Verkauf der Mühle auf dem Kohnertsberg

Über die Mühlen in Landsberg, Pr. Eylau (Górowo Iławeckie) habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben. Eine dieser Mühlen gehörte meinem Ur-Urgroßvater Johann CARL Westphal.  ‘Nach der Separation baute Müller Westphal inmitten seines zugetheilten Landes auf dem Kohnertsberge einen schönen Gallerie-Holländer’ schreibt Rektor Holldack in der Landsberger Chronik. Die Mühle lag demnach etwas abseits – an der Straße nach Heilsberg.

Kohnertsberg_Peisten

Im Jahre 1874 ist Carl Westphal 52 Jahre alt. Möglicherweise entschließt er sich aus gesundheitlichen Gründen zum Verkauf der Mühle (fünf Jahre später verstirbt er im Alter von nur 57 Jahren). Im November 1874 erscheint im Kreisblatt ein Inserat mit folgendem Text:

‘Die Besitzung des Herrn Carl Westphal in Abbau Landsberg Ostpr(eußen), bestehend aus sehr guten Ländereien, Wiesen und einem Waldplan, einem neuen, mit Steindach versehenen Wohnhause, einer Scheune und Stallungen, sowie einer gut eingebauten Holländer Windmühle mit 2 Mahlgängen, 1 Graupengang nebst Cylinder, unweit der Stadt an der nach Heilsberg führenden Chaussee, soll freihändig, jedoch weder öffentlich noch meistbietend im Ganzen oder in einzelnen Parzellen verkauft werden’.

Landsberg_Mühle

Mit dem Verkauf der Mühle verliert die Familie ihr Zuhause. Als Carl Westphal 1879 verstirbt, sind die beiden ältesten Töchter bereits verheiratet und die 1855 und 1859 geborenen Söhne ‘in Lohn und Brot’. Meine Urgroßmutter Therese Amalie Westphal ist jedoch erst 16 Jahre alt – ihre jüngeren Schwestern 11 und 13. Wo mag die Familie nach dem Tod des Vaters gewohnt haben …?

Noch im März 1893 zeigt meine Ur-Urgroßmutter Johanna Westphal geb. Ankermann, beim Standesamt Landsberg die Geburt ihrer Enkelin Maria Margarethe Riehl an. Danach muss sie Landsberg verlassen haben und und nach Königsberg umgezogen sein. Im Jahre 1901 wohnt sie dort in der Sternwartstraße 70 – im Adressbuch von 1906 wird sie nicht mehr aufgeführt. Nach ihrem Sterbeeintrag suche ich bisher vergeblich.

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‘Durch Gänse-Sauffen die Schwindsucht zugezogen’

‘Hat sich durch das Gänse-Sauffen die Schwindsucht zugezogen und vor seinem Ende großen Jammer ausgestanden’ schreibt Pastor Fuhrmann im Januar des Jahres 1767 ins Kirchenbuch von Eichhorn, Pr. Eylau, nachdem der Knecht Michael Neumann aus Worglitten verstorben war.

Der Ausdruck ‘Gänse-Saufen‘ war mir vollkommen fremd. Auch Google hilft da nicht weiter. Man kommt diesem Begriff auf die (hoffentlich richtige?) Spur, wenn man sich näher mit dem Krankheitsbild der Schwindsucht beschäftigt und sich mit ehemaligen Ostpreußen austauscht, die sich mit den Sitten und Bräuchen auf dem Lande auskennen.

‘Schwindsucht’ wird im Verlaufe des 18. Jahrhunderts häufig als Todesursache angegeben. Es gibt eine ganze Reihe von Abhandlungen über dieseSchwindsucht Krankheit, die etwa zu der Zeit veröffentlicht wurden als Michael Neumann aus Worglitten an der ‘durch das Gänse-Sauffen sich zugezogenen Schwindsucht’ verschied.

Es werden verschiedene Formen der Schwindsucht und unterschiedliche Krankheitsverläufe beschrieben, Ratschläge zur Vorbeugung und Vermeidung einer Schwindsucht erteilt und es werden eine Reihe von Therapiemaßnahmen für Patienten aufgeführt, die von der Schwindsucht betroffen sind.

‘Die erste unmittelbare Ursache der Krankheit scheint mir in dem Nervensysteme zu liegen, und ist wahrscheinlich eine widernatürliche Beschaffenheit der Lebensgeister, und ein geschwächter oder gestörter Ton der Nerven; daher nenne ich sie auch eine allgemeine Schwindsucht, die im ganzen Körper liegt. So wie aus dem geschwächten Ton des Magens, Mangel des Appetits und der Verdauung entsteht, so verhindert auch eine fehlerhafte Beschaffenheit des Nervensystems, die Aßimilation, Gährung und Verfeinerung des Nahrungssaftes im ganzen Körper’ liest man in der Abhandlung über die Schwindsucht bei Richard Morton. Und weiterhin:

Schwindsucht_2 (2)

Ähnliche Ursachen werden auch in anderen Veröffentlichungen immer wieder genannt! Die Ursache des ‘zu häufigen Genusses geistiger Getränke‘ führt schon einmal in die passende Richtung – aber was hat das alles mit GÄNSEN zu tun?

