Das, was wir unser Leben nennen ….

„Das, was wir unser Leben nennen“, sagt der große Chirurg und eifrige Genealoge Ernst von Bergmann im Vowort zu seiner Familienchronik, „ist nicht ein zwischen Geburt und Tod Abgeschlossenes, vielmehr ein Empfangenes und Fortgesetztes, eingereiht in eine Kette, deren Glieder vom Anbeginn der Welt bis ins Unendliche ineinander greifen. Ererbt von den Vorfahren, wird das Leben vererbt auf die Nachkommen. Es ist nicht plötzlich frei und unabhängig aus einer zufälligen Mischung von Elementen hervorgegangen, sondern gebunden an eine Reihe vorangegangener und regelrecht sich folgender Geschlechter.

Nur in einer kurzen Spanne Zeit, die zwischen seinem Kommen und Gehen liegt, hat der einzelne Mensch das Bewußtsein von seinem Leben und das Vermögen, über seines Daseins Grund und Zweck zu sinnen und zu denken. Die Erinnerung führt ihn an das erste Glied der Kette, an welcher sein eigenens Leben hängt, an die für ihn noch erreichbaren Gestalten von Vater und Mutter. Er weiß, dass sie ihn ins Lebens führten, in eine bestimmte gesellschaftliche Stellung und auf eine bestimmte Entwicklungsbahn, und dass er, was er ist, ihnen schuldig ist.

Der denkende Mensch kann nicht anders, als weiter zu fragen: Wie aber wurden die Eltern das, was sie waren? Wie unser physisches Leben selbst, so ist auch alles, was mit und an uns geschehen, ein aus Anderen Gewordenes und die Folge einer geschichtlichen Entwicklung. Wie sollten wir da nicht gern in diese Geschichte uns versenken und in der Vergangenheit der Voreltern suchen, wie wir zur eigenen Gegenwart gekommen sind?

In jedem der aus- und absteigend miteinander verbundenen Einzel-Leben wiederholen sich, wie vor Tausend Jahren so auch heute, die überall gleichen Naturformen des Menschen mit den ihnen innewohnenden Eigenheiten: Geburt und Wachsen, das spielende Kind, der stürmische Jüngling, der Zug der Geschlechter zueinander, Freundschaft und Liebe, Werbung und Ehe, Arbeit und Muße, Streben und Begierde, Warnung und Rath, Sitte und Stammesgemeinschaft, Krankheit, Schwäche, Alter und Tod. Eingeschlossen in diesen Ring sind die Erlebnisse eines Jeden.

Man mag nicht mit jeder Formulierung übereinstimmen, aber ich finde, es lohnt sich, über diesen Text nachzudenken. Er stammt aus dem Vorwort der Familiengeschichte, die Ernst Gustav Benjamin von Bergmann (1836-1907) im Jahre 1898 für seinen Sohn verfasste. Ernst von Bergmann entstammt einer deutsch-baltischen Familie und wird in Riga geboren. Den 1. Teil dieser Familienchronik findet man hier – auf der Seite der Universität Tartu.

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Er wäre nicht werth, ein Preuße zu heißen!

Bei der Recherche meiner Vorfahren interessieren mich von jeher nicht nur ihre Namen und Daten – ich bemühe mich immer, möglichst viel über ihre Lebensumstände herauszufinden. Ich versuche, mich in ihre Zeit und ihren Lebensraum zu ‚beamen‘, weil ich wissen möchte, unter welchen Bedingungen sie lebten, welchen Einflüssen sie ausgesetzt waren und wie sie sich dabei wohl gefühlt haben mögen ….

Das Leben meiner ostpreußischen Vorfahren in der Gegend von Landsberg, Pr. Eylau, wird ganz besonders stark beeinträchtigt von den Auswirkungen der Napoleonischen Kriege. Familien, die in und um Landsberg herum lebten, konnten sich den Kriegswirren gar nicht entziehen, da sich die Soldaten mehrfach in der Stadt aufhielten oder durch ihre Heimatorte zogen, an verschiedenen Stellen biwakierten und von den Anwohnern verpflegt werden mussten.

Als der nachfolgende Aufruf des preußischen Generals von Bülow im Dezember 1813 im ‚Amts-Blatt der Königlich Preußischen Regierung‚ veröffentlicht wird, ist die berühmte Schlacht bei Pr. Eylau bereits geschlagen – die kriegerischen Auseinandersetzungen dauern jedoch an und es werden nach wie vor junge Männer benötigt, die bereit sind, für König und Vaterland ‚ins Feld der Ehre‘ zu ziehen!

Kavallerieangriff zu Eilau, Gemälde von Jean-Antoine-Siméon Fort (1793–1861). Marschall Murat attackiert mit 10.700 Mann die russischen Linien (Wikipedia)

Im Jahr 1813 ist mein Vorfahre Ernst Wilhelm Gegner 31 Jahre alt und lebt als Leinewebermeister und Krüger in EichhornFriedrich Westphal (34) ist Müller in Eichen Carl Matern (ab 1818 in Hoofe) ist 31 Jahre alt. Sie werden sicherlich bereits gekämpft haben. Von Carl Matern weiß ich dies mit Sicherheit, da ihm 1864 für seinen Dienst am Vaterland‚ eine Erinnerungs-Kriegs-Denkmünze verliehen wird.

Aber wie mag Carl Sigismund Ankermann, der zu dieser Zeit als 14jähriger Jugendlicher im Kruge von Groß Peisten lebt, auf einen solchen Aufruf reagiert haben …?

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Koenigsberg_1813.jpg

Aufruf an die Jünglinge des Vaterlandes

Ein Jahr ist beinahe verflossen, seitdem unser geliebter Monarch die Jünglinge aus Seinen Staaten zur Rettung des Vaterlandes, zur Rettung unserer Freiheit und Selbständigkeit zu den Waffen rief. Mit hohem Muthe folgte die Blühte unserer jungen Männer der Stimme ihres Königs; – sie drängten sich zu seinen Fahnen, zu fechten für die gerechte heilige Sache; große Opfer wurden von allen Seiten ohne Unterschied des Standes und Geschlechts gebracht, und das Vaterland, Teutschland ist frei geworden. Aber noch ist der große Zweck unsres Kampfes nicht erreicht, noch verschmäht der stolze Unterdrücker den gerechten dargebotenen Frieden! Eher dürfen unsere Anstrengungen nicht aufhören, bis dieser erkämpft ist.

