dr. Karl Fuchs in der Rezension der Briefe)

In zarter Gewissensforschung‘ (Dr. Fuchs) gesteht er seiner Braut, die er ‚Herzenstine‘ oder ‚Mäusechen‘ nennt, wenn er zu viel getrunken oder geraucht hat. Er schreibt zum Beispiel: ‚Heute habe ich viel Taback geraucht; bey jedes Pfeifchen, dass ich mir stopfte, dacht ich an meine gute Tiene, daß Dus wohl nicht recht gern sähst, aber ich hab auch viel Bier dabey getrunken, und dann schadet es nicht, Schnaps trink ich jetzt gar nicht, meine Gute, und wenn ich vieleicht einmal einen trinke, würde ich Dirs gewiß gleich schreiben, denn ich kann jetzt nichts thun, was meine Tiene nicht gleich wissen darf‘.

Am 2. September 1801 kommt in Groß Lauth Tochter Clementine Lovise zur Welt.

Taufeintrag aus dem KB von Jesau

Nach 17jähriger Dienstzeit nimmt Otto 1807 seinen Abschied vom Militär – fortan wohnt die Familie auf dem Besitz der Wedells in Silligsdorf (Pommern), wo bis 1813 noch drei weitere Kinder zur Welt kommen.

1813 meldet sich Otto von Wedell freiwillig, um bei Wittstock und Groß-Beeren gegen die Franzosen zu kämpfen. Er wird bei der Schlacht von Dennewitz so schwer verletzt, dass er am 14. September 1813 in Berlin verstirbt.

Sillingsdorf – Besitz der Familie von Wedell

Clementine bleibt nach dem Tod ihres Ehemanns als Witwe in Sillingsdorf und verstirbt dort 1860 im Alter von 76 Jahren.

Ich habe nicht nur die Rezension gelesen, sondern auch das Buch, in dem Otto von Wedells Briefe an Clementine abgedruckt wurden. Es lohnt sich! Ab und zu findet man es noch antiquarisch.


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Eindrücke aus dem ehemaligen Landsberg, Pr. Eylau

Die Sage über die ‚Frühpredigt zu Landsberg‘ wurde geschrieben von Carl Eduard Torno, der am 23. Januar 1801 als Sohn des Landsberger Großbürgers und Kaufmanns und späteren Hospitalvorstehers und Bürgermeisters Carl Friedrich Torno und dessen Ehefrau Johanna Charlotta Pfeiffer in Landsberg geboren wurde.

Carl Eduard Torno selbst wird Pfarrer. Nachdem er von 1827-1833 die Pfarrstelle in Stallupönen und von 1833-1843 die in Göritten inne hatte, kehrt er zurück in die Nähe seines Geburtsorts und übernimmt bis 1850 die Pfarrstelle im benachbarten Kirchdorf Eichhorn.

Im Mittelpunkt dieser natangischen Sage steht der Geist des im September des Jahres 1712 tatsächlich ermordeten Landsberger Ratsherrn Ephraim Henning – in der Sage ‚Philiborn‚ genannt. Davon habe ich bereits vor einigen Jahren erzählt. …..

Mörderlich erstochen – Landsberg, Pr. Eylau (1712)

Der Geist des Ermordeten findet keine Ruhe und sorgt für mancherlei Verwirrung ….

Die Sage enthält jedoch auch eine Beschreibung der Stadt Landsberg zu früherer Zeit. Einige meiner Vorfahren werden sie so noch kennengelernt haben!

Auszug aus dem 23. Band der Preußischen Provincialblätter, der 1840 in Königsberg erschien.

‚Noch zu der Zeit als die deutschen Ordenritter über das Preußenland herrschten, wurde das Städtchen Landsberg gegründet. Landsberg wurde im Jahr 1336 auf Befehl des Hochmeisters Dietrich von Altenberg durch den Comthur von Balga Namens Heinrich v. Muro erbauet. So Manches war damals anders an Gewohnheit und Sitte, wie es vielleicht späterhin überall der Fall war.

Blick vom ehemaligen Mühlenteich auf die Reste der alten Stadtmauer

Die Stadt war mit einer Burgmauer umgeben, die wohl noch jetzt zum Theil zu schauen ist; namentlich stehen auf derselben mehrere Häuser, deren untere Mauer eben diese Stadtmauer ist: So z.B. die ehemalige Kantorei. die Kaplanei u.s.w. Die Mauer zog sich bis zum hohen Thore hin, welches jetzt nicht mehr vorhanden ist, lief dann weiter fort nach der Seite des Töpferteiches hin im Rundkreise bis zum Mühlenthore hinab. Auch dieses Thor ist schon längst verschwunden und von hier aus ging die Mauer den Mühlenteich entlang bis zur Kirche hin.

Den Markt umgaben hölzerne Ueberdächer, Lauben genannt. In anderen Städten, wie in Heilsberg, waren es gemauerte Gänge oder Gewerbehallen, welche zum städtischen Verkehr eingerichtet wurden, wo man Waren auslegte und verkaufte.

Nahe der Stadt befand sich ein uralter Eichenwald, den noch viele der jetzigen Einwohner gekannt haben, und der erst in neuerer Zeit niedergehauen und dessen Land zu Gemüsegärten und Hauäcker eingerichtet wurde. Dieser Wald diente zum Belustigungsorte der Einwohner. Tanzböden und Spaziergänge waren allenthalben in demselben eingerichtet, wie es denn auch der Aufenthaltsort unzähliger Nachtigallen war, an deren Gesange sich die Landsberger ergötzten. So wie nun das Aeußere des Städtchens dem Fremdlinge sich damals in ganz anderer Gestalt darstellte, als es jetzt ist, so waren auch Sitten und Gebräuche anders, als in derGegenwart.