Die Vermutung ist: Knecht und Mägde treffen sich zum gemeinsamen Rupfen der Gänse, die zu einem feierlichen Anlass von den Bauern oder Gutsbesitzern verzehrt werden sollen. Wie in Ostpreußen üblich, wird dabei dem Alkohol reichlich zugesprochen. Man trifft sich eigentlich zum ‘Gänse-Rupfen‘, nennt diese Veranstaltung aber umgangssprachlich ‘Gänse-Saufen‘.

Ob das so stimmt?

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Sterbeeinträge aus dem Kirchenbuch von Eichhorn, Pr. Eylau

Meistens enthalten die Sterbeeinträge in den Kirchenbüchern lediglich den Namen des Verstorbenen, sein Sterbe- und Bestattungsdatum, sein Alter und – wenn man Glück hat – die Todesursache. Manche Pastoren befassen sich mit den Einträgen jedoch intensiver als andere. Johann Christian Fuhrmann, der das Pastorenamt im Kirchspiel Eichhorn, Pr. Eylau, etwa 22 Jahre lang (von 1746-1769) ausübt, nimmt sich in den letzten Jahren seiner Dienstausübung viel Zeit bei der Formulierung der Sterbeeinträge seiner Gemeindemitglieder. Durch seine genauen Beschreibungen der Todesursachen trägt er dazu bei, dass wir eine Menge erfahren über die damaligen Lebensumstände – über Krankheitsverläufe, medizinische Versorgung oder auch über die Wohnverhältnisse der Verstorbenen.

Einige Beispiele aus dem Kirchenbuch von Eichhorn:

  • am 11. Januar 1766 starb Catharina Schmaal, ein Kind von 7 Wochen des Christian Schmaal. Freien in Stettinen, an Leibes Schmerzen, woran es beständig geschrieen, auch in solchem Weinen verschieden.
  • den 14. Januar 1766 Nachmittags starb Regina Georgin, ein Kind im 8ten Jahr, des Jacob Georgi, Wirths in Eichhorn, an Leibes Schmerzen, welche von einem Fall ins Waßer ihren Anfang genommen und etliche Wochen angehalten; dies Kind war unversehens in einen Teich gefallen, und von der Zeit ab lag es viele Wochen in den heftigsten Schmerzen im Leibe.
  • d. 8ten Mai 1766 früh Morgens um 3 Uhr starb Catharina Leckin, vid in Glomsienen, alt 83 Jahr, vor Alter sowohl als an einem sehr viele Jahre am linken Auge gehabten Schaden, so 3 Tage vor ihrem Ende zu lauffen aufgehöret hat; Im Schlaff (an der Schläfe?) nahe am linken Auge war ein großes Loch und über dem Auge ein brauner Knaust; wann die Materie floß, war es erträglich, hörte es auf, so empfand das Auge entsetzliche Schmerzen. Fast ein Jahr lang hat sie kraftlos zu Bette gelegen.
  • den 8ten November Morgens gegen 8 Uhr starb an einem äußerlichen Brand-Schaden Maria Charlotta Schoenradin, ein Kind im 3ten Jahre des Martin Schoenraden, Tischlers und Krügers im neuen Kruge bei Worglitten. Dies Kind ward 3 Wochen vorher aus Unvorsichtigkeit auf einen Dreifuß im Schornstein gesetzet, fiel damit um mit feuer und zwischen die Töpfe und ward an der linken Seite jämmerlich verbrandt und verbrühet. Die Heilung ließ sich gut an, aber unvermuthet erfolgte der Tod.
  • den 25. Januar 1767 Mittags um 1 Uhr starb an einer harten Verstopfung des Leibes Michael Pohl, Instmann in Miggen im 45. Jahr seines Alters … Hat keinen verständigen Menschen zu Rathe gezogen, stets starke Geträncke gebraucht, bis der innerl(iche) Brand dazu geschlagen.
  • den 27. Januar frühe etwa um 2 Uhr starb an der Schwindsucht Michael Neumann, ein Knecht in Worglitten, und eheleiblicher Sohn der verwitweten Catharina Passargin in Dixen im 22ten Jahr seines Alters. ..Hat sich als ein angehender Knecht durch das Gänse-Sauffen die Schwindsucht zugezogen, und vor seinem Ende großen Jammer ausgestanden
  • den 28. Februar 1767 Mittags um 12 Uhr starb an einer unbekannten Krankheit Christian Gegner, ein Kind von 2 Jahren und fast 3 Monathen, des Mstr. Johann Gegners, Böttchers in Eichhorn … Dies Kind lag nur 24 Stunden in großer Unruhe und Hitze, und war nichts an ihm zu sehen, woraus man die eigentl(iche) Krankheit hätte beurtheilen können.
  • Den 18. Marti 1767 bei Untergange der Sonne um 6 Uhr starb Johann Ploen, Schneider in Komkeim, an einer Geschwulst im Genicke, im 51ten Jahr seines Alters und ward begraben den 22ten Marti mit einer Leich Predigt. Schon vor Weihnachten lag er eine Woche an dieser Geschwulst sehr krank, er ward beßer, aber (der) tumor verging nicht gänzlich, sondern warf ihn Sonntag abend ins Bett, und Mittwoch aufs Bret.
KB Eichhorn - 1767