Von den edlen Jünglingen, die sich vor einem Jahre bei den freiwilligen Detachements sammelten, hat seitdem Mancher mit seinem Blute ehrenvoll die Siege erringen helfen, die unsern National- und Waffenruhm so hoch verherrlicht haben, viele sind mit Beförderung in die Armee versetzt. Diese schönen Institute, durch die höchsten Bürgertugenden, Vaterlandsliebe und Heldenmuth gebildet, bestimmt, die Pflnazschule für die Offiziere der Armee zu werden, müßten endlich aussterben, wenn sie keinen Zuwachs erhielten.

An Euch, Ihr Jünglinge meines Vaterlandes, wende ich mich daher, die Ihr früherhin vielleicht noch nicht das erforderliche Alter und die Kräfte hattet, um mit den Gefährten Eurer Jugend ins Felde der Ehre zu ziehen, oder die Ihr durch irgend eine andere Ursache damals von Eurem Vorsatz abgehalten wurdet. Kommt, eilt zu den Panieren Eures Königs und Vaterlandes; schließt Euch an Eure vaterländischen Regimenter an! Ehre, Ruhm und Beförderung warten Eurer. Mit Freundschaft werdet Ihr unter uns aufgenommen werden! Die respektiven Gouvernements und Eure Obrigkeiten werden Euch zu Eurer Reise alle mögliche Hülfe leisten.

Wer von Euch könnte taub bei der Stimme des Vaterlandes und der Ehre bleiben? Gewiß ist keiner unter Euch, der in Zukunft erröthend sagen müßte: ich allein, ich habe für König und Vaterland nicht gefochten, und ich allein habe an dessen Ruhm und Siegen keinen Theil. Er wäre nicht werth, ein Preuße zu heißen! Das Vaterland müßte ihn mit Unwillen ausstoßen, und den Namen Sohn verweigern.


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Die Suche nach Gertrudis Vogel im Kirchenbuch von Dollstädt

In der kleinen Kirche von Dollstädt im Kreis Pr. Eylau (heute Krasnonamenskoje) wurden eine Reihe meiner Vorfahren getauft, heirateten dort oder wurden auf dem zugehörigen Friedhof bestattet.

„Dollstädt war eines der wenigen adligen Dörfer (im Kreis Pr. Eylau), das in über 350 Jahren nur 2 Besitzerfamilien hatte“ berichtet Horst Schulz in seinem Buch ‚Die Städte u. Gemeinden des Kreises Pr. Eylau‘ auf Seite 179. Dies waren die Familie von Rippe und – von 1530 bis 1820 – die Familie von Podewils auf Penken.

Da Familienforschung üblicherweise so funktioniert, dass im Laufe der Zeit mehr und mehr Vorfahren hinzukommen, kann es geschehen, dass man bei seiner Recherche immer mal wieder dieselben Kirchenbücher durcharbeiten muss.

In den Kirchenbücher von Dollstädt landete ich häufiger, denn in ihnen sind nicht nur meine Ankermann-Vorfahren verzeichnet, die schon um 1640 im Dorf Seeben lebten, sondern auch die Taufe meines Vorfahren Johann Wilhelm Hellwich konnte ich dort im August des Jahres 1690 finden. Sein Vater Johann ist Schneider in Dollstädt – der Name seiner Mutter wird mit ‚Gertraud‚ angegeben. Bei der Taufe der Zwillinge Eva und Michael Hellwich im September 1697 wird jedoch nicht nur ihr Vorname, sondern auch ihr Familienname eingetragen – Getraude Vogel!

Ich war ziemlich sicher, dass sie eine Tochter des Dollstädter Schulzen George Vogel und dessen Ehefrau Barbara sein muss, denn im Kirchspiel lebt zu dieser Zeit nur eine einizige Vogel-Familie. Die Suche nach Getrauds Taufeintrag gestaltete sich allerdings schwierig! George und Barbara Vogel lassen von 1645-1666 insgesamt 10 Kinder taufen, aber ‚meine Getraud‘ war nicht dabei! Es gab jedoch eine ‚Tauf-Lücke‘ in der Zeit von 1656 bis 1661.

Beim erneuten Durchblättern – Seite für Seite von Beginn an – stellte ich ein ziemliches Chaos im Kirchenbuch fest: von 1638 bis zum Jahr 1676 ist zunächst alles in Ordnung – dann taucht pötzlich eine Seite mit Taufeinträgen aus dem Jahr 1656/57 auf – bevor es wieder weitergeht mit den Taufen des Jahres 1677 – und immer mal wieder wurden einzelne Seiten von Taufeinträgen eingeschoben, die eigentlich an eine ganz andere Stelle gehört hätten.

Letztlich fand ich den Taufeintrag meiner Vorfahrin Gertraud bzw. Gertrudis Vogel (*1659) doch noch – inmitten der Heiratseinträge der Jahre 1724 und 1725 und den einer Schwester namens Dorothea Vogel (*1657) inmitten der Taufeinträge des Jahres 1677,

Taufe von Gertrudis Vogel – 1659

Über das Chaos im Kirchenbuch von Dollstädt

Für diejenigen, die ebenfalls nach Vorfahren im Kirchspiel Dollstädt suchen, die dort in der Zeit von 1650 bis 1700 lebten, habe ich einige Hinweise zusammengestellt. Die angegebenen Bildnummern beziehen sich auf die Anzeige bei Ancestry.

Es geht um das älteste Kirchenbuch von Dollstädt, das die Taueinträge von 1638 bis 1728 und die Heiratseinträge von 1685 bis 1728 enthält. Zunächst stimmt die Reihenfolge – dann beginnt das Durcheinander!