eigenes Foto von 2011 – rechts ein Stück der alten Stadtmauer

Es gab damals wohl keinen Bürger, der nicht gerüstet und gewappnet augenblicklich auf der Burgmauer hätten erscheinen, oder dem nahenden Feinde hätte entgegen ziehen können. Vor allen gehörte zu den notwendigsten Erfordernissen des Hausgeräthes die gezogene Kugelbüchse, welche stets am besten Ort und im besten Zustande aufbewahret war. War nun die Stadt vor Ueberfällen sicher und der Frieden zurückgekehrt, so traten die Bürger zur Schützengilde zusammen und belustigten sich am Scheibenschießen. Das Herz der Meister wie der Frau Meisterin pochten vor Freude, wenn nun am Tag des Schützenfestes die uralten Stadtfahnen auf dem Markte erschienen, zusammt ihrem Schützenkönige. Jeder griff nun nach seinem schon längst gesäuberten und gereinigten Feuerrohr und eilte zum Rathause. Alsbald begann der Zug, voran die Ratsherrn, in ihrer Mitte der Schützenkönig, geschmückt mit Ordensband und silbernem Schilde, und wenn nun der Zug zum hohen Thore gelangte, vor dem links zur Seite der Schießplatz lage, folgte Jung und Alt, Frau und Kind mit, um sich an diesen Übungen zu ergötzen.

Die Landsberger Schützengilde wurde bereits im Jahr 1645 gegründet. Über Jahrhunderte spielt sie im gesellschaftlichen Leben der Stadt eine bedeutende Rolle. ‚Im Jahr 1818 wurde das Scheibenschießen durch die angestrengte Bemühung des Herrn Bürgermeisters Torno wiederum eingeführt und eine neue Schützengilde errichtet welche in 84 Mitgliedern bestand und den 1ten August das Königsschießen, den 2ten August aber das Gewinnschießen von selbigen abgehalten wurde‚. (Landsberger Chronik)

Doch nicht allein waren es die Bürger, welche das Waffenhandwerk trieben, sondern auch selbst die Rathsherren erschienen bei jeder Gelegenheit, sei es zum Ernste oder zur Freude, mit dem Degen an der Seite. So geschah es denn auch einstmals, als die Ratsherren so bewaffnet wie sie waren in der alten Rathsstube auf dem Rathhause das Wohl der Stadt erwogen. Zwei derselben konnten über eine Maßregel, die von ihrem Oberhaupt in Vorschlag gebracht war, nicht einige werden. Lange wurde hin und her mit Worten gekämpft, und wiewohl die andern Collegen sich ins Mittel schlugen, so konnte doch dem Streite nicht ein Ende gemacht werden. Schon lange trugen nämlich Beide gegeneinander Haß und Groll in ihrem Herzen und als der Streit zum höchsten Gipfel stieg, zog der eine der streitenden Ratsherren seinen Degen und rammte ihn seinem Collegen in den Leib‘.

‚Der Degen wurde zum Gedächtniß über diese That und zur Warnung Aller auf der Rathsstube aufbewahrt. Er hing noch viele Jahre an einem der Querbalken dieses Zimmers befestigt, bis er von den Franzozen im Jahre 1807, da der Griff desselben von Silber war, hinweggenommen wurde‘. (Landsberger Chronik)

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So erwachen die Ahnen zum Leben ….

Wenn man sich intensiv mit dem Leben seiner Vorfahren beschäftigt, stellt man vielleicht fest, dass man im Laufe der Zeit zu einigen seiner Ahnen ein besonderes Verhältnis aufbaut.

Bei mir geschieht dies immer dann, wenn es mir gelingt, ein wenig mehr heraus zu finden als nur ihre Namen und Daten, die ich den Kirchenbüchern entnehmen konnte. Darum habe ich mich im Verlauf der vergangenen 25 Jahre immer bemüht, zusätzliche Informationen zu meinen Ahnen zu finden: Fotos, Verträge oder andere Dokumente, Erwähnungen in der Literatur oder die Nennung ihrer Namen in Steuertabellen oder anderen Listen.

Ich will anhand meiner Ostpreußen-Vorfahren verdeutlichen, was ich meine ….

Die Ahnen erwachen zum Leben, wenn man sich nicht nur auf ihre Namen und Daten beschränkt!

Hier einige Beispiele:

Fotos meiner ostpreußischen Ahnen sind in meiner Familie leider kaum vorhanden – da gibt es nur ein einziges, das meine aus Ostpreußen ausgewanderten Urgroßelten, den Schneidermeister Leopold Gegner, seine Ehefrau Therese, geb. Westphal und ihre 3 jüngsten Kinder zeigt. Von meinem 1886 in Landsberg geborenen Großvater existieren 2 Bilder: eines, auf dem er mit meinem Vater auf dem Arm und einem seiner Brüder zu sehen ist und eines, das ihn als Soldaten zeigt. Diese Bilder hüte ich wie einen kostbaren Schatz!

Weitere Unterlagen gab es nicht – keinerlei Briefe, keinerlei Dokumente. Es gab auch niemanden, der mir etwas erzählte – keinerlei Überlieferungen. Mit dem Tod meines ostpreußischen Großvaters (mit nur 29 Jahren während des 1. Weltkriegs) scheint das Thema ‚Ostpreußen‚in der Familie erledigt gewesen zu sein, obwohl meine ostpreußische Urgroßmutter noch bis 1945 ganz in unserer Nähe lebte und ich selbst noch Geschwister meines verstorbenen Großvaters kennenlernte – ohne allerdings zu wissen, dass sie seine Schwestern waren …. sie waren einfach ‚Tanten‘ und ‚Onkel‘.

Ich musste mich also selbst auf die Suche begeben, wenn ich mehr erfahren wollte … Durch die Veröffentlichung meiner BLOG-Beiträge in diesem Genealogie-Tagebuch entstanden zahlreiche Kontakte zu entfernten Verwandten und im Laufe der Jahre wurden mir auch Fotos zugesandt – zum Beispiel das des jüngsten Bruders meiner Ur-Ur-Großmutter Friederike Matern aus Hoofe, das von Selma Ankermann, der 1877 in der Mühle von Konnegen geborenen Tochter des Mühlenbesitzers Gustav Heinrich Ankermann (Bruder meiner Ur-Ur-Großmutter Johanna Ankermann) oder das Foto des Kaufmanns Julius Schnell, der mit Selmas Schwester verheiratet war.

