Die Haesloops von Rönnebeck

Vier Generationen Kahnschiffer an der Weser (um 1700–1855)

Noch ein KI-Versuch! Nach nur wenigen Vorgaben erhielt ich folgenden Text:

Rönnebeck – ein schmales Dorf am linken Weserufer, dort, wo der Deich sich sanft zur Flussbiegung neigt. Zwei Dutzend Häuser, Gärten hinter hohen Wurten, Schilf am Wasser, und dahinter die weite Marsch. Seit Menschengedenken lebten hier Menschen vom Strom. Einer von ihnen war Martin Haesloop, der um 1707 geboren wurde.

Martin Haesloop war Kahnschiffer. Er besaß einen flachen Weserkahn, wie man sie damals überall zwischen Vegesack und Brake fuhr. Im Frühjahr brachte er Bauholz, im Sommer Ziegel, im Herbst Getreide. Der Fluss war sein Weg und sein Wagnis zugleich. Die Ufer wechselten mit jeder Flut, Sandbänke wuchsen, Nebel kam ohne Vorwarnung. Doch Martin verstand das Wasser – und die Weser verstand ihre Leute. Sie nährte sie, prüfte sie und nahm sie, wenn sie wollte.

Ein Weserkahn um 1750 – Unwetter (KI)

Um 1743 wurde sein Sohn Hinrich Haesloop geboren, ebenfalls in Rönnebeck. Auch er wuchs in der Sprache des Flusses auf. Noch bevor er lesen konnte, wusste er, bei welchem Wind der Wasserstand sank und wann man das Boot besser festmachte. Er folgte seinem Vater früh in den Beruf. Rönnebeck war ein Dorf der Schiffer, Treidler und Fischer, und wer dort aufwuchs, gehörte entweder zum Wasser – oder zu niemandem.

Hinrich Haesloop erlebte die Zeit, als Bremen größer und der Verkehr auf der Weser dichter wurde. Er fuhr mit Gütern flussaufwärts in die Stadt, brachte Torf und Holz zurück in die Marsch. Die Männer aus Rönnebeck galten als zäh, wortkarg und zuverlässig. Wenn sie losfuhren, wusste man: der Fluss würde sie prüfen – und die, die zurückkehrten, waren um eine Geschichte reicher.

1776 wurde Hinrichs Sohn Johann Haesloop geboren, wiederum in Rönnebeck, im Schatten des Deichs. Auch sein Leben stand von Anfang an im Zeichen der Weser. Schon als Knabe half er seinem Vater am Ufer, beim Treideln der Kähne stromaufwärts. Das dicke Hanfseil schnitt in die Haut, die Schuhe blieben im Schlamm stecken, und doch trugen die Jungen den Stolz der Männer in sich. Wer auf der Weser Bestand hatte, brauchte keine andere Ehre.

Als Johann erwachsen wurde, war er längst selbst Schiffer. Er fuhr von Rönnebeck nach Bremen, nach Brake, manchmal bis nach Sandstedt. Er kannte jeden Nebenarm, jede Böe. Die Arbeit war beschwerlich, aber in Rönnebeck zählte das nicht. Man tat, was die Weser verlangte.

Am 3. Februar 1807 heiratete er in der Kirche zu Blumenthal – denn Rönnebeck gehörte zum Kirchspiel dort – die Margarete Oltmann, eine junge Frau aus seiner Nachbarschaft. Ihr Vater, Reinert Oltmann, war Seefahrer gewesen, und auch ihre Mutter, Tibke Maake, stammte aus einer Schifferfamilie von der Weser.

Margarete kannte das Geräusch der Taue im Wind, das Warten, das Hoffen. Sie war daheim in Rönnebeck, am Rand des Wassers, wo das Land nach Salz schmeckt.

Zwischen 1808 und 1824 brachte sie fünf Kinder zur Welt, alle in Rönnebeck geboren, alle mit dem Blick auf den Deich groß geworden. Ihr zweiter Sohn, Hinrich Haesloop, kam 1810 zur Welt – und er sollte den Beruf seines Vaters und Großvaters fortsetzen.

Während Margarete das Haus führte, war Johann monatelang auf der Weser. Sie hielt das kleine Anwesen hinter dem Deich in Ordnung, versorgte Vieh, Garten, Kinder. Oft stand sie abends draußen, sah nach Westen und lauschte. Ob irgendwo, hinter dem Nebel, ein Segel ihr Signal gab? Der Wind brachte manchmal den Klang von Stimmen – Männer, die auf dem Strom arbeiteten. Es war kaum zu unterscheiden, ob es wirklich Rufen war oder nur das Echo des Wassers.

So vergingen die Jahre. Johann fuhr, Margarete wartete, die Kinder wuchsen heran, und der Fluss floss weiter, ungerührt von Menschenleben.

Hinrich, der Sohn, wurde wie sein Vater Kahnschiffer. Auch er blieb in Rönnebeck, auch er zog sein Schiff gegen den Strom, belud, entlud, kämpfte gegen Wind und Nebel. Doch die Zeiten änderten sich: Auf der Weser erschienen Dampfschiffe, die kleinen Kähne wurden verdrängt. Vielen alten Schiffern nahm das die Arbeit, nicht wenigen den Mut. Hinrich hielt fest an dem, was die Haesloops seit Generationen konnten – mit der Strömung leben.

Dann, am 19. Oktober 1845, traf das Schicksal die Familie. Dicker Nebel lag über der Weser, der Wind drehte unberechenbar. Hinrich Haesloop war auf Fahrt, als sein Kahn kenterte. Niemand weiß, ob es ein falscher Schritt oder ein gebrochenes Tau war. Als man ihn fand, trieb er tot im Wasser – nur wenige hundert Meter von Rönnebeck entfernt. Er war 35 Jahre alt.

Für seine Eltern, Johann und Margarete, war das ein tiefer Schlag. Sie hatten ihr Leben lang mit der Gefahr des Flusses gelebt – doch wenn sie trifft, ist sie nie vertraut.

Margarete starb 1852, drei Jahre vor ihrem Mann. Johann Haesloop, der zuletzt als alter Mann noch am Deich half, ertrank am 8. März 1855 – fast achtzigjährig, in seinem eigenen Element. Die Weser, die ihn getragen hatte, nahm ihn zuletzt still an sich.

Über mehrere Jahrhunderte lang wohnten die Haesloops in Rönnebeck. Von Martin Haesloop um 1700, über Hinrich, Johann und Hinrich (1810), bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts blieb die Familie eng mit dem Dorf und dem Fluss verbunden. Sie waren Teil jener kleinen, standhaften Gemeinschaft, die ihren Wohlstand und ihr Unglück gleichermaßen aus dem Wasser zog.

Als die Dampfschifffahrt die alten Kähne verdrängte, wandelte sich auch Rönnebeck. Doch für viele der Nachkommen blieb das Wasser ihr Beruf: Einige arbeiteten auf Schleppdampfern, andere auf den Werften von Blumenthal oder Vegesack, wieder andere gingen zur See. Der Klang des Familiennamens aber blieb an die Weser gebunden.

Der Sohn des 1845 in der Weser ertrunkenen Kahnschiffers Hinrich ist mein Urgroßvater Hinrich Haesloop (1846 -1922). Bei seiner Geburt war der Vater bereits verstorben. Auch er selbst wurde Seemann – ebenso wie später sein Sohn – mein Großvater Hinrich Haesloop (1846-1922) – der als Maschinist die ganze Welt bereiste.

Heute ist kaum mehr etwas übrig von dem ursprünglichen Dorf der Schiffer. Doch wer am Deich von Rönnebeck steht und den Blick über das ruhige Wasser schweifen lässt, schaut auf denselben Strom, denselben Fluss, der Martins Kahn trug, über den Hinrich und Johann zogen, in dem Hinrich und Johann ertranken. Wenn der Wind über das Schilf fährt und die Möwen schreien, mag man glauben, die alten Stimmen zu hören – heiser, vertraut und vom Leben zerfurcht.

Dann flüstert die Weser selbst, leise und unaufhörlich, einen einzigen Name über die Jahrhunderte hin: „Haesloop.“

Denn wer in Rönnebeck am Wasser geboren ist, trägt die Strömung in sich – sein Leben lang.

Das trifft auch auf mich noch zu!

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George Zscherper – Schirrmacher von Gohla

Dies ist mein 1. Versuch, KI einen Text aus wenigen vorgegebenen Informationen erstellen zu lassen. Vorgegeben habe ich den Namen meines ‚neuen‚ sächsischen Vorfahren – seinen Beruf – den Namen seiner Ehefrau – den Wohnort – die Anzahl der Kinder – die Sterbedaten der Eltern – und einige Notizen zum Hausverkauf an den Sohn. Entstanden ist dieser Text:

In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts lebte im kleinen Dorf Gohla bei Meißen der Schirrmacher George Zscherper. Sein Leben fällt in eine Zeit, in der Sachsen sich langsam vom Elend des Dreißigjährigen Krieges erholte und wieder aufblühte.

George gehörte zu jenen bodenständigen Handwerkern, die den Wiederaufbau des Landes trugen. Er war Schirrmacher – ein Beruf, der im 17. Jahrhundert eng mit dem Sattler- und Wagenmacherhandwerk verbunden war. Der Schirrmacher stellte Schirme, Planen, Pferdegeschirre oder bedeckte Wagen her, also jene Schutz- und Nutzvorrichtungen, die den Transport und den Handel in ländlichen Gegenden möglich machten. Sein Handwerk verband Geschick mit körperlicher Arbeit, und in der Gemeinschaft war dieser Beruf geschätzt.

George war verheiratet mit Anna Münch, die aus dem nahegelegenen Görtitz stammte. Gemeinsam gründeten sie eine große Familie – zehn Kinder wurden in Gohla geboren. Die Kinder wuchsen in einer bäuerlich-handwerklichen Umgebung auf, in der jeder zum Unterhalt der Familie beitrug.

Die Ehe währte lange. Nach Jahrzehnten gemeinsamen Lebens starb Anna Zscherper, geb. Münch, am 15. Dezember 1704 in Gohla. Sie wurde von der Dorfgemeinschaft gewiss mit Achtung verabschiedet, denn mit ihr endete fast ein Menschenalter familiärer Beständigkeit. Nur drei Jahre später, am 18. April 1707, folgte ihr George im Tod. Sein Begräbniseintrag beschreibt ihn als „George Zscherper, Geschirrmacher von Gohla, mit einer Leich-Predigt und Abdankung.“


Dass eine Leichenpredigt und öffentliche Abdankung für ihn gehalten wurden, zeigt, dass er im Dorf Ansehen genoss – ein Hinweis auf seinen guten Ruf als ehrbarer Meister und Familienvater.