  • Bild 14-199 – Taufen 1638 bis 1676
  • Bild 200 – Taufen 1656/57
  • Bild 201-204 – Taufen 1677
  • Bild 205 – Taufen 1657
  • Bild 209 plötzlich Taufen ab September 1686
  • dann wieder weiter mit 1678
  • Bild 212 Taufen von 1657
  • Bild 216 – eine Seite Taufen 1658
  • Bild 217 und 218 Heiraten 1685-1692

  • Bild 219 wieder eine Seite Taufen von 1658
  • dann weiter mit Heiraten 1692-1712
  • Bild 224 – 1 Seite Taufen von 1658 eingeschoben
  • Bild 229 – 1 Seite Taufen von 1659 eingeschoben – Taufe von Gertrudis !!!
  • dann wieder laufende Heiraten – bis 1725-1727
  • Bild 231 – Taufen von 1681
  • Bild 233 – 1 Seite Taufen von 1659

Weitere Beiträge zu Dollstädt:

Familie Hellwich in DollstädtDollstädt, Pr. Eylau – Краснознаменское

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Familie Reimer in Landsberg, Pr. Eylau

Über den Schlossermeister und Kaufmann Emil Gustav Reimer, der im Jahre 1871 im ostpreußischen Landsberg zur Welt kam, seine Heimatstadt weder während des Krieges noch nach dem Krieg verlassen wollte, sondern dort 1959 verstarb, habe ich bereits hier geschrieben. Auf dem folgenden Bild, das mir freundlicherweise von einem seiner Enkel zugesandt wurde, sieht man Emil Gustav Reimer mit seiner Familie: seiner Ehefrau Margarethe Johanna Bass – ebenfalls in Landsberg geboren als Tochter des Besitzers und Posthalters Carl Ferdinand Bass und dessen Frau Justine Jacobine geb. Mey – sowie den beiden Söhnen Herbert Emil Carl *1903, Walter Gustav *1906 und der kleinen Tochter Käthe Margarete Henriette Reimer *1911 in Landsberg.

Familie Reimer ist zu dieser Zeit schon seit mehreren Generationen in Landsberg ansässig – Emil Gustavs Urgroßvater Johann Gottfried Reimer wird bereits um 1790 als Kämmerer und Ratsverwandter der Stadt genannt. Sein Sohn Friedrich Gustav Reimer, der 1796 in Landsberg zur Welt kommt, wird zunächst Privatschreiber und anschließend Steueraufseher. Am 29.11.1824 heiratet er in Landsberg Charlotte Tugendreich Christange(r), eine Tochter des Landsberger Schlossermeisters Carl Friedrich Christange(r) und dessen Ehefrau Sophia Maria Moeck. Ihr 1832 geborener Sohn Emil Gustav Reimer wird ebenfalls Schlossermeister – seine spätere Ehefrau Heinriette Squarr stammt aus Roditten im Kirchspiel Klein Dexen. Diese beiden sind die Eltern des oben abgebildeten Schlossermeisters und Kaufmanns Emil Gustav Reimer.

Das folgende Foto entstand viele Jahre später – während des letzten Weihnachtsfestes, das die Familie im Jahre 1944 in ihrem Landsberger Haus gemeinsam feiern konnte.

hinten rechts auf dem Sofa Emil Gustav Reimer und seine Ehefrau – links neben ihnen: Käthe (s.o) mit Sohn Michael – auf dem Fußboden sitzend Käthes Bruder Herbert (s.o.), hinter ihm seine Ehefrau mit Tochter Renate
Das Reimer-Haus am Landsberger Marktplatz – auf diesem Bild ist es nicht mehr im Besitz der Familie, das kleine Haus daneben existiert heute nicht mehr

Und hier ein Blick in den ehemaligen Garten der Familie, den Emil Gustav Reimer auch in seinem Tagebuch erwähnt, das erst im vergangenen Jahr bei Bauarbeiten in der Stadt gefunden wurde,

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Ostpreußische Störche und Familie Steinort in Schönfließ

Die Einleitung dieses Beitrags mag zunächst erstaunen, aber wenn man etwas weiterliest, wird der Zusammenhang zu meinen genealogischen Forschungen deutlich!

Im Jahre 1773 erscheint das „Dreizehnte Stück“ der Reihe „Der Naturforscher„, in dem verschiedene gelehrte Menschen ihre Untersuchungen oder Beobachtungen beschreiben. So erzählt beipielsweise Herr Professor Sanders von einem Rhinocerus in Versailles – J.H. Chemnitz berichtet von der „Würklichkeit des Nordischen Kraken„, Herr Pastor Meineken von „Merkwürdige(n) Steinarten aus der Gegend bey Oberwiederstedt“ … Man findet aber auch einen Beitrag des Herrn Consitorialrath Bock aus Königsberg, in dem es um das Verhalten ostpreußischer Störche geht!

Herr Bock bezieht sich auf Beobachtungen des Priesters Wojciech Tylkowski, die dieser in seinem 1682 veröffentlichten Buch Physica curiosa beschrieb. Dabei handelt es sich um …

„eine sehr seltame und wunderbar scheinende Handlung: wie sie (die Störche) nemlich alle 4 Jahre, ehe sie mit Anfange des Herbstes aus dem Lande zogen, auf einer großen Wiese sich versammleten, die Reihen und Ordnungen stellten und einige aus ihren Mitten nicht anders als Könige und Richter aussonderten. Vor dieselbe (=von diesen) wurden einige nicht anders als Übelthäter aus ihrem Haufen geführet, und jenen vorgestellt, welche darauf nach einigem Verlauf der Zeit von anderen herzufliegenden Störchen, sowie von Nachrichtern und Henkern, mit dem Schnabel getödtet würden. Diese Arth von Gerichtstagen soll länger als einen Tag wehren, worauf sich die Störche, nicht anders, als wenn sich ihr Reichstag geendet, haufenweise davon machen“.

Und nun kommen meine Vorfahren ins Spiel, denn Herr Bock fährt fort: „Diese Nachricht scheinet zwar unglaublich; inzwischen versichern doch einige, daß sie auch diesen Reichstag der Störche und die Hinrichtung einiger Übelthäter angesehen; unter andern bezeuget ein verständiger, glaubwürdiger Mann, ein Schulze aus dem Dorfe Schönfließ, nahe bey Königsberg, Namens Steinort, ob(wohl) ihm gleich das, was Tylkowski geschrieben, völlig unbekannt war, daß er alles so, wie dieser es berichtet, mit seinen eigenen Augen einigemal angesehen, und die Wahrheit dessen allenfalls auch mit einem Eide bekräftigen könne“.