Ich begann zu sammeln … in der Heimat meiner Vorfahren sammelte ich Fotos von Gebäuden oder Orten, die einen engen Bezug zu ihnen haben – hier z.B. der Weg zur ehemaligen Mühle von Groß Peisten, den meine Vorfahren als Betreiber bzw. Besitzer dieser Mühle sicherlich oft zurück gelegt haben und den auch ich im Sommer 2004 noch begehen konnte. Auch das Innere des Gebäudes konnte ich noch besichtigen – mittlerweile wurde es abgerissen.

Ich ordne die historischen Gebäude ihrem Standort zu, um mir vorstellen zu können, wie meine Ahnen den Ort ehemals wohl erlebten ….

Die persönliche Unterschrift meines Urgroßvaters Leopold Gegner entdeckte ich am Tag meines 60. Geburtstags im Staatsarchiv von Olsztyn.

Die Bewohner des Dorfes Regellen bei Goldap (früher auch Regelken) leisten 1798 ihren Erbhuldigungseid in Angerburg. Auch meine Vorfahre Christoph Borm muss dort erscheinen. Er macht 3 Kreuze, ist demnach des Schreibens nicht mächtig.

Ein Ausschnitt aus den Grundakten der Begüterung Groß Peisten, in denen unter Nr. 9 und Nr. 12 meine Vorfahren Johann Borm (Sohn des zuvor genannten Christoph Borm) und Carl Mat(t)ern als Erbpachtsnehmer im Dorf Hoofe im Kreis Preußisch Eylau aufgeführt werden.

Mein Vorfahre Johann Wilhelm Hellwichs, der während des 18. Jahrhunderts u.a. die Landsberger Ordensmühle sowie die Mühle in Groß Steegen betrieb, hinterließ einen Vertrag, der 1749 am Hofe von Wildenhoff zwischen dem Grafen von Schwerin und ihm geschlossen wurde und außerdem einige Beschwerde-Briefe, da er in Landsberg aufgrund fehlenden Wassers nicht ordnungsgemäß mahlen konnte..

Das Inserat meines Ur-Ur-Urgroßvaters Johann Carl Westphals in einem Pr. Eylauer Kreisblatt des Jahres 1874, in dem er bekannt gibt, dass er seine Mühle auf dem Landberger Kohnertsberg verkaufen will.

Den Standort der Mühle erkundeten wir im vergangenen Sommer!

Im Juli 2023 auf dem Kohnertsberg – hier etwa hat die Mühle gestanden . Die Stadt Landsberg lag Carl Westphal zu Füßen

Christian Schmidt – ein Sohn des Woriener Kunstgärtners Christian Schmidt und Anna Gegner – Schwester meines Vorfahren Christoph Gegner – wird Arrendator des Gutes Klein Steegen. Im Kirchenbuch von Canditten, Pr. Eylau entdeckte ich eine Notiz, in der er erwähnt wird, weil er im Jahre 1762 das Positiv der Canditter Kirche aus Danzig holen ließ: ‚D. VIII. p. Trin 1762 ist das Positiv zum ersten mahl in der Kirche von H. Behm, Organisten in Bartenstein, der selbiges gestimmt, gespielet worden. Herr Burggraff Cöster hat das daßelbe aus eigenen Mitteln der Kirche gekaufet und H. Administrator Schmidt aus Kl. Steegen hat es selbst in Danzig bedungen und hierher bringen laßen. Kostet an sich 100 Rthlr und 20 Rthlr an Unkosten‘.

Ein Positiv (von lateinisch ponere „setzen, stellen, legen“) oder Orgelpositiv ist eine kleine, transportierbare Orgel mit wenigen Registern, gewöhnlich einmanualig und ohne, oder mit lediglich angehängtem Pedal. Ein Teilwerk einer größeren Orgel wird häufig ebenso Positiv genannt. (Wikipedia)

Als Verwalter des Guts Klein Steegen wird Christian Schmidt außerdem in dem BüchleinDie Arrendatorin‘ von Frieda Busch genannt und es wird bemerkt, dass er ehrlich und anständig gewirtschaftet‘ habe.

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die mich begeistern und den Ahnen Leben einhauchen – zum Beispiel, wenn in einem 1773 erschienenen Bericht erwähnt wird, dass der Bruder meines Vorfahren Michael Steinort – der Schulze Lorenz Steinort in Schönfließ bei Königsberg – das Verhalten der Störche beobachtete. Darüber habe ich hier bereits geschrieben: … …-

Die ‚Sammelei‘ macht Spaß – ich werde sie fortsetzen!

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Von Landsberg über Norwegen nach Amerika

Ein Norweger im ostpreußischen Landsberg! Das sorgt im Sommer des Jahres 1846 offenbar für einiges Aufsehen unter den Bewohnern der Stadt – auch in der Landsberger Chronik wird dieses besondere Ereignis erwähnt. Der Schreiber berichtet:

‚Als etwas immerhin Bemerkenswerthes erwähne ich einen Bräutigam aus dem Königreich Norwegen, welcher am 26. August seine Hochzeit feierte und am folgenden Tage mit seiner jungen Frau nach seiner Heimath(,) der Stadt Fleckenfjordt in Norwegen abreiste. Es war der Kaufmann Lars Tjersland und seine Braut war Fräulein Mathilde Böhncke. Sie hatten sich in Königsberg kennen gelernt.‘

Heiratseintrag aus dem Kirchenbuch von Landsberg 1864 : Lars Berntsen Tjersland, Kaufmann in Flekkefjord in Norwegen, 23, Vater: Bernt Tjersland, Besitzer daselbst, u. Mathilde Josephine Ludowike Boehnke, Jungfer in Landsberg, 23, Vater: August Boehnke, Privatier in Königsberg

Im Umkreis von Landsberg leben zu dieser Zeit eine ganze Reihe von Boe(h)nke-Familien. Mathilde Josephine Ludowike Boehnke stammt jedoch nicht aus Landsberg, sie wurde in Klaukendorf – nicht weit entfernt von Allenstein – geboren. (Ihr Geburtsort wird 1865 im Census von Flekkefjord genannt – siehe weiter unten…!) – Zum Zeitpunkt der Eheschließung ist Mathilde 23 Jahre alt, ihr Vater August Boehnke lebt als Privatier in Königsberg.