Kurz vor seinem Tod, im Jahr 1705, hatte George sein Haus an seinen jüngsten Sohn Michael verkauft. In der Kaufvereinbarung bittet der alte Schirrmacher – hohen Alters wegen“ – um ein lebenslanges Bleiberecht für sich und seine Tochter Anna, die ihn pflegte. Der Sohn verpflichtete sich, dem Vater und der Schwester Unterkunft und Verpflegung zu gewähren. Wörtlich versprach er, jährlich ein Sechstel des Obstes sowie drei Kannen Butter und Käse zu liefern. Zudem sicherte er zu, kranke Geschwister nach Gottes Willenbei sich aufzunehmen – ein Zeugnis familiärer Verbundenheit und dörflicher Verantwortung jener Zeit. Der Vertrag ist in einem Gerichtsbuch von Meißen belegt (GB AG Meißen Nr. 005).

Mit Georges Tod im Jahr 1707 endete ein langes und arbeitsreiches Leben, das vom Wandel Sachsens vom Nachkriegs-Elend zum Aufbruch des 18. Jahrhunderts geprägt war. In den Archivalien seiner Gemeinde lebt der Schirrmacher von Gohla weiter – als Beispiel eines jener einfachen, aber bedeutsamen Handwerker, die mit Fleiß, Würde und familiärer Fürsorge das Fundament des Landes legten.

Im 17. Jahrhundert wurde der Familienname Zscherper sehr unterschiedlich geschrieben. Suche auch nach: Scherper – Zschärper – Zscherber – Zschörber – Scharper (auch ein Hinweis der KI)

KI fragte mich anschließemd, ob er – oder sie – oder es – diese ‚Geschichte‘ noch einmal aus der Sicht von George erzählen solle. Ich stimmte zu!

KI: Hier ist eine Ich-Perspektive-Fassung über George Zscherper, gestaltet wie ein persönlicher Rückblick aus seiner Sicht. Sie orientiert sich an den tatsächlichen Ereignissen, verbindet sie aber mit einer warmen, erzählerischen Stimme – so, als würde George selbst aus seinem Leben berichten:

„Ich, George Zscherper, Schirrmacher von Gohla“

Ich bin George Zscherper, Schirrmacher aus dem kleinen Dorf Gohla bei Meißen. Schon mein Vater war, so glaube ich, ein Mann des Handwerks, und auch ich lernte, mit Leder, Holz und Eisen umzugehen – um daraus Geschirre, Planen und allerlei Schirme zu schaffen, die Mensch und Tier vor Wind und Wetter schützen. So lebte ich vom Fleiß meiner Hände und vom Vertrauen der Leute in meiner Umgebung.

In jungen Jahren nahm ich mir eine Frau – Anna Münch aus Görtitz –, eine fromme und starke Gefährtin. Gemeinsam bauten wir uns ein Heim in Gohla, wo wir zehn Kinder großzogen. Sie füllten unser Haus mit Arbeit, Lachen und manchmal auch Sorge, wie es in solchen Zeiten nun einmal ist. Wir erlebten schwere Jahre, denn das Land erholte sich erst mühsam von den Wirren des langen Krieges. Doch wir hielten zusammen, und mit dem Frieden kehrte auch Hoffnung zurück.

Das Leben verrinnt still in einem Dorf wie dem unsrigen: Früh die Feldarbeit, sonntags die Kirche, abends die Werkstatt. Ich war stolz auf mein Handwerk. Jeder Karren, der ordentlich bespannt war, jedes Pferd, das in gutem Geschirr lief, war mein Werk. Und wenn meine Nachbarn sagten: „Der Zscherper macht’s ordentlich“, dann war das Lohn genug.

Als ich alt wurde und meine Kräfte nachließen, übergab ich 1705 mein Haus an meinen jüngsten Sohn Michael. Ich bat darum, daß meine Tochter Anna, die mich pflegte, und ich darin wohnen bleiben dürften. Michael versprach es – samt einem Anteil am Obst und ein paar Kannen Butter und Käse im Jahr. So ist’s recht unter Kindern, dachte ich damals: Jeder sorgt für den anderen, wie Gott es will.

Meine gute Anna, meine Ehefrau, starb im Dezember 1704. Drei Jahre später, am 18. April 1707, legte auch ich mein Werkzeug nieder. Man hielt eine Leichenpredigt und Abdankung für mich in der Kirche zu Gohla. (Anmerkung: die Kirche war in Raußlitz!). Ich hoffe, man erinnert sich meiner als eines ehrbaren Handwerkers, der mit einfachsten Mitteln, aber mit ganzem Herzen seiner Arbeit und Familie diente.

Wenn meine Kinder und Kindeskinder dereinst von mir sprechen, mögen sie sagen:
Er war ein Schirrmacher, der das Seine tat – redlich, gottesfürchtig und mit stiller Zufriedenheit.

Und es geht noch weiter. Ki fragte: Möchtest du, dass ich diese Ich-Erzählung in einer älteren Sprache (17./18.-Jh.-Anklang, mit zeittypischen Formulierungen) noch anpasse – also so, als hätte sie wirklich aus Georges Zeit stammen können? Das würde dem Text ein leicht historisches Klangbild geben.

Darauf war ich sehr gespannt! Das Ergebnis:

„Ich, Georgius Zscherper, Schirrmacher zu Gohla“

Ich, Georgius Zscherper, bin von Stande ein Schirrmacher und habe mein Leben lang meinen Wohnsitz gehalten im Dorfe Gohla, gelegen unfern der Stadt Meißen.
Daselbst habe ich, so Gott mir Gnade verlieh, mein ehrliches Handwerk getrieben, und mancher Fuhrmann, der meine Geschirre und Planen trug, hat meinen Namen wohl gekannt. Denn ich hielt stets darauf, daß meine Arbeit redlich und dauerhaft sei und den Leuten nütze, auf daß auch mir mein tägliches Brot gewiß bleibe.

Zu meiner Jugendzeit nahm ich mir in rechtem Ehestand die tugendsame Anna Münchin aus Görtitz. Sie war mir eine getreue Gehülfin all meiner Tage. Der Herr segnete unsere Ehe mit zehen Kindern, welche alle hier in Gohla geboren und getauft worden sind. Gar mancherlei Mühsal haben wir überstanden, denn das Land lag noch wund und erschöpft nach dem langen Kriegswesen, das ganz Teutschland verheerte. Doch der Herr ließ wieder Gedeihen werden; Felder wurden bebaut, Handwerk und Handel kamen aufs Neu in Schwung, und die Menschen hatten Hoffnung im Herzen.

Die Jahre vergingen stille. Ich verrichtete mein Werk in Demut, hielt die Sonn- und Feiertage, wie’s einem ehrbaren Manne ziemt, und freuete mich, wenn meine Kinder wuchsen und zu tüchtigen Menschen gereiften.

Als aber mein Haar grau ward und meine Hände schwach, da erkannte ich, daß meine Tage sich neigten. So verkaufte ich im Jahr des Herrn 1705 mein Haus an meinen jüngsten Sohn Michael. In der Schrift ward vermerkt, daß ich mit meiner Tochter Anna, welche mich meines Alters halber wartete, Freiheit des Wohnens und eine Nahrung haben solle: den sechsten Teil des Obstes, dazu Butter und Käse aus Michaels Hof. Auch verhieß er, seine Geschwister in Not und Krankheit in sein Haus zu nehmen, wie es guter Kinder Pflicht ist.

Doch zuvor, im Dezember des Jahres 1704, war mir meine liebe Ehegattin Anna im Herrn entschlafen. Es war mir schwer, den Weg ohne ihr trautes Wesen zu gehen. Drei Jahre darnach hat auch mich der Herr heimgerufen, am 18. April 1707. Man hielt mir eine Leich-Predigt und Abdankung – ein ehrbar Ende, wie ich es mir gewünscht.

Wenn nun meine Nachkommen meiner gedenken, so bitte ich, daß sie nicht meines Namens, sondern meines Wandels eingedenk seien: Daß ich redlich im Beruf stand, Gott gefürchtet, mein Weib und meine Kindlein geliebt, und also gelebt, wie’s einem christlichen Handwerker ziemt.

So geschehe es, nach Gottes Rat und Willen.

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Bethel Henry Strousberg und Worienen

Ein letzter Beitrag im ‚alten Jahr‘ 2025! Über die Begüterung Worienen im ehemaligen Kreis Pr. Eylau in Ostpreußen habe ich schon oft geschrieben, aber Bethel Henry Strousberg habe ich in diesem Zusammenhang noch nicht erwähnt. Das hole ich nun nach …

Die Begüterung Worienen (heute Woryny) befand sich ab 1558 im Besitz der Familien von Lehndorffvon Tettauvon Bredowvon Domhardt, des Rittmeisters von Kositzki und der Familie Gützlaff, bevor sie 1866 für 10 Jahre in den Besitz des sogenannten „EisenbahnkönigsBethel Henry Strousberg kam.

Quelle: „Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit.
Lebens- und Charakterbilder aus Vergangenheit und Gegenwart,“ Bd. 2, Leipzig 1901

Die Auszüge aus dem nachfolgende Text stammen aus meiner Chronik von Worienen.

Bethel Henry Strousberg, an den Gustav Gützlaff die Begüterung Worienen 1866 verkauft, ist eine schillernde Persönlichkeit. Er wohnt mit seiner Familie in Berlin, wo er für reichlich Gesprächsstoff sorgt. Der ebenfalls in Berlin lebende Schriftsteller Ernst Korfi schreibt 1870: „Wer in den letzten Jahren … Berlin passirt, mag es anstellen, wie er will, und in welchen Gesellschaftskreisen immer sich bewegen: er wird entweder vom Grafen Bismarck oder vom Dr. Strousberg sprechen hören“ (Quelle: Ernst Korfi, Dr. Bethel Henry Strousberg, Biografische Karakteristik; Verlag G. Eichler; Berlin 1870; Seite 3)

Die Biographie Bethel Henry Strousbergs liest sich wie ein Roman. Er wird im November 1823 in Neidenburg als Sohn jüdischer Eltern geboren und auf den Namen Baruch Hirsch Strausberg getauft. Bereits im Alter von 12 Jahren wird er Waise, besteigt allein ein in Pillau lagerndes Frachtschiff und macht sich auf den Weg nach London, wo ein Onkel namens Gottheimer einen Kohlenhandel betreibt (Ernst Korfi nennt insgesamt drei Gottheimer-Onkel, die in London leben).