Diese Schulzen-Familie namens Steinort im Dorfe Schönfließ bei Königsberg gehört zu meinen Vorfahren und – wie man liest – hat es sie wirklich gegeben! Wenn ich einen derartigen Hinweis auf meine Ahnen entdecke, werden sie für mich sofort lebendig – sie waren in der Lage, auf den Feldern Störche zu beobachten und über ihre Beobachtungen zu sprechen – sie verwandeln sich in „echte Menschen“ und sind nicht mehr nur leblose Einträge aus Kirchenbüchern …

Schönfließ gehörte zum Kirchspiel Se(e)ligenfeld. Im Jahre 1652 wird die dortige Pfarrstelle übernommen von Pfarrer Erich Paysen (=Ericus Payses) aus Husum. Das erste Eheppar, das von ihm nach seinem Dienstantritt in Seligenfeld vermählt wird, sind meine Vorfahren Regina Steinort und Georg Derschau.

Am 25. Juli notiert der Pfarrer im Kirchenbuch: ‚1652 DN VI post. Trin. habe ich meine erste Trauung verrichtet und sind ehelich miteinander vertrawet worden Georg Derschaw Krüger von Ludwigswalde, u. J. Regina, Michell Steinorts, Schulzen von Schönfl(ieß) T(ochter)‘.

Michael Steinort (=Michel Steinorth) wird im Kirchenbuch von Seligenfeld erstmals im Jahre 1620 bei der Taufe seines Sohnes Andreas erwähnt – in diesem Jahr beginnen die Kirchenbücher dieses Kirchspiels. Es folgen seine Kinder Henrich *1623 – Peter *1626 und meine Vorfahrin Regina Steinort *1628.

Die Fotos der Kirche von Seligenfeld stammen von dieser Seite: http://www.tonbildfilmarchiv.de/seligenfeld/bilder.html

Der Kelch aus dem Jahr 1614 vom Meister Merten Gross mit der Randschrift: „AO 1614 Seligenfeld, Fridericus Sommer Pfar H.    Wilhelm v. Aweiden Kast. H.    CR. Petter.    A. L. Hintz.    Nic Steinort.    H. Klein. Kirchenväter“

In der Zeit von 1620 bis 1630 wohnen im Kirchspiel Seligenfeld außer Michael noch weitere erwachsene Steinort-Personen, die in einer Reihe von Taufeinträgen als Paten genannt werden: Andreas – Hans – Helena – Lorenz (auch Laurenz oder Laurentius).

Nach Michael Steinort wird das Schulzenamt in Schönfließ übernommen von dessen Sohn Peter, der im März 1626 zur Welt kommt. Er wiederum übergibt das Amt an seinen 1658 geborenen Sohn Michael Steinort.

Dieser Michael Steinort verlässt sein Heimatdorf – 1689 heiratet er in der Haberberger Kirche zu Königsberg in zweiter Ehe Maria Lemcke, eine Tochter des Köllmers Christoph Lemcke aus Ponarth. Von nun an – bis ins 20. Jahhundert hinein – leben in Ponarth noch Nachkommen der Familie. Auch das dortige Schulzenamt wird über lange Zeit von der Familie Steinort ausgeübt.

Das Schulzenamt in Schönfließ hat Michael Bruder Lorenz Steinort (*1677) inne, der in erster Ehe mit Elisabeth Korsch, einer Tochter des Köllmers Michael Korsch aus Ponarth verheiratet ist. Seine zweite Ehefrau – Maria Kempff – ist eine Tochter des Domnauer Gerichtsverwandten Michael Kempff. Sowohl im Dorf Schönfließ als auch im Kirchort Seligenfeld wird das Amt über mehrere Generationen innerhalb der Familie Steinort weitergegeben.

  • in Schönfließ zunächst an Christoph Steinort (* 1711 – Sohn von Lorenz und Maria Kempff) – verheiratet mit Anna Maria Belgard, einer Tochter des Arrendators Jacob Belgard in Rathshof bei Königsberg
  • in Seligenfeld an dessen Bruder Johann(es) (* 1709 – Sohn von Lorenz und Maria Kempff) – verheiratet mit 1. Elisabeth Liedtke (Lütke), einer Tochter von Johann L., Köllmischen Freien u. Gastgebers im Kruge zu Schönfließ – 2. mit Dorothea Strantz, Tochter des Krügers Johann St. aus Haffstom)
  • Bruder Lorenz Steinort (*1718 in Schönfließ) heiratet 1743 in Quednau Barbara Elisabeth Lengni(c)k, eine Tochter des dortigen Freicöllmers Christoph Lengni(c)k
  • und Christian Steinort (*1723 – der jüngste Sohn von Lorenz und Maria Kempff) heiratet 1745 Anna Maria Lengni(c)k, eine Schwester der obigen Barbara Elisabeth
  • auch Lorenz und Christian üben zeitweise das Schulzenamt in Schönfließ aus – vermutlich nach dem Tod eines ihrer Brüder. Da die Sterbeeinträge des Kirchspiels Seligenfeld nicht mehr vorhanden sind, lässt sich dies nicht mehr genau feststellen.

Nachkommen der aus Schönfließ stammenden Steinort-Familie findet man später u.a. auch als Bürger und/oder Branntweinbrenner in Königsberg

Noch 1919 soll es auf dem Haberberger Friedhof südlich der Kirche im Rasen einen großen, schön verzierten Stein gegeben haben – das Erbbegräbnis für Lorentz Steinort (1734-1792) und seine Familie – seine 1. Ehefrau Maria Elisabeth Lubbe (1737-1781) sowie seine 2. Ehefrau Marie Elisabeth Matz (1738-1791) – Quelle: Kartei Quassowski

Dieser Lorenz wurde in Seligenfeld als Sohn des o.a. Ehepaars Johann Steinort und Elisabeth Liedtke (Lütke) geboren. Auch in einem früheren Beitrag wird er bereits erwähnt! Als Kirchenvorsteher, Branntweinbrenner und Eigentümer auf dem Unterhaberberg verstirbt er am 30. Dezember 1792 im Alter von 60 Jahren an Entkräftung.

sein Sterbeeintrag im KB Haberberg
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Margarethe von Batocki (1872-1909)

Margarethe von Batocki wird am 10.3.1872 in Ratshof bei Königsberg als Tochter des Gutsherrn von Tharau Rudolf Tortilovitz von Batocki und seiner Ehefrau Paula, geb. von Gramatzki, geboren.