Warum fand die Eheschließung in Landsberg statt? Vielleicht gibt es eine familiäre Verbindung zu dieser Boe(h)nke-Familie? 1875 lebt in Landsberg der Kaufmann Rudolph Boenke – seine Ehefrau heißt Emilie geb. Ohm. Die beiden haben 2 Söhne: Rudolph Gotthilf Martin *1875 u. Emil Johann Eugen *1878. Rudolph Gotthilf Martin wird Photograph, heiratet 1905 in Berlin die Modistin Minna Auguste Mathilde Herm und verstirbt am 6.11.1934 in Berlin-Reinickendorf. Die Eltern wohnen 1905 in Bartenstein – Vater + vor 1917 – Mutter lebt noch in Bartenstein. Sohn Emil Johann Eugen Boenke lebt 1917 als Zahlmeister in Berlin u. heiratet dort 1917 die Stenotypistin Erna Hedwig Lucie Wolf (1921 geschieden)

Auch der Bräutigam ist zum Zeitpunkt der Eheschließung 23 Jahre alt. Er ist Kaufmann in Flekkefjord, einer Stadt an der Südwestküste Norwegens und heißt mit vollem Namen Lars Bernsten Tjersland. Sein Vater Bernt ist Besitzer in Flekkefjord.

Der Landsberger Chronik nach verlässt das junge Ehepaar Landsberg bereits am Tag nach der Hochzeit und wohnt zunächst Norwegen – in der Heimatstadt des Ehemanns. Schon im September des Jahres 1865 wird in Flekkefjord ihr Sohn Berngar August Leo Tjersland geboren. Im Norwegischen Nationalarchiv wird die kleine Familie im Census von 1865 erwähnt.

Quelle: https://www.digitalarkivet.no/

Lars und Mathilde bekommen in Norwegen zwei weitere Kinder: 1868 wird Alma geboren und 1869 kommt Richard zur Welt.

1870 wandert die Familie nach Amerika aus und nennt sich fortan nicht mehr Tjersland, sondern Thomsen! Manchmal wird der Name auch Thompsen geschrieben. 1880 wohnen Lars und Mathilde – mit mittlerweile drei weiteren Kindern – in Chicago. Aufgeführt werden der noch in Norwegen geborene Sohn Berngar (15 Jahre) sowie Sohn George (7 Jahre) und die Töchter Louise (2 Jahre) und Betty.

In einigen der bei Ancestry oder auf anderen Portalen veröffentlichten Stammbäume findet man Informationen über diese Familie – allerdings erscheint Mathilde Josephine Ludowike Boehnkes Name dort in unterschiedlichen Variationen.

Lars Thomsen, geb. Tjersland verstirbt 1894 in Chicago – seine ostpreußische Ehefrau Mathilde wohnt 1900 noch mit ihren jüngsten Kindern Louise, Betty und Lars in Chicago:

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August Gegner – Schwager von Reinhold Löffler

Angaben auf der Meldekarte meines Urgroßvaters Rudolf Leopold Gegner, die mir das Staatsarchiv Bremen zusandte, sowie die Einsicht in Bremer Standesamtsunterlagen haben dazu geführt, dass ich nun einige Details meiner Familiengeschichte korrigieren muss, aber auch einiges ergänzen kann!

Mein Urgroßvater war etwa 38 Jahre alt als er seine ostpreußische Heimat mit seiner Ehefrau Therese Amalie Westphal und 5 in Landsberg geborenen Kindern verließ. Die Familie verbringt zunächst einige Jahre in Wolsdorf bei Helmstedt, wo 1895 und 1898 zwei weitere Kinder zur Welt kommen. Von Wolsdorf aus zieht die Familie – mit nunmehr 7 Kindern – zunächst nach Süpplingen, wo in den Jahren 1900 und 1903 die beiden jüngsten Kinder das Licht der Welt erblicken

In Halle bei Holzminden lebt um 1894 Leopolds jüngerer Bruder Carl August Gegner, der 1861 in Hoofe (heute Dwórzno) geboren und in Groß Peisten getauft wurde. Dass auch er Ostpreußen verließ, wusste ich bisher nicht. Halle und Süpplingen liegen gar nicht sehr weit auseinander …

Am 17. April 1894 findet in Halle die Hochzeit von Leopolds Bruder Carl August Gegner mit Dorette Johanne Wilhelmine Schütte statt, die aus Halle stammt. Carl August wird als ‚Häusling‚ bezeichnet. Erwähnt wird er als Vater seines Sohnes Karl August (geb. am 14.8.1896 in Halle) in dessen Bremer Heiratsurkunde.

Einige interessante Einzelheiten konnte ich über den in Halle geborenen Karl August Gegner und sein Leben in Bremen herausfinden: Als er 1924 in Bremen heiratet, ist er 28 Jahre alt und wohnt noch in Halle. Seine Braut Frieda Antonie Clara Bergmann stammt aus Blumenthal – kennengelernt haben sie sich möglicherweise in Halle, denn in der Heiratsurkunde wird angegeben, dass Clara als Buchhalterin in Halle tätig ist.

Frieda Antonie Clara Bergmann ist eine Tochter des Schlossers und Kammmeisters Carl Gustav Richard Bergmann und dessen Ehefrau Frieda, geborene Semper. Carl Gustav Richard Bergmann war einige Monate zuvor in Beckedorf verstorben.

Es lebten demnach nicht nur meine Urgroßeltern und ihre Kinder in Bremen, sondern auch der in Halle geborene Karl August Gegner ist dort gelandet! Ob die Familien wohl voneinander wussten und Kontakt zueinander hatten …? Immerhin war mein Urgroßvater Leopold Augusts Onkel und Leopolds Kinder (Augusts Vetter und Cousinen) wohnen mit ihrern Familien in Beckedorf, Vegesack und Aumund, der unmittelbaren Umgebung des Geburtsorts seiner Ehefrau!