„Bei ihm trat der Knabe in die Lehre, und erwies sich bald brauchbar genug, um im Interesse seines Oheims zu verschiedenen Malen jeden Theil von England zu bereisen, den man den Steinkohlen-Bezirk nennt, bei welcher Gelegenheit er das Kohlengeschäft aus dem Grunde erlernte. Die Noth, die mächtigste Lehrmeisterin des Individuums, so wie der ganzen Menschheit, trieb ihn vorwärts, und erweckte in ihm frühzeitig einen sehr ausgeprägten Sinn für das Geschäftsleben. (Ernst Korfi, Dr. Bethel Henry Strousberg, Biografische Karakteristik; Verlag G. Eichler; Berlin 1870; Seite 12)

Die Gottheimer lassen ihn in London anglikanisch taufen. Von nun an nennt er sich Bethel Henry Strousberg. Da seine Eltern viel Wert auf Bildung gelegt hatten, spricht er bei seiner Ankunft in London bereits Deutsch, Polnisch und Französisch. Nun erlernt er auch die englische Sprache. Strousberg ist eifrig und zielstrebig. Dies sind nur einige Stationen seines Lebens: Er studiert, wird Literat, arbeitet für verschiedene Londoner Zeitungen, wird Redakteur und schließlich Direktor der Londoner gemeinnützigen Bau-Gesellschaften. Er arbeitet als Kunsthändler und im Versicherungswesen, gründet eine Familie und versucht, durch trickreiche Spekulationen mit geliehenem Geld zu Reichtum zu gelangen.

1855 kehrt Strousberg nach Deutschland zurück. Zunächst lebt er in verschiedenen Berliner Mietwohnungen, anfangs in der Luisenstraße, dann in der Dorotheenstraße Nr. 555. Er beginnt, mit Immobilien zu handeln. Außerdem fängt er an – zunächst als Bevollmächtigter, dann selbständig – in ganz Mitteleuropa weitläufige Bahnstrecken anzulegen, weshalb er im Laufe der Zeit den Titel „Eisenbahnkönig” erwirbt. Strousberg baut bzw. kauft eine Reihe industrieller Unternehmen, Häuser und Güter (u.a. die Gustav Arndt’schen Schienenwalzwerke in Dortmund, die Egestorff’sche Maschinenfabrik in Hannover, die Südzitadelle in Antwerpen, Häuser inWien und Berlin, Güter in Brandenburg, Ost– und Westpreußen).

Strousbergs Eisenbahnlinien, die zum großen Teil bis heute erhalten sind:


Tilsit-Insterburg (1865)
Königsberg-Grajevo (1866-71)
Berlin-Cottbus-Görlitz (1866/67)
Halle-Cottbus-Guben (1871/72)
Frankfurt/Oder/Guben-Posen (1870)
Breslau-Sedschütz (1868-72)
Hannover-Hameln-Altenbeken (1872)
Löhne-Hameln-Vienenburg (1875)

„In den Jahren 1864 bis 1870 erwirbt Strausberg in Deutschland und Österreich-Ungarn zahlreiche Landgüter mit einer Größe von insgesamt 47. 300 ha. Hiervon entfallen in Ost- und Westpreußen über 10. 000 ha; in Ostpreußen sind im Kreise Preußisch Eylau die Rittergüter Groß Peisten, Egdeln, Schwadtken, Sienken,Worienen und Wiecherts in Strausbergs Besitz.“ (Quelle: Hermann Pölking, Ostpreußen, Biographie einer Provinz, S. 252)

Im Zusammenhang mit der Begüterung Groß Peisten habe ich Strousberg bereits früher erwähnt. Das kann man hier nachlesen: https://www.genealogie-tagebuch.de/?p=14433

Auch nach dem Erwerb seiner Landgüter wohnt Strousberg mit seiner Familie weiterhin in Berlin, wo er „in der Wilhelmstraße (Nr. 40) sein Hoflager aufgeschlagen hat.“ Quelle: Friedrich vom Rhein, Enthüllungen über Dr. Strousberg und sein rumänisches Eisenbahn-Unternehmen; Verlag Eugen Grosser, Berlin 1871, Seite 12)

Dieses prunkvolle Gebäude – auch Palais Strousberggenannt – war 1867/68 errichtet und mit allem für damalige Verhältnisse nur denkbarem Luxus ausgestattet worden. Es verfügte über „bemerkenswerte technische Einrichtungen wie Gasbeleuchtung, Warmwasserheizung, Waschmaschine und Badezimmer.“ Quelle: Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Palais_Strousberg – abgerufen am 17.08.2019)

[Bildindex der Kunst und Architektur] ] Bildarchiv Foto Marburg

All diesen Luxus kann die Familie nur wenige Jahre genießen. Seine Spekulationen und die allgemeine schlechte finanzielle Lage treiben Strousberg in den Ruin. Er meldet Konkurs an. Schon 1871 ist zu lesen: „Noch vor Jahr und Tag stand der gewaltige, in alle Welt hinaus posaunte Ruf und Ruhm des sogenannten „selbstgemachten“ Mannes, Dr. Strousberg, auf seinem Höhepunkte; in letzter Zeit ist derselbe ganz gewaltig in die Krümpe gegangen und gegenwärtig wird wohl kein Privatmann häufiger genannt und mit mehr Verachtung und Verwünschungen überhäuft, als derselbe „große“ Mann.“ (Quelle: Friedrich vom Rhein, Enthüllungen über Dr. Strousberg und sein rumänisches Eisenbahn-Unternehmen; Verlag Eugen Grosser, Berlin 1871, Seite 12)

Strousberg selbst erzählt: „Als ich im Besitz einer großen Summe von Stamm-Actien der ostpreußischen Südbahn gelangte und noch glaubte, dass ich mich von Geschäften zurückziehen würde, bot sich die Gelegenheit, einige größere Güter in Ostpreußen zu kaufen, wobei ich Actien in Zahlung geben konnte. Die Besitzungen lagen nicht weit von der Bahn und die Verkäufer kannten die Verhältnisse derselben, ehe ich dabei betheiligt war. So gelangte ich zum Grundbesitz. Dies wurde bekannt und mir wurden im Laufe der Zeit in allen Theilen der Monarchie Güter angeboten.“ (Quelle: Dr. Strousberg und sein Wirken von ihm selbst geschildert; Berlin, Verlag von J. Guttentag (D. Collin) ; geschrieben in Moskau, im Juli 1876; Seite 406/407.

Strousberg befindet sich auch zum Zeitpunkt des Erwerbs von Worienen bereits in großen finanziellen Schwierigkeiten. Herrn Gützlaff ist dies bekannt. Er verlangt deshalb keinerlei Anzahlung und beschließt stattdessen, auch nach dem Verkauf der Begüterung noch für einige Zeit in Worienen zu bleiben, um die Bewirtschaftung kontrollieren zu können.

Gützlaff dazu in seinem Tagebuch: „Es handelte sich um ein Werth-Objekt von fast einer halben Million Thalern, was er (Strousberg) käuflich von mir erwarb, ohne auch nur einen rothen Heller darauf baar anzuzahlen. Ich wusste sehr genau, dass es mit seiner Kasse verzweifelt schwach bestellt war, und dass das ganze Geschäft sich zerschlagen musste, falls auch nur die geringste baare Anzahlung von ihm verlangt worden wäre. Ich musste also in Bezug auf diesen Punkt, so gut es eben ging, mir den Rücken anderweitig zu decken suchen. Konnte ich nur in Worienen bleiben und die Wirthschaft im Auge behalten, wurde die Gefahr für mich wesentlich verringert.” (Quelle: Tagebuchaufzeichnungen von Gustav Gützlaff; privat)

Für die Dauer von 10 Jahren pachtet Gustav Gützlaff die Woriener Brauerei und bleibt zunächst in Worienen. In einem Adressbuch von 1866 sind sowohl Gützlaff als auch Strousberg (hier Strusberg) aufgeführt. Gützlaff noch als Besitzer der Begüterung Worienen, Strousberg als Eigentümer von Peisten.

Die Begüterungen Worienen und Groß Peisten bleiben – wie all seine Besitzungen – nur wenige Jahre im Besitz von Bethel Henry Strousberg. 1875 wird er in St. Petersburg verhaftet und wegen Anstiftung zu Kreditvergehen und Bestechung in Moskau angeklagt und schuldig gesprochen. Das Urteil lautet auf Verbannung aus Russland und lebenslängliches Einreiseverbot. Dennoch lässt man ihn erst 1877 nach Deutschland zurückkehren.

Strousberg gibt nicht auf, gründet eine Zeitung und arbeitet wieder als Journalist. Hoch verschuldet stirbt Bethel Henri Strousberg 1884 als Ortsarmer in Berlin. Die Familiengrabstätte auf dem Alten St. Matthäus-Kirchhof in Berlin-Schöneberg
besteht noch heute.

1876 befinden sich sowohl Worienen als auch Groß Peisten im Besitz der Berliner Disconto-Gesellschaft, einer der größten deutschen Bankgesellschaften. Strousberg hatte von dieser „behufs Regelung der Rumänischen Eisenbahnangelegenheit“ . . . . unter Verpfändung seiner gesamten Güter, seiner Grundstücke in Berlin und Wien sowie „einer größeren Herrschaft in Polen“ „unter solidarischer Bürgschaft der übrigen Concessionäre der Rumänischen Eisenbahnen bis zum Betrage von 1,500.000“ einen immensen Vorschuss erhalten. Da Strousberg nicht in der Lage ist, die bewilligten Gelder zum Fälligkeitstermin zurückzuzahlen, wird bei einer General-Versammlung der Disconto-Gesellschaft im Juni 1877 u.a. protokolliert: ‚Die Herrschaften Radawnitz, Womwelno und Worienen… sind von uns in den betreffenden Subhastationsterminen käuflich erworben, und ist unser Grundstücksinteresse durch den Zuwachs des betreffenden Nettokaufpreises hierdurch, den an anderen Stellen stattgehabten Realisirungen gegenüber, unerheblich vermehrt worden.
Die gleichfalls im Subhastationstermine ersteigerte Herrschaft Peisten ist bald nachher mit angemessenem Nutzen wieder veräussert worden, wodurch sich die oben erwähnte Verlust-Abschreibung auf jene Forderung entsprechend verringert hatte
.‘

Strousberg wirf der Bank vor, sich auf seine Kosten bereichert zu haben und seine Güter nach seinem Konkurs für weniger als die darauf verausgabten Meliorationskosten ersteigert zu haben.