Sie wächst auf dem elterlichen Gutshof in Tharau im Kreis Pr. Eylau auf. „Im Gegensatz zu ihrer kleinen, dunklen, sehr temperamentvollen Schwester Erminia war Margarethe ein ruhiges, artiges Mädchen, lang aufgeschossen und blond. Sie spielte wenig, arbeitete als Kind schon sehr fleißig und eigen an umfangreichen Kreuz- und Lochstickereien, lernte bei Gouvernanten, nahm Zeichen- und Malunterricht, brachte jungen Dorfmädchen das Nähen und Sticken bei, erfüllte einige häusliche wie gesellige Pflichten, besuchte jeden Winter ein Paar Bälle und Opern in Königsberg. Weil sie von Jugend an kränkelte, konnte sie an Heiraten nicht denken!“ berichtet ihre Nichte Hedwig von Lölhöffel.

(Wikipedia: Hedwig von Lölhöffel (1913–1986) war die Tochter von Erminia von Olfers-Batocki und letzte Besitzerin des Gutes Tharau. Sie schrieb u. a. Tharau liegt woanders. Ein Lied, ein Dorf und seine Menschen (Düsseldorf 1987). 1973 erhielt sie den Kulturpreis der Landsmannschaft Ostpreußen für Literatur).

Schwester Erminia wird eine bekannte Schriftstellerein – Margarethes Hobby ist das Fotografieren! „Sie richtete im früheren Ordensschloß, dem Tharauer Gutsspeicher, eine Dunkelkammer ein, entwickelte alle ihre Bilder selbst und machte zahllose rotbraun getönte Abzüge als Geschenke für Verwandte und Tharauer. Der täglich stundenlange Aufenthalt in der lichtlosen Kammer, das dauernde Einatmen der Essenzen förderten nur noch ihr Knochenleiden, an dem sie siebenunddreißigjährig starb“. (Hedwig von Lölhöffel)

Zusammen mit seiner Tharauer Dorfchronik konnte der Tharauer Pfarrer Boldt etwa 60 Fotos von Margarethe von Batocki in den Westen retten. Im Bildarchiv Ostpreußen werden zahlreiche Tharauer Bilder gezeigt, die um 1900 „von unbekannten Verfassern“ aufgenommen wurden.

Ich kann mir vorstellen, dass die nachfolgenden Fotos – aus dem Bestand des Bildarchivs – von Margarethe von Batocki stammen, denn laut Hedwig von Lölhöffel versuchte sie „im Bild festzuhalten, was werktags und feiertags auf dem Gut geschah: die Frau Kämer klingelt an der aufgehängten Pflugschar zur Mittagspause (Bild 4) – Frau Venohr schöpft Wasser aus dem Ziehbrunnen – Schäfer Thurau zeigt seine jüngsten Zwillingslämmer (Bild 2)“. Bild 1: Landarbeiter – Bild 3: Kutscher Riegel und Frau – Bild 5: Bauer Radau mit 2 Handwerkern beim Brunnenbau – Bild 6: Auf dem Feld beim Kartoffellesen – Bild 7: Arbeiterfrauen warten auf den Lohn – Bild 8: Hirt Gottfried Marx (1839-1917) und sein Hund.

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Bitte, liebe Hobby-Genealogen, arbeitet sorgfältig!

Vor 5 Jahren habe ich diesen Beitrag geschrieben und veröffentlicht:

Heute möchte ich das damals Geschriebene noch ein wenig ergänzen!

Das große Interesse vieler Personen an einem Stammbaum hat nicht nachgelassen – im Gegenteil, es scheint weiterhin zuzunehmen. Nach und nach entstanden diverse FacebookGruppen mit regionalem Bezug, in denen sich ‚Ahnen-Sammler‚ anmelden, um Informationen über ihre Vorfahren zu erhalten oder um Hilfe bei der Entzifferung von Einträgen aus Kirchenbüchern zu bitten.

Das ist ja grundsätzlich zu begrüßen! Aber leider folgen die Anfragen in den Forscher-Gruppen häufig diesem Schema: „Ich suche den Bruder meines Urgroßvaters in Ostpreußen. Er hieß Gottfried!“ oder: „Meine Oma Elisabeth Scheffler hat in Königsberg gelebt – vielleicht kennst sie jemand?

Bei Bitten um Lesehilfe erlebt man oftmals, dass die Anfragenden überhaupt keinen Versuch unternommen haben, die Einträge auch nur ansatzweise selbst zu entziffern, obwohl auch für Ungeübte im Internet mittlerweile diverse Übungsmöglichkeiten angeboten werden.

Auf den Ahnenforscher-Plattformen – zum Beispiel bei Ancestry – entdecke ich Stammbäume, in denen die Kinder älter sind als die Mutter und der Altersunterschied zwischen dem Vater und der dazugehörigen Ehefrau mehr als 100 Jahre beträgt!

Ich finde Informationen über meine eigenen Vorfahren, die kopiert und dann falschen Regionen zugeordnet wurden: So hat sich Maria Dorothea Ankermann aus Ponarth, die eigentlich in Königsberg geheiratet hat, nun nicht in Ostpreußen, sondern ganz in meiner Nähe, in Osteressen, Cloppenburg vermählt und ist auf Jamaica verstorben!

In einigen Stammbäumen lebt mein Ur-Urgroßvater 1885 in England statt in Ostpreußen.

Ahnenforschung ist ein tolles Hobby! Ich bin davon begeistert und ich habe viel gelernt. Ahnenforschung macht Spaß und erfordert manchmal kriminalistischen Spürsinn. Wie bei einem Puzzle fügt man viele einzelne Teile zu einem Ganzen – dem Stammbaum – zusammen.

Aber: im Gegensatz zu der Arbeit an einem Puzzle mit vorgefertigten Teilen aus Holz oder Pappe muss man bei einem Ahnenforscher-Puzzle aufpassen! Bei Puzzlen mit Holz- oder Pappteilen schafft man es eventuell auch mit Gewalt, die Einzelteile miteinander zu verbinden. Das probierte mein Sohn als Kleinkind und er merkte schnell, ob die Teile passten oder nicht!

Bei der ‚Ahnenforscher-Puzzelei‚ klappt das so nicht! Wenn man nicht genau recherchiert, prüft und überlegt, erstellt man nicht nur einen eigenen fehlerhaften Stammbaum aus lauter Personen, mit denen man gar nicht verwandt ist, sondern trägt auch dazu bei, dass mehr und mehr dieser fehlerhaften Stammbäume durch die Welt schwirren.

Deshalb meine Bitte:

Liebe Hobby-Genealogen, arbeitet sorgfältig!