Eine weitere Überraschung war, dass mir einer der aufgeführten Trauzeugen namentlich bekannt ist – es ist der damalige Obersteuersekretär (und spätere Blumenthaler Bürgermeister) Reinhold Eduard Löffler, der einige Monate zuvor Claras jüngere Schwester Frieda Gustava Bergmann heiratete. So wurde Karl August Gegner durch seine Heirat zum Schwager von Reinhold Löffler.

Der nachfolgende Ausschnitt aus der standesamtlichen Heiratsurkunde zeigt die Unterschriften von August Gegner, Clara Gegner, geb. Bergmann, Frieda Bergmann (Claras Mutter) und Reinhold Löffler.

August Gegner, der seinen Lebensunterhalt nach der Eheschließung zunächst als Straßenbahnschaffner verdient, wohnt mit seiner Ehefrau Clara im Bremer ‚Steintorviertel‚ – im Haus Fesenfeld Nr. 101. Einige Häuser dieser Straße sind sogenannte ‚Bremer Häuser‘ und stehen heute teilweise unter Denkmalschutz. (Anmerkung: sein Wohnsitz war gar nicht so weit entfernt von der ‚Lila Eule‘, in der ich mich als Teenager oft aufhielt …)

Frieda Antonie Clara, geb. Bergmann, wird nur 33 Jahre alt und verstirbt 1931 im Haus Fesenfeld Nr. 101. Auch ihre Schwester Frieda Gustava Löffler, geb. Bergmann, stirbt sehr jung. Sie wird nur 36 Jahre alt.

Am 1. April 1939 heiratet Karl August Gegner in Bremen erneut – seine 2 Ehefrau wird die 15 Jahre jüngere Erna Wilma Agathe Steffen aus Bahlum. Sie ist Köchin im Bremer Schlachthofrestaurant, was zu dieser Zeit sicherlich von Vorteil ist!

Laut Adressbuch wohnt August Gegner 1939 als Hilfsaufsichtsbeamter in der Treseburger Str. 23 – 1941 ist er Aufsichtsbeamter und lebt im Haus Vagtstraße Nr. 10. Was mag er wohl beaufsichtigt haben …?

Nach 1941 verliert sich seine Spur – im Bremer Adressbuch wird er nicht mehr genannt.

Nun bin ich ganz gespannt auf dieses Buch, das ich mir bestellt und inzwischen auch erhalten habe! Ich bin zwar in Blumenthal aufgewachsen, weiß aber relativ wenig über die Zeit des Nationalsozialismus in meinem Heimatort.

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Ein Meilenstein für die Genealogie ….

Ein großes Lob und herzlichen Dank an die MAUS und das Staatsarchiv Bremen für dieses tolle gemeinsame Projekt – mit einem ‚Klick‘ auf das Bild sollte man dort landen!

Dieser ‚Meilenstein‚ hat bei mir schon jetzt zu einer ganzen Reihe neuer Erkenntnisse geführt und ich bin sicher, dass noch viele weitere folgen werden ….

Das nebenstehende Photo zeigt meinen 1818 in der Stadt Torgau in Sachsen geborenen Ur-Ur-Großvater Carl Friedrich August Müller, der – gemeinsam mit seinem 9 Jahre jüngeren Bruder Friedrich Wilhelm Müller – seine sächsische Heimat verließ.

Carl Friedrich August Müllers abgebildete Ehefrau Wilhelmine Friederike Bischoff stammt aus Hoya. Zum Zeitpunkt der Eheschließung (1847) ist sie fast 25 Jahre alt.

Beide Brüder haben in Sachsen den Beruf des Zimmermanns erlernt, beide heiraten in der Reformierten Kirche in Bremen-Blumenthal, gründen in Blumenthal und Flethe eigene Familien und hinterlassen außer mir zahlreiche Nachkommen. Viele dieser Nachkommen habe ich durch das neue Projekt nun erst ‚kennengelernt‚.

Dieses Photo wurde mir schon vor vielen Jahren zugesandt – es wurde im Garten des Hauses Feldstraße (später Fresenbergstraße) Nr. 76 in Bremen-Blumenthal aufgenommen. Hier befand sich die Gärtnerei Müller, die von dem 1866 in Blumenthal geborenen Friedrich Wilhelm Ludwig Müller – dem jüngsten Sohn von Carl Friedrich August Müller und Wilhelmine Friederike Bischoff – betrieben wurde.

In der Mitte des Bildes das Geburtstagskind: der Gärtner Wilhelm Müller mit seiner 2. Ehefrau Anna, geb. Seebeck, einer Tochter des Rönnebecker Schiffszimmermanns Heinrich Seebeck und seiner Ehefrau Anna Kieling.

Wilhelm Müller war zuvor mit Annas Schwester – Beta Seebeck – verheiratet. In dieser Ehe wurden 5 Kinder geboren: u.a. Carl Friedrich August Müller, der später mit seiner Ehefrau Margarete Clara Beckmann die Gärtnerei weiterführt. Margarete Clara Müller, geb. Beckmann stammt aus Beckedorf – sie ist eine Tochter des dortigen Fuhrmanns Ludwig Beckmann und dessen Ehefrau Emma Adeline Ratjen. Sie steht genau hinter dem Geburtstagskind, ihrem Schwiegervater.