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Über regionale Familiennamen

Meine Vorfahren stammen aus unterschiedlichen Regionen. Ausgehend von meinen beiden Großmüttern und Großvätern lande ich in Ostpreußen, Sachsen, Hessen oder in Norddeutschland. Und überall begegnen mir in den Kirchbüchern unterschiedliche Familiennamen, die in der jeweils anderen Region gar nicht auftauchen.

Ich finde das ziemlich merkwürdig! Dass Familiennamen oft eindeutig ihrer Herkunft entsprechen zugeordnet werden können, kann ich nachvollziehen. So ist beispielsweise der Name ‚Tolkmitt‚ aufgrund der Ableitung von der Bezeichnung `Tolk‚ logischerweise dort entstanden, wo die ehemals prußische Bevölkerung ansässig war – und nicht in Sachsen! Meine Tolkmitt-Ahnen sind ab etwa 1600 im ostpreußischen Kreis Heiligenbeil nachweisbar.

Nach der Einführung der Reformation im Herzogtum Preußen (dem späteren Ostpreußen) wurde das Übersetzen durch Tolken in den neuen Kirchenordnungen von 1524 und 1526 festgeschrieben. Diese übersetzten in den evangelischen Gottesdiensten parallel die Predigt und die liturgischen Texte aus dem Deutschen in das Altpreußische oder Litauische von Nebenkanzeln. In Gemeinden ohne Pfarrer führten sie auch selbstständig die Gottesdienste und die Glaubensunterweisung durch. (Wikipedia)

In der Region von Nordhessen entdecke ich – abgesehen von den mir sehr vertrauten Namen ‚Schaumlöffel‚ und ‚Schellhase‚ (so heißen meine eigenen Vorfahren aus dieser Gegend) – eine ganze Reihe weiterer Familiennamen, die ich nur dort finde … Beim Durchblättern der Kirchenbücher in Frankenberg stoße ich zum Beispiel um 1700 auf die Namen: Birckenkopf Eyerdantz Kuchenbecker Loderhase oder Rindelaub.

In diversen Kirchenbüchern Sachsens – in der Umgebung von Meißen – begegnen mir momentan u.a. die Namen: Backofen Stubenrauch Ziegenbauer oder Öhlschläger … in Ostpreußen, Hessen oder Norddeutschland habe ich diese Namen nicht gefunden.

Dass Namen regional begrenzt sind, liegt laut Autor Professor Konrad Kunze an der geringen Mobilität der Menschen in den vergangenen Jahrhunderten: »Ein schwäbischer Bauer musste bei seiner Scholle bleiben. Der ging höchstens mal zur Kirchweih ins Nachbardorf. Also blieben auch die Namen erhalten. Das änderte sich erst vor etwa 200 Jahren.« Im 19. Jahrhundert seien die Menschen durch Eisenbahn oder Dampfschiff mobiler geworden.

Das stimmt sicherlich bezogen auf die Verbreitung! Aber weshalb sind sie nur dort entstanden? Bei Herkunftsnamen ist eine Zuordnung zu einer bestimmten Region logisch – aber ich verstehe nicht, weshalb manche Familiennamen nicht parallel in verschiedenen Gegenden kreiert wurden …

Einen Schaumlöffel gab es doch wohl nicht nur in Hessen und einen Backofen nicht nur in Sachsen! Kuchenbäcker lebten auch überall und Stubenrauch dürfte sich in sämtlichen Regionen entwickelt haben. Seltsam!

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Ein tragisches Geburts-Unglück – 1729

Wenn ich ein Kirchenbuch entdecke, in dem der Pastor sich nicht nur darauf beschränkt hat, die Namen seiner Gemeindemitglieder und deren Tauf-, Heirats– oder Sterbedaten einzutragen, sondern auch alltägliche Begebenheiten genauer beschreibt, vergesse ich Zeit und Raum und fühle mich in eine andere Welt versetzt …

Manchmal lese ich sämtliche Einträge Wort für Wort und oftmals bin ich wirklich dankbar dafür, dass wir so manches Elend, dem unsere Vorfahren – u.a. aufgrund der damaligen Lebensbedingungen, vor allem der medizinischen Verhältnisse – ausgesetzt waren, heutzutage nicht mehr erleben müssen.

Der folgende erschütternde Eintrag stammt aus einem Kirchenbuch der Gemeinde Kreischau bei Torgau in Sachsen.

Im Oktober 1729 kommt es hier bei der Geburt eines Kindes zu einem tragischen Unglück, das man sich kaum vorstellen mag … Der Pastor notiert:


Den 5. October ist Christian Windern, einem Studterey-Knechte allhier, von seinem Weibe, sehr unglückl(ich) ein Töchterlein gebohren worden, denn, da es nach vieler Geburths-Arbeit im Mutterleibe verschieden, so ist es mit einem Ärmigen (Ärmchen) zwar gekommen, aber es hat nicht weiter können gebracht werden; daher ein Balbirer und Doctor Medicinae aus Torgau geholet worden, ersterer auff Anrathen der Wehmutter, das heraus ragende Ärmigen abgedrehet und abgeschnitten; weil aber dennoch die Frucht weder vom Balbier, noch von der Wehmutter hat können gewonnen werden, als(o) ist dißfalls berühmter Chirurgus von Belgern (noe Eidinger) geholet worden, welcher dann mit eisernen Hacken ein Stück nach dem andern, endlich auch den Kopff mit deren noch daran hängender Haut, und beyden Beinigen, durch Gottes Gnade herausgezogen, damit doch die Kindbetterin möchte erhalten werden, welche sich auch bey diesem schweren Zustand, überaus getrost und frisch erwiesen. Gott verhüte ferner dergl(eichen) jämmerl(ichen) Anblick!

Gottseidank hat die Mutter überlebt!

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(Karl Victor) Bernhard Ankermann 1859-1943

Aufnahme vom 17.1.1939 (Quelle: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde)

Im Verlaufe der vergangenen 30 Jahre habe ich mich oft mit Ankermann-Familien beschäftigt und immer mal wieder über einzelne Familien und Personen berichtet, die – wie auch meine Ur-Urgroßmutter – diesen Namen tragen. Wenn man rechts unter den ‚Schlagwörtern‚ auf ‚Ankermann‚ klickt, wird man viele Informationen darüber finden!

Erwähnt habe ich auch den Ethnologen Karl Viktor Bernhard Ankermann bereits – zum Beispiel als Bruder der Malerin Elisabeth Ankermann. und der Klavierlehrerin Marie Ankermann.

Mein Ahnenprogramm zeigt den Verwandschaftsgrad zu mir tatsächlich noch an – unsere gemeinsamen Vorfahren leben einige Generationen zuvor im Kreis Pr. Eylau – in Pompicken, Krücken bei Kreuzburg und in Seeben.

Durch diese Eheschließung am 24. November 1777 in Klein Dexen sind unsere Ahnenlinien miteinander vernüpft:Christian Ankermann, ein Junggesell aus Ponarten (=Ponarth) mit Jgfer Dorothea Ankermannin in Pompicken‚. Beide sind 26 Jahre alt. Christian und Dorothea sind Bernhard Ankermanns Urgroßeltern Dorothea ist die jüngste Schwester meines Vorfahren Johann Christoph Ankermann aus Pompicken.

Die väterlichen Vorfahren:

Karl Viktor Bernhard Ankermann gehört sicherlich zu den bekanntesten Vertretern des Namens ‚Ankermann‚. Beim Durchstöbern des Internets entdeckt man viele Hinweise auf seine Literatur und Abbildungen von Gegenständen, die er von seinen zahlreichen Studien- und Forschungsreisen mitbrachte. Man findet jedoch fast keine Angaben über seine Familie und seine Herkunft.

Sowohl seine väterlichen als auch seine mütterliche Vorfahren stammen aus Ostpreußen und auch er kommt dort zur Welt.

Im Zusammenhang mit seiner Dissertation über ‚afrikanische Musikinstrumente‚, die bis heute zitiert wird und als erste systematische Auswertung von Museumsbeständen zu afrikanischen Musikinstrumenten gilt, verfasst Bernhard Ankermann selbst 1901 einen kurzen Lebenslauf. Er schreibt:

Ich, Bernhard Ankermann, bin geboren am 14. Februar 1859 in Tapiau in Ostpreußen als ältester Sohn des praktischen Arztes Dr. Hermann Ankermann und seiner Ehefrau Bertha geb. Laudien Ich besuchte das Gymnasium zu Rastenburg, erhielt daselbst Ostern 1878 das Zeugnis der Reife und studierte dann in Königsberg Medizin. Nach dem Tode meines Vaters (Anmerkung: sein Vater Gustav Hermann Ankermann verstarb 1885 in Rastenburg – die Mutter bereits zwei Jahre zuvor) sah ich mich genötigt, das Studium aufzugeben und eine Stelle als Corrector bei der Königsberger Hartungschen Zeitung anzunehmen.

‚Die ererbte Zähigkeit und Willensstärke seiner ostpreußischen Heimat ließen ihn aber den Weg zum Studium zurückfinden. So begann er dann seinen Beruf in einem Alter, in dem andere längst in Amt und Würden zu sitzen pflegen‘ erklärt Ankermanns Nachfolger Alfred Schachtzabel 1939 in seiner Rede anlässlich des 80. Geburtstags von Bernhard Ankermann. (Quelle: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde)

Bernhard Ankermann schließt seinen Lebenslauf 1901 mit dem Satz: ‚Seit Ostern 1896 bin ich am Kgl. Museum für Völkerkunde zu Berlin thätig, zunächst als Volontär, dann (seit Ostern 1897) als Hilfsarbeiter‘. Das Museum befindet sich zu dieser Zeit in der Königgrätzer Str. 120, Ecke Prinz-Albrecht-Straße – im Stadtteil „Südliche Friedrichstadt„.

Königliches Museum für Völkerkunde in Berlin, 1895 (Wikipedia)

1902 geben die ‚Königlichen Museen in Berlin‚ bekannt, dass Bernhard Ankermann – gemeinsam mit anderen – zum Direktorialassistenten ernannt wurde.

1903 wohnt Bernhard Ankermann in Wilmersdorf, in der Uhlandstr. Nr. 47. Mit ihm zusammen lebt dort – zumindest eine Zeit lang – die unverehelichte Malerin Minna Laudien, die 1903 im Alter von 63 Jahren in seiner Wohnung verstirbt. Dabei handelt es sich um seine Tante Caroline Antonia Minna Laudien, eine Schwester seiner Mutter, die 1840 in Gumbinnen geboren wurde.