Bitte lernt lesen und übt!

Ich selbst helfe gern, wenn sich jemand selbst bemüht hat und dennoch Hilfe benötigt – und ich kenne viele andere Ahnenforscher, die das auch gern tun!

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Entgleisung der Kleinbahn vor Tharau, Pr. Eylau – 1908

Im Jahre 1968 erscheint im Ostpreußenblatt der nachfolgende Bericht über die Entgleisung der Kleinbahn zwischen dem Dorf Tharau und der Stadt Kreuzburg im Kreis Preußisch Eylau:

„Seit dem 23. September 1866 war Königsberg mit Bartenstein durch die Eisenbahn verbunden und seit dem 16. Juli 1908 verkehrte die Kleinbahn zwischen Tharau und Kreuzburg. Der ‚Wagen ihne Pferde‚ hatte auch das flache Land erobert, hatte Dörfer und abgelegene Orte erreichbar gemacht. … Die Dörfer an der Strecke hatten wohl leichteren Zugang zu den Städten erhalten, aber ihre beschauliche Ruhe war dahin. Fünfmal ratterte und pustete das Bähnchen am Tage hin und zurück. Ein neues Zeitalter hatte begonnen. Dass das Automobil so sehr bald die Straßen Ostpreußens erobern würde, ahnte man damals nocht nicht.“

„Es war … an einem hellen Oktobertag von 1908“ schreibt der Verfasser des Berichts. „Auf der neuen Kleinbahnstrcke von Tharau nach Kreuzburg sprang die Lokomotive aus den Schienen, dicht vor der Station Tharau-Dorf. Ein Arbeitertrupp kam herbei, ergriff Bohlen und eiserne Stangen und wuchtete mit Hau-Ruck die Maschine dahin zurück, wo sie hingehörte. Die Reisenden, vornehmlich junge Damen mit langen weißen Kleidern, Gürteltaillen und großen Hüten … standen dabei und schauten zu. Noch lange mag dieses Ereignis den Gesprächsstoff in der nahen und weiteren Umgebung abgegeben haben. Der Fortschritt hatte auch damals seine Tücken.

Die beiden Bilder dieses kleinen Unfalls sind eine fotografische Seltenheit. Man muss sie mit Ruhe betrachten, alle ihre Einzelheiten. Dann steigt eine Zeit herauf, wie sie unsere Großmütter und Großväter … erlebten.“

Wer mögen diese elegant gekleideten Damen gewesen sein …? Sicherlich waren nur Frauen einer bestimmten Schicht der Bevölkerung des Kreises Preußisch Eylau mit langen weißen Kleidern und großen Hüten ausgestattet. Vielleicht handelte es sich um einige Ehefrauen Kreuzburger Kaufleute, die sich auf einem Ausflug nach Tharau befanden? Und wer mag wohl dem Trupp der emsigen Arbeiter angehört haben, die herbeieilten, um die Lokomotive wieder zum Fahren zu bringen …?

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Der Grabstein des Stadtförsters Richard Scheffler

Im Südosten des Kreises Pr. Elyau – zwischen Beisleiden und Marguhnen – lag als Enklave im Kreisgebiet der Stadtforst Bartenstein von etwa 320 ha Größe. Er gehörte der Stadt Bartenstein. … Der Besitz stammte noch aus der Zeit als die ganze Gegend zum Amt Bartenstein gehörte. (Horst Schulz, Die Städte und Gemeinden des Kreises Pr. Eylau; Seite 480).

Da es noch einen weiteren Bartensteiner Stadtwald in der Nähe der Stadt gab, wurde dieser Wald auch „Bürgerheide“ genannt.

Die jeweilgen Stadtförster wohnten mit ihren Familien im Forst- bzw. Waldhaus Klein Wolla – später Kleinwallhof genannt

Die riesigen Wälder existieren noch und werden von Pilzsammlern wie Stefan Fiedorowicz gern besucht. Vor langer Zeit stieß er bei einem seiner Ausflüge auf einen Stein mit einer unleserlichen Inschrift. Viele Jahre später erinnert er sich an diesen Fund und macht sich mit – mit einer harten Bürste und Kreide im Gepäck – auf den Weg …

Der Stein entpuppt sich als Grabstein des ehemaligen Stadtförsters

August Richard Scheffler.

Fotos von Stefan Fiedorowicz

In der Hoffnung, vielleicht noch Nachfahren von Richard Scheffler zu finden, denen der Fundort seiner Grabstelle nun mitgeteillt werden könnte, habe ich mich auf Spurensuche begeben …

August Richard Scheffler wird am 14.2.1865 in Blumstein – im Kirchspiel Guttenfeld, Kreis Pr. Eylau – geboren. Seine Eltern sind der dortige Besitzer Wilhelm Scheffler und seine Ehefrau Wilhelmine Romahn. Mit seiner Ehefrau Louise Margarethe Weidlich bekommt Richard Scheffler 7 Kinder, die im Forsthaus Klein Wolla zur Welt kommen:

  • Erich Arthur Wilhelm Scheffler am 5.11.1894
  • Willy Richard Julius Scheffler am 22. Oktober 1895 +2.11.1895
  • Curt Alfred Hermann Scheffler am 30. Januar 1897. 1922 wird er als ‚Hilfsförster in Groß Baum im Kreis Labiau‘ bei der Trauung seiner Schwester in Borken genannt.
  • Alice Ilse Erika Scheffler, geb. am 29. November 1898. Sie heiratet am 2.6.1922 in Borken den Bauingenieur und späteren Major Hans Rudolph Boltz aus Fischhausen. Sie stirbt am 19.12.1935 im St. Elisabeth Krankenhaus Königsberg.
  • Bruno Wilhelm Julius Scheffler, geb. am 22.5.1901 – mit identischem Geburtsdatum (lt. Angabe – ohne Nachweis – jedoch in Gumbinnen geboren) verstirbt 1945 in Berlin der Händler Wilhelm Scheffler, zuletzt wohnhaft in Iserlohn, verheiratet gewesen mit ‚Rickarda Sophie Elly Lübbert‘.
  • Magda Ottilie Luise Scheffler, geb. am 21. Juni 1903 + 26 Sep 1903 und
  • Erika Emilie Anna Scheffler, geb. am 23 März 1907

Louise Margarethe Scheffler, geborene Weidlich muss zwischen 1907 und 1911 verstorben sein, denn am 10. April 1911 heiratet Richard Scheffler in Borken die 35jährige Auguste Amalie Runds. Sie stammt aus Jodeglienen (später Moosheim) und hat vor der Eheschließung bereits 2 Töchter zur Welt gebracht – die erste Tochter 1901 in Königsberg. Die 2. Tochter, die 1902 in Berlin geboren wird, wird 1906 von dem Ehepaar Ernst Louis Krieg und desses Ehefrau Antonie Knaak, die zu dieser Zeit im ostpreußischen Landsberg leben, an Kindes statt angenommen (dieser Hinweis ist in der Geburtsurkunde der Tochter zu finden). Das Ehepaar Krieg wohnt später in Mönchengladbach.