Ganz links sieht man meine Oma Caroline Auguste Bertram, verwitwete Gegner, geborene Müller. Sie ist die Tochter von Friedrich Carl Müller (ältester Sohn des obigen Ehepaars) und Metta Margarethe Behrje und Nichte des Gärtners Wilhelm Müller. Da ihre Eltern bereits früh verstorben waren wuchs in dem Gärtnerhaushalt ihres Onkels auf. Bislang war ich immer davon ausgegangen, dass meine Großmutter ein Einzelkind war. Nun weiß ich, dass sie noch mehrere Geschwister hatte:

  • Wilhelmine Friederike Müller *2.4.1882
  • Catharine Marie Müller *3.5.1883
  • Carl Friedrich Wilhelm Müller *18.5.1886
  • Friederike Wilhelmine Müller + 1896
  • Louise Meta Frida Müller *7.12.1892

Was aus den Geschwistern meiner Oma wurde, konnte ich bislang nicht herausfinden – die Suche nach dem Namen ‚Müller‚ ist nicht so einfach! Aber ich weiß nun einiges über die weiteren Geschwister meines Urgroßvaters – den Geschwistern ihres Vaters Friedrich Carl Müller und ihres Onkels Friedrich Wilhelm Ludwig Müller:

  • Wilhelm Adolf Müller, geb. 1852 in Flethe, heiratet 1885 in Blumenthal Trientje Venema aus Völlenerkönigsfehn. Er wird Schiffskapitän und stirbt 1924 in Bremen. Ihr Sohn Carl Friedrich August Müller heiratet 1920 in Oldenburg Adelheide Hermanda Thomßen aus Sanderbusch.
  • Christine Wilhelmine Müller, geb. 1855 in Flethe, heiratet 1876 in Blumenthal den Zimmermann Johann Hermann August Munderloh aus Drielakermoor. Die beiden bekommen 10 Kinder und die Familie lebt später in Osternburg.
  • Friedrich Wilhelm Müller, *1857 in Flethe, wird Schuhmacher in Hoya. Er ist zweimal verheiratet: 1. mit Anna Margarethe Mühlenstädt aus Schwarme, 2. mit Amalie Louise Christeleit, die aus Tilsit stammt und 1946 in Bremen-Farge verstirbt.
  • Fritz Heinrich Müller, geb. 1859 in Flethe, wird Zimmermeister. Er heiratet 1886 in Blumenthal Gesine Juline Elisabeth Schwarting aus Flethe, eine Tochter des Seefahrers Heinrich Schwarting und dessen Ehefrau Johanna Wessels. Die beiden haben 4 Kinder – Sohn Fritz Johannes Müller und seine Ehefrau Frieda Adeline Wilhelmine Menzel leben später in diesem wunderschönen Haus in der Lesumer Heerstr. Nr. 59
  • Johann Christian Müller, * 1861 in Flethe, wird Schiffzimmermann. Er heiratet 1893 in Berne Alvine Margarethe Rebecca Nutzhorn. Beide versterben in Blumenthal im Haus Mühlenstraße 63. Sohn Heinrich Carl Friedrich Müller oo 1932 Stefanie Konieczny aus Blumenthal.

Ob die Nachfahren all dieser Müller-Familien wohl wissen, dass ihre Vorfahren aus Torgau in Sachsen stammen?

Als Ergänzung zum obigen Gruppenphoto wurde mir mitgeteilt: Die 2. Person von links ist Anna Luise Windhorst, geb. Müller, eine Tochter des Gärtners Wilhelm Müller und seiner 1. Ehefrau Beta, ge. Seebeck – der Herr auf der rechten Seite ist ihr Ehemann Helmut Windhorst, der aus Rahden in Westfalen stammt. Die abgebildeten Kinder Heiner und Gisela sind Kinder dieses Ehepaars.

Neben Sohn Carl, der die Gärtnerei seines Vaters in Blumenthal weiterführt und Tochter Anna Luise haben Wilhelm Müller und Beta Seebeck noch 2 weitere Kinder, über die jedoch (noch) nicht viel herausfinden konnte: Sohn Hinrich und Tochter Wilhelmine, die einen Herrn Schauf(f) geheiratet haben soll.

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Der letzte Gottesdienst in Klein Dexen …

Die Kirche in Klein Dexen war die älteste Landkirche des Kreises Preußisch Eylau. Sie wurde schon im Jahre 1313 am Rande des Stablack auf einer Anhöhe – zunächst aus Holz – errichtet. Doch schon vor 1400 wurde sie massiv erneuert. Bis 1639 stand die Kirche unter landesherrlichem Patronat, bis Kurfürst Georg Wilhelm dem Obersten Burggrafen Ebert von Tettau – dessen Vorwerk Coernen zum Kirchspiel Kl. Dexen gehörte – das Patronatsrecht verlieh, das dadurch auf die jeweiligen Besitzer genannten Gutes überging.

Ab 1816 ist Johann Ernst Theodor Riedel als Pfarrer in Klein Dexen tätig – nach seinem Tod im Jahre 1850 übernimmt Sohn Constantin Theodor Ehregott Riedel das Amt. Von ihm stammt die nachfolgende Zeichnung, die er im Zusammenhang mit einer des ‚Kunst-Archäologen‘ Christoph Heinrich Otte initierten ‚Fragebogen-Aktion‘ zum Zustand ostpreußischer Kunstdenkmäler anfertigte.

Von dieser ‚Fragebogen-Aktion‘ habe ich bereits vor vielen Jahren hier berichtet. Die Unterlagen wurden vom Staatsarchiv Olsztyn (Allenstein) digitalisiert und sind an dieser Stelle zu finden.

Pastor Constantin Theodor Ehregott Riedel schrieb auch diese Notiz:

Auf der Rückseite des Altars ist zu lesen: I.N.I. Dieser Altar ist verfertiget anno 1705 (Anmerkung: von Isaac Riga) unter der Vorsorge des Tit. Wolherligen Herrn Legations-Raths von Tettau und staffiret unter dem Jure Patronatus Tit. Hr. Abraham Christoff von Hondorff, Seiner Königl. Majestät in Preußen wolbestalter Obrist. Wachtmeister Erbherr der Coernischen Güter, da Pfarrer war Hr. Joh(ann) Eberhard Seel und Organist Hr. Johann Paris und Kirchenväter Jacob Kohn, Schulz in Roditten – Michael Buchhorn, Schulz in Gr. Dexen – Christoff Schulz in Claussen – Johann Kebbe in Pompicken. (Anmerkung: Johann Kebbe heiratet 1725 in Kl. Dexen meine Vorfahrin Maria Klein).