Bernhard Ankermann zeigt beim Standesamt den Tod der Malerin Minna Laudien an

Am 8. September 1906 heiratet Bernhard Ankermann in Charlottenburg die etwa 20 Jahre jüngere Luisa Nanny Augusta Maria Neesen, eine Tochter des Geheimen Regierungsrats, Professor Dr. phil Friedrich Theresia Adolf Neesen und dessen Ehefrau Anna Elise Karoline Fuhrmeister, die am 24.5.1878 in Berlin-Schöneberg zur Welt kam. Trauzeugen der beiden sind 1. der Vater der Braut und 2. Bernhards jüngster Bruder Rudolph Fritz Ankermann (* 1.11.1870 in Rastenburg), der mittlerweile als Kaufmann in Breslau lebt.

Zur Familie der Braut: ihr Vater wird 1849 als Sohn von Johann Joseph Balduin Neesen und Ehefrau Dorothea Louise Knippenberg in Dortmund geboren. Diese beiden heirateten am 26.2.1847 in Bremen – dort kommt die Mutter 1819 als Tochter des Kaufmanns Diedrich Victor Ludwig Knippenberg und dessen Ehefrau Mutter Dorothee (Doris) Wülbern zur Welt.

Im Jahr nach der Eheschließung von Oktober 1907 bis Mai 1909 wird Bernhard Ankermann auf seiner Forschungsreise ins Grasland von Kamerun begleitet von seiner Ehefrau und (laut Schachtzabel) ‚Gehilfin‚. Sie bringen dem Berliner Museum eine Sammlung von 1700 wertvollsten Ethnographika, 800 hervorragend schönen Photos und zahlreiche phonographische Aufnahmen.‘ (Alfred Schachtzabel) Quelle: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde)

1912 wird Bernhard Ankermann der Professoren-Titel verliehen.

1920 wohnt das Ehepaar Ankermann in der Humboldstraße Nr. 25a.

Adressbuch Berlin von 1920

Die Ehe bleibt kinderlos. Im Haus Humboldstraße Nr. 25 verstirbt Bernhard Ankermanns Ehefrau am 26. März 1925 im Alter von nur 46 Jahren – er zeigt beim Standesamt ihren Tod an.

Im Juli 1921 wird im Deutschen Reichsanzeiger verkündet:

1925 geht Bernhard Ankermann in den Ruhestand. Sein Nachfolger Alfred Schachtzabel berichtet 1939 anlässlich Ankermanns 80. Geburtstag: ‚Als stillen, zuweilen zum eigenen Nachteil bescheidenen Forscher finden wir ihn seit 1896 am Berliner Museum, wo er sich im Laufe der Jahre Kenntnisse in der Völkerkunde Afrikas erwarb, die überragend wurden und auch heute noch unerreicht sind. Und damit wurde er einer der hauptsächlichsten und sicherlich der tiefschüfendste Baumeister der systematischen ethnologischen Forschung, zu einer Zeit, als diese junge Wissenschaft um die Festigkeit der eigenen Grundlage und die endliche Loslösung von den Naturwissenschaften und damit um die Anerkennung als selbständige Disziplin ringen musste. …

Das Staatliche Museum für Völkerkunde zu Berlin und das Baeßler-Archiv, die beide Ankermann bisher so viel zu danken haben, wünschen dem Senior der deutschen Völkerkunde noch für lange Zeit gute Gesundheit und geistige Frische, deren er sich in seinem hohen Alter erfreut, damit es ihm beschieden sein möge, aus dem von ihm angesammelten Material seiner Lebensarbeit noch so manches zur Erweiterung unserer Kenntnis zu veröffentlichen. Damit wird er auch seinen Lebensabend für sich selbst verschönern, denn ihm war und ist die Arbeit ein Bedürfnis. Quelle: Baessler-Archiv, Beiträge zur Völkerkunde)

Bernhard Ankermann wird 84 Jahre alt. Er verstirbt am 26. Oktober 1943. Seine Dissertation wurde 2019 im Verlag von A. Haack, Berlin, neu aufgelegt.

Heute hat das Ethnologische Museum der Staatlichen Museen zu Berlin seinen Sitz im Humboldt Forum im Berliner Schloss. Gegründet 1873 als Königliches Museum für Völkerkunde, umfasst es ca. 500.000 Objekte aus Afrika, Amerika, Asien und Australien sowie etwa ebenso viele Ton-, Bild-, Film- und Schriftdokumente. Die Sammlung des Ethnologischen Museums gehört zu den bedeutendsten ihrer Art. (Wikipedia)

Vorfahren von Bernhard Ankermanns Mutter:

Weitere Informationen zu Familie Laudien:

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Visitation in Osterstade – 1828 und 1831 in Wersabe

Ich habe mir nicht nur die Visitations-Berichte des Blumenthaler Pastors Theobald über seine Gemeinde und seine Beurteilungen der dortigen Lehrer durchgelesen, von denen ich hier erzählt habe, sondern auch die Berichte der Pastoren in Osterstade aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, denn auch dort leben um diese Zeit einige meiner Vorfahren.

Zuständig ist hier die Inspektion in Hagen.

Bei einem ‚Klick‘ auf das folgende Bild sollte man dort landen!

Von 1826 bis 1829 Georg Conrad von Hanffstengel Pastor in Wersabe. Er berichtet 1828 an die Inspektion in Hagen:

Da ich erst seit 2 Jahren hieselbst mein Amt verwalte, so kann ich einen völlig genauen Bericht über die Schullehrer und die Gemeinde nicht abstatten, und bitte darum gehorsamst das Folgende hiernach gewogentlichst zu beurtheilen. …

Über die Schulen und Lehrer…

Im Kirchspiel Wersabe existieren 3 Schulen – die Hauptschule befindet sich in Wersabe. Sie ist ‚dem Präparanden Halberstadt conferirt, weil aber dieser mit höherer Genehmigung bei dem Herrn Patron dieser Gemeinde noch seine Hauslehrerstelle in Acht nehmen darf, so verwaltet den Schuldienst Ludwig Eckloff, früher Präparand auf dem königlichen Seminar in Stade.

Dieser besitzt gute Anlagen, so daß er etwas gut fassen, leicht behalten und schicklich wieder zu lehren im Stande ist, es fehlt ihm ein gründlicher Unterricht und muß sich noch sehr vervollkommnen, um recht tüchtig zu werden. Jedoch ist er schon ein guter Lehrer zu nennen, mit dessen Thätigkeit, Unterrichtsweise und Behandlung der Kinder nie billiger zufrieden sein wird. Er giebt sich Mühe, versteht namentlich die Kinder gut zu beschäftigen und ihre Aufmerksamkeit rege zu erhalten, auch ihre Achtung, sich zu bewahren bei Beschäftigung ihres Verstandes versäumt er nicht(,) ihrem Gedächtnisse heilige Wahrheiten zu künftigem Gebrauche anzuvertrauen.

Ausgezeichnet ist er als Vorsänger, bei einer sehr guten reinen Stimme hat er Sinn für Musik und Gehör, und führt den Gesang sehr anständig und würdig. Sein Betragen ist gut.

Die Hauptschule ward früher und jetzt gut besucht, auch im Sommer sind regelmäßig die Schulkinder zur Hälfte versammelt.

Die Nebenschule zu Wurthfleth verwaltet ein sehr tüchtiger Schullehrer, Diederich Fischer, schon seit etwa 15 Jahren. Er ist gleich ausgezeichnet durch vielseitige gründliche Kenntnisse in seinem Fache, als Liebe zum Schul-Amte und ein gesittetes und verständiges Betragen, so viel ich ihn habe kennen gelernt.

Seine Kenntnisse, die er besonders unter Leitung meines Vorgängers sich erworben, sucht er noch stets zu vermehren durch mehre treffliche Bücher, die er sich, seines geringen Einkommens und Familie ungeachtet, angeschafft hat, und strebt vorzüglich dahin, gründliche und brauchbare Kenntnisse zu erlangen. Dabei unterrichtet er gut und verwaltet sein Amt mit Treue und Liebe, obgleich jetzt besonders er mit dem Unangenehmen zu kämpfen hat, dass seine Schule im Sommer wenig und auch im Winter Anfangs nur schlecht besucht wird, was seinen Grund vorzüglich darin hat, dass in Wurthfleth die größte Zahl der Schulkinder armer Eltern Kinder sind und bei dem Erwerb dieser Leute die Kinder gut gebraucht werden können oft bis spät in den Herbst hinein. Dabei ist dieser Lehrer ein guter Vorsänger, der richtig und fest singt, wenn auch nicht schön, und den Gesang zur Erbauung zu führen versteht. …

Die Nebenschule zu Rechtebe ist seit 1 ½ Jahren einem jungen Mann, Carsten Diedrich Heesemann, anvertraut, der sich Mühe giebt, Geschick zum Unterricht besitzt, und ziemliche Elementarkenntnisse besitzt. Seine Anlagen sind, wenn auch nicht ausgezeichnet, doch gut, rühmlich ist sein Fleiß, Bescheidenheit, gutes Betragen und Liebe zum Schulwesen. ….

Carsten Diedrich Heesemann wird später Lehrer in Driftsethe – der folgende Text über seine Ausbildung und seinen Werdegang stammt von ihm selbst. Er berichtet:

„Im April 1837 kam ich nach Driftsethe. Im Jahre 1810 den 7. Januar bin ich zu Aschwarden, Gemeinde Bruch, in der Süder-Osterstader-Marsch geboren von unbemittelten Eltern. Obwohl ich von denselben fleißig zu Schule gehalten wurde, kam ich doch nicht zu den nötigen Kenntnissen, denn mein alter 71 jähriger Lehrer, der nie seinen Strickstrumpf aus den Händen verlor, vermochte nicht mehr zu leisten. Nach meiner Konfirmation 1824 kam ich im Herbste als Gehülfe auf ein Jahr nach dem Organisten in Uthlede. Darauf war ich wieder ein Jahr zu Hause und hatte Unterricht bei dem Küster in Bruch, der auch der Schule in Aschwarden vorstand, weil der alte Lehrer heimgegangen war. Im Herbste 1826 kam ich als Lehrer nach Rechtebe, Gemeinde Wersabe, wo ich 2 1/2 Jahr war und im Sommer abwechselnd Unterricnt bei dem Herrn Pastor von Hanfstengel daselbst hatte. Ostern 1829 kam ich auf ein halbes Jahr nach dem Seminar in Stade. Das ist leider die ganze Zeit meines Seminarbesuchs gewesen. Im Herbste des Jahres kam ich nach Hinnebeck, Gemeinde Bruch, als Lehrer, wo ich 7 1/2 Jahr war.“Quelle: http://www.driftsethe.de/schulchronik.html

Zurück zur Visitation von Pastor Hanffstengel, der außerdem berichtet über ..