KB Eichhorn – 1767

  • Den 25. April abends um 6 Uhr starb an den Pocken 1 Jahr alt Christian Feyer, und den 29. April 1767 um 10 Uhr abends starb auch an den Pocken, Johann Jacob Feyer, 2 Jahr und 11 Monate alt, beyde Söhne des Johann Feyers, Wirths in Koosten, und wurden zugleich begraben … Nachdem diese Kinder einige Wochen vorher den rothen Friesel gehabt, bekamen sie die Masern, und da diese noch nicht abgeheilet, kamen die Pocken dazu.
  • Den 28. May 1767 Vormittags auf 8 Uhr fiel Gottlieb Tolcksdorf, ein Kind von 1 ½ Jahren, des Michael Tolcksdorfs, Wirths in Koosten, in eine in der Cammer befindliche Grube, worin etwas Waßer und ersoff darin … Da die Eltern zur Kirche reiseten, übergaben sie das Kind der Magd zur Wartung, welche sich aber in den Schlaff gegeben und so das Kind verwahrloset hat.
  • d. 12. September 1767 Morgens um 7 Uhr starb an Verrenkung der Glieder Johann Ernst Leder, ein Söhnlein von 2 ¼ Jahre, des Georg Leders, Stuttenmeisters in Worienen … Gleich nach Neujahr war dies Kind verbeuget, und hat seit der Zeit jämmerlich danieder gelegen, da es fast auf einen Hauffen zusammen gezogen.

KB Eichhorn – 1767

  • d. 3. November 1767 abends um 7 Uhr starb an Durchlauff Catharina verwittwete Neumannin, 40 Jahr alt, in Eichhorn … Der Durchlauff dauerte über 14 Tage, und in der letzten Nacht fand sich noch die menses ein.
  • d. 8. November 1767 Nachmittags um 3 Uhr starb an einer nach abgeheilter Friesel entstandenen entsetzlichen Geschwulst Maria Gnossin, ein Kind von 8 ½ Jahr, des Michael Gnossen, Wirths in Komkeim … Dies Kind hat über 7 Wochen gelegen und ist die letzten 14 Tage in kein Bette gekommen, sondern hat sich vor Unruhe stets auf der Erde herum getrieben.
  • den 12ten December 1767 Morgens um 7 Uhr starb am schlimmen Halse im 5ten Jahr seines Alters Johann Burtz, des weiland Johann Burtzen, gewesenen Schultzen in Grünwalde nachgelaßenes und des Christoph Kohn, Packmohren in Komkeim Pflege Sohn ..; Schlimmer Halse war in Komkeim eine so gewöhnliche Krankheit, daß fast nicht ein einziges Kind verschont geblieben; vielen brach der Geschwulst auf
  • d. 31. December 1767 Mittags nach 12 Uhr starb an der Waßersucht Anna, verwittwete Zimmermann im 47ten Jahr ihres Alters, und ward begraben d.3ten Januar 1768. Nachdem sie nicht stets bettlägerig gewesen, sondern den Abend vorher noch spät gesponnen, ging sie sitzend im Bette wie ein Licht aus.

KB Eichhorn – 1767

  • den 15ten April 1768 gegen Mitternacht starb an denen Pocken Gottfried Scheffler, im 2ten Jahr seines Alters, ein unehelicher Sohn Gottfried Schefflers, Gärtenierers in Sieselack; das Kind war bei den Großeltern in Dixen; der Vater ist noch beim Regiment engagiret und die Mutter Anna Elisabeth Griessin ist Köchin bei dem H. Major von Collas in Bartenstein.
  • den 30ten Juny 1768 Mittags um 1 Uhr starb an einer starken Haupt Krankheit im 56ten Jahr seines Alters Johann Saedler, Instmann in Woquellen …; seine 2 erwachsenen Söhne entlieffen und der Gram darüber verursachte wahrscheinlich die Verwirrung, doch wenige tage vor seinem Ende bekam er wieder den Gebrauch der Vernunft, hatte aber ein schweres Ende

Anmerkung: Komkeim=Kumkeim, Koosten= Kohsten, Miggen=Müggen, Woquellen= Wokellen

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Carl Wilhelm Schmidt – getauft in Domnau …

Auch wenn man sich schon lange mit der Erforschung seiner Vorfahren beschäftigt, entdeckt man ab und zu doch noch etwas Neues …

Die Mormonen haben mittlerweile einige Kirchenbücher ostpreußischer Kirchspiele digitalisiert – u.a. auch einige Jahrgänge der Kirchenbücher der Stadt Domnau im ehemaligen Kreis Friedland (heute  Domnovo) – Die Digitalisate umfassen: Heiraten 1748-1780 (r. & l. S.) Tote 1754-1765 (r. & l. S.) Taufen, Tote 1766-1800 (r. S.).