Mehr als 600 Jahre lang wurden in dieser Kirche Gottesdienste abgehalten – es fanden dort unzählige Taufen, Eheschließungen und Begräbnisse statt. Auch eine Reihe meiner eigenen Vorfahren – u.a. die Familien Ankermann und Reuter und Kebbe aus Pompicken, aber auch Familienmitglieder, die in den zur Begüterung Worienen gehörigen Vorwerke Schwadtken und Saagen lebten- besuchten diese Kirche vermutlich regelmäßig.

Am 10. April 1936 wird in der Kirche von Klein Dexen der letzte Gottesdienst gefeiert. Einige Monate zuvor hatte die Grundsteinlegung einer neuen evangelischen Kirche in der sogenannten ‚Gartenstadt Stablack‚ stattgefunden – einem neu angelegten Ort, für dessen Gründung andere Dörfer und Besitzungen weichen mussten, u.a. die Dörfer Orschen, Saagen, Schwadtken, Wonditten und die Güter Jerlauken, Sodehnen, Bornehmen oder Cörnen. Die Inneneinrichtung der Kirche von Klein Dexen wird in die neue Kirche gebracht.

1936/37 – die Gartenstadt Stablack im Bau

‚Im Februar 1936 siedelten die ersten Bewohner nach dem neuen Ort über‘ heißt es im Natanger Heimatkalender von 1937 – und weiter: ‚ In ihm sind zahlreiche freundliche Doppel- und Einzelhäuser in einer Zusammenfassung entstanden, die als Muster einer neuen ostpreußischen Ortsanlage angesehen werden kann.‘

Natanger Heimatkalender 1937

Die Außenmauern der Kirche von Klein Dexen existieren noch bis 1975 – danach werden sie bis auf die Grundmauern abgetragen. Heute gehört das Gebiet überwiegend zur Großgemeinde Dolgorukowo im russischen Teil des ehemaligen Kreises Pr. Eylau.

Hier sieht man wie sich die Region um Schlauthienen und Domtau im Laufe der Zeit verändert hat:

Weitere Berichte mit Bezug zum Kirchspiel Klein Dexen:

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Hexenprozess in Groß Lauth, Pr. Eylau – 1686

Ort und Begüterung Groß Lauth (Lauth wird auch Lawdt geschrieben) im Kirchspiel Jesau, Pr. Eylau, sind heute ein Teil von Newskoje in der russischen Oblast Kaliningrad. Über lange Zeit befindet sich Groß Lauth im Besitz der Familie von der Rippe.

Aus den Steuereinnahmen des Amtes Brandenburg von 1664

Im Jahr 1686 wird der Name Groß Lauth durch einen Prozess bekannt, in dem die Witwe Anna Bergau, deren Mutter bereits kurz zuvor in Mühlhausen verbrannt worden war, der Hexerei und Zauberei beschuldigt und angeklagt wird.

‚Unter der großen Anzahl der Hexenprozesse, von denen die Acten bereits bekannt gemacht sind, findet sich, soweit den Herausgebern bewusst ist, keiner, welcher in Preußen geführt wurde und nur wenige zeigen in einem solchen Grade wie der nachfolgende, bis zu welcher Macht über Vernunft und Menschlichkeit sich der Aberglaube erheben konnte. Möge der Blick, den uns auch diese aus den Original-Acten wörtlich und vollständig abgedruckten Verhandlungen in die Vorzeit gewähren zu einer gerechten Würdigung der Gegenwart beitragen und in der Überzeugung, dass es besser geworden ist, beitragen‘ heißt es im Vorwort zu diesem 1821 in Königsberg veröffentlichen Bericht in Band 4 der ‚Beiträge zur Kunde Preußens. (Seite 50 bis Seite 70)

Das Dorf Groß Lauth – links die alte Mühle (Bildarchiv Ostpreußen)

Ich gebe den Verlauf des Prozesses hier verkürzt wieder. Er dauert vom 22. Januar 1686 bis zum 27.3.1686 und es werden zahlreiche Zeugen vernommen:

Die Nennung ihrer Namen ist auch im Hinblick auf die Ahnenforschung interessant, da aus dieser Zeit keine Kirchenbücher des Kirchspiels Jesau mehr erhalten sind. Die noch vorhandenen Kirchenbücher beginnen erst im Jahr 1740.

Wilhelm Schulter, 40 Jahre alt, Hirt in Groß Lauth, berichtet, man habe ihm im Jahr zuvor Brot gestohlen, das der Angeklagten Anna Bergau gegeben worden sei. Nachdem diese von der Hofmutter bestraft worden wäre, hätten sich seine Augen, die zuvor nur ein wenig geschmerzt hätten, derart verschlechtert, dass er kaum noch etwas sehen konnte. Erst nachdem die ‚Herrschaft sie desfalls bedrauet und hart zugeredet‘, hätte sich seine Sehkraft wieder verbessert.

Else Horn, 40, Ehefrau des Gärtners Görge Horn gibt an, die Angeklagte sei – während sie von ihrem Mann bewacht wurde – zweimal geflohen. Unmittelbar nachdem sie ihr vorgeworfen habe, ihrem Mann soviel Mühe zu machen, seien ihre Kühe erkrankt. Sie hätten keine Milch mehr gegeben.

Barbara Klehn, 42, die Gattin des Hofmanns sagt aus, die in Mühlhausen kurz zuvor verbrannte Hexe namens Else habe ihr mehrmals im Gutshof und in Vierzighuben erzählt, dass die ‚Bergausche‘ schuld daran sei, dass es dem Herrn Lieutenant (dem Gutsherrn) so schlecht ginge – wenn man sie bestrafen würde, würde es ihm wieder besser gehen.

Barbara Pohl erzählt dasselbe …

Gottfried BruchhausenDiener im Hofe Groß Lauth – bestätigt und beschwört, dass die verbrannte Else von der Schuld der Inhaftierten gesprochen habe und auch davon, dass diese das Bad des Gutsherrn verdorben habe – dieser wäre sonst längst wieder gesund.

Auch Hans Zorn hat gehört, dass Else von der Schuld der Inhaftierten gesprochen habe – sie habe nicht ihre Mutter gemeint, sondern die Angeklagte Anna Bergau selbst. Diese habe den Herrn Lieutenant verhext.