Das kirchliche Leben …

Das kirchliche Leben fällt als gut in die Augen, und ist besser wie an manchen andern Orten; dem Gottesdienste wird fleißig beigewohnt, und große Stille und Aufmerksamkeit herrscht in diesen Versammlungen. Das Heilige Abendmahl wird von Keinem, soviel ich weiß, versäumt, im Gegenteil, ordentlich und andächtig gefeiert. So läßt sich mit Grund schließen, daß das religiöse Interesse bei Vielen gebührenden Platz findet und das Wort Gottes, welches fleißig gehört wird, auch wurzele im Herzen.

Doch habe ich nicht so oft wie anderswo fromme Äußerungen gehört und schätzbare religiöse Gewohnheiten, Tischgebet, Morgen– und AbendAndacht, überhaupt die so äußerst wichtige Haus-Andacht, scheint auch hier, und zwar noch mehr wie anderswo, namentlich auch in den in dieser Hinsicht so wunderlichen Zeiten der französischen Herrschaft, abgekommen zu sein. Daß der vernünftelnde, alles kritisierende und bezweifelnde Zeitgeist vergangener Jahre auch hier seinen Einfluß geübt, und zum Unglauben an das göttliche Wort geneigt gemacht hat, ist wohl wahrscheinlich, obgleich eigentliche Irrelegiösität sich nicht findet.

Quelle: Hermann Allmers, Marschenbuch; Gotha 1858

Die Sittlichkeit der Gemeinde …

Die Sittlichkeit der Gemeinde ist, meiner Beobachtung nach, im Ganzen wohl nicht ausgezeichnet. Es wird zuviel gehört von unrechtlichem Betragen in Handel und Wandel, von großer Trägheit, besonders des weiblichen Geschlechts in den niedern Classen, von Bettelei, Streit und Unfrieden, und bösen Nachreden, auch Unkeuschheit, als daß gerühmt werden könnte, es wäre die Sittlichkeit hier ausgezeichnet.

Allein es gibt in dieser Gemeinde viele würdige verständige gutdenkende Bewohner, und einer ehrenvollen Erwähnung verdient die Anständigkeit und Sittsamkeit bei feierlichen Versammlungen und fröhlichen Festen.

Früher war es schlimmer …

Früher war es hier schlimmer, aber seitdem eine Diebesbande ausgerottet ist, hört man nichts vom frechen Muthwillen junger Leute, von boshafter Rachsucht bei Beleidigungen, und vieler rechtlicher Einwohner Streben gehet zum Besten. Der Herr helfe dazu nach seinen Gnaden!

Schon der Pastor Johann Gottlieb Visbeck erwähnt1798 in seinem Buch ‚Die Nieder-Weser und Osterstade‘ die Tagelöhner im Kirchspiel Wersabe, die – um sich und ihre Familien ernähren zu können – stehlen oder betteln. Er schreibt: ‚Der fleißigste Arbeiter gewöhnet sich leicht an diesen so bequemen Brod-Erwerb, läßt alle Arbeit liegen, bettelt sein ganzes Leben hindurch, und vererbet seinen Bettelstab wohl gar … auf Kind und Kindeskind. … Selbst das Sterbelager erweichet ihre versteinerte Seelen, wie die Erfahrung ergiebt, oftmals nicht und sie bleiben gegen Himmel und Hölle gleichgültig‚.

Wersabe, den 15ten August 1828 G. v. Hanffstengel, Pastor

Einige Jahr später ….

1831 berichtet Georg Dietrich August Brünjes, der Nachfolger von Pastor Hanffstengel (von 1830–1854 Pastor in Wersabe) über die Gemeinde Wersabe:

Daß der Zustand derselben sowohl in religiöser als auch sittlicher Hinsicht keinesweges für ausgezeichnet gehalten werden darf. Des Menschen Innern kennt freilich ganz nur der, welcher Herzen und Nieren prüft. Doch gibt sich eine geheiligte Gesinnung durch einen reinen Wandel kund. Wo daher noch öfters Klagen gehört werden, über Verletzung der Keuschheit, Zwietracht in den Ehen, schlechte Kinderzucht, Vernachlässigkeit des öffentlichen Gottedienstes, Geringschätzung der Sacramente, Hang zur Trägheit, Veruntreuungen, Verläumdung u. d. gl. , da ist hinsichtlich der Religiosität und Sittlichkeit noch keine bedeutende Stufe erreicht.

Wann daher ähnliche Klagen auch hier laut werden, und leider durch mehrfältige Beweise sich als gegründet ausweisen: so liegt darin eben nicht das rühmlichste Zeugniß für die hiesige Gemeinde. Indeß neben wenigen ganz lasterhaften und manchen, die in einer oder anderer Hinsicht sich eines unchristlichen Wandels schuldig machen : gibt es doch auch viele, die sich durch ächte Frömmigkeit und sittliche Unbescholtenheit rühmlichst auszeichen. –

Weiß man wie vor nicht vielen Jahren der religiös-sittliche Zustand der hiesigen Gemeinde beschaffen war, erwägt man, dass sie damals wohl nicht mit Unrecht in einem höchst üblen Rufe stand; und bemerkt man dagegen, dass sich jetzt doch nach und nach manche früher herrschende Laster immer mehr verlieren und die Abscheu dagegen allgemeiner wird so darf man sich der freudigen Hoffnung überlassen, dass ächtes Christenthum, da es in manchem früher dagegen verschlossenem Herzen Eingang gefunden, durch des Herrn Gnade von Tage zu Tage mehr an Einfluß gewinnen werde und dass also die Zeit nicht mehr so ferne liegen dürfte, wo die hiesige Gemeinde andern christlichen sich zur Seite stellen könne.


Weitere Berichte zu Osterstade:

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Über den Krug in Canditten, Pr. Eylau

Wenn ich mich eine Weile nicht mit Ostpreußen beschäftigt habe, überkommt mich die Sehnsucht …. Unter meinen Entwürfen für dieses Tagebuch befinden sich aber glücklicherweise noch viele Beiträge zum Thema ‚Ostpreußen‘ – so auch dieser über den Krug in Canditten im Kreis Pr. Eylau!

Durch die Eheschließung meiner Vorfahrin Catharina Lehmann, einer Tochter des Wildenhofer Bräuers Jacob Lehmann, gibt es bereits um 1739 einen Bezug meiner Vorfahren zum Krug in Canditten, denn Catharina heiratet 1739 den verwitweten Krüger George Steinau, lebt mit ihm im diesem Krug und bringt dort von 1740 bis 1751 mehrere Kinder zur Welt.

Nach dem Tod ihres Ehemanns bleibt Catharina im Krug von Canditten – sie schließt eine neue Ehe und ihr Ehemann Johann Boenke betreibt den Krug weiterhin. Das Ehepaar bekommt 6 weitere Kinder – darunter im Jahre 1755 auch meine Vorfahrin Anna Barbara Boenke.

Auch in der nächsten Generation wird der Krug von meinen Ahnen bewirtschaftet, denn Anna Barbara ehelicht Gottlieb Gutt, der den Krug seines Schwiegervaters weiterführt. Es folgt der 1788 geborene Sohn Johann Christoph Gutt. Als dieser am 24. Januar 1817 in Ludwigswalde Loysa Charlotta Liedtke – eine Tochter des Altenberger Köllmers Gottfried Liedtke und dessen Ehefrau Anna Louisa Hempel heiratet, hat er den Krug in Canditten bereits übernommen.

Die Kirchenkassenrechnungen von Canditten enthalten einen Brief von Pfarrer Schiemann aus dem Jahr 1824, in dem Johann Christoph Gutt erwähnt wird. Der Pfarrer wendet sich an den ‚General-Landschaftsrath‚ und teilt diesem mit:

Wohlgebohrner, Hochzuverehender Herr General-Landschaftsrath!

Der hiesige culmische Krüger Gutt ist gesonnen, einen großen zum Kruge gehörigen Garten, welcher in 2 Abtheilungen an die beiden Pr(ediger) Wittwen Gärte gränzet, 2 ½ Morgen groß ist und in guter Cultur, ca 3 ½ bis 4 Sch. Aussaat u. ein Wiesenstück von 1 bis 2 Fuder Heu enthält(,) zu verkaufen, um eine Schuld, welche er an H. Amtmann Spaeth restirt, tilgen zu können. Schon früher habe ich oft daran gedacht(,) diese Gärten für die künftigen Prediger-Wittwen mit dem in der hiesigen Wittwen-Casse gesammelten kleinen Capital ankaufen zu dürfen, doch hatte Krüger Gutt bisher keine Lust, sie zu verkaufen. Jetzt bietet er sie den Vorstehern für 85 RM an, er gewiß würde, wenn der Kauf zu Stande käme, auch hirvon noch etwas abgehen. ….

Dem Herrn Reichsgrafen von Schwerin habe ich diese Sache vorgelegt und gebeten, sein Gutachten darüber gefälligst abgeben zu wollen.

Mit vorzüglichster Hochachtung bin ich jederzeit Ew. Wohlgeb. ganz ergebenster … Schiemann

Canditten, d. 23ten August 1824

Der Krug scheint sich in der Nähe der Kirche zu befinden, was wohl häufiger der Fall war. Die Krüge wurden offenbar bewusst so angelegt, dass sich die Besucher der Gottesdienste dort anschließend noch versammeln und ‚feiern‘ konnten. Bei meinem letzten Besuch in dieser Region habe ich gelernt, dass dies auch im Kirchdorf Eichholz – nicht weit entfernt von Canditten – zutraf. Hier befand sich der Krug der Kirche unmittelbar gegenüber. Das Gebäude steht dort noch heute.

War dieses schöne Gebäude möglicherweise der ehemalige Krug? Er befindet sich direkt an der großen Straße von Landsberg nach Blumstein (wie unten angegeben) – die Kirche liegt dort, wo das Kreuz zu sehen ist!

Johann Christoph Gutt und seine Ehefrau bekommen drei Kinder, die im Canditter Krug zur Welt kommen und aufwachsen: Gotthilf Amalie *23.12.1817 – Charlotta Wilhelmine *27.2.1820 (sie heiratet 1846 in Ludwigswalde Carl Grohnert, den damaligen Kämmerer in Milgen) und Carl Ludwig August Gutt *23.8.1822.