Ich hatte Glück: vor einigen Tagen fand ich in den Domnauer Taufeinträgen den Eintrag meines ostpreußischen Urgroßvaters 5. Grades Carl Wilhelm Schmidt. Sein Vater Christian ist eine Zeit lang als Schmiedemeister im Gut Kapsitten tätig – deshalb wurden sowohl Carl Wilhelm als auch seine Schwester Anna Regina in Kapsitten geboren, das zur Kirchengemeinde von Domnau gehört.

Carl Wilhelm Schmidt kommt am 15. September 1773 in Kapsitten zur Welt und wird drei Tage nach seiner Geburt – am 18.9. – in der Domnauer Kirche getauft. Als Taufpaten sind die Bauern Michael Schinck, Valtin Passarge und George Schultz verzeichnet, die ebenfalls in Kapsitten wohnen – außerdem Friedrich Schiemann und Lowisa Evert.

Ausschnitt aus dem Kirchenbuch von Domnau (verfilmt und digitalisiert von den Mormonen)

KBDOMNAU

Familie Schmidt verlässt Kapsitten irgendwann und geht zurück nach Worienen, wo 1764 bereits eine Tochter geboren wurde, die allerdings nur wenige Tage alt wurde.

Ebenso wie Michael Gegner (mein anderer ostpreußischer Urgroßvater 5. Grades) und dessen Sohn Gottlieb ist auch Carl Wilhelm Schmidt als Gartenierer (Kunst– bzw. Lustgärtner) am Hofe Worienen tätig. Das bedeutet, dass die Woriener Gartenanlagen und der Schlosspark fast 100 Jahre lang (von etwa 1730 bis 1830) von meinen Vorfahren betreut wurden!

Da ich mich seit einiger Zeit mit der Geschichte von Worienen befasse und an einer Ortschronik arbeite, bin ich ganz begeistert von dieser Tatsache.

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In die Karre geliefert …

In den 1828 in Celle erschienenen ‘Actenmäßige(n) Notizen über eine Anzahl Gauner und Vagabonden des nördlichen DeutschlandsGauner_1828ist niemand vermerkt, der zu meiner eigenen Familie oder zur Verwandschaft gehört.

Es tauchen jedoch Personen auf, deren Familiennamen und Geburtsorte ich gut kenne – wie zum Beispiel unter Nr. 350 Elisabeth Stöver aus Lesumstotel, die ‘Witwe des angeblich in Hamburg verstorbenen Gauners Carl Tietgen und berüchtigte Gaunerinn, welche in Osterholz, Hamburg und häufig in Bremen, wegen Diebereien verhaftet gewesen ist. Im April 1823 wurde sie in Bremen, wo sie sechs Jahre gesessen, auf ein Jahr ins Zuchthaus gesteckt.’ Stöver_lesumstotel

Da Elisabeth im Jahre 1827 (im Vorwort des Buches wird darauf hingewiesen, dass sich die Altersangaben auf dieses Jahr beziehen) 51 Jahre alt ist, ist sie vermutlich die am 18.Oktober 1771 in Lesumstotel geborene Tochter von Johann Stöver und Liesebeth Christoffers. Angaben über ihre Familie findet man im OFB Lesum. Laut OFB Ritterhude verstirbt die ‘berüchtigte Gaunerinn‘ am 16.März 1856 in Ritterhude an der Wassersucht.

Unter Nr. 80 wird der 35-jährige Johann Heinrich Flüger aus Burg aufgeführt. Vermutlich heißt er richtig ‘Flügger‘. Flügger_BurgAuch er hat einiges ‘auf dem Kerbholz’ und wurde bereits mehrfach verurteilt. Im Jahre 1823 wurde er ‘auf ein Jahr in die Karre zu Hameln geliefert.’ 