Zwei jüngere Brüder der zweiten Ehefrau von Richard Scheffler – Carl und Otto Runds – leben später in Namibia, in Swakopmund und Lüderitz.

In Blumstein – dem Geburtsort Richard Schefflers – werden 1945 noch Hugo, Max und Karl Scheffler genannt. Max Scheffler verstirbt 1983 in Sehnde. Er könnte ein Neffe des Försters Richard Scheffler gewesen sein!

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Emil Gustav Reimer (1871-1959)

Er wollte seine Heimatstadt Landsberg im Kreis Pr. Eylau auf keinen Fall verlassen – weder bei Kriegsbeginn, noch nach Beendigung des Krieges ….

Emil Gustav Reimer kommt am 24.11.1871 in Landsberg als Sohn des gleichnamigen Schlossermeisters und dessen Ehefrau Heinriette Squarr zur Welt. Wie vor ihm schon sein Vater, so wird auch Emil Reimer Schlossermeister. Im Alter von 30 Jahren heiratet er am 6. Oktober 1902 in Landsberg die ebenfalls dort geborene Margarethe Johanna Bass und gründet eine Familie. Emil ist jedoch nicht nur Schlossermeister, sondern auch ein angesehener Kaufmann.

Das ehemalige Reimer-Haus heute

Er besitzt ein Haus am Marktplatz ‚das schönste Haus der ganzen Stadt‘ – gebaut 1911 von dem Baumeister Paul Strehl.

Im oberen Teil dieses Hauses wohnt die Familie – Teile des Hauses sind vermietet. Unten befinden sich Emil Reimers Geschäft für Eisenkurzwaren, sein Sohn Walter – geboren 1906 – verkauft Fahrräder, Motorräder und Nähmaschinen. Im linken unteren Teil befindet sich eine Filiale von Kaiser’s Kaffee Geschäft.

Als der 2. Weltkrieg ausbricht und die Stadt von russischen Soldaten besetzt wird, ist Emil Reimer über 70 Jahre alt. Seine Kinder verlassen ihre ostpreußische Heimat, aber Emil und seine Frau entschließen sich, zu bleiben. Im vergangenen Jahr wurde in seiner ehemaligen Heimatstadt – heute Górowo Iławeckie – bei Bauarbeiten Emil Reimers Tagebuch gefunden – in einem Glas aufbewahrt und in der Erde vergraben. Emil Reimer hat darin genauestens notiert, wie es ihm während der Jahre nach Beendigung des Krieges in Landsberg ergangen ist.

Beim Lesen seiner Aufzeichnungen habe ich den Eindruck, dass das Schreiben dieses Tagebuchs ihm sehr geholfen haben muss, die schwere Zeit zu überstehen. Er beschreibt, wie er immer wieder versucht, sich gegen Drangsalierungen und Übergriffe zu wehren. Formulierungen wie: „wollte mich beschweren … habe mich geweigert … brachte mein Anliegen vor … habe Anzeige beim Bürgermeister gemacht …. lehnte die Unterschrift ab und ging fort … habe es gemeldet, aber erfolglos“ verdeutlichen, dass Emil Gustav Reimer trotz aller Widrigkeiten zu keiner Zeit resigniert.

Einige Auszüge aus seinem Tagebuch:

„Mitte Januar (1945) wurde (ich) durch Stadtwachtmeister Westphal ( = Otto Paul Westphal *1894 in Spittehnen) aufgefordert, den Laden zu räumen zu einem öffentlichen Aufenthaltsraum für Flüchtlinge, auch musste der Luftschutzkeller als öffentlicher frei gegeben werden. Die Waren mussten aus dem Laden alle in den Keller bringen und wurden in 5 Räumen vermauert und war dies nicht zu erkennen. Der Laden war dauernd von Flüchtlingen belegt, der Luftschutzkeller ebenfalls mit weit über 100 Personen.

Am 2. Februar 1945 kamen die Russen, obgleich immer noch amtlich verkündet wurde(,) dass keine Gefahr vorhanden und besetzten Landsberg, wir mussten aus der Wohnung nach dem Luftschutzkeller. Unter auf die Brust gesetzter Pistole mussten wir alles herausgeben.

In unserem Zimmer hinter dem Laden hatten wir einen verwundeten Flüchtling und Frau Meyrahn von hier(,) die schwer krank war(,) untergebracht, die am 7. Februar Nachts starb. Am 8. Februar mussten wir aus dem Hause und durften nichts mitnehmen. In der Nacht waren die Gebäude in der Töpferstraße hinter unserm Wohnhause von den Russen abgebrannt, ebenso die Häuser von Woyahn, Schmidt, Vanhöfen, Petruschka, Wormitt, Deutsches Haus, Post, O. Kirstein und andere, auch mein Haus fing bereits an am Dach zu brennen, konnte es aber mit Hilfe von Fr. Dr. Meyerfeld noch vom Dach aus löschen, wobei wir vom Rathausturm mit Maschinengewehre beschossen wurden.

Die Straßen waren voller Autos mit Offizieren mit Frauen und Militär. Mit Hilfe eines Russen wurden wir aus der Stadt gebracht, gingen über Gr. Peisten bis Borken, wo wir nach einigen Tagen weiter gingen nach Pilven und andere Güter bei Bartenstein, überall musste bei den Russen gearbeitet werden, auch mussten wir Vieh treiben. …..