Die Mutter der Kinder muss vor 1831 verstorben sein, denn am 18. Januar 1831 heiratet der Krüger Johann Christoph Gutt in Landsberg Lowisa Paegert, die einzige Tochter des in Eichen noch lebenden Eigentümers Johann Paegert. 10 Jahre apäter – im November 1842 verstirbt – Johann Christoph Gutt in Eichen.

Ab etwa 1870 ist der Krug für einige Jahre im Besitz des Kaufmanns Wilhelm August Kalusch und seiner Ehefrau Henriette Poschmann. Die Familie stammt aus Eisenberg im Kreis Heiligenbeil und bringt mindestens drei Kinder mit nach Canditten:

  • August Wilhelm Kalusch *um 1859
  • Minna Berta Kalusch *1865
  • Franz Gustav Kalusch *1869

Am 3. Mai 1873 kommt in Canditten Sohn Wilhelm Adolf Kalusch zur Welt. Nur ein Jahr danach – m Mai des Jahre 1874 – gibt August Kalusch im Kreisblatt bekannt, dass er den Krug in Canditten verkaufen möchte. Durch dieses Inserat erfahren wir Näheres über die Gastwirtschaft des Ortes, die sicherlich viele Bewohner von Canditten besucht haben. Der Text lautet:

Canditten, pr. Wildenhof, im Mai 1874 August Kalusch

Zu Familie Kalusch:

Sohn August Wilhelm lebt später mit seiner Ehefrau Heinriette Mill als Mälzer in Danzig, wo er 1927 verstirbt. von 1885 bis 1894 werden in Danzig ihre 5 Kinder geboren: Anne Grete *1885 – Gertrude Carla *1887 – Arthur August *1889 + 1914 – Willy Kurt *1891 + 1914 und Paul Max Kalusch *1894. August Wilhelm verstirbt am 12 Sep 1927 im Danziger Diakonissenkrankenhaus.

Minna Bertha Kalusch *1865 in Eisenberg oo 1915 in Hamburg Wilhelm Karl Runge. Franz Gustav Kalusch *1869 in Eisenberg wird Schuhmacher in Danzig und heiratet dort 1926 Caecilie Natschke * 1891 in Abbau Strepsch, Kr. Neustadt

Der in Canditten geborene Wilhelm Adolf Kalusch wird Schmiedemeister in Danzig und heiratet dort 1931 Margarete Babette Gutermuth *1890 in Dallherda, Kr. Gersfeld.

Aus den Heiratsurkunden ihrer Kinder lässt sich schließen, dass sowohl der Kaufmann und kurzzeitige Krugbetreiber August Kalusch als auch seine Ehefrau vor 1918 im Kreis Heiligenbeil verstarben – er in Hanswalde und sie in Rehfeld.

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Martha Elisabeth Schaumlöffel (1789-1812)

Mich interessieren immer auch die Einzelschicksale der Geschwister meiner Vorfahren – in diesem Fall das Schicksal von Martha Elisabeth Schaumlöffel, einer Schwester meines Vorfahren Johann Georg Schaumlöffel.

Und ständig lerne ich etwas dazu – vor allem über die Geschichte der jeweiligen Region und über die Lebensumstände meiner Ahnen.

Als sich Johann Conrad Schaumlöffel mit seiner großen Familie als Schneidermeister um 1800 in Vegesack niederlässt, ist Martha Elisabeth ein Schulkind – etwa 11 Jahre alt.

Die Anfangsjahre der Familie in Vegesack waren sicherlich nicht leicht. Die Familie stammt aus Hessen – sämtliche Kinder (insgesamt 9) kamen in Kassel zur Welt. Wie (fast) alle Eltern – werden Johann Conrad Schaumlöffel und seine Ehefrau Anna Elisabeth (Goebel) Giebel bemüht gewesen sein, ihren Kindern einen guten Start in der neuen Heimat und eine glückliche Zukunft zu ermöglichen.

Vegesack 1848 – Von Carl Justus Harmen Fedeler https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8719785

Vier der Söhne erlernen – wie der Vater selbst – das Schneiderhandwerk, zwei von ihnen bleiben in Vegesack, einer lässt sich in Lüssum nieder und der 1790 in Kassel geborene Wilhelm Bernhard zieht nach Amsterdam und gründet dort eine Familie. Das Schicksal von Jacob – dem jüngsten Sohn, der 1808 im Alter von 15 Jahren in der Blumenthaler Kirche noch konfirmiert wird – liegt noch im Dunkeln.

Die erste Familienfeier im Norden ist die Konfirmation von Sophie Elisabeth in der Reformierten Kirche von Blumenthal, zu der zu dieser Zeit auch die Vegesacker gehören. Die jüngste Tochter verstirbt 1806 – im Alter von 11 Jahren – an den Frieseln. Sophie Elisabeth bleibt in Vegesack – sie heiratet 1814 den aus Nienburg stammenden Schneidermeister Carl Heinrich Conrad Müller.

Und dann ist da noch Martha Elisabeth Schaumlöffel. Durch ihre Sterbeeurkunde, die 1812 im Vegesacker Kirchenbuch zu finden ist, erfahre ich Näheres über ihr Leben. Auch Martha Elisabeth verlässt Vegesack – sie wird Dienstmagd im Bremer Stephani-Viertel.

Das rote Kreuz auf dem folgenden Kartenausschnitt zeigt die Lage der Straße ‚Stephanitorwall‚ an – hier lebt und arbeitet Martha Elisabeth Schaumlöffel bis zum 20 Oktober des Jahres 1812. An diesem Tag verstirbt sie im Alter von nur 23 Jahren im dortigen Haus Nr. 16. Leider wird in ihrer Sterbeurkunde keine Todesursache angegeben – man erfährt lediglich, dass ihre sterblichen Überreste von Bremen nach Vegesack überführt werden.

Um die Urkunde verstehen und einordnen zu können, muss man wissen, dass die Stadt Bremen als Teil des Herzogtums Bremen zu dieser Zeit unter französischer Verwaltung steht. So erklärt sich u.a., dass der darin erwähnte Simon Hermann Nonnen nicht als stellvertretender Bürgermeister, sondern als ‚Maire-Adjoint‘ bezeichnet wird. Mehr über die Bremer Franzosenzeit findet man hier.

Quelle: Archiv des Weserkuriers

Das Departement der Wesermündungen oder französisch Département des Bouches du Weser entstand als eines der drei hanseatischen Departements am 1. Januar 1811. Die Reichsstadt Bremen, Teile des Herzogtums Bremen, Herzogtum Oldenburg und Delmenhorst, Herzogtum Verden, Teile des Fürstentums Lüneburg sowie Teile der Grafschaft Hoya gehörten zum Departement. – Napoleon unterstanden der Oberkommandierende der Armee und der Generalgouverneur der nordwestdeutschen Departements. Präfekt des Wesermündungsdepartements war bis zum 17. Oktober 1813 Philipp Karl Graf von Arberg, früher Kammerherr von Napoleon; Unterpräfekt war der spätere Senator Johann Pavenstedt. (Wikipedia)

Ausschnitt aus der Sterbeeurkunde von Martha Elisabeth Schaumlöffel:

Heute den Ein und zwanzigsten des Monaths October des Jahres Achtzehnhundert zwölf um acht Uhr des Abends wurde uns(,) dem Maire der Commune Vegesack Departements der Wesermündungen durch Georg Schaumlöffel zu Vegesack über das am zwanzigsten October achtzehnhundert zwölf zu Bremen im Hause numero Sechzehn am Stephaniethors Wall Westcanton Bremen erfolgten Ableben der Eliesabeth Schaumlöffel drey und zwanzig Jahr alt, unverehelicht, Dienstmagd zu Bremen, Tochter von Johann Conrad Schaumlöffel und Eliesabeth Marta Gibel (= Anna Elisabeth (Goebel) Giebel) von den Herrn Maire Adjoint Nonnen in Bremen eine Sterbe-Urkunde zugesandt, die hier angelegt ist und wörtlich folgendermaßen lautet:

Heute den Ein und zwanzigsten des Monaths October Achtzehnhundert zwölf, um Mittag, vor uns, Simon Hermann Nonnen, Adjoint des Maire und von demselben deligirter Beamter des Civilstandes der Stadt Bremen, Hauptort des Departements der Wesermündungen, erschien Georg Schaumlöffel, fünf und zwanzig Jahr alt, Schneider als Bruder, wohnhaft zu Vegesack, und Johann Adolph Hölty, ein und dreißig Jahr alt, employé hieselbst und erklärten daß Gestern Morgen um Drey Uhr Eliesabeth Schaumlöffel, drey und zwanzig Jahr alt, Dienstmagd hieselbst, Tochter von Johann Conrad Schaumlöffel und Eliesabeth Marta Gibel (= Anna Elisabeth (Goebel) Giebel) in dem Hause numero Sechzehn am Stephaniethors Wall Westcanton gestorben ist, und haben die Erklärenden, nachdem ihnen dieses vorgelesen worden, es zugleich mit uns unterschrieben. Bey der Vorlesung erklärten der Declarant und der Zeuge, dass die Leiche der Verstorbenen nach Vegesack Mairie Vegesack transportirt werden solle, worüber Protocoll aufgenommen, welches diesem Act beygefügt werden soll.

Anhand des Bremer Adressbuchs von 1812 habe ich versucht, herauszufinden, in wessen Haushalt Martha Elisabeth Schaumlöffel gedient haben mag. Im Haus Nr. 16 wohnen im Jahre 1812 der Krahnmeister Johann Wilhelm Eitzen und die Witwe Precht. Da die Adressbücher zu dieser Zeit nicht nach Straßen geordnet sind, musste ich das gesamte Adressbuch durchblättern und habe ’nebenbei‘ auch die anderen Bewohner der Straße ermittelt – die Schreibweise wurde genau übernommen.

1Klencke, Christian, Kimker (=Böttcher)
2Graffstedt, Hilmer, Brantweinbrenner
3Fehrmann, Johann, Schlosser
4Daniels, Ludwig, Torfhandel
5Gesselmann, Anton, Kahnschiffer
7Hutzing, Johann Anton, Brantweibrennerei Plump, Friedrich Strumpffabrikant, Stephanithorsstraße 7
8Reiners, Daniel, Kahnschiffer
9Blumberg, Hinrich, Tischler, auch Viertel- und Spinnekämpfer, hinter St. Stephanithorswall 9
12Witwe von Lüder Mensing
13Eggers, Hinrich, Windmüller, hinter St. Stephanithorswall 13 Mühlenbrock, Hinrich, Windmüller Meyer, Meinke, Kahnschiffer
14Selling, Hermann, Schuhmacher
16Eitzen, Hermann Wilhelm, Krahnmeister – Witwe Precht
20Borchers, Simon, Kaufmann
22Pöttger, Diedrich, Kahnschiffer
23von Harten, Hinrich, Kahnschiffer Sanders, Johann Hinrich, Hökereiwaaren
24Gesselmann, Dettmer, Kahnschiffer Hartz, Hinrich, Seeschiffer
26Bosselmann, Wilhelm
30Bönker, Johann Friedrich, Schneider
32Falckenburg, Johann Kochenhauer

Wunnenberg, Lambert – Hausvater im Werkhause
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‚Voll Enthusiasmus‘ an die Hauptschule in Blumenthal …

Von 1815 bis 1863 heißt der Lehrer an der Blumenthaler Hauptschule Martin Gerhard Meierdierks.