‘Die Karrenstrafe ist eine Arbeitsstrafe für das Gemeinwesen, auch in Form der Kettenhaft und ist nicht mit der Kettenstrafe zu verwechseln. Sie wurde im ausgehenden 17. Jahrhundert an Stelle von Leibesstrafen (Folter) eingeführt und wurde im 18. Jahrhundert die verbreitete Arbeitsstrafe. Sie wurde vor allem für Vergehen gegen das Gemeinwesen, beispielsweise beim Entzug von der Wehrpflicht oder Prostitution angewandt. Der Straftäter hatte im Steinbruch die schweren Karren mit Steinen zu ziehen. Das geflügelte Wort: „in der Karre gehen“, leitet sich hiervon ab. Während männliche Straftäter schwere körperliche Arbeit bei Festungs- und Straßenbau verrichten mussten, wurden die weiblichen Straftäterinnen (meist Dirnen) bei der Straßenreinigung eingesetzt’. (Wikipedia)

Auch einige Gauner ‘aus dem Oldenburgischen‘ findet man im Buch: den 1806 in Bockhorn geborenen Musikus Johann Carl Philipp Edelhard (Nr.58), dessen Vater Jacob Edelhard (Nr.57) sowie unter Nr. 50  Christoff Diederich Dettmer aus Seefeld, verheiratet mit Margarethe Dreier aus Brinkum. Alle drei wurden ebenfalls für einige Jahre ‘in die Karre geliefert‘.

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‘Masse und bunt’ weicht sorgfältiger Arbeit

Von Jahr zu Jahr befassen sich weltweit immer mehr Menschen damit, die Spuren ihrer Ahnen zu verfolgen. Die Ahnenforschung boomt! Das ist einerseits sicherlich eine erfreuliche Entwicklung: Kirchenbücher und Personenstandsregister werden unermüdlich digitalisiert und es vergeht kaum eine Woche, in der den Interessenten nicht irgendwo im Netz neue Unterlagen zugänglich gemacht werden.

Auch ich freue mich darüber. Mittlerweile muss ich nicht mehr nach Berlin, Leipzig oder Olsztyn fahren, um die Standesamtseinträge einiger Kirchspiele des ehemaligen Kreises Pr. Eylau einzusehen. Das hat auf jeden Fall Vorteile: ich kann vieles nun von meinem Schreibtisch aus erledigen und spare Zeit und Geld.

Neue Datenbanken entstehen – immer mehr Hobby-Forscher legen Stammbäume an und verschiedene Plattformen bieten die Möglichkeit, sich miteinander zu vernetzen und zu verknüpfen – so lange, bis wir letztendlich feststellen, dass wir alle eine große Familie sind! Das spornt natürlich an und so mancher Hobby-Forscher sammelt und sammelt Un-Mengen von Namen und Daten, um seinen ‘Ahnen-Bestand’ mehr und mehr erweitern zu können …

Seitdem sich immer mehr Menschen für Genealogie interessieren, hat eine deutlich zunehmende Kommerzialisierung auch im Bereich der Familienforschung Einzug gehalten. Verschiedene Unternehmen haben die Genealogie als lukratives Geschäftsfeld entdeckt. So entstehen immer mehr proprietäre Online-Dienste und Datenbanken, in denen Ahnenforscher als Kunden ihre Daten organisieren können.

Es besteht die gleiche Gefahr wie in anderen Bereichen, die dieser zunehmenden Kommerzialisierung ausgesetzt sind und einst vom wissenschaftlichen Arbeiten geprägt waren: es bilden sich Insel-Lösungen, die Zusammenarbeit zwischen den ‘Forschern’ wird behindert – ‘Masse und bunt’ weicht sorgfältiger, kompetenter Arbeit.


Bedauerlich ist, dass die Qualität genealogischer Forschungsergebnisse immer mehr abnimmt. Manchen Ahnenforschern scheint es überhaupt nicht mehr wichtig zu sein, Daten zu überprüfen – sie werden irgendwo abgeschrieben und verbreiten sich stetig (oft fehlerhaft!) im Netz. Man sucht und findet hier und da und ‘bastelt’ sich einen Stammbaum zurecht! Quellenangaben werden als überflüssig erachtet – wichtig scheint nur noch die Masse an Daten!

Als ich vor etwa 17 Jahren mit der Erforschung meiner eigenen Familie begann, wäre ich nie auf die Idee gekommen, Daten von irgendjemandem ohne Prüfung zu übernehmen – es sei denn, ich kannte die Person und wusste, dass sie sorgfältig recherchiert hat. Immer dann war aber auch eine genaue Quelle vermerkt – ich konnte also nachvollziehen, woher die Informationen stammen. Wir ‘alten Familienforscher’ arbeiten selbstverständlich auch heute noch so. Wir vernetzen uns in genealogischen Mailing-Listen oder Foren, treffen uns in regionalen Verbänden und tauschen uns aus.

Die Unsitte, Daten ohne vorherigen Kontakt und ohne Frage um Erlaubnis zu übernehmen und diese ohne Quellenangabe unter eigenem Namen zu veröffentlichen, verbreitet sich zusehends (als Beispiel mein vorheriger Artikel vom 18. Mai). Ich kenne eine Reihe von Hobby-Forschern, die ihre Forschungsergebnisse aus diesem Grund gar nicht erst im Netz präsentieren.