Die Russen fuhren viele Waren und Möbel mit Lastautos und Fuhrwerken fort. Die Bahnverbindung nach Zinten und Heilsberg war zerstört, die Schienen zum Teil fortgefahren. Dann wurde Landsberg von den Polen besetzt. Unser Laden war Autogarage geworden, die Ladeneinrichtung wurde zerschlagen und verbrannt. Der kleine Laden wurde später Lebensmittelgeschäft. Das ganze Haus wurde vom Landratsamt für Büroräume beschlagnahmt. Das Haus war in bestem Zustand und wurde jetzt alles vernichtet. Wir durften das Haus nicht betreten. …

Im Sommer 1947 musste (ich) auf Anordnung des Landrats … sämtliche Firmenschilderrahmen und die Schaufenstermarquisengestelle mit Federzug am Haus abnehmen und fortbringen. Anfang Mai 1948 Treppenverschlag im Flur aufgebrochen und ausgeraubt. Das große eiserne Fenster im Lagerraum neben der Werkstatt ausgebrochen, die Lagergestelle in demselben Raum abgebrochen und verbrannt. März 1947 wurde vom hinteren Balkon der zweiten Etage unser Nußbaumtisch(,) als ich die hintere Straße ging(,) herunter geworfen und war in Stücke(,) die ich in Verwahrung nahm. Unser Nußbaum Buffet(,) das noch oben in einem hinteren Zimmer stand(,) ist klein geschlagen worden und verbrannt, weil das Landratsamt kein Holz hatte.

(Im) Sommer 1947 hatte der Rektor der Stadtschule … meinen am Schulhof liegenden Garten für sich als Gemüsegarten genommen und bepflanzt, ich forderte von ihm dafür Pacht, was er ablehnte, auch auf Anzeige bei der Schulinspektion erreichte (ich) nichts, als der Garten abgeerntet(,) wurde er zum Schulhof genommen und die Umzäunung abgebrochen.

Vom Polizisten … wurde ich nach der Schmidtschen Brandstelle nach dem Markt geholt, wo eine tiefe Grube gegraben und mir in Gegenwart von noch 3 Polizisten angedroht wurde, wenn ich nicht weitere Angaben über versteckte Waren machen würde(,) sollte (ich) in das Loch gestellt werden und dann zugeschüttet werden, hatten aber keinen Erfolg damit.

Am Ende der Notizen sind Auflistungen zu finden, die Emil Reimer über die ihm entwendeten Besitztümer angefertigt hat – zum Beispiel:

Inhalt der Wandtresors
• 2 Geschäftskontobücher über Forderungen
• 1 „ über Einkauf
• 1 Contobuch über Verkauf auf Abzahlung
• 1 Buch über Einzahlungen bei der Landesbank Löbn. Langgasse an der Brücke oben die Stadtschaft
• Ein Bankkonto derselben Bank mit Eintragung der Zinsen der Stadtschaft
Hinterlegungsschein über 50.000 RM Pfandbriefe, diese sind der Landesbank
im Tresor zur Aufbewahrung übergeben mit Vollmacht für Walter Reimer

• 3 Dollarnoten á 5 Dollar
• 2 Dollarnoten á 2 Dollar
• 1 Beutel mit Inhalt
• 1 14 karat goldene Panzer ..kette
• 1 Paar goldene Manschettenknöpfe
• 1 Krawattennadel Gold mit Brilliant
• Silbergeld, seltene wertvolle Stücke – Nennwert M 420
• 5 Rasierapparate
• 250 Rasierklingen

Adolf Hubert Osthaus, der 12 Jahre lang (von 1945 bis 1957) als Lehrer im Kreis Pr. Eylau – von 1945 bis 1951 als ‚polnischer Hauptlehrer‘ in Topprienen und anschließend in Landsberg – unterrichtete, lernt in Landsberg auch Emil Reimer kennen und berichtet 1957:

Heute haust er in einem kleinen dunklen Stübchen, in das kein Sonnenschein dringt, zwischen rohen Wänden, von denen der Putz abgeblättert ist und die von Feuchtigkeit durchtränkt sind. Aus den Fenstern dieser finsteren Wohnun sieht er auf sein ehemaliges Eigentum, das früher einmal das schönste Haus der ganzen Stadt gewesen ist. Heute ist darin das polnische Landratsamt untergebracht. Er ist schon über 85 Jahre alt. … Er lebt davon, dass er die alten deutschen Nähmaschinen, die jetzt im Besitz der Polen und Ukrainer sind, repariert. Kleine Ersatzteile und Nadeln bekommt er in den Paketen seiner Kinder aus Westdeutschland. So kann er notdürftig sein Leben fristen. Seine Mahlzeiten kocht er sich selbst. Er wäscht seine Wäsche und holt in den Geschäften ein. Er fällt auch heute noch in seinem Alter durch sein gepflegtes Aussehen und seine Sauberkeit in der verwahrlosten Umgebung auf.

Dieser alte Landmann spricht kein Wort Polnisch. Die Kirche, in deren zerstörtem Schiff er früher seine Familienbank hatte – er war Kirchenältester – besucht er nicht mehr, weil er den polnischen Gottesdienst nicht versteht. Dafür pflegt er mit rührender Hingabe das Grab seiner verstorbenen Frau Margarethe Johanna Reimer, geb. Bass verstirbt kurz vor ihrem 80. Geburtstag im Januar 1956und richtet die anderen deutschen Gräber wieder her, die von den Kindern beim Spielen beschädigt werden. Er ist jeden Tag auf dem alten deutschen Friedhof zu finden.

Ich bin oft und gern bei diesem Landmann in seiner finsteren Behausung zu Gast gewesen. Er lebt ganz in seinen Erinnerungen, kennt jeden Namen, weiß um jedes Schicksal…. Ich habe ihn oft gefragt, warum er den dringenden Bitten seiner Verwandten nicht nachkäme, da er doch in Westdeutschland seinen Lebensabend in Ruhe und in geordneten Verhältnissen beschließen könne. Er antwortete mir: „Wer soll denn die Gräber pflegen? Hier ist mein Zuhause und hier will ich auch sterben. Hier gehöre ich hin! Ich kenne jeden Stein in dieser Stadt und ich rede mit den Steinen, denn die Menschen verstehen mich nicht.“ (Quelle: Das Ostpreußenblatt vom 12.10.1957)

Emil Gustav Reimer wird fast 88 Jahre alt und stirbt am 2. Juli des Jahres 1959 in seiner Geburtsstadt.


Ein weiterer Bericht des Lehrers Adolf Hubert Osthaus:

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