Maria Zorn sagt dasselbe aus.

Catharina Steinhagen, die Ehefrau des Müllers Christoph Steinhagen weiß zu berichten, Anna Bergau sei am Weihnachtsabend vor 2 Jahren zu ihr gekommen und habe sie um Bier gebeten. Sie habe ihr keins gegeben und sofort sei ihr Hund sehr krank geworden – er habe Halsschmerzen bekommen, sich übergeben und ‚mit den Füßen nach dem Maul sich gerißen‘. Dieser Zustand habe acht Tage lang angehalten. Am Neujahrstag sei Anna Bergau wieder gekommen und habe um Pfefferkraut gebeten. Als sie ihr auch dies nicht gegeben habe, sei das Auge ihres Mannes ‚sehr schlimm geworden‘ – erst nachdem sie sich bei anderen darüber beklagt und ihren Verdacht geäußert habe, seien Mann und Hund wieder genesen.

Das spätere Gutshaus (Bildarchiv Ostpreußen)

Barbara Hübner, 40, die Ehefrau des Gärtenierers Christian Hübner sagt aus: vor einem Jahr sei Anna Bergaus Bruder aus Pillau entlaufen. Er habe den Gutsherrn darum gebeten, ihn loszukaufen – das habe dieser jedoch abgelehnt. Der Bruder habe sich bei Anna Bergau aufgehalten. Dies habe man der Gutsherrschaft berichtet, die ihn ‚in Eisen schließen‘ ließ. Er sei jedoch heimlich wieder zu seiner Schwester gegangen und von dort aus entflohen. Nachdem der Gutsherr Anna Bergau befohlen habe, ihren Bruder zurück zu holen, sei der Herr so krank geworden‚ ‚dass er ein großes Zittern in allen Gliedern empfunden, und mehr tod als lebendig gewesen‘. Die Gutsherrin habe der Angeklagten daraufhin gedroht – erst dann sei ihr Mann wieder gesund geworden.

Jacob Bergau, 6 Jahre alt, Sohn der Angeklagten, erzählt u.a.: fast jede Nacht, wenn er bei der Mutter gelegen habe, sei ein schwarzer Kerl namens Johannes gekommen und habe sich zu der Mutter ins Bett gelegt. Beide hätten sich auch unterhalten, aber er habe nichts verstehen können. Außerdem habe die Mutter immer Haar in ihrer Tasche gehabt – auch dem Lieutnant von Ripp habe sie Haare nachgeworfen. Später – als dieser sich entfernt hatte – habe sie diese Haare wieder aufgehoben, in ihre Tasche gesteckt und abends unter ihr Kopfkissen gelegt. Auch nachdem man dem Jungen vorhielt, er sei wohl von anderen zu dieser Aussage überredet worden, bleibt dieser bei seiner Aussage …

Gr. Lauth – Parkallee vom Gutshaus aus (Ostpreußen – Dokumentation einer historischen Provinz – phograph. Sammlung desProvinzialdenkmalamts Königsberg)

Die damaligen Gerichtsgeschworenen Gerge Feyerabend und Christoph Pohl – die bereits an dem erwähnten Prozess in Mühlhausen teilgenommen hatten – kommen ebenfalls zu Wort und berichten u.a., dass auch die in Mühlhausen verbrannte Else Anna Bergau beschuldigt habe.

Anna Bergau wird mit all diesen Zeugenaussagen konfrontiert. Sie bestreitet sämtliche Vorwürfe und wird erneut inhaftiert. Sohn Jacob wird zur Hofmutter ins Vorwerk ‚Korwingen‘ gebracht (damit ist vermutlich das Vorwerk Carwinden gemeint).

Es folgen weitere Verhandlungstage und immer wieder beteuert Anna Bergau ihre Unschuld. Sie wird als ‚halsstarrig‚ und ‚boshaftig‚ beschrieben und sei sehr verdächtig mit Gebehrden – wenn sie weinen wolle, könne sie ’nicht einen Thran lassen oder zu wege bringen‚.

Auch Sohn Jacob wird erneut vernommen – er berichtet abermals von dem Schwarzen Kerl namens Johannes, der auch ihn immer mal wieder aufsuche. Er habe ihm aufgetragen, er sollen beten, ‚daß seine Mutter lößkäme und seine Mutter wäre sein Weib und er (,) Jacob(,) sein Sohn und hätte ihm auch die Hand darauf geben müssen, so gantz kalt und schwartz gewesen wäre‘ ….

Der Bericht des Gutsgerichts wird auch im Königsberger Rat besprochen – die Ausführungen des Patrimonalgerichts werden für rechtens erklärt und von Melchior Ernst von Kretyzen im Namen des Hofgerichts bestätigt.

Am 20. März 1686 bekennt Anna Bergau schließlich: ihre Mutter, die 3 Monate zuvor in Mülhausen verbrannt wurde, sei eine böse Mutter gewesen – sie habe ihr den ‚Geist Johannes‚ zugeführt, mit dem sie seitdem zusammen gelebt habe – auch einige Kinder seien geboren worden, diese seien schwarz gewesen und hätten ein Menschengesicht gehabt. Ihr Bruder könne ebenfalls hexen – er habe dies während des Krieges bei einer Frau in Creuzburg gelernt.

Nach wie vor weist Anna Bergau einige der Anschuldigungen zurück, gibt aber zu, dass sie eine Strafe verdient habe . Für ihren Sohn bittet sie, ‚daß er vom Geist entledigt werden, und Sie wolle auch mit dem Herrn Pfarrer fleißig beten, daß Gott ihrer armen Seele gnädig sei‘

Anna Bergau wird ‚Ihrer grausamen begangenen Teuffeley und Zanteley halber mit dem Feuer vom Leben zum Tode comdemniret und verdammet‘. Sohn Jacob soll zur Heiligen Andacht und zum Gebet angehalten – evtl. auch in ein Krankenhaus gebracht werden – ‚bis er solchen aufgebanneten bösen Geistes völlig befreyet wird‘.

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