Wir alle sollten etwas tun, um ‘dagegen zu steuern’! ‘Familienforschungsdaten sind unser aller Kulturgut, das einer möglichst breiten Öffentlichkeit kostenfrei zugänglich gemacht werden sollte’ schreiben Klaus-Peter Wessels und Doris Reuter zu Beginn ihres Textes (Daten und Information kostenfrei für alle) in einem Sonderdruck des Vereins für Computergenealogie auf Seite 6).

Der Vereins für Computergenealogie bietet allen an der Genealogie Interessierten eine offene Plattform. Man muss kein Mitglied sein, um sämtliche Angebote kostenlos nutzen zu können. Viele eifrige Familienforscher erstellen Ortsfamilienbücher, erfassen Einträge aus Adressbüchern und Familienanzeigen aus Tageszeitungen. Sie digitalisieren genealogisch relevante Literatur oder fotografieren Grabsteine. Und vieles mehr!

Die Datenbank Gedbas bietet die Möglichkeit, den eigenen Stammbaum zu veröffentlichen, Ahnenlisten anderer einzusehen und Kontakt aufzunehmen zu denen, die diese Daten eingegeben haben. Fast alle Hobby-Genealogen sind an einem Austausch interessiert, viele befassen sich mit den Bewohnern einer speziellen Region und sind gern bereit, Auskunft zu erteilen. Ich selbst verbringe mehrere Stunden pro Woche damit, in meinen Unterlagen nach Daten für andere Familienforscher zu suchen, deren Vorfahren ebenfalls im ehemaligen Kreis Pr. Eylau lebten.

Als ‘Familienforschungs-Anfänger’ sollte man – bevor man damit beginnt, irgendwo Namen und Daten  ‘einzutippen’ – einige Grundlagen verstehen und einüben. Das Portal ‘Basiswissen‘ enthält wertvolle Tipps für alle, die damit beginnen möchten, ihre Vorfahren aufzuspüren.

Manche haben sicherlich noch nie zuvor irgendwo Quellen angeben müssen. Kein Problem – auch die Verwendung sachgerechter Quellen kann man erlernen! Aus Erfahrung weiß ich, wie wichtig es auch für die eigene Forschung sein kann, im Nachhinein die Möglichkeit zu haben, Daten anhand genauer Quellenangaben noch einmal kontrollieren zu können.

Compgen_Quellen

Ausschnitt aus dem Sonderdruck des Vereins für Computergenealogie

Übernimmt man Daten von einer privaten Homepage, ist ‘die elektronische Quelle … mit größtmöglicher Genauigkeit zu benennen: Man notiert den Namen der Webseite, den Autor und neben der Internetadresse immer auch das Datum des Fundes’. (Thekla Kluttig, Doris Reuter, Sonderdruck des Vereins für Computergenealogie, Seite 10)

Diesen Sonderdruck des Vereins für Computergenealogie findet man übrigens hier.


[Pathos-Modus ein]
„Liebe Freunde der Genealogie, überlassen wir die Ahnenforschung nicht dem schnöden Mammon und kurzsichtigen Interessen. Wir sind eine über Jahrzehnte gewachsene Gemeinschaft. Lasst uns die Neuen in unseren Reihen willkommen heißen und lasst uns versuchen, durch Aufklärung das Niveau unserer gemeinsamen Arbeit zu halten. Auch ist es an uns sicherzustellen, dass freie Plattformen der Genealogie weiter entwickelt werden und Daten für uns alle verfügbar bleiben, statt in geschlossenen Plattformen einzelner Unternehmen eingesperrt zu werden.

Wenn nicht wir uns nicht engagieren… wer sollte es dann tun?! Dies ist einer der Momente, da wir Genealogen nicht nur zurück in der Geschichte blicken, sondern uns – im Interesse unserer Nachfahren – auch um die Zukunft sorgen sollten!“
[Pathos-Modus aus]

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Überraschung bei MyHeritage

‘MyHeritage ist eine Online-Genealogie-Plattform mit Web- Mobil- und Software-Produkten sowie entsprechenden Dienstleistungen. Die Nutzer der Plattform können u. a. Stammbäume erstellen, Fotos hochladen und Milliarden historische Aufzeichnungen durchsuchen’. (Wikipedia)

Das stimmt sicherlich. Man kann sogar Stammbäume erstellen, mit denen man selbst  gar nicht verbunden ist, deren Namen und Daten man irgendwo im Netz entdeckt und abgeschrieben hat und man kann fremde Fotos hochladen, die man irgendwo kopiert hat. Alles ist möglich!

Wenn man (wie ich) seine genealogischen Forschungsergebnisse im Internet präsentiert, muss man  sich wohl der Tatsache bewusst sein, dass es immer wieder Personen geben wird, die so verfahren – Personen, die Namen und Daten sammeln wie andere Leute Briefmarken oder Eierbecher und die diese dann unter eigenem Namen und ohne Quellenangabe veröffentlichen.

Gestern entdeckte ich auf der o.g. Plattform überraschenderweise meinen eigenen Stammbaum – verziert mit privaten Fotos meiner Eltern, Großeltern und Urgroßeltern.