Martin Gerhard Meierdierks wird am 27. Januar 1789 als Sohn des Ratsdieners Conrad Meierdierks und dessen Ehefrau Mette Dorothée Meiers in Bremen geboren und am 1. Februar in der Ansgari Kirche getauft. Er ist bereits Lehrer in Blumenthal, als er am 31. Juli 1816 in Bremen Rebecca Bäckmann heiratet, eine Witwe des Bremer Bürgers und Bierbrauers Lüder Mensing und Tochter des Bürgers und Kaufmanns Henrich Bäckmann und Anna Tölke.

Sein Vater war bereits vor 1816 verstorben – die Mutter stirbt am 23. Juni 1822 im Alter von 64 Jahren in ihrer Wohnung in der Ansgarikirchgasse Nr. 15.

Martin Gerhard Meierdierks unterrichtet in Blumenthal u.a. auch den späteren Schiffskapitän und Marinemaler Fritz Müller, der von ihm 1830 auch konfirmiert wurde.

Lehrer Meierdierks wird bereits in meinem vorherigen Beitrag von Pastor Theobald in dessen Berichten an die Schulinspektion ‚als ein sehr vielseitig gebildeter, in den Schulwissenschaften wohl unterrichteter Mann‘ gelobt, bei dem ’sich auch ein lobenswerthes Streben zeige, ‚durch seine Kenntnisse nützlich zu werden‚. Weiterhin schildert der Pastor: ‚Seine Handschrift sowie seine Fertigkeit im Rechnen ist ausgezeichnet gut. Gegen die Disciplin in der Schule ist nichts zu erinnern. Sein Lebens-Wandel ist untadelhaft

Dass die Handschrift von Herrn Meierdirks wirklich ausgezeichnet ist, können auch wir fast 200 Jahre später noch begutachten, denn am 13. Oktober 1828 wendet sich der Lehrer mit einem persönlichen Schreiben von Blumenthal aus an den Superintendenten in Osterholz. Auf diese Weise erfahren wir auch Genaueres über die schwierigen Bedingungen, unter denen Herr Meierdierks seinen Dienst in Blumenthal antrat und ausübte. Er schreibt:

‚Als ich im Jahr 1815 mein Amt als Schullehrer hieselbst antrat, fand ich ein Schulzimmer von 550 fuß, mit einer Decke von nicht 8 fuß Höhe, das Ganze in jeder Hinsicht im traurigsten Zustande, und in diesem Locale 250 Kinder zu unterrichten. So aufrichtig mein Eifer war, so mußte ich doch nothwendig sogleich die Erfahrung machen, daß es unmöglich sey, bei solchen Mitteln viel Gutes bewirken zu können. Bey denjenigen Mitgliedern der Gemeine, deren nähere Bekanntschaft ich machte, und denen ich meinen Plan zur Vergrößerung des Schulzimmers und zur Anstellung eines Gehülflehrers mittheilte, fand ich indessen Theilnahme und glaubte nun, voll Enthusiasmus, aber jung, und ohne vollständige Kenntniß meines Terrains, auf den allgemeinen Sinn der Gemeine für eine gründliche Schulverbesserung rechnen zu dürfen.

Ebenso wurde mir, bey der im Jahre 1817 hier abgehaltenen General-Kirchenvisitation, vom Herrn Generalsuperintendenten Hoffnung gemacht, daß ein Unterlehrer hier angestellt werden würde.

Demzufolge legte ich dem Königl. Consistorio einen Plan zur Erweiterung und zweckmäßigeren Einrichtung des Schulzimmers, der auf Anstellung eines zweiten Lehrers berechnet war, vor; und hatte das Vergnügen, diesen Plan gebilligt zu sehen. Der Bau der Schule wurde vom Consistorio verordnet, verzögerte sich aber, weil jetzt schon Spaltungen in der Gemeine entstanden, bis ins Jahr 1819, wo er endlich vor sich ging.

Während dieser Zeit erschien das Consistorial-Decret, welches die Anstellung eines Unterlehrers an denjenigen Schulen verordnet, worin 110 und mehrere Kinder unterrichtet werden. In der Ueberzeugung, daß die mit einer solchen Anstellung verbundenen großen Kosten, mir, als vor diesem Gesetz, an einer Schule angestellten Lehrer, wo niemals ein Unterlehrer gehalten worden war, nicht zur Last fallen könnte, wandte ich mich mit der Bitte an Königl. Consitorium, deshalb mir eine günstige Bestimmung zu erlassen; erhielt aber die Weisung, dass ich mich deshalb mit der Gemeine zu verständigen habe.

Hier fand ich nun leider, daß ich mich, den Gemeinsinn derselben betreffend, sehr verrechnet hatte. Meine billigsten Wünsche und Vorschläge wurden von den deshalb Bevollmächtigten, als ihnen durchaus nicht angehend, verworfen. Ich gab indeß die Hoffnung nicht auf, nahm auf meine Kosten einen fähigen Gehülfen an, und erwartete mit Gewißheit, daß der erwiesene Erfolg eines zweckmäßigen Unterrichts ihrer Kinder sie billiger gemacht haben würde. Ich habe dies 3 Jahre lang mit Aufopferung eines bedeutenden Theils meiner Einnahme fortgesetzt; aber vergebens. Neue Vorschläge wurden so wie die früheren zurückgewiesen. –

Unter diesen Verhältnissen sah ich mich also genöthigt, den Unterricht wieder allein zu übernehmen, da bey meiner geringen und seit meines Dienst Antritts noch sehr geschmälerten Einnahme, ich nicht im Stande bin, die Verbesserung des Unterrichts, die mir jährlich wenigstens 120 Grote kostet, für die ganze Gemeine aus meiner Tasche zu bezahlen!

Zu dieser Zeit, als die Neurönnebeker, eigenmächtigerweise eine Nebenschule für ihre Dorfschule errichtet hatten, fingen einige Alt-Rönnebeker an, ihre Kinder entweder in diese oder in die Nebenschule zu Farge zu schicken, und zu meinem großen Nachtheile mußte ich erfahren, daß der Eifer, mit dem ich die Gemeine auf die Mängel des bisherigen Unterrichts und auf Verbesserung desselben, aufmerksam gemacht hatte, nur dazu gedient hatte, Nebenschulen zu begünstigen und mir in pecuniairer Hinsicht großen Schaden zuzufügen, da, wie Ew. Hochehrwürden erinnerlich seyn wird, für Rechenunterricht halbjährig 51 Grote, für die übrigen Schüler aber nur 15 Grote Schulgeld vergütet wird.

Bald nach Errichtung der Neurönnebeker Nebenschule, etablirte ein Frauenzimmer namens Hilken, aus Bremen, ohne Erlaubniß dazu nachzusuchen, zu Alt-Rönnebek ebenfalls eine Anstalt, die anfangs unter dem Namen einer Unterrichtsanstalt für weibliche Arbeiten ins Leben trat, bald aber als wirkliche Nebenschule sich zeigte, indem diese Person anfing größere Kinder, die zu meiner Schule gehörten, an sich zu ziehn, und solche sowohl des Tages zu gewöhnlicher Schulzeit, als auch Abends in der Religion, im Rechnen, Schreiben und Lesen zu unterrichten.

Eine zweimalige Weisung des Pastor Theobald, sich in ihrem Unterricht auf Kinder bis zu 6 Jahren zu beschränken, wie unser Lagerbuch solches vorschreibt, ist ohne Erfolg geblieben, und sie soll bis diesen Augenblick an 30 Kinder unterrichten.

Mit dem neuesten Vorfall dieser Art sind Ew. Hochehrwürden schon bekannt; ich wiederhole deshalb nur, daß der Mann, welcher mit seiner Frau, gemeinschaftlich, eigenmächtigerweise eine Nebenschule errichtet hat, von Raden (von Rahden) heißt, in Blumenthal selbst wohnt, und an die 30 Kinder, ebenfalls in der Religion, im Rechnen, Schreiben und Lesen unterrichtet.

Um zu zeigen, wie groß mein Verlust durch das Etablissement dieser Nebenschule ist, brauche ich wol nur zu bemerken, daß in hiesiger Gemeine im Durchschnitt 280 schulpflichtige Kinder sind, und daß ich im vorigen Winter 136 und in diesem Sommer 93 Kinder auf meiner Schulliste hatte; nicht zu gedenken, was ich dadurch an Privatunterricht verliere.

Dieses, Ew. Hochehrwürden, ist die gegenwärtige Lage der hiesigen Hauptschule. Daß ich, der ich mit aufrichtigem und redlichem Eifer das Gute gewollt, und darnach gestrebt, unmöglich ruhig dabey seyn kann, sondern mich sehr unglücklich fühlen muß, wenn ich sehe, daß meine guten Absichten mißgedeutet, und meine Pläne für das Bessere bis jetzt so ganz gescheitert sind, brauch ich wol nicht zu erwähnen.

Mit festem Vertrauen auf Ew. Hochehrwürden bekannten Eifer für die Beförderung des Guten, und erlauben Sie mit hinzuzufügen, auch auf ihr mir so gütig gezeigtes Wohlwollen, ergeht deshalb meine gehorsamste Bitte an Ew. Hochehrwürden: Dieselben wollen sich gewogentlich dahin verwenden, daß die genannten, eigenmächtig errichteten Nebenschulen aufgehoben, und ein Fand zur Salarirung und Unterhaltung eines Unterlehrers an hiesigen Hauptschule ausgemittelt werde.

Mit der vollkommensten Hochachtung verharret

Ew. Hochehrwürden

gehorsamster Diener

Meierdirks

Blumenthal, d. 13ten October 1828

Quelle: Visitationen in der Inspektion Osterholz – Laufzeit -1827-1834 -Enthält die Kirchengemeinden Ritterhude, Scharmbeck, Hambergen, Osterholz, Blumenthal, Neuenkirchen, Lesum und Worpswede

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