MyHeritage_Stammbaum

An einigen Stellen hat es mit der Zuordnung der Fotos nicht so ganz geklappt!

MyHeritage_Ostpreußen

Abgebildet sind nicht Friedrich Carl Müller und Metta Margarethe Behrje, sondern meine ostpreußischen Urgroßeltern Rudolf Leopold Gegner und Therese Amalie Westphal!

Wenn ich auf das Bild meiner eigenen Mutter klicke, wird mir mitgeteilt, dass ich kein Mitglied dieser Seite sei und deshalb nur eingeschränkte Informationen erhalten könne. Ich möge doch Premium-Mitglied werden oder den Webmaster kontaktieren. (Passives Mitglied der Plattform bin ich seit mehreren Jahren, da es eine Verbindung meiner Vorfahren zu anderen Stammbäumen gibt – in diesem Fall gab es zuvor einen netten persönlichen Kontakt mit wechselseitigem Austausch von Daten und ich erhielt eine Einladung zu diesen Seiten. Ich selbst habe daran nie aktiv mitgewirkt).

Premium-Mitglied will ich nicht werden – ich würde aber gern Kontakt zu dem Webmaster aufnehmen. Das allerdings gestaltet sich schwierig. Zunächst müsste ich zahlen, werde aber gleichzeitig darauf hingewiesen, dass der Webmaster, der meine Ahnen verwaltet, dann immer noch entscheiden könne, ob er meine Mail überhaupt lesen oder beantworten möchte …MyHeritage_Kontakt

Lieber Erich Brouwer, falls Sie diesen Artikel lesen – überdenken Sie doch bitte einmal, was Sie dort tun. Es war sicherlich eine Fleißarbeit, all diese Daten von mittlerweile 104.345 Personen zu sammeln und sie in die Datenbank einzutippen – aber was soll das? Wir kennen uns überhaupt nicht – wir haben nicht einmal gemeinsame Vorfahren! Sie präsentieren meine Forschungsergebnisse und privaten Fotos unter Ihrem Namen und geben nicht einmal die Quelle an!

Bitte entfernen Sie meine Forschungsergebnisse von Ihrer Seite!

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Familie Ankermann in Pompicken, Pr. Eylau

Im Pr. Eylauer Kreisblatt vom November 1997 entdeckte ich dieses Foto des früheren Ankermann-Hofes in Pompicken.

Ankermann_Pompicken

Laut Bericht im Kreisblatt lag der Hof lag abseits der Dorfstraße – sein letzter Besitzer war Bernhard Ankermann, der 1898 in Pompicken geboren wurde. Im Güteradressbuch von 1932 wird der Hof wie folgt aufgeführt: 121 ha Besitz, davon 70 ha Acker, 10 ha Wiesen, 35 ha Weiden, 3 ha Wald, 3 ha Hof/Wege. – Viehbestand: 18 Pferde, 85 Rinder, davon 25 Kühe, 5 Schafe, 30 Schweine. Lanz-Dreschsatz. Telefon Posmahlen Nr. 5.

Pompicken_1932

Bernhard Ankermann war Ortsbauernführer und in den 30er Jahren auch Bürgermeister der Gemeinde von Pompicken.

Soweit ich herausfinden konnte, war der erste in Pompicken lebende Bauer namens Ankermann mein Urgroßvater 6. Grades Christoph Ankermann, der im Jahre 1705 in Krücken bei Kreuzburg geboren wurde. Nach seiner Eheschließung in Kl. Dexen im Jahre 1731 ließ er sich in Pompicken nieder, wo auch seine 8 Kinder zur Welt kamen.

Eintrag im Sterberegister von Kl. Dexen 1751: den 17. Juny ist Christoph Ankermann, ein Erbsaaß und Kirchen Vorsteher von Pompicken gestorben, und den 21. dito mit einer Leichpredigt begraben. Die Kirche bekam fürs Geläute nichts

Sicherlich gibt es eine verwandtschaftliche Beziehung zu der Familie von Bernhard Ankermann – leider kann ich die Verbindung (noch) nicht herstellen, da ich nicht weiß, wer die Eltern bzw. Großeltern von Bernhard Ankermann waren. Dieser lebte mit seiner Familie später im Kreis Rathenow in Brandenburg, wo er 1980 verstarb – zwei seiner Töchter sollen nach Schleswig-Holstein gezogen sein. Vielleicht gibt es ein Familienmitglied, das diesen Beitrag entdeckt und die Lücke schließen kann …?

Im Juni 1945 soll das schöne Haus in Pompicken noch gestanden haben – 1992 war es nicht mehr vorhanden. Der gesamte Ort Pompicken existiert nicht mehr.

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Kumkeim – Kumkiejmy

Das heutige Ortsschild (Google Street View)

‘Der Ort Kumkeim war ein altes prußisches Dorf im Gau Natangen, das um das Jahr 1400 erstmalig als “Comekaym” erwähnt wird. … Kumkeim gehörte zum Kammeramt Worienen der Komturei Balga und zum Kirchspiel Eichhorn. … Nach 1700 waren in “Kumbkeim” 7 Bauern, die Scharwerk auf dem Amtsvorwerk Gallehnen leisten mussten. … 1785 hatte das Königliche Dorf Kumkeim 18 Feuerstellen … 1846 waren in Kumkeim bereits 27 Wohngebäude und 195 Bewohner’. (Quelle: Horst Schulz, Die Städte und Gemeinden des Kreises Pr. Eylau, Seite 302)

Der Weg nach Eichhorn (Google maps)

Das Kirchdorf Eichhorn lag ungewöhnlich weit entfernt. Die Bewohner von Kumkeim mussten etwa 9 km zurücklegen, um den Gottesdienst besuchen zu können.

Dorfausgang in Richtung Eichhorn

‘Nach der Separation entstanden viele Abbauten, die teilweise sogar als “Klein-Kumkeim” und Vorder-Kumkeim” eigene Namen erhielten, aber stets weiter zum Dorf gehörten’. (Horst Schulz)

Im Jahre 1928 wurde die Gemeinde Kumkeim mit den Ortsteilen Kl. Kumkeim, Vorder-Kumkeim, Saagen und Wokellen gegründet, zu der insgesamt 41 Wohngebäude, 96 Haushalte mit 475 Einwohnern gehörten. ‘1933 hatte die Gemeinde 474 Einwohner; der Ortsteil Wokellen war aufgesiedelt worden, die Anzahl der Wohnhäuser und Haushalte war gestiegen. Durch die Anlage des Truppenübungsplatzes Stablack (1935) verlor die Gemeinde fast den ganzen Ortsteil Saagen’. (Horst Schulz)

Der obere Plan wurde 1979 von Horst Zimmermann im Anschluss an einen Besuch des Ortes gezeichnet – unten ein Blick auf Kumkiejmy heute. Auf dem nachfolgenden Bild müsste der ehemalige Hof von Familie Simon zu sehen sein, an dem ich mit Hilfe von Google Street View direkt vorbeilaufen konnte.

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Das vormalige Soldatenwerben

Dieser Text wurde im Jahr 1840 geschrieben. Er beschreibt die Rekrutierung von Soldaten in Sachsen um 1700. Möglicherweise haben auch Mitglieder meiner eigenen Vorfahren-Familien, die um diese Zeit in Großtreben wohnen, diese Art des Soldatenwerbens erlebt …

Aber auch außerhalb Sachsens wurde derart rigoros vorgegangen, um möglichst viele junge Männer zu ‘erwischen’.

Das vormalige Soldatenwerben

Der Tag der ‘Rekrutierung‘ ist noch in unsern Tagen für tausend Eltern und deren militärpflichtige Söhne ein schwer gefürchteter Tag. Auch jetzt noch, wo Gesetz und Ordnung bei dem Aushebungsgeschäfte herrscht, geht der Sachse ungern unter das ‘Maaß’. Wie war es aber vollends vor hundert und vierzig Jahren und bis zu der Zeit, wo Sachsen ein Königreich wurde. Damals hatte jedes Regiment für Herbeischaffung der ihm nöthigen Rekruten selbst zu sorgen: die Obrigkeit kümmerte sich nicht darum. Nun schickte jede Compagnie ‘Werber‘ aus, welche durch List, durch Ueberredung, durch Gewalt, kurz durch jedes Mittel die benöthigte Anzahl Rekruten herbeizubringen suchten.

Da überfiel man die jungen Männer in den Häusern, holte sie Nachts aus dem Bette, lauerte ihnen auf in den Schänken, auf den Straßen, sogar auf dem Wege zur Kirche. Vielen stellten die Werbeofficiere unter irgendeiner Verkleidung nach, lockten sie auf diese Weise hinweg, oder machten sie durch gereichte Getränke trunken und zwangen sie dann zur Annahme des Handgeldes und zum Fahnenschwure. In den Jahren 1697 bis 1701 war das Unwesen der Werber zur größten Plage geworden: niemand mochte in Sachsen gern reisen oder verweilen; Handel und Gewerbe litten unglaublich.

Der damalige Feldmarschall Schöning billigte das schändliche Verfahren. Da hörte endlich der Kurfürst (August der Starke) davon und untersagte den Officieren bei Strafe der Cassation ein solches Verfahren den 24. Februar 1702 (nach Andren den 27. Februar). Aber leider wiederholten sich die Unbilden der Werber immer wieder aufs Neue, besonders wenn Krieg ausbrach.

(Quelle: C. A. F. Mohr, ‘Tägliche Erinnerungen aus der sächsischen Geschichte: Eine Gabe für die Schulen und die Jugend der gesammten sächsischen Lande’;  Leipzig, 1840